Darf es ein bisschen mehr sein?

 In Politik (Inland)
Armenspeisung 1924, Quelle: Bundesarchiv

Armenspeisung 1924, Quelle: Bundesarchiv

Armut als Ware in der Goodwill-Industrie. Von ihrem Gründungsmythos, der Tafelidee (die so viele Menschen „charmant“ oder „überzeugend“ finden), entfernt sich die Tafelbewegung immer häufiger. Vor 20 Jahren bestand diese Idee darin, überflüssige aber noch verzehrfähige Lebensmittel an bedürftige Menschen zu verteilen. Inzwischen ist Armenspeisung zu einem marktförmigen Unternehmen geworden. (Stefan Selke)

Eins-Mehr-Aktionen für „Hartware“

Jedes Jahr lässt sich das kurz vor Weihnachten in deutschen Supermärkten beobachten. Etwas Sonderbares passiert. Die Tafeln rufen dazu auf, (zusätzliche) Lebensmittel zu kaufen, die dann am Eingang des Supermarktes eingesammelt und an den nächsten Ausgabentagen der Tafeln an Bedürftige verteilt werden. Vor allem wird dabei um „Hartware“ gebeten, also Lebensmittel, die lange haltbar sind und nicht zum üblichen Angebot der Tafeln gehören.

„Eins mehr!“ heißt die bekannteste dieser öffentlichen Sammelaktionen. Sie wurde von der Berliner Tafel ersonnen und hat sich längst als Standard etabliert. Dabei ist den ErfinderInnen selbst bewusst, dass sie von den eigenen Tafel-Prämissen abweichen. Zur Legitimation heißt es auf der Webseite (http://www.berliner-tafel.de/laib-und-seele/helfen/spenden/): „Der Grund, vom eigentlichen Tafel-Prinzip, dem Einsammeln überflüssiger Waren, abzuweichen, ist einfach: Einen Schoko-Nikolaus oder ein Krokant-Ei bekommt die Tafel erst Wochen nach den eigentlichen Festen. Waren wie Kaffee oder Salami sind immer rar. ‚Eins mehr!’ ist die Chance, den Menschen dreimal im Jahr die Feiertage etwas schöner zu gestalten.“

Die Eins-Mehr-Aktionen sind inzwischen bundesweit beliebt und gehören zum Selbstdarstellungsrepertoire der Tafelbewegung. Kaum eine andere Marketingaktion zeigt deutlicher, dass die Tafeln gerade keine soziale Bewegung sind (als die sie sich gerne bezeichnen), sondern ein „moralisches Unternehmen“, das innerhalb einer immer weiter um sich greifenden Armutsökonomie inzwischen einen festen Platz eingenommen hat. Moralische Unternehmen vermarkten keine Produkte, sondern gute Gefühle.

Armut als Ware

Innerhalb der Armutsökonomie ersetzt die Abspeisung der Armen mittels Kampagnen wie „Eins mehr!“ eine nachhaltige Armutsbekämpfungspolitik. Armut wird zu einer Ware („Kommodifizierung“) innerhalb eines stetig wachsenden Marktes, dessen Prototyp die Tafeln sind. Dem vormodernen Inneren („Armenspeisung“) steht ein immer moderneres Äußeres („Wohltätigkeitsagenturen“) gegenüber. Deutlich wird dies z.B. durch die Einführung von Spendensiegeln, die den Tafeln das Vertrauen gegenüber ihren Spendern und Sponsoren sichern.

Der „Bundesverband Deutsche Tafel e.V.“ ließ sich mit dem DZI-Spendensiegel auszeichnen, das vom „Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen“ verliehen wird und eine „nachprüfbare, sparsame und satzungsgemäße Verwendung“ eingehender Spenden attestiert. Nachprüfbar, sparsam und satzungsgemäß bedeutet aber nicht automatisch auch sinnvoll. Denn wer im großen Stil Lebensmittel zukauft, der hilft nicht nur „die Feiertage schöner zu gestalten“ (Berliner Tafel) sondern stabilisiert gerade dasjenige System, das eigentlich überflüssig sein sollte.

In armutsökonomischen Märkten werden keine Produkte herstellt, sondern handlungsentlastende Images. Die Tafeln (inzwischen selbst eine eingetragene und juristisch geschützte Marke!) produzieren als moralische Agenturen ein Image, das sich perfekt in den Funktionssystemen Wirtschaft („Corporate Social Responsibility“), Politik („Bürgerschaftliches Engagement“) und Medien („Hilfe für die Armen“) vermarkten lässt. Die Bundes-Tafeln dominieren dabei das Feld des privatisierten Armutsmanagements. Um ihren Markenwert zu steigern, inszenieren sie in regelmäßigen Abständen Pseudoereignisse (z.B. Lebensmittelwetten mit prominenten Politikern) oder stützen sich auf Exklusivverträge mit Sponsoren (z.B. Lidl, Rewe). Sie operieren nach marktförmigen Expansionslogiken („Tonnenideologie“) und erstellen „Wirkungsbilanzen“ wie gewinnorientierte Unternehmen.

Zusammen bedeutet dies, eine Veränderung des Charakters freiwilligen Engagements. In armutsökonomischen Märkten gesellt sich zur Ökonomisierung des Sozialen auch die Ökonomisierung des Engagements. Die Folge davon ist, dass zivilgesellschaftliches Engagement in einem neuen Maßstab kalkulier- und einplanbar wird. Aus Bereitschaftspotenzialen und spontanen Hilfeimpulsen werden systematisch berechenbare Hilfeleistungen gemacht. Durch die Selbstverständlichkeitskeitsunterstellung, mit der das innerhalb der armutsökonomischen Goodwill-Industrie geschieht, vollziehen sich ein Werteverlust und eine moralische Korrumpierung „freiwilligen“ Engagements.

Korrumpierung der Tafeln

Diese Korrumpierung der Tafelbewegung beschäftigt die Tafelforschung schon länger. Langsam wird die Kritik auch von der Presse aufgegriffen. Medienberichte über Tafeln, die ihre „Versorgungsleistung“ nicht mehr erbringen können, häufen sich in den letzten Monaten. Die Titel bewegen sich zwischen „Abhängig von Almosen“ und „Kaum mehr Brot für die Tafeln“. Nun auch der SPIEGEL (Guido Kleinhubert: Ansturm der Armen, Heft 52, S. 38-39): Dort wird behauptet, dass den ersten Tafeln das Geld und die Lebensmittel ausgingen und gleichzeitig der „Ansturm der Armen“ immer größer werde sowie die Hemmschwelle sinke, Tafeln zu nutzen. Es sei einfacher, „sich zu seiner Armut öffentlich zu bekennen und die Ausgabestellen aufzusuchen“. Dem Bild des „Schamlandes“ – wie ich es in meinem gleichnamigen Buch (http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch.html?tx_publisher_pi1[produktUid]=3156) zeichnete, wird dabei scheinbar widersprochen. Liegt aber nicht gerade in der schleichenden Gewöhnung an Tafeln der eigentliche politische Skandal? Die Tafelforschung (http://www.tafelforum.de/forschung.html) klärt über Antworten zu dieser Frage auf…

Der SPIEGEL kritisiert zudem ein „zu schnelles Wachstum und eine Abkehr vom Kerngeschäft“ der Tafeln, die er als „Sozial-Gigant“ bezeichnet – mit einem Ausgabenetz „das dichter ist als das der Billigmarktkette Penny“. Und er sieht einen fortschreitenden „Konkurrenzkampf um die Gunst der Lebensmittelhändler. Wer verliert, muss seine Kunden mit Mini-Portionen nach Hause schicken. Wer gewinnt, kann seine Produktpalette weiter ausbauen.“

Hier schließt sich der Kreis der Argumentation: Denn die Tafeln vollziehen gerade einen Paradigmenwechsel, der sich als Marketingmaßnahme zur Festverschönerung tarnt. Der Zukauf von Lebensmitteln wird immer weniger geächtet. Nochmals in den Worten des SPIEGEL: „Lebensmittel werden im großen Stil zugekauft – finanziert aus Spendengeldern.“

Ob mit oder ohne „Spendensiegel“, der umfassende Zukauf von Lebensmittel durch Spenden oder die Akquise nicht-überflüssiger Lebensmittel durch Aktionen wie „Eins Mehr!“ zeigen, dass sich die Tafeln nach 20 Jahren ihrer Existenz an einer doppelten Bruchlinie befinden. Erstens verändern sie sich immer mehr in Richtung eines Unternehmens, dass mit anderen Unternehmen korrespