Wolf Biermann – nicht mehr erträglich

 in Kultur, Politik (Inland)
Wolf Biermann

Wolf Biermann

Rudi Dutschke sagte in den 70ern zu Wolf Biermann (mit Blick auf die SED): “Du bist denen noch zu nah”. Heute könnte man sagen, dass er “denen” wieder zu nah ist, nämlich den etablierten Parteien des “Siegersystems”, die seinen Ruhm als DDR-Dissident gern nutzen, um jegliche Alternative zum Kapitalismus zu diskreditieren. Biermann ist gleichsam päpstlicher als der Papst geworden, der unfehlbare Neoliberalismus. Franz Witsch hält ihn deshalb für „unerträglich“. Interessant ist, dass in diesem Beitrag auch Kritik an Konstantin Wecker geübt wird. Allerdings – das gibt es ja selten – in fairer und differenzierter Weise.

Liebe FreundeInnen des politischen Engagements,

ich möchte den interessierten Leserinnen diesmal zwei ganz unterschiedliche Texte ans Herz legen, die zwei ganz unterschiedliche Mentalitäten transportieren. Titel und Links dazu lauten:

(1): Interview: Konstantin Wecker: „Wir treiben die nächste Generation ins Kriegerische“
DWN vom 05.10.2014

Link: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/10/05/konstantin-wecker-wir-treiben-die-naechste-generation-ins-kriegerische/

(2): Brachiale Friedensliebe: Wolf Biermann über Nationalpazifisten und den Irak-Krieg
Der Spiegel 09/2003

Link: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/26448585

Ich freue mich sehr über Konstantin Weckers Friedensengagement und zwar unabhängig davon, dass ich das eine oder andere an seinen Formulierungen kritisiere, auch schon kritisiert habe (vgl. www.film-und-politik.de/BuG.pdf, S. 12).

In diesem Interview spricht Wecker von einer Kultur des Friedens, als wäre diese tatsächlich „real“, als würde er selbst so eine Kultur repräsentieren. Ich würde sagen, eine solche Kultur hat es bislang nicht gegeben oder nur in der Vorstellung vieler Friedensbewegter, als sie zu Hunderttausenden gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gingen, eine Bewegung, die die Grünen dann in die Parlamente spülte. Mit dem Ergebnis, dass sie, kaum in der Bundesregierung, zu Hauptkriegstreibern mutierten – allen voran Joschka Fischer.

Wecker spricht in diesem Zusammenhang wie ich von einer „Militarisierung der Gesellschaft“. Diese fällt allerdings nicht vom Himmel, sondern hängt auch von sozialintegrativen Fähigkeiten der Menschen ab, ihrer Mentalität, die unter Friedensbewegten keineswegs besser ausgebildet ist als beim Rest der Gesellschaft. Diese Unfähigkeit versteckt der Friedensbewegte hinter Rührseligkeiten (Binnen-Exotik), sprich: hehren Ausdrücken wie „Kultur des Friedens“, die „Wiederentdeckung des Kindes im Erwachsenen“.

Bevor man von „Kultur“ spricht, sollte man vielleicht genauer sagen, was das praktisch bedeutet, auch für die eigene Person, sein Innenleben, das in jeder Sekunde seiner wachen Existenz eine Verbindung zum gesellschaftlich Kontext sucht und auch mehr oder weniger sozialverträglich generiert, bislang immer nur sozial-un-verträglich. Folgt man meinen Büchern (Die Politisierung des Bürgers, 4 Bd.), so besteht das Problem vielleicht darin, dass wir nicht in der Lage sind, negative Gefühle zu kommunizieren. Wecker gibt selbst Beispiele dafür, wie diese Unfähigkeit zum Ausdruck kommt, u.a. damals, als die grüne Bundestagsabgeordnete Petra Kelly von ihren eigenen Parteigenossen ausgegrenzt wurde. Sie war mit ihrer unversöhnlichen Haltung zu militärischen Einsätzen den zur Macht drängenden Pragmatikern (u.a. Joschka Fischer) ein Dorn im Auge. Also wurde sie abserviert, anstatt sich mit ihr auseinanderzusetzen, sprich: negative Gefühle, die sie, ob nun zurecht oder unrecht, ganz offensichtlich auslöste, zu kommunizieren.

Eine solche Mentalität asozialer Kommunikation, die ich gewalttätig nenne, weil sie Gewalt ausbrütet, war damals der Anfang vom Ende der Friedensbewegung. Heute dominiert diese Haltung einmal mehr auch unter Friedensbewegten, auch unter den Linken. Für mich die eigentliche Katastrophe, die dazu führt, dass Linke an der Macht es noch nie weit gebracht haben.

Wolf Biermann ist auch so eine Katastrophe. Nicht nur dass er seiner bilderreichen Sprache zuviel gegenständliche Realität beimisst, übrigens ähnlich wie es der Friedensbewegte mit dem Wort „Kultur“ macht, ohne zu sagen, was „real“ (nicht nur in der eigenen Vorstellung) hinter diesem Wort steckt; bei Biermann kommt noch Inkompetenz (in polit-ökonomischen Fragen) hinzu, die seine Rechtfertigung des Iraks-Krieges zur Farce macht: den Amis ginge es gar nicht ums Öl. Biermann wörtlich in Text (2):

„Nimm nur die populärste Losung schon seit dem letzten Golfkrieg: ‚Kein Blut für Öl!‘ – wenn ausgewachsene Menschenexemplare, auf deren Bildung man einst einige Mühe verwandt hat, heute diesen Unsinn nachplappern, es gehe den kapitalistischen USA ums Öl, zeigt es mir, dass sie vor lauter Friedensliebe sogar das Groschenzählen vergessen haben. Ginge es den Amerikanern um Profite und um Öl-Lieferungen, dann würden sie den begehrten Stoff lieber bequem und billiger wie bisher auf dem Weltmarkt kaufen.“

Biermann vergisst, dass es gar nicht um nationale Interessen geht, sondern um die Interessen einzelner Konzerne, konkret: um die Interessen ihren Lobbyisten, welche die Profitinteressen einzelner Konzerne mit dem nationalen Interesse (dem Allgemeinwohl) identifizieren. Nun, Biermann ist halt Biermann, der Worte wie „links“, „rechts“ und „reaktionär“ vor dem erlauchten Publikum des Bundestages verwendet, ohne zu wissen, wovon er spricht. Bei ihm ertrinken alle Differenzierung in unerträglicher Rührseligkeit. Schon damals 1976 in Köln, kurz vor seiner Ausbürgerung. Damals fand ich ihn gut, weil er zu Tränen rührte, mein Mitgefühl belebte. Das ist ihm vermutlich vollständig abhanden gekommen. Wie Gauck. Auch deshalb ist er wohl nicht mehr zu ertragen.

Herzliche Grüße

Franz Witsch

www.film-und-politik.de

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