Hartz-IV-Chemie in unseren Köpfen

 in Holdger Platta, Politik (Inland)
Bild von Vincent van Gogh

Bild von Vincent van Gogh

Arbeitslose gehen immer seltener wählen. Man kann sich als Aktivist/in darüber ärgern, dass diejenigen, für die „wir“ politisch eintreten, „uns“ durch Tatenlosigkeit quasi in den Rücken fallen. Damit würden wir aber die Opfer beschimpfen anstatt die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Hartz IV ist eine grausame Maschinerie, die Menschen scharenweise sehenden Auges in die Depression treibt. Und Depression bedeutet, dass oft buchstäblich nichts mehr geht: keine Lebensfreude, keine Hoffnung, keine Aktivität, kein Aufbegehren. Ärzte und Therapeuten doktern lieber an den Symptomen herum, anstatt sich gemeinsam gegen ein krank machendes System zu stemmen. (Holdger Platta)

Angesichts wiederholter Anlässe: So gut ich verstehen kann, dass AktivistInnen aus den sozialen Bewegungen zutiefst enttäuscht, entmutigt und verärgert sind, wenn sie sich im Stich gelassen fühlen von den Menschen, für die sie gegen Hartz IV ankämpfen, bis zum Umfallen oft. Zustimmen kann ich ihnen nicht, wenn sich manche von ihnen in ihrem durch und durch verstehbaren Unmut nunmehr oft nun eben diese Betroffenen vorknöpfen. Sie greifen damit Opfer, nicht die eigentlichen Täter, an. Das will ich erläutern.

Wie Experten mittlerweile wissen, ist die Entwürdigung der ALG-II-BezieherInnen bei vielen längst schon so weit fortgeschritten, dass sie ernsthaft und ernstzunehmend aufs schwerste erkrankt sind. Erkrankt nicht unbedingt im körperlichen Sinne – das oft allerdings auch: die sogenannte „Morbiditätsrate“, der Anteil körperlich Erkrankter, liegt bei den Armen in Deutschland durchschnittlich doppelt so hoch wie bei den anderen Bevölkerungsschichten; und bei der sogenannten „Mortalitätsrate“, der Sterblichkeit, ist von Wissenschaftlern festgestellt worden, dass Arme im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre früher sterben als die Menschen aus den höheren Einkommensgruppen (sieben Jahre früher die Frauen, zehn Jahre früher die Männer).

Aber selbst wenn körperliche Erkrankungen bei Arbeitslosen noch nicht zu registrieren sind, so haben einige Sozialmediziner und Sozialpsychologen doch mittlerweile etwas ganz anderes nachweisen können: die Tatsache nämlich, dass Armut und Arbeitslosigkeit seelisch erkranken lassen. Und zwar vor allem an Depressionen. So hat der US-amerikanische Forscher Christopher Hudson in einer Langzeitstudie aus den Jahren 1994 bis 2000 ermittelt, dass bei von ihm mit ihren Daten erfassten 34.000 PatientInnen vier Siebtel wegen Armut oder des Absturzes in Arbeitslosigkeit an Depression oder Schizophrenie erkrankten. Und der deutsche Medizinsoziologe Johannes Siegrist von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf ist zu ähnlichen Ergebnissen gelangt, bestätigt darin von dem Diplom-Psychologen Frank Meiners, der für die DAK entsprechende Krankendaten ausgewertet hat. Depression aber, das ist nicht nur einfach „ein bisschen“ Lustlosigkeit und „ein bisschen“ Verstimmung, „ein bisschen“ Niedergeschlagenheit und „ein bisschen“ Antriebslosigkeit – was übrigens schon Erklärung genug dafür wäre, dass Arbeitslose nicht einmal mehr wählen gehen. Nein, Depression ist auch Körperveränderung, vereinfacht gesagt: veränderte Gehirnchemie.

Die biologischen Folgewirkungen der Depression

Hier ist nicht der Platz, das medizinisch-detailliert zu erläutern. Aber wenn man in dem Standardwerk zur Bestimmung seelischer Erkrankungen, dem Handbuch „Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM-III“, zu lesen hat: ein Hauptmerkmal depressiv erkrankter Menschen sei, „dass ihnen alles egal ist“: dann sollte das auch in unserem Zusammenhang aufhorchen lassen. Und wenn sich an gleicher Stelle die Information findet, dass Depressionserkrankte nicht einmal mehr imstande sind, sich selber Hilfe zu suchen, und nicht selten sogar Hilfe von außen ablehnen, dann haben diese Diagnosen der Wissenschaftler eben auch eine politische Dimension! Sie bedeuten: Hartz IV bestimmt nicht mehr nur den äußeren Alltag der betroffenen Menschen, Hartz IV vergiftet auch das Innere der Arbeitslosen. Kurz: Die sogenannte „Agenda 2010“ stürzt mehr und mehr Menschen auch in politische Apathie. Hartz IV, das ist nicht „nur“ Elend als materielles Außenphänomen, Hartz-IV ist auch ein inneres – seelisch-materielles – Mangelsyndrom, mit politischer Lethargie im Gefolge. Der Grund, der hier zugleich ein Abgrund ist:

