„Wir haben Kriegsgerät friedlich eingesetzt“

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Konstantin Wecker und Christian Springer erzählen, wie sie in einem libanesischen Flüchtlingscamp eine Gulaschkanone in Betrieb nahmen. (Quelle: Münchner Merkur, 5.8.2017 – mit freundlicher Genehmigung, Abdruckrechte beim Münchner Merkur; Spendenkonto unterhalb des Interviews)

Bis zu drei Mal im Monat fliegt der Kabarettist Christian Springer (52) in den Libanon. Er und sein Verein Orienthelfer lindern seit Jahren die Not syrischer Kriegsopfer. Bei seinem jüngsten Besuch nahm er einen langjährigen Weggefährten mit – den Münchner Liedermacher Konstantin Wecker (70) samt Frau und Sohn. Viereinhalb Tage verbrachten sie gemeinsam im libanesischen Flüchtlingscamp in Anfeh am Mittelmeer. Wir sprachen mit Springer und Wecker über ihre Eindrücke – und über die neue Gulaschkanone im Camp.

– Herr Wecker, welcher Moment hat sich während Ihrer Libanon-Reise mit Ihrem Freund Christian Springer besonders eingebrannt?

Konstantin Wecker: Es war kein einzelner Moment. Ich war fasziniert von der Offenherzigkeit der Menschen. Ich meine, sie erleben unendliches Leid, sind Vertriebene aus ihrer Heimat. Und trotzdem teilen sie mit dir alles, was sie haben! – Sie sind schon viel gereist.

Woran hat Sie die Offenherzigkeit erinnert?

Wecker: An den Irak, Bagdad, wo ich 2003 kurz vor dem Krieg gewesen bin und ein Konzert gab. Das war ebenfalls beeindruckend. Diese Freundlichkeit! Ich dachte mir mal wieder: Der Großteil der Menschen will einfach Frieden.

Christian Springer: Ich war schon so oft vor Ort, dass mein Pass vollgestempelt ist. Ich kann Konstantin nur zustimmen. Wenn man eine der Familien besucht, bekommt man mindestens ein Glas Tee, egal woher das aufgetrieben wird. Obwohl die Menschen fast alles in ihrem Leben verloren haben. Ich denke, das ist die Sehnsucht nach einem Stück Alltag und Normalität.

– Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es im Libanon riesige Flüchtlingscamps?

Springer: Nein, das riesengroße Flüchtlingscamp existiert nicht. Es gibt dort knapp 2000 kleine Camps. Und wir leisten in einigen Lagern Hilfe und erreichen tausende Menschen.

– War es schwierig, Herrn Wecker davon zu überzeugen, zu den Camps mitzufahren?

Springer: Nein. Sein „ja“ kam wie aus der Pistole geschossen. Es gibt kein Gerät auf der Welt, das seine Reaktionszeit hätte messen können.

– Wie haben Sie im Libanon genau geholfen?

Wecker: Christian hatte einen perfekten Plan. Erst einmal haben wir Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen getroffen, die vor Ort aktiv sind. Mit ihnen verfolgen wir jetzt einen langfristigen Plan: Wir wollen einen Müllwagen organisieren. Die Müllsituation dort ist ein akutes Problem. Das Müllauto kostet etwa 25 000 Euro. Dafür werde ich Werbung machen. Danach waren wir bei der Einweihung der Feldküche, die übrigens Freisinger Schüler bemalt haben. Wir haben auch ein paar Teddybären für die Kinder verteilt und mit Familien gesprochen. Danach haben wir uns die Gegend angeschaut. Und schon waren die viereinhalb Tage wieder vorbei. Sehr dicht, sehr kurzweilig.

– Was hat Sie am meisten schockiert?

Wecker: Dass Flüchtlinge, die alles verloren haben, mitten auf einem Acker im Niemandsland hoch verschuldet sind und auch noch umgerechnet 160 Euro Miete zahlen müssen, in einem schäbigen Zelt. Die Familien sind teilweise verzweifelt. Skrupellose Geschäftemacher machen ihre Runden.

