Zum allerletzten Mal: Bericht über unsere Hilfsaktionen in Griechenland

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

Unwiderruflich: im Rahmen unserer jahrelangen Hilfsaktivitäten für Menschen in Griechenland melde ich mich heute zum letzten Mal bei Euch. Berichte über Griechenland wird es aber sicherlich auch weiterhin bei uns geben. Heute also: Versuch einer Schlussbilanz, Versuch aber auch, von unserer Seite den Fortgang der Hilfsaktionen sicherzustellen. Holdger Platta

 

Liebe HdS-LeserInnen und liebe HdS-Leser,

angekündigt habe ich es Euch ja bereits vielfach während der letzten Wochen schon: heute bekommt Ihr von mir den letzten Bericht zu unseren Hilfsaktionen in Griechenland. Für den Zeitraum ab dem 1. Januar 2024 hat Bettina Beckröge, eine Unterstützerin von Anfang an, den Fortgang dieser Initiative zugesagt.

Es ist Zeit und Anlass, eine Gesamtbilanz unseres Engagements vorzunehmen. Zum Teil objektiv, ganz gewiss, aber ohne Subjektivitäten wird es wohl ebenfalls nicht gehen. Ich bitte um Verständnis hie und da.

Nein, ich möchte Euch heute keine Geschichte unserer Hilfsbemühungen erzählen. Das würde jeden Rahmen sprengen und mit Sicherheit auch Eure Lesegeduld überfordern. Stattdessen mehr oder minder in Stichworten also:

Mitte Juli 2015 kam unsere Hilfsinitiative zustande. Äußerer Anlass war, dass um den 13. Juli 2015 herum die griechische Regierung von der EU aufs übelste über den Tisch gezogen wurde: sie sollte ab sofort Verarmungs- und Verelendungspolitik in Griechenland betreiben – versehen mit dem Edelbegriff „Austeritätspolitik“. Gemeint war vor allem: senkt Eure Arbeitslosengelder und Sozialausgaben, steigert zugleich die Mehrwertsteuer von 13 auf 24 Prozent und weitet diese auch aus auf Produkte des täglichen Bedarfs, nicht zuletzt für Kinder und Säuglinge!

Diese inhumane Erpressung, der allzu bald der griechische Regierungs-Chef Alexis Tsipras nachgab, empörte uns. Wir wollten diese Bestialitäten nicht nur kommentieren – kritisch natürlich –, sondern wir wollten von diesem Augenblick an auch selber etwas gegen diese Entmenschlichungsfolgen von Politik tun. Es war die Geburtsstunde, wenn Ihr so wollt, einer doppelten Qualität unserer Initiative von Anfang an: finanzielle Hilfe für Menschen in Griechenland zu organisieren sowie europäische und griechische Politik nicht mehr aus den Augen zu lassen, also öffentliche Kritik zu formulieren an diesem Absturz in die Barbarei! Mein subjektiver Eindruck: dieser Doppelaufgabe sind wir auch nachgekommen, bis fast zur letzten Minute eigentlich! Gesellschaftskritische Analyse würde nicht zum Ersatzgelabere für wirksamen Beistand. Beistand wurde nicht zur narzißtischen Selbstfeier unserer Menschengüte auf Kosten der Entlarvung menschenfeindlicher EU-Diktate! So sollte es sein, so ist es wohl auch gewesen.

Der Enthusiasmus und die Hilfsbereitschaft im Anfangsteam waren riesengroß, ich bin davon nach wie vor ohne jede Einschränkung überzeugt. Neun Menschen fanden in nicht mal zwei Wochen zusammen und wurden mit großer Begeisterung aktiv.

Auch das Echo auf unseren Spendenaufruf – zugleich scharfe Kritik an der EU-Politik – war riesengroß. Bis zum Jahresende 2015 sollten – alles zusammengerechnet (auch inklusive der Sachspenden also) – weit über 80.000,- Euro zusammenkommen. Dankesschreiben erreichten uns, gerade auch von den SpenderInnen! Trotz der Tatsache, dass Anfang/Mitte August 2015 immer stärker die Flüchtlingsthematik in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückte, litten wir bis auf weiteres keinerlei Geldnot.

