Als Antifaschistin Israel kritisieren

 in Ellen Diederich, Politik (Ausland)
Gideon Spiro, linker israelischer Journalist und Polit-Aktivist

Gideon Spiro, linker israelischer Journalist und Polit-Aktivist

Über Ellen Diederichs Artikel zu Ariel Sharon und der Diskriminierung der Beduinen in der Negev-Wüste entspann sich ein Briefwechsel und eine angeregte Diskussion. Diesen Brief schrieb Ellen an den HDS-Kommentator und -Autor Eulenfeder. Es ist eigener Artikel geworden, der sich fundiert über den Zwiespalt äußert, den sie speziell als „68erin“ empfindet, wenn sie israelische Politik kritisieren wollte. Das Entsetzen über die Nazi-Verbrechen, die nach dem Krieg bekannt wurden, ging bei Ellen Diederich sehr tief und machte sie lange beklommen, wenn es darum ging, die Schattenseiten des neu gegründeten Juden-Staats anzusprechen. Engagierte Jüdinnen und Juden waren es dann, die sie motivierten, auch und gerade als Deutsche zu der Unterdrückung der Palästinenser nicht zu schweigen.

Viele Jahre hatte ich eine große Scheu, mich mit Israel kritisch auseinanderzu-setzen. Meine Generation ist aufgewachsen mit dem Entsetzen über den Hitler-Faschismus, den 2. Weltkrieg und den Holocaust. Mit 13 habe ich das erste Buch über die Konzentrationslager gelesen: „Der Arztschreiber von Buchenwald“. Au-tor war Walter Poller ein sozialdemokratischer Journalist, der gezwungen war, die medizinischen Experimente an Gefangenen dort zu dokumentieren. Schon damals habe ich mich entschlossen, alles zu tun, damit so etwas nie wieder geschieht. Mit 14 Jahren besuchte ich das erste Mal das Anne Frank Haus in Amsterdam und las „Die weiße Rose“.

Als junge Frau suchte ich nach Modellen von Gemeinschaftseinrichtungen, fand die ursprünglichen Kibbuzim in Israel eine sehr attraktive Form. Das sehr emotionale Buch „Exodus“ von Leon Uris über die Anfänge der Kibbuzim und die militärischen Kämpfe jener Zeit wurde ein Schlüsselbuch. Den Wahrheitsgehalt sehe ich heute sehr anders.

Ich habe mir eine ganze Reihe ehemaliger Konzentrationslager angesehen, darunter Ravensbrück, Buchenwald, Neuengamme, Theresienstadt, Dachau, Auschwitz, Birkenau, Orte wie Lidice in Tschechien, in dem alle Männer und Jungen ermordet, die Frauen nach Ravensbrück transportiert wurden, Chattyn in Weißrussland als Symbol für tausende durch die Hitler-Armeen zerstörte Dörfer in der Sowjetunion, habe viele Bücher gelesen und Filme angeschaut. Ich habe mit vielen Überlebenden gesprochen.

Die Verbrechen dieser Zeit sind schwer zu beschreiben, noch viel weniger zu begreifen.

Im Zusammenhang mit meiner Friedensarbeit bin ich dann in einer Reihe von Ländern gewesen, in denen Krieg und Menschenrechtsverletzungen aktuell waren oder noch sind, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und Solidaritätsarbeit zu leisten. Bei der Weltfrauenkonferenz in Nairobi hatte ich zusammen mit anderen einen Ort organisiert, wo Frauen aus so genannten Feindesländern in den Dialog kommen konnten. Einer der Dialoge war der zwischen israelischen und palästinensischen Frauen. Die Moderation machte Barbara Bick, eine gute Freundin aus den USA. Sie ist Jüdin, war viele Jahre im Weltfriedensrat, in dem die sozialistischen Länder eine große Rolle spielten. In der Zeit des Kalten Krieges war das für eine US-Amerikanerin nicht gerade einfach, in einer Organisation zu arbeiten, in der sich auch Menschen aus dem „Feindesland“ engagierten.

Alle Dialoge in Nairobi waren sehr schwierig, aber der israelisch-palästinensische war am schwierigsten. Die Verletzungen auf beiden Seiten gehen so tief! Durch Barbara bekam ich auch Kontakt zu Juden und Jüdinnen in den USA, die zur Politik des Staates Israel ein kritisches Verhältnis haben. Ich begann, mich intensiver mit den Hintergründen des Konfliktes zu befassen.