Springer: Dass sich Konstantin so aufgeregt hat, hat mir wieder einmal die Augen geöffnet. Ich hatte mich ja schon an die Situation gewöhnt. Aber die Leute müssen wirklich für aufgeblasene Plastiktüten zahlen. Und das nennen sie dann Zelt. Die Flüchtlinge werden absolut ausgebeutet. 90 Prozent von ihnen sind verschuldet. Allein mit der Zeltmiete wird im Libanon mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar pro Jahr verdient. Flüchtlinge werden als Gelddruckmaschinen gesehen.

Ist der libanesische Staat überfordert?

Springer: Definitiv. Deutschland ist zwar einer der wichtigsten Geldgeber des Libanon, aber es ist immer noch zu wenig. Wir müssen endlich verstehen, dass jeder Euro, der vor Ort investiert wird, uns deutlich billiger kommt, als die Flüchtlingskrise in Europa zu finanzieren.

Wecker: Trotzdem sollte man vor Augen haben, dass der Libanon etwa fünf Millionen Einwohner hat. Und bei einer Million Flüchtlingen haben sie aufgehört zu zählen, soweit ich das verstanden habe. Was würde Frau Storch von der AfD machen, wenn die Situation in Deutschland so wäre?

– Was haben Ihnen die Familien in den Camps erzählt?

Springer: Dass sie sich vergessen fühlen.

Wecker: Sie haben trotz allem ein großes Herz. Dieses Elend! Und trotzdem jammert kaum einer. Ich denke mir noch stärker: Was haben wir für ein unsägliches Glück, hier in Deutschland zu leben! Und dieses Glück birgt eine große Verpflichtung. Ich möchte aufrufen, darüber nachzudenken, dass wir etwas von unserem Wohlstand abgeben können und sollen.

– Wo genau haben Sie eigentlich die mitgebrachte „Gulaschkanone“ aufgestellt?

Springer: In Anfeh, am Meer. Sie steht zwischen drei kleinen Camps.

Wecker: Die Menschen rund um diese Feldküche haben zum ersten Mal seit zwei Jahren warmes Essen bekommen.

– Wer hat sie gespendet?

Springer: Die Bundeswehr hat sie uns zur Verfügung gestellt. Sie ist ja im eigentlichen Sinne ein Kriegsgerät. Im Libanon wird der biblische Spruch wahr: Schwerter zu Pflugscharen. Die Gulaschkanone der Armee versorgt sechs Tage die Woche zwei Mal täglich die Bewohner der Camps.

Wecker: So sehe ich das auch. Wir haben Kriegsgerät für einen friedlichen Zweck eingesetzt. Als Pazifist finde ich diesen Gedanken besonders sympathisch. Aber in Kampfhandlungen sind wir ja trotzdem verstrickt. Wir führen doch genauso unsere Kriege. Nur nicht mit unseren Soldaten. Wir verkaufen zum Beispiel Waffen an Kriegsparteien.

Springer: Das stimmt. Das ist die große Frage, sind wir dann mitschuldig oder nicht?

Wecker: Wir sind mitschuldig. Es wird mehr denn je Krieg getrommelt. Dabei haben gerade wir Deutschen doch so großes Leid erfahren durch die sinnlosen Grausamkeiten der Weltkriege. Eins der schlimmsten Übel der Menschheitsgeschichte ist in dem Zusammenhang der bedingungslose, militärische Gehorsam.

– Welche Sorgen und Ängste haben die Menschen in den Camps?

Springer: Ihre größte Sorge betrifft ihre Kinder. Nur jedes dritte Flüchtlingskind erhält Bildung. Von der Weltgemeinschaft wäre diese Situation leicht zu ändern. Aber alle schauen nur zu – das finde ich kriminell, ein Verbrechen. Überlegen Sie mal, wie viele Länder die europäische Menschenrechtskonvention von 1953 unterschrieben haben. Welchen Sinn haben denn solche Verträge, wenn sie nicht eingehalten werden? Darin steht eindeutig: Es ist nicht erlaubt, Kinder von Bildung fernzuhalten. In Flüchtlingsgebieten passiert aber genau das. Dafür sind im Prinzip alle Regierungen verantwortlich, die den Vertrag einst unterschrieben haben.

– Wollen die Menschen in den Camps nach Hause, nach Syrien, sobald es möglich ist?

Springer: Niemand denkt darüber nach, sein Glück in Europa zu versuchen. Alle wollen nach Hause. Bei gutem Wetter sieht man von Anfeh aus Zypern, was ja europäisch ist. Aber kein Einziger aus dem Camp hat je versucht, die Insel zu erreichen. Die Leute sagen: Was soll ich denn da? Ich müsste ja alles zurücklassen!

Verlieren Sie als Kabarettist bei der aktuellen Situation den Humor?

Springer: Nö. Ich halte die Diskussion in Deutschland über Integration und Ausländer viel zu ernst geführt. Völliger Blödsinn. Es wird verlangt, dass Flüchtlinge Deutsch können sollen. Das finde ich auch. Aber ich verlange auch, dass Deutsche Deutsch können. Wir dürfen den Humor gar nicht verlieren!

– Ein Gegensatz von Humor ist Horror. Haben Sie auch schon Horror erlebt?

Springer: Wenn Sie einen 18-jährigen jungen Mann sehen, dem ein Panzer das halbe Bein weggeschossen hat, der bei 40 Grad im Schatten mit Infektionskrankheiten in der Ecke eines Zeltes liegt, dann gibt es dafür eigentlich keinen anderen Begriff. Es ist definitiv der Horror.

– Wie verarbeiten Sie solche Erlebnisse?

Springer: Ich habe ein robustes Gemüt mitbekommen. Und was auch hilft, sind einige wenige Abende, an denen ich auf das Mittelmeer schaue und libanesischen Rotwein trinke.

– Was würde helfen, um die Situation vor Ort langfristig zu verbessern?

Springer: Die Menschen brauchen Aufmerksamkeit. Im Moment beherrschen einige wenige Themen wie Erdogan, der IS oder Trump alle Tagesthemen. Und geschätzte 13 Millionen syrische Flüchtlinge beachtet kaum noch jemand, die quer durch die Welt geflohen sind, um dem Krieg zu entkommen.

Wie hat sich Konstantin Wecker im Libanon geschlagen?

Springer: Er war sehr wütend und aufgebracht über das Leid der Menschen. Das ist auch die einzig sinnvolle Reaktion bei solchen Bildern. Und er hat bei der Hitze viel geschwitzt. Das hat uns verbunden.

– Mit welchem Gefühl kommen Sie von diesem Besuch im Libanon zurück, Herr Wecker?

Wecker: Ich möchte jeden aufrütteln und sagen: Hört auf mit Eurer Fremden- oder Flüchtlings-Angst, schürt sie nicht! Verbindet Euren Verstand mit Eurem Herzen! Werdet Eurer Verantwortung gerecht als diejenigen, denen es besser geht, nehmt die Schutzsuchenden in die Arme! Ich träume ohnehin von einer Welt ohne Grenzen und ohne Herrschaft. Und der Libanon-Besuch hat meine Utopie verstärkt.

Was werden Sie mit all den Eindrücken machen?

Wecker: Ich habe mir vorgenommen, nächstes Jahr wieder hinzufahren. In Baalbek findet ein traditionelles internationales Musikfestival statt. Wenn möglich, möchte ich dort auftreten, gemeinsam mit Musikern vor Ort. Natürlich werde ich dann wieder einige Familien in den Camps besuchen.

– Wird ein Lied oder ein Gedicht daraus entstehen?

Wecker: Kann ich nicht sagen. Das hatte ich noch nie unter Kontrolle. Die Lieder und die Gedichte kommen von selbst oder sie bleiben weg. Aber klar, dass ich das unterbewusst künstlerisch verarbeite, ist nicht auszuschließen, wenn ich am Klavier sitze oder abends alle Eindrücke in mein Gedächtnis schießen.

 

Interview: Hüseyin Ince

 

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