Wem und wie haben wir dann geholfen? – Nun, unvollständig in Erinnerung gerufen: wir unterstützen Krankenhäuser  und eine Landarztpraxis, ganze Armutsbevölkerungen, so etwa auf Andros, aber auch zahlreiche Einzelfamilien und Einzelpersonen. Wir unterstützten, in Athen, eine Katharina, der wir eine unvermeidbare Operation in London mitfinanzierten, und einer Laura, die, einer Nekrose wegen, beide Füße verlor und der wir alljährlich, bis 2020, die Beinprothesen bezahlen konnten. Wir halfen einen Alexander, einem arbeitslosen Schauspieler aus Athen, die jahrelange Wartezeit zu überstehen auf die erste Auszahlung seiner längst überfälligen Rentenraten, Wir konnten Panagiota mit ihren Töchtern, die in einer Garage hauste, zu einer Wohnung verhelfen, und wir unterstützten schließlich auch Dionysis, der – wie Euch allen gegenwärtig sein dürfte – bis heute angewiesen ist auf eine Spezialernährung, die 300,-Euro an Mehrkosten verursacht, ohne dass eine griechische Krankenkasse dafür aufkäme.

Konfrontiert wurden wir dabei immer wieder mit dem totalen Versagen des Sozialstaates Griechenland, des Gesundheitssystems in Griechenland, konfrontiert mit einer unerbittlich-dehumanisierten EU-Politik gegenüber Griechenland, konfrontiert nicht zuletzt auch mit dem Beschweigen all dieser Unmenschlichkeiten durch die Massenmedien in Deutschland und europaweit. Unsere Sache war, zu helfen, wo wir nur konnten, unsere Sache war nicht, das Maul zu halten. Mit vollem Maul auf Solidarität zu machen, das aber mit leeren Händen: dies wurde und war zu keinem Zeitpunkt unser Konzept!

Selbstverständlich: nicht für alle unter uns Akteuren galt das wohl im gleichen Maße. Manche scherten schon ziemlich früh aus, forderten bereits im Frühsommer 2017 das Ende unserer „impertinenten“ Hilfsaktion. Andere fanden andere Gründe, auszusteigen. Das muss heute alles nicht neu aufgewärmt werden. Aber das alles war verbunden mit einem Lernprozess, der wohl allgemeine Gültigkeit haben dürfte für Hilfsaktionen unserer Art:

Es bedarf auf Seiten der Hilfsakteure – aber selbstverständlich – der Empathie und der Hilfsbereitschaft. Ich sage noch einmal: beides war zweifelsfrei da, am Anfang, bei allen von uns.

Es bedarf mindestens aber noch zwei weiterer Eigenschaften, zu dem die Helfer imstande sein müssen: zum einen der Beharrlichkeit und zum anderen der Zuverlässigkeit. Begeistertes Strohfeuer am Anfang genügt nicht. Schmerzlich haben wir das erfahren müssen. Umso großartiger, dass einige so lange durchgehalten haben, auch jene, die später erst hinzugekommen sind. Es ist die Stelle, an der ich wenigstens den folgenden Mit-Aktiven noch einmal aufs herzlichste Dank sagen möchte – ja, ich riskiere das Wort –, tief, sehr tief empfunden Dank! Und gestattet mir, dass ich mit einem ganz besonders persönlichen Dank beginne:

Keinesfalls hätte ich diese knapp achteinhalb Jahre durchhalten können ohne meine Frau:  Sybille Marggraf half immer, wo Not am Mann war. Noch jeden Bericht von mir hat sie Kontrolle gelesen, so manchen guten Rat gegeben. Hilfsbereitschaft, Beharrlichkeit, Zuverlässigkeit: sie waren bei Sybille immer gegeben.

Gleiches gilt für unseren HdS-Chefredakteur Roland Rottenfußer, ebenfalls von Anfang an dabei. Ich kann mich nicht erinnern, dass es da jemals ein Zeichen des Unmuts oder der Ermüdung gegeben hätte, ein Zeichen von Desinteresse gar an dieser Hilfsarbeit. Auch ihm verdanke ich viele Tipps für meine Berichte, und Roland Rottenfußer war es, nicht zuletzt, der immer wieder meine Berichte optimal zu illustrieren wusste (und einige Male sogar einsprang, als ich meine Berichte, krankheitsbedingt, nicht rechtzeitig abliefern konnte).