Bei einsetzender und andauernder Depression sinkt im Gehirn der betroffenen Menschen die Menge der sogenannten Neurotransmitter oder Endorphine ab – oft populär auch „Glückshormone“ genannt. Serotonin, Dopamin, Noradrenalin – um nur diese drei Stoffe zu nennen, die zentral für unsere Stimmung, für unsere Aktionsbereitschaft, für unsere innere Kraft verantwortlich sind – werden nicht mehr im hinreichenden Ausmaß von unserem Körper produziert oder existieren gar nicht mehr. Das bedeutet: die oben erwähnten Symptome – Antriebslosigkeit, Desinteresse, Niedergeschlagenheit und übrigens auch: sozialer Rückzug! – haben nicht mehr „nur“ eine Grundlage in der realen äußeren Lebenssituation der betreffenden Menschen, sie haben nun auch in unserem Kopf ihre ganz reale materielle Basis.

Kurz: Depressionserkrankte sind nicht Menschen, „die nicht mehr wollen“, Depressionserkrankte sind Menschen, „die nicht mehr können“. Und ihnen das nun auch noch vorzuwerfen – wie begreifbar die eigene Enttäuschung auch sein mag, als Kandidatin oder Kanditat -, das hieße, gleich zwei Fehler auf einmal zu begehen: Erstens, eine furchtbare Krankheit nun auch noch mit moralischen Vorhaltungen zu überziehen (kämen wir bei der Grippeerkrankung anderer ebenfalls auf diese Idee?), und zweitens, ausgerechnet jenen Menschen Vorwürfe zu machen, die Opfer, nicht aber Urheber ihrer Erkrankung sind. Was drittens zur Folge hätte: Ausgerechnet wir, die engagierten Gegner von Hartz IV, schonten damit die eigentlichen Verursacher dieser Erkrankung, die verantwortlichen – und ergo unverantwortlich handelnden – Politiker und gäben stattdessen den Opfern dieser Politik Schuld an ihrer furchtbaren Verfassung. Wollen wir das?

Das Schweigen der Expertenverbände

Die Seele ist kein Kasernenhof, wo man auf Befehlsempfang gesundet. Oder ganz drastisch gesagt: Noch niemals bislang hat „Zusammenscheißen“ einen Menschen wieder aufgerichtet. Wer an solche „Pädagogik“ glaubt, reflektiert nicht mehr, sondern zeigt nur noch Reflexe. Und er agiert mit solcher Verelendetenbeschimpfung oder mit ausschließlich kopfbezogener Wählerbelehrung weit, weit an der seelischen Realität dieser Menschen vorbei. Mein Zorn richtet sich deswegen auch im wachsenden Maße gegen eine ganz andere Gruppe von Menschen in der Bundesrepublik (sieht man von den oben erwähnten Ausnahmen ab): gegen die Psychotherapeuten- und Medizinerzunft. Wo ist deren gemeinsames Manifest gegen die Inhumanitäten von Hartz IV? Wo sind die großen Kongresse ihrer Wissenschaftlervereinigungen dazu? Wo die Studien, die den hier benannten Zusammenhang zwischen sogenannten „soziogenetischen Faktoren“ und Depressionsverbreitung nunmehr auch am Beispiel Hartz IV überprüfen und darlegen?

Meine Enttäuschung gilt nicht den Opfern, sondern deren potentiellen Helferinnen und Helfern. Sollte den Medizinern und Psychotherapeuten ihr objektiver Zynismus entgehen? Hinter verschlossener Tür, in ihren Behandlungszimmern, den Patientinnen und Patienten mit all ihrer Kompetenz zu helfen und helfen zu wollen. Dort also ihren Mund aufzumachen! Und draußen – in der Welt, die seit längerem aus politischen Gründen auch eine Welt der Krankheitsverursachungen ist – den Mund zu halten und auf den eigenen Kongressen stattdessen lieber über neue Psychopharmaka zu diskutieren und neue Formen der Kurzzeittherapien! Fast könnte man meinen, die Ärzte und Psychotherapeuten schwiegen deshalb so beharrlich in der Gesellschaft, weil ihnen sonst die verheerende Hartz IV-Politik nicht so viele neue Patientinnen und Patienten zutriebe und damit lukratives „Krankenmaterial“!

Meine Warnung deshalb: Verrennen wir uns nicht aus teilweise verstehbarem Ärger in völliges Unverständnis den Hartz IV-Betroffenen gegenüber – ausgerechnet nun auch von unserer Seite aus! Die Opfer der bundesdeutschen Sozialpolitik würden damit auch zu unseren Opfern! Begreifen wir stattdessen, und begreifen wir bitteschön dieses ganz: Hartz IV ist nicht nur materielle Zwangsverelendung, Hartz IV ist auch seelische Zwangspathologisierung! – Nehmen wir diese Erkenntnis nicht ernst, nehmen wir auch die betroffenen Menschen nicht ernst!

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