„Seltsame deutsche Putintreue“

 in Politik (Ausland)

Ein Offener Brief des 1941 in Gera geborenen Publizisten Volker Bräutigam zum Thema Krim, mit einem wie es dort am Ende heißt „absurd klingenden Kriegsverhinderungsversuch“

BEWEGUNGSMELDER

„Seltsame deutsche Putintreue“

Am 27. März bekam Wladimir Putin Post. Ein ehemaliger Oberstleutnant und ein Journalist hatten dem Präsidenten Russlands einen Brief geschrieben. Der Brief war so gut, fanden die Verfasser, dass ihn möglichst viele andere Adressaten auch lesen sollten, und daher handelt es sich um einen „offenen Brief“. Unter dem Betreff „offener Brief an Präsident Putin“ ging dieser Brief als E-Mail-Anhang durch ungezählte Mailpostfächer. Im Grunde ist dieser Brief ein Unterstützungsschreiben für Putins Handeln auf der Halbinsel Krim und dem gesamten Verhältnis Russlands zum Nachbar-und Bruderland Ukraine. Verfasser und Mitunterzeichner bestärken den russischen Präsidenten in seiner Ansicht, dass die Eingliederung der Krim ins russische Stammland vergleichbar sei mit der Wiedervereinigung von DDR und BRD. Genau das hatte Putin zuvor vor seinem Parlament, der Duma, auch schon gesagt. Die Deutschen, meinte er in seiner Duma-Rede, müssten doch am ehesten Verständnis haben für das Thema Wiedervereinigung. Den offenen Brief haben knapp 200 Menschen unterschrieben und sich dem Treuebekenntnis der beiden Verfasser angeschlossen. Ob Putin seinerseits etwas wie „Spassibo sa waschewo pismo“ antwortete, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass von den vielen, denen der Brief zuging, einige die Unterstützung ablehnten. Einer wünschte den Autoren sarkastisch viel Spaß beim weiteren Aushebeln der Demokratie, und eine Ukrainerin hielt den Geist der Autoren und die Handlungen Putins für faschistisch. Wie kann das sein? Beide können ja nicht faschistisch sein. Dann würden sich Faschisten unter sich kloppen. Die Öffentlichkeit müsste sich nur der betroffenen Menschen annehmen. Faschismus ist sowieso keine Ideologie, sondern ein Bündel von Methoden zur Durchsetzung politischer Ziele. Wenn sich alles ähnelt und Politikbeobachter ständig eine Ideologie erkennen möchten, obwohl es sich um ein Bündel von Methoden handelt, wird eine Analyse der Lage auf der Krim fast unmöglich. Die NATO schickt Zerstörer ins Schwarze Meer, Schäuble vergleicht den Anschluss der Krim an Russland mit Hitlers Einverleibung des Sudetengebietes heim ins Reich, die Ukraine bereitet ihr Militär auf den Ernstfall vor, welcher Krieg bedeutet, und es bleibt die Frage: Warum soll man sich eigentlich auf die Seite eines von zwei Kriegsgegnern stellen? Es gibt keinen gerechten Krieg. Daher ist jede Parteinahme eine Unterstützung von Unrecht. Man kann das auch Mittäterschaft nennen. Irgendwer muss ein Interesse daran haben, dass jahrelanges Miteinanderleben in Unversöhnlichkeit umschlägt. Es gibt noch einen absurd klingenden Kriegsverhinderungsversuch: Ein Brief an Putin (kann ruhig verschlossen sein) mit der Bitte „Vertragt Euch“ und ein Artikel in allen ukrainischen Zeitungen: „Gehet hin, bestellt das Land, erzeugt alles, was Ihr zu einem schönen Leben braucht“.

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