Wohlklang und Widerstand

 in FEATURED, Kultur, Politik

Maria Farantouri

Die große griechische Sängerin Maria Farantouri gibt mit dem israelischen Tenor Assaf Kacholi Konzerte in Deutschland. Anlass für die Tournee ist der 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager. Konstantin Wecker würdigt die Künstlerin und ihren Mentor Mikis Theodorakis und erklärt, warum es gerade heute so wichtig ist, der Menschlichkeit auch im kulturellen Leben ein Forum zu geben.  Konstantin Wecker

„Hätt ich zu meines Vaters Zeit dasselbe Lied geschrieben? Manchmal beschleicht mich das Gefühl, ich wär sehr stumm geblieben.“ Mit diesem Lied gab ich meinen Zweifeln Ausdruck, ob sich der Widerstandsgeist eines engagierten Künstlers auch unter den Bedingungen schärfster Repression und Bedrohung bewähren würde. Einer kann jedenfalls für sich beanspruchen, dass er nicht nur widerstanden „hätte“, sondern dass er widerstanden hat: Mikis Theodorakis, der wunderbare Mensch und Komponist, der, was wir heute als „typisch griechische“ Musik bezeichnen, mit seinem Werk erst geprägt hat, leistete während der Besatzung Griechenlands durch die Nazis aktiven Widerstand, wurde inhaftiert und gefoltert. Auch während der schlimmen Obristendiktatur in Griechenland in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren blieb er aufrecht – ebenso wie in den Jahren schlimmen Sozialabbaus unter dem Diktat der EU in jüngster Zeit.

Ein noch unfassbareres Schicksal erlitt der Dichter Iakovos Kambanellis, der für zwei Jahre im grausamen Konzentrationslager Mauthausen einsaß. Theodorakis und Kambanellis schufen zusammen die Mauthause-Kantate. Ihre Lieder versuchen dem Grauen eine schöne Sprache bzw. Klangsprache entgegenzusetzen, die stets deutlich macht, wie viel Menschliches und Liebevolles durch den Zugriff der Nazis zerstört wurde. Ich habe das Lied „Asma Asmaton“ (Das Lied der Lieder) auf der Bühne selbst in deutscher Sprache gesungen. „Man hat sie fortgebracht, und keiner sieht wie schön sie ist.“

Unauflöslich ist dieses bedeutende Musikwerk mit der Sängerin Maria Farantouri verbunden, die mit dem Mauthausen-Zyklus 1965 ihren Durchbruch erlebte. Maria verfügt nicht nur über eine einzigartig eindrückliche Stimme, sie folgte Theodorakis auch in dessen politisch stets aufrechter Gesinnung, ging 1967 ins Exil und gab hunderte Konzerte gegen die griechische Militärdiktatur. Maria Farantouri ist das beste Beispiel dafür, dass eine Künstlerin – auch wenn sie nicht selbst schreibt – lebenslang Haltung zeigen und sich treu bleiben kann, dabei die Pop-Ästhetik des Mainstream ignorierend und gerade deshalb die Seelen ihrer Zuhörer unwiderstehlich ergreifend. Bei Maria Farantouri braucht man gar nicht gut griechisch zu können, um zu verstehen, was da an schöner Traurigkeit von dieser eindrucksvollen Frau ausströmt, die es wohl verdient, als eine Mercedes Sosa Europas bezeichnet zu werden.

Ich freue mich sehr, dass Maria Farantouri anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung der Konzentrationslager sieben Konzerte in Deutschland geben wird. Sie wird zusammen mit dem israelischen Tenor Assaf Kacholi auftreten. Beider Konzerte werden ganz im Zeichen einer Humanität stehen, die in Europa wie im Nahen Osten zunehmend zum Auslaufmodell zu werden droht. Wieder erheben faschistische und rassistische Ideologien ihr Haupt und können verstärkt Anhänger rekrutieren. Das Mittelmeer ist zum Massengrab geworden, überall werden wieder Mauern und – furchtbar zu sagen – Lager errichtet, in denen Menschen wie in Libyen oder auf Lesbos unter schlimmen Bedingungen vegetieren. Das alles vor den Augen einer Weltöffentlichkeit, die die Erosion der Menschlichkeit in der so genannten freien Welt überwiegend mit einem Achselzucken hinzunehmen bereit ist.

Marias und Assafs Konzerte sind in diesem Umfeld ein Signal der Hoffnung und des Widerstands. Ich empfehle jedem und jeder, sich eine Karte zu besorgen. Die Tournee braucht Unterstützung, da für sie nicht der gleiche große Werbeapparat zur Verfügung steht wie für die vermeintlichen Superstars des großen Pop- und Schlagerzirkus. Alle Zuhörer können wohl nicht nur politisch im wahrsten Sinn notwendige Botschaften, sondern auch begeisternde Warmherzigkeit und Wohlklang erwarten. In der Konzertankündigung heißt es: „Ihre Lieder, die sie auf Griechisch, Hebräisch, Deutsch, Italienisch und auf Englisch interpretieren, erzählen von Liebe und Leidenschaft, von Melancholie und Frohsinn, von Mut und Trauer, von Krieg, Hass und vom tiefsten Frieden, von Menschen, die sich irren, sich umschauen, die ihren Weg ändern, die kämpfen, widerstehen, die sich der Welt zuwenden. Lieder voller Kraft und Humanität.“

Ein Konzert für Humanität

MARIA FARANTOURI & ASSAF KACHOLI
Mauthausen & other Songs of Humanity
75 Years of Liberation Tour

23.1. – Hamburg, Markthalle
24.1. – Düsseldorf, Tonhalle (Rezitation: Iris Berben)
26.1. – Dresden, Staatstheater (Rezitation: Sandra von Ruffin)
27.1. – Berlin, Universität der Künste (Rezitation: Cem Özdemir)
29.1. – München, Gasteig/Carl Orff Saal
30.1. – Stuttgart, Liederhalle/Mozartsaal (mit dem Theodorakis-Chor))
01.2. – Neu-Isenburg (bei Frankfurt am Main), Hugenottenhalle

Informationen & Tickets: www.greece-on-tour.eu

Tour-Trailer: www.youtube.com/watch?v=nMsaqrKFIsg

 

 

Comments
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    Brand,Hildegard
    Antworten
    Ja,

    es ist ein wunderbares Geschenk, dass Maria Farantouri uns in diesen “ finsteren Zeiten“ mit ihrer erdigen, All-umfassenden Stimmtiefe mit auf die Reise von griechischen Dichtern und den tiefgründigen Kompositionen des leiderfahrenen Komponisten Mikis Theodoakis nimmt;

    in Zeiten, in denen die sogenannten Stellvertreterkriege, Kriege faschistischer Warlords und die Profitgier gigantischer Rüstungskonzerne  als Hauptverursacher unendlichen Leids, grausamer Zerstörung von einzelnen und Millionen von Menschenleben, von Wohnstätten und vormals blühenden Landschaften und Heimaten kein Ende  nehmen, in Zeiten, in denen Menschen in menschenverachtender Weise massenhaft in Lager hinter Natostacheldraht gepfercht und sogar gefoltert und Frauen vergewaltigt werden.

    Lager, die von „Demokratievertreter*innen“  gewollt und eingerichtet sind, welch widerwärtiger  Abschreckungs-Zynismus!

    Und immer wieder erheben Menschen, wie Mikis Theodorakis und  Maria Farantouri ihre  Stimme gegen das von Menschen verursachte Leiden, künden aber auch von Hoffnungen, Liebe und Schönheit in finsteren Zeiten…

    75 Jahre nach Auschwitz, Mauthausen und zahlreichen anderen Konzentrationslagern.

     

    Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Missachtung der Menschenwürde und – rechte. Das hatten und haben sich doch einmal demokratisch gesonnene Menschen vorgenommen.

    Daran erinnern uns sicher wieder die Sängerin Maria Farantouri, Assaf Kacholi, die griechischen Dichter und die Musik von Mikis Theodorakis. Dafür bin ich sehr dankbar und freue mich auf das Konzert!

     

     

     

     

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