Und schließlich möchte ich von ganzem Herzen auch Volker Töbel danken, unserem Kassenwart und Spendenverwalter. Seitdem er dieses Amt übernommen hatte, im Frühsommer 2020, hat alles, aber auch alles in diesem wichtigen Bereich geklappt, und auch er sprang in einer gewissen Not-Phase rückhaltlos als Nothelfer ein. Was für die anderen galt, das gilt auch für ihn: Hilfsbereitschaft, Beharrlichkeit und Zuverlässigkeit bildeten eine Einheit auch bei ihm!

An dieser Stelle, nun ja, ein bisschen Statistik auch noch in höchsteigener Sache: ja, es ist so – ganz genau habe ich das irgendwann nicht mehr gezählt –, insgesamt dürfte ich in diesen knapp achtundeinhalb Jahren über 400 Berichte geschrieben haben, fast könnte man sagen, ein Buch, das über 2.000 Druckseiten umfasst. Weil, mit all den Recherchen drum herum, noch jeder Bericht so um die acht Arbeitsstunden benötigt haben dürfte, kam damit schon ein großes Arbeitspensum zusammen. Ich hoffe also, sagen zu können: an Hilfsbereitschaft, an Beharrlichkeit und an Zuverlässigkeit habe auch ich es nicht fehlen lassen. Dass dabei nicht alles immer gleich gut gelungen ist oder auch überhaupt nicht gelungen: Ihr alle habt es mir offenkundig nachgesehen.

Damit, ganz, ganz wichtig, noch einmal zu Euch, zu Euch Leserinnen und Leser, zu Euch Spender und Spenderinnen:

Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir während dieser knapp achtundeinhalb Jahre wohl Gelder oder Sachmittel in der Gesamthöhe von rund 300.000,- Euro nach Griechenland transferieren können. Ihr habt uns unterstützt, so lange Ihr konntet. Ihr habt uns unterstützt, jeder nach seinen Möglichkeiten. Es waren gigantische Großspenden darunter – vor allem in der Anfangszeit: bis zu 10.000,- Euro (ja, tatsächlich!). Da hat es Dauerspender gegeben, manche fast von Anfang an, auch darunter nicht wenige mit stattlichen Beträgen. Da gab es aber auch Klein- und Kleinstspender, die selber zu den Armen zählen, Arbeitslose, Hartz-IV-Betroffene, Armutsrentner. Und diesen gegenüber empfanden wir nicht weniger Dankbarkeit als gegenüber den Helfern, denen finanziell mehr Unterstützung möglich war. Da gibt es einen Respekt, der sich nicht nach der Höhe von Euro-Summen bemisst. Auch mich persönlich hat das durch die gesamte Zeit getragen, auch in den Krisenzeiten, die es ja gab.

Und nun?

Naja, ein letztes Mal zunächst die neuesten Spendenzahlen zu unserer Hilfsaktion: während der letzten sieben Tage wurden 70,- Euro eingezahlt, überwiesen von zwei SpenderInnen an uns (Vorwoche: 100,- Euro bzw. drei SpenderInnen). Stand auf dem Hilfskonto heute: 135,- Euro (Vorwoche: 365,- Euro). Das muss heute nicht mehr kommentiert werden. Auf jeden Fall aber auch diesen beiden letzten SpenderInnen unser herzlichster Dank!

Hier auch die Daten für das neue Hilfskonto, das Bettina Beckröge für die GriechInnenhilfe bei sich eingerichtet hat sowie auch ihre Postadresse. Demnächst wird sich Bettina Beckröge auch noch selber mit einem eigenen Text, der auf sehr berührende Weise ihren Besuch bei Panagiota mit deren Töchtern schildert – im Jahre 2016 war das.

 

Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE56 3705 0198 1900 7442 83
BIC: COLSDE33XXX

 

Postadresse:

Bettina Beckröge
Zülpicher Str. 19
53115 Bonn

 

Mit herzlichen Grüßen
Euer Holdger Platta

 

 

 

 

 

 

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