Bernhard Fricke: Das Feuer ist nicht erloschen

 in Politik (Inland), Spiritualität, Umwelt/Natur
Die Sonnenarche mit typischen Bewohnern

Die Sonnenarche mit typischen Bewohnern

Das schöne Porträt von Sabine Schreiber skizziert den Weg Bernhard Frickes vom umtriebigen Umweltaktivisten zum Frieden spendenden Arche-Vater. Sie besuchte den Gründer der Bürgerinitiative „David gegen Goliath“ in seinem idyllisch gelegenen „Tierpark“ und kam mit reichhaltigen gedanklichen Anregungen wie auch visuellen Eindrücken zurück. (Erstveröffentlichung am 7. November 2014 in der pressewoche Rosenheim, Ausgabe 318.)

Halfing – Als Antwort auf das Klingeln an der mächtigen Doppeltüre des auf einer Lichtung gelegenen Hofes ertönt ein kehliges, vielstimmiges Gebell – ich kann nicht sagen, ob gleich ein Rudel Wölfe um die Ecke biegt oder eine Meute Urenkel des Hundes von Baskerville. Mit leicht beschleunigtem Puls hoffe ich einfach auf das Beste. Und tatsächlich: Obwohl die vier irischen Wolfshunde, die aus der sich öffnenden Türe tapsen, hünenhaft groß sind und sich ihre ungemeine Kraft in jeder Bewegung abzeichnet, verfliegt meine Unruhe im Nu. Wie Kätzchen kuscheln sie sich an mich, rührend darauf bedacht, ihren Gast nicht zu erdrücken. Das Geleit gibt ihnen ein freundlich schmunzelnder Bernhard Fricke, dessen weiß blonde Frisur in der Oktobersonne mit den durch die Luft flirrenden Spinnfäden um die Wette funkelt. Ausgerechnet die rechte Hand hat er bandagiert – daher schütteln wir herzlich die Linke. Erst kürzlich habe er sich beim beherzten Versuch Platz in der Mülltonne zu schaffen zwei Sehnen der rechten Hand durchtrennt, erklärt der Hausherr auf dem Weg zum Sonnenplatz unter wildem Wein. Er nimmt es gelassen. Es gibt wichtigere Dinge zu besprechen.

Bernhard Fricke

Bernhard Fricke

Bernhard Fricke wurde in Hofgeismar bei Kassel an der Zonengrenze geboren, wuchs auf dem großväterlichen Selbstversorger-bauernhof heran, die Mutter war Ärztin, der Vater Jurist. Er studierte in Freiburg, Wien und München die Fächer Jura, Politik und Psychologie und durchreiste als Journalist für den Bayerischen Rundfunk die ganze Welt, traf dabei viele Menschen und Weisheitslehren, fand sich zu Letzt vielleicht sogar ein Stück weit selbst auf dem Weg durch diese äußerst glücklichen Jahre. Er arbeitete Anfang der 80er Jahre für den rührigen SPD Politiker Erhard Eppler, war Landesvorsitzender der Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union und begann schließlich in München als Anwalt zu arbeiten. Er wurde im Oberland sesshaft und musste im Frühjahr 1986 die Tschernobyl Katastrophe in Bad Endorf erleben. Als der radioaktive Fallout in unseren Breiten niederging, hielt er sich wie viele damals nichtsahnend bei schönem Wetter im Freien auf, war eine Runde joggen. Die Betroffenheit über das Ausmaß der Katastrophe, die persönliche Gefährdung und die Entrüstung über die Machenschaften und Heimlichtuereien der Politik als auch der Atomindustrie lösten eine Initialzündung aus: Er gründete mit einigen Mitstreitern den inzwischen berühmt berüchtigten Verein David gegen Goliath (DaGG), der sich als großes Ziel die Abkehr vom Atom- und Wachstumskurs setzte.

Wenn Bernhard Fricke heute von der Geburtsstunde des Vereins spricht, bekommt seine ansonsten so sonore und ruhige Stimme eine gewisse Schärfe, nicht im aggressiven, eher im würzigen Sinne. „Alles was ich in meinem Leben gelernt, erlebt und erfahren habe, kondensierte in der Arbeit für den Verein.“ Aus voller Kehle kräht der Hahn, der sich just neben unserem Sonnenplatz niedergelassen hat, seine Zustimmung in den wolkenlosen Oktobernachmittag. „Die Sonne strahlt jedes Jahr das Vieltausendfache der Menge an Energie ab, die wir brauchen. Wir wollten und wollen keine Geisel der Atomindustrie sein.“ Mit eindringlichen Worten spricht Fricke über langsam erodierende Atommüllfässer im Meer, vom erfolgreichen Widerstand gegen die WAA Wackersdorf, Fukushima, vom Widerstand gegen die Kernkraft und der Hinwendung zur Sonnenenergie. Man kann sich gut vorstellen wie er als langjähriger Münchner Stadtrat, als Mitglied des Ältestenrats, als Redner bei Kundgebungen oder aber auch als auf Bäumen kampierender Umweltaktivist mit seiner eloquenten Überzeugungskraft die Ohren und Gemüter der Menschen erreichte. Immer mit dem Ziel auf der Seite des Schwächeren (Davids) Stellung zu beziehen und übermächtigen Gegnern (Goliath) die Stirn zu bieten, verwirklichte Bernhard Fricke eine Vielzahl an spektakulären Aktionen und Kampagnen. „Unsere Herausforderung ist die Überlebenskrise unserer Zivilisation – und dieser großartigsten und vergeblichsten Aktion habe ich mein Leben geweiht, auf Gefahren hinzuweisen, mit Nachdrücklichkeit zu mahnen, zu warnen und Mut zu machen.“, sagt er und lächelt jeden drohenden Anflug von Pathos schelmisch hinweg. Das Feuer ist nicht erloschen in diesem besonderen, fast 65 Jahre zählenden Menschen: Das Feuer, das ihn mit der Energie versorgte, 36 Stunden eine vom Neubau der Schrannenhalle bedrohte Linde am Viktualienmarkt zu besetzen, auf den Gleisen des Pasinger Bahnhofs sitzend einen ICE zu stoppen, eine Lach-Verordnung für Münchener Beamte zu fordern, das berühmte Münchner Glockenspiel von Solarenergie betreiben zu lassen oder 2013 die geplante Erdgasbohrung im Naturschutzgebiet der Hemhofer Seenplatte endgültig zu stoppen.

Doch das Feuer hat nun eine andere Qualität erreicht: Nach vielen Jahren des umtriebigen Aktionismus lässt Bernhard Fricke nun die Ruhe Einkehr halten auf seiner „Sonnen-Arche“, wie er sein Forchtenegger Zuhause nennt. 2001 kam er mit seiner ungewöhnlichen Gefährtin, dem Schaf Serafina, hier her und erschuf nach und nach ein friedvolles Paradies, in dem Wolfshunde brüderlich neben Schafen leben, ein bunter Geflügelhaufen eifrig, aber keineswegs streitsam herumturnt, Pferde, Esel, Schweine, Ziegen, Katzen und viele weitere Tiere ein beschauliches Heim gefunden haben. Den politischen Pfad habe er nun verlassen, versuche auch seine Tätigkeit als Anwalt von seinem Münchner Büro ins Chiemgau zu verlagern und mehr als Mediator und Berater zu wirken, erklärt Fricke, der auch eine Ausbildung zum naturheilkundlichen Psychotherapeuten genossen hat. Seine Tage beginnen und enden mit Dankbarkeit und Meditation, sind geprägt vom Willen zur Verlangsamung und von der bewussten Distanz zu virtuellen Medien.

Während unser Gespräch wilde Ranken in alle Richtungen treibt, er immer wieder von seinen beiden wichtigsten Prämissen – der Liebe und Freude – spricht, aus vielzähligen Schriften zitiert, machen Schmetterlinge, die sich gelegentlich ungeniert für ein Flatterpäuschen auf ihm niederlassen, die Idylle fast unwirklich perfekt. Wir sprechen über Glauben, darüber, wie junge Menschen sich heute in der Diffusität der Macht- und Gesellschaftsstrukturen zurecht finden können, darüber, ob die Welt denn noch zu retten sei, über Gleichgewicht und Ungleichgewicht und kehren immer wieder zu dem einen Punkt zurück: der Nächstenliebe. „Meine Vision ist eine das Leid nicht leugnende Welt der Geschwisterlichkeit unter den Gesichtspunkten der Liebe, der Achtsamkeit, der Vergebung, der Barmherzigkeit und der Freude.“, klingt es wohlig hoffnungsvoll aus seinem Mund. Wenn denn die Menschen nur bei sich selbst anfangen würden, ihre Taten überdenken, ihre Gedanken in Taten verwandeln und in ihrem eigenen Leben grundsätzlich ins Reine kommen könnten, dann wäre die Basis für einen grundsätzlichen Wandel, so wie er für die Rettung unserer Zivilisation von Nöten wäre, nicht mehr ganz so weit entfernt.

Noch spätabends, als ich mich schon tief in die Kissen kuschle, um die Wärme der im Laufe des Tages eingefangenen Sonnenstrahlen mit in den Schlaf zu nehmen, – irgendwo zwischen heute, morgen und gestern – hallt das Echo der erlebten Begegnung hinter meinen geschlossenen Augendeckeln angenehm mit einer mir von Fricke mitgegebenen Gedichtzeile nach:

„Die Nacht wird nicht ewig dauern.
Es wird nicht finster bleiben.
Die Tage, von denen wir sagen, sie gefallen uns nicht
werden nicht die letzten Tage sein.
Wir schauen durch sie hindurch vorwärts auf ein Licht,
zu dem wir jetzt schon gehören und das uns nicht loslassen wird.“
(Hellmut Gollwitzer)

verfasst von Sabine Schreiber im Auftrag der pressewoche Rosenheim

zur Autorin: Sabine Schreiber, geboren 1985 in Hausham, studierte Diplom-Dramaturgie, Theaterwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und der LMU München. Sie arbeitet derzeit als freie Dramaturgin, Regisseurin, Journalistin, u.a. für die pressewoche Rosenheim, und lebt mit Mann und Kind in Holzkirchen, Lkr. Miesbach.

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