Beiträge von Roland Rottenfusser

Protestsong und Minnelied

Walther von der Vogelweide

Mittelalterliche Barden und ihre Zeit. Entertainer, Höfling, gesellschaftskritischer Satiriker, Guru und Liebender – die Figur des Barden ist schillernd und wird durch allerlei Klischees überlagert. Barden, Troubadoure und Minnesänger hatten eine klar umrissene gesellschaftliche Funktion. Immer wieder erhoben sich aus ihren Reihen jedoch Genies, die die Moralvorstellungen ihres Zeitalters herausforderten, deren Leidenschaft und Scharfsinn die Jahrhunderte überdauerten. Roland Rottenfußer (mehr …)

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Jenseits des Sagbaren

Wo das Bewusstsein in mystische Bereiche vordringt, versagen oft Worte und die viel gepriesene Ratio. Mystik beginnt mit Sprach- und Vernunftkritik, mit der Erkenntnis, dass das, worum es geht, eigentlich unaussprechlich ist. Der hoch gelobte Verstand, auch bei politisch Aktiven als wertvollstes Instrument geschätzt, versagt vor den „letzten Dingen“ wie ein Taschenrechner, von dem man verlangte, Bachs Matthäus-Passion zu begreifen. Dieser Hinweis auf die Grenzen des rationalen Diskurses ist aber kein Aufruf zu blindem „Glaubensgehorsam“, zum Beispiel gegenüber Kirchen. Es ist ein Appell, Glaubens- und Schrifttreue aufzugeben zugunsten eines direkten, erlebnishaften Zugangs zum Wunderbaren, das unsere Welt durchwirkt und ihr zugrunde liegt. Mystik ist dem Agnostizismus näher als dem religiösen Fundamentalismus. Jedoch handelt es sich um ein „Nicht-Wissen“, das seine Selbstaufhebung durch die Tat und die Erfahrung anstrebt. Roland Rottenfußer (mehr …)

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Der kollektive Todestrieb

Wenn uns das Leben auf dieser Erde lieb ist, müssen wir der gefährlichen Tendenz zur Selbstzerstörung widerstehen. „Jeder will leben und Leben erhalten“. Diese Auffassung ist verbreitet, dennoch ist sie naiv. Immer mehr Menschen, Kulturen, ja die ganze Menschheit zeigen einen Hang zur Selbstzerstörung. Individuell beobachten wir wachsende Selbstmordneigung, zumindest Lebensüberdruss, eine müde Unlust, sich dem Leben zu stellen und es zu gestalten. Freiwillige Kinderlosigkeit, Unfruchtbarkeit, aber auch die systematische, zumindest fahrlässige Gefährdung und Traumatisierung von Kindern breiten sich aus, als wollten Teile der Gesellschaft die Zukunft, die von unserem Nachwuchs repräsentiert wird, gar nicht mehr haben. Die westliche Kultur – und hier vor allem Deutschland – gefällt sich in resignierter Selbstaufgabe, gibt zivilisatorische Errungenschaften willig preis. Die ökologische Katastrophe scheint die Existenzberechtigung des Menschen als solchem obsolet zu machen. Unter dem Dauerbeschuss kränkender Pauschalbeschimpfungen scheinen viele zumindest unbewusst bereit, den eigenen Untergang als reinigenden Akt zu begrüßen. Todestrieb und Todessehnsucht sind aus der Geschichte und Literatur bekannte Seelenregungen. Die Psychotherapie hakte dergleichen als bedauerliche, aber prinzipiell heilbare Einzelfälle ab. Als kollektives Phänomen allerdings wird der Flirt mit der Selbstauslöschung zu einer Gefahr, die alles Leben auf dem Planeten bedroht. Roland Rottenfußer (mehr …)

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Die Faszination des Toten

„Organische“, Menschen aus Fleisch und Blut mit echten Gefühlen und Schwächen – noch gibt es sie, aber es sind Auslaufmodelle, bestimmt dazu, von leistungsfähigeren Intelligenzformen verdrängt zu werden. „Transhumanisten“ denken schon jetzt über Gehirn-Computer-Schnittstellen nach und über Wege, das Bewusstsein in digitale Speicher hochzuladen. Während Soldaten in der Realität Robotern immer ähnlicher werden, spielen Science Fiction-Filme die gegenteilige Entwicklung durch: Roboter, die immer menschlicher werden, so dass die Unterschiede zwischen beiden verschwimmen. Woher kommt die Faszination für „Androiden“ und Kunstmenschen? Sind verfügbare Maschinen ohne Eigenwillen für uns die idealen Freunde, Liebespartner oder Arbeitnehmer? Oder sind wir dabei – in der Absicht „mehr als menschlich“ zu werden – unsere Menschlichkeit freiwillig aufgeben? Roland Rottenfußer (mehr …)

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Mühelos mächtig

Die Vererbung von Besitz ist antidemokratischer Wahnsinn, weil sie materielle Ungleichheit über Generationen fortschreibt und verstärkt. Der Zins ist schädlich, gewiss, aber er bliebe ein begrenztes Übel, wäre da nicht ein anderer Faktor, der ihn verewigt und potenziert: das Erbe. Erbschaften zementieren Familienprivilegien und unterhöhlen die Chancengleichheit. Der Sohn von Manuel Neuer wird nicht automatisch nächster Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. In Unternehmen sind derlei Absurditäten aber durchaus üblich. Schwerer wiegt, dass sich dadurch die Akkumulation von Vermögen und politischem Einfluss über Generationen fortsetzen kann. Wer für das Leistungsprinzip und gegen demokratisch nicht legitimierte Machtkonzentration ist, kann nicht gleichzeitig für uneingeschränktes Erben sein. Es müssen Wege gefunden werden, Erbschaften auf ein sozialverträgliches Maß zu begrenzen. Ein paar Vorschläge. Roland Rottenfußer (mehr …)

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Streuselkuchen mit sehr viel Verschweigen

In seinem Gedichtband „Ruhmesblätter mit Linsengericht“ beschreibt Holdger Platta eine Kindheit in der Nachkriegszeit – eine Atmosphäre der Verdrängung und latenten Gewaltdrohung. Versteinerte Väter. Mütter, die grimmig und wie erloschen in ihren stickigen Küchen werkelten. Beide über einem verborgenen Grauen brütend, von dem sie nicht zu reden vermochten und das Kinder, die in einem solchen Dunst aufwuchsen mit einer Schwere beluden, die im Kern nicht ihre eigene war. Gewalterfahrung schwelte da im Hintergrund, die sich jederzeit an Unschuldigen entladen konnte. Es ist die Atmosphäre, in der viele der heute Älteren aufwuchsen, manche von ihnen auch in prekären Verhältnissen, aus welchen nur eine blühende Fantasie die psychisch lebensnotwendige Flucht ermöglichen konnte. Die Kriegskinderliteratur hat Schlaglichter auf nur scheinbar der Vergangenheit angehörende kollektive Traumata geworfen. Die Spuren hiervon finden sich auch in den Seelen der scheinbar unbeteiligten Jüngeren. Der Lyriker Holdger Platta hat jetzt einen Gedichtband veröffentlicht, der die literarischen Früchte von fast 40 Jahren Arbeit umfasst. Und dies in einer Zeit, in der Lyrik vom Verlagswesen großenteils totgeschwiegen wird – zum Schaden nicht nur der Autoren, sondern definitiv auch der interessierten Öffentlichkeit, für die eine über Jahrhunderte gepflegte, wertvolle Kunstform nun quasi verschwunden ist. Ist Plattas Werk nun späte „Trümmerliteratur“ – wie man die Werke von Schriftstellern wie Borchert, Böll, Lenz oder Andersch bezeichnet hat? Wenn ja, dann in der positiven Bedeutung des Wortes: als ehrliches Bemühen um Aufarbeitung, sprachlich getragen von einem unprätentiösen Realismus, dem es jedochnicht an stilistischer Raffinesse mangelt. Alles an diesen Gedichten erscheint doppelbödig, kein Wort ist zufällig gesetzt. Und an Relevanz für die Jetztzeit fehlt es keineswegs. Wir dürfen diesen Nachkriegs-Gedichtzyklus durchaus als Warnung in Richtung unserer Vorkriegsgesellschaft verstehen. Roland Rottenfußer (mehr …)

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Chronik einer Hasskampagne

Wer das Ende der Demokratie noch verhindern will, muss jetzt nachtragend sein und das Corona-Unrecht aufarbeiten — Marcus Klöckner und Jens Wernicke tun dies mit ihrem neuen Buch. Ist der Alltag für Sie in den letzten Jahren „unangenehmer“ geworden? Hatten Sie das Gefühl, dass Menschen „mit dem Finger“ auf Sie zeigten und Sie „raus aus dem gesellschaftlichen Leben“ waren? Beschimpfte man Sie als „Deppen“, „Bekloppte“ oder „ultra-asoziale Vollidioten“? Hat man Ihnen zur Last gelegt, die Mehrheit mit Ihrer Minderheitenmeinung zu „tyrannisieren“? Wenn das so war, dann kann es sein, dass Sie zur Gruppe der Ungeimpften gehören. Sie wurden dann spätestens seit Herbst 2021 vermutlich zum Opfer einer in der Nachkriegsgeschichte bisher nicht dagewesenen Hexenjagd. Alle Dämme der Höflichkeit und demokratisch gepflegten Toleranz brachen, und ein Sturzbach wüster Beschimpfungen ging auf jene nieder, die sich dem herrschenden Narrativ widersetzten. Heute hat sich der Rauch der großen Meinungsschlacht teilweise wieder verzogen. Auf eine Entschuldigung vonseiten derer, die damals wüteten, wartet man jedoch bis heute vergebens. Die meisten verstehen nicht, dass sie zu Akteuren und Mitläufern eines perfiden Großangriffs auf Freiheit und Menschenwürde geworden sind. Oder sie stellen sich auf den Standpunkt: „Wenn ich’s nicht zugebe, war es auch kein Fehler.“ Gerade wegen dieser verbreiteten Haltung der Verleugnung und Verdrängung müssen den Verantwortlichen ihre verantwortungslosen Sätze von damals jedoch wieder und wieder vor Augen gehalten werden. Denn nicht, wenn Fehler gemacht werden, bedeutet dies das Ende der Demokratie, sondern wenn ein Gemeinwesen im Nachhinein nicht die Kraft zur Aufarbeitung und zur Umkehr findet. Marcus Klöckner und Jens Wernicke haben in ihrem neuen Buch „Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen“ mit großem Sammlerfleiß die verbalen Fehltritte von Politikern, Journalisten und Prominenten in der heißen Phase der Coronakrise dokumentiert. Diese werden scharfsinnig und vor dem Hintergrund eines untrüglichen demokratischen Gewissens analysiert. Dabei bringen die Autoren auch einen Begriff ins Spiel, den viele — weil zu unbequem — am liebsten aus der Debatte heraushalten wollen: Faschismus. Roland Rottenfußer

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Der royale Reset

Der neu ernannte King Charles verkörpert in seiner Person das Doppelgesicht einer „grünen“ Weltanschauung: Ökologische Sensibilität verbindet sich mit elitärem Umgestaltungsfuror. George Bernard Shaw sagte: „Zum König wird man nicht geboren, man wird es dank einer künstlich erzeugten kollektiven Halluzination.“ Diese Illusion machte Charles, den ältesten Sohn von Queen Elizabeth II, schon im Säuglingsalter zu einem Prominenten, dessen Lebensregungen von Millionen Menschen auf der ganzen Welt beobachtet wurden. Auf seine eigentliche Bestimmung, die Königswürde, musste er 73 Jahre warten. Der ewige Thronfolger, lange für die schlechteste Nebenrolle in der Heiligenlegende seiner überaus beliebten Ex-Frau Diana verspottet und gar verachtet, erwarb sich Respekt als umfassend interessierter Denker und Ökoaktivist. Kaum jemand aus dem Königshaus hätte der Welt wohl so viel zu sagen, wenn ihm das für Royals geltende Einmischungsverbot nicht von jetzt an den Mund verschlösse. Aber sollten wir uns einen „politischen“ Charles wirklich wünschen? Wird der Prince of Whales nun zum Klima-King und Weltenretter avancieren — oder wird er als Protagonist einer perfiden Umgestaltungsagenda in Erscheinung treten, quasi als Kronprinz des Reset-Moguls Klaus Schwab? Roland Rottenfußer

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Maskenball der Seele

Alexej von Jawlenskys Porträt des Tänzers Aleksandr Sakharov

Die gestiegene Bedeutung der Transsexuellen-Bewegung sollte uns anregen, tiefer gehend über Identitäten und Geschlechterrollen nachzudenken. „Ich finde es schrecklich, dass es immer eine Erklärung dafür benötigt, dass ich anhand von körperlichen Merkmalen bei meiner Geburt versehentlich dem falschen Geschlecht zugeordnet wurde.“ So sagte es Tessa Ganserer, die 2021 als „Transfrau“ in den Bundestag eingezogen ist, deren Geburtsname jedoch Markus ist. Trans- und intersexuelle Menschen haben in letzter Zeit für ihre Anliegen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ein erneuertes Transsexuellengesetz soll es ermöglich, dass jede Person ihr Geschlecht ohne nähere Erklärung und Untersuchung frei wählen kann. Die Existenz von Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau definieren – oder als beides – wird von vielen sogar sprachlich gewürdigt: durch das Gender-Sternchen oder eine Sprechpause vor der Endung „-innen“. Vielen geht das zu weit, sie fürchten eine Erosion von Normalität und sprachpolizeiliche Exzesse. Dabei wird gern vergessen, dass Transsexuelle in vielen Ländern noch immer verfolgt und diskriminiert werden. Auch hat das Phänomen tiefere Wurzeln, was sich unter anderem in Mythen, Märchen und tiefenpsychologischer Forschung ausdrückte. Letztlich hat die Seele aller Menschen wohl zweigeschlechtliche Anteile. Die Transsexuellen-Bewegung verweist auf das Uneigentliche und Rollenhafte der gesellschaftlichen Zuweisung von Identitäten. Roland Rottenfußer
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