Bei einer Friedenskonferenz in Stockholm lernte ich Gideon Spiro kennen. Gideon ist Jude, er war drei Jahre alt, als seine Mutter gerade noch rechtzeitig aus Nazi Deutschland mit ihm nach Palästina fliehen konnte. Er war Elitesoldat in der Israelischen Armee, Fallschirmspringer, hoch dekoriert. Er arbeitete im Erziehungsministerium. Als die israelische Armee in den Libanon einmarschierte, quittierte Gideon den Dienst, gründete mit anderen zusammen die israelische Organisation der Kriegsdienstverweigerer, die bis heute dort einen schweren Stand hat. Seine Rede in Stockholm hat mich von jeder Scheu des kritischen Umgangs mit der israelischen Regierungspolitik befreit. Ich glaube, das konnte nur durch einen Israeli geschehen. Wir haben später zusammen an einem Versöhnungscamp zwischen Israelis, Palästinensern, Deutschen und US-AmerikanerInnen in Portugal teilgenommen. Dort waren sowohl Kriegsdienstverweigerer aus Israel, junge Männer aus Palästina, die in der 2. Intifada Steinewerfer gewesen waren, Rabbiner, Sozialarbeiter, Männer und Frauen, die alle ihre Kraft einsetzen, um friedliche Lösungen zu erarbeiten.

Gideon wurde aus dem Ministerium entlassen, man hat ihm sogar die Rente ge-strichen. Er wurde Journalist, Sprecher des Komitees für einen ABC-Waffen-freien Nahen und Mittleren Osten und des Komitees für Mordechai Vanunu. Vanunu war der Techniker, der im AKW Dimona gearbeitet hat und als erster die Weltöffentlichkeit über die israelischen Atomwaffen bei einem Besuch in GB informierte. Er war auf dem Weg nach Italien, um weiter Öffentlichkeit herzustellen. Dort wurde er vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst, entführt, nach Israel verschleppt. Er war 18 Jahre im Gefängnis, davon 12 Jahre in Einzelhaft.

Am 21. April 2004 wurde Vanunu unter strengen Auflagen freigelassen. Unter anderem darf er Israel nicht verlassen, darf sich keiner ausländischen Botschaft nähern und muss über geplante Ortswechsel Rechenschaft ablegen. Außerdem darf er weder das Internet noch Handys benutzen, und jeder Kontakt mit ausländischen Journalisten ist ihm verboten. Trotz der Auflagen hat er bereits über 100 Interviews gegeben, weswegen er mehrmals inhaftiert wurde. Zurzeit lebt er im Gästehaus der St. Georgs-Basilika in Jerusalem.

Ich habe in der BRD einige Kampagnen für Vanunu gemacht. Er hat den alternative Nobelpreis und andere Auszeichnungen bekommen. Für Gideon ist die Arbeit als Sprecher des Vanunu Komitees in Israel immer mit vielen Problemen belastet gewesen.

Ich habe mich in beiden Ländern sorgfältig und ausführlich umgesehen, habe Freundschaften mit Israelis und Palästinensern. Ganz viel gelernt habe ich von Jakob Moneta, meinem alten jüdischen Freund, der leider vor einiger Zeit im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Jakob war lebende Geschichte, etwa 100 seiner Angehörigen sind in der Nazizeit ermordet worden. Er ist nach dem Abitur Anfang der 30er Jahre aus Deutschland nach Palästina gegangen, war dort in einem Kibbuz, kein Zionist, er war Sozialist, hatte lange vor der Gründung des Staates Israel die Vorstellung eines gemeinsamen Landes von Juden und Palästinensern. Während des 2. Weltkrieges war er von den Engländern in Palästina im gleichen Lager wie Moshe Dayan interniert. Nach dem Krieg kam Jakob zurück nach Deutschland, wurde Journalist und viele Jahre Chefredakteur der Zeitung der IG Metall. Er war der am besten informierte Mensch über linke Geschichte, die des Nahost Konfliktes und insbesondere die der Widerstandsbewegungen, den ich getroffen habe.

Über Palästina habe ich sehr viel von Abdallah Frangi gelernt, er war von 1993 bis 2005 der Generaldelegierte für Palästina, die Stimme Palästinas in Deutschland. Wäre Palästina ein Staat, wäre das die Position des Botschafters. Er stammt aus einer Beduinenfamilie in Beersheba, die, wie sehr viele der Beduinen, 1948 aus ihrem angestammten Land im neu gegründeten Staat Israel nach Gaza vertrieben wurde. Nach dem Abitur kam er nach Deutschland, um Medizin zu studieren. Nach dem Attentat in München während der Olympischen Spiele wurde er aus Deutschland ausgewiesen, konnte später zurückkehren. Der israelische Geheimdienst hatte ihn eine Zeit lang auf seiner Todesliste. Seit 1960 ist er Mitglied der Fatah, war deren außenpolitischer Sprecher

Ich habe ihn bewundert. Er wurde in Deutschland bei öffentlichen Auftritten, Veranstaltungen, Radio- und Fernsehinterviews dafür, dass er versuchte, die Lage der PalästinenserInnen deutlich zu machen, für sie einzutreten, sehr angegriffen. Ich habe ihn gefragt, wie er das aushält? Er erklärte mir, dass er bei solchen Gelegenheiten meistens sehr wenig Zeit zur Verfügung habe. Wenn er die Zeit dafür nutzen würde, einen Streit zu beginnen, bliebe zu wenig Zeit über die Lage der PalästinenserInnen zu sprechen, Also versuche er, die Angriffe weitgehend zu negieren. Ein großartiger, sensibler, mutiger Mann. Sein Buch über die PLO ist sehr informativ. Heute ist er Berater für außenpolitische Angelegenheit für die palästinensische Regierung.

Seine wichtigsten Veröffentlichungen:
PLO und Palästina – Vergangenheit und Gegenwart. Fischer, 1982, ISBN 3-88323-350-1

Der Gesandte: Mein Leben für Palästina. Hinter den Kulissen der Nahost-Politik. Heyne Verlag, München 2011, ISBN 978-3-453-19354-3.

Weiter aus Büchern habe ich vor allem von Felicia Langer gelernt, jüdische Rechtsanwältin, die in Israel viele Jahre Palästinenser vor den israelischen Militärgerichten verteidigt hat, dafür erhielt sie den alternativen Nobelpreis. Sie lebt heute in Tübingen und engagiert sich hier und international für die Sache der Palästinenser. In Deutschland erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Kaum eine Verleihung hat soviel bösartige Häme und Kritik hervorgerufen wie diese.

Ihre Bücher sind Augen öffnend. Nie zuvor hatte ich von einer Autorin innerhalb kürzester Zeit 5 Bücher gelesen.

Die Entrechtung der Palästinenser: 40 Jahre israelische Besatzung von Felicia Langer und Maren Hackmann von Lamuv (Oktober 2006)

Mit Leib und Seele: Autobiographische Notizen von Felicia Langer von Zambon (31. August 2012)

Um Hoffnung kämpfen: Was die Alternative Nobelpreisträgerin bewegt von Felicia Langer von Lamuv (Dezember 2008)

Wo Hass keine Grenzen kennt von Felicia Langer von Lamuv (1995)

Quo vadis Israel? Die neue Intifada der Palästinenser von Felicia Langer von Lamuv (2002)

Miecius später Bericht von Felicia Langer von Lamuv (2001)

Zorn und Hoffnung von Felicia Langer, Barbara Linner und Michael C. Sternheimer von Lamuv (1996)

Brücke der Träume. Eine Israelin in Deutschland. von Felicia Langer von Lamuv (Mai 2003)

Felicia Langer, Brandherd Nahost

Die Frau, die niemals schweigt: Stationen eines Lebens von Karl-Klaus Rabe und Felicia Lan-ger von Lamuv (Dezember 2005)

Lasst uns wie Menschen leben.‘. Schein und Wirklichkeit in Palästina von Felicia Langer von Lamuv (1996)

Die Zeit der Steine von Felicia Langer von Lamuv Verlag GmbH (Juni 1997)

Über Palästina habe ich sehr viel von der Palästinenserin Sumaya Farhet-Naser, Professorin in Birzeit gelernt. Sie hat eine tiefgehende Beschreibung von Geschichte und Alltagsleben Palästinas geleistet. Sumaya ist palästinensische Christin. In der Nähe von Bethlehem gibt es seit den 20er Jahren eine von deutschen Diakonissen gegründete Schule Talitha Kumi (Mädchen steht auf!) Sumaya besuchte diese Schule. Zum Studium der Biologie, Geografie und Erziehungswissenschaften ging sie nach Hamburg. Sie promovierte in angewandter Botanik.

Sie ist Professorin, 15 Jahre lang war sie Dozentin an der Universität Birzeit in Palästina. Diese Hochschule war immer wieder durch die Israelis geschlossen worden. Es gab oft nur die Möglichkeit der geheimen Unterrichtsstunden irgendwo in privaten Wohnungen. Sumaya engagierte sich sehr in den Aktionen für einen gerechten Frieden, für Verständigung von israelischen und palästinensischen Frauen – Bat Schalom. Sie macht häufig Reisen nach Deutschland und informiert ohne Schnörkel über die Realitäten des Konfliktes. Zusammen mit der israelischen Friedensaktivistin Gila Svirsky erhielt sie 2002 den Hermann Kesten Preis des Deutschen PEN. Gila Svirksky ist Mitinitiatorin der Frauen in Schwarz, die Woche für Woche in Jerusalem Aktionen für Frieden machen. Sie demonstrieren für Versöhnung, beobachten und kritisieren die Aktivitäten israelischer Soldaten an den Grenzübergängen.

Im Schatten des Feigenbaums von Willi Herzig, Chudi Bürgi und Sumaya Farhat-Naser von Lenos (August 2013)

Thymian und Steine: Eine palästinensische Lebensgeschichte von Rosmarie Kurz, Chudi Bürgi und Sumaya Farhat-Naser von Lenos (Juli 2012)

Disteln im Weinberg: Tagebuch aus Palästina von Martin Heule, Regula Renschler, Chudi Bürgi und Sumaya Farhat-Naser von Lenos (August 2007)

Verwurzelt im Land der Olivenbäume: Eine Palästinenserin im Streit für den Frieden von Dorothee Wilhelm, Manuela Reimann, Chudi Bürgi und Sumaya Farhat-Naser von Lenos (15. Januar 2005)

FotoFolie, 3: Jenseits von Jerusalem / Out of Jerusalem von Olivia Heussler, Martin Wo-ker, Ruchama Marton und Sumaya Farhat Naser von Benteli (1993)
EIN LEBEN FÜR DEN FRIEDEN. Klartexte über Israel und Palästina. Vorwort von Sumaya Farhat-Naser. Seit über vierzig… von Uri. Autor / Titel: Avnery von – Heidelberg.: Pal-myra.. (2003)

Untersuchungen über Sesam- und Saflorviren unter Berücksichtigung der „Pflanze-Virus-Wechs… sowie die… von Sumaya Hanna Farhat-Naser (1982)

An Friedensaktionen in Israel, zusammen mit den Frauen in Schwarz war ich beteiligt, bin kreuz und quer durch beide Länder gefahren.

Eine Fotoausstellung und eine Diaschau, die ich erarbeitet habe, tragen beide den Titel „Auf Afrikaans nannte man es Apartheid“. Das ist ein Satz des südafrikanischen Friedensnobelpreisträgers Bischof Desmond Tutu nach seinem Besuch in Nahost. Ich habe viele Veranstaltungen gemacht. Die Beschimpfung als Antisemitin nehme ich zur Kenntnis, weiß, dass sie absolut falsch ist.

Fast 30 Jahre befasse ich mit dieser Region, habe viele verschiedene Stadien durchgemacht. Meine Wut über die perfide, grauenvolle Unterdrückung der PalästinenserInnen ist groß. Ich versuche dennoch, so sachlich wie möglich, Fakten zusammen zu tragen. In Deutschland ist die Berichterstattung über Nahost weitgehend einseitig. Hinter dem Wort Palästinenser kommt oft das Wort Terrorist. Ich versuche, etwas gegen diese Einseitigkeit zumindest in dem kleinen Bereich, in dem ich die Möglichkeit habe, zu tun, indem ich andere Information aufbereite, um so zum besseren Verständnis beizutragen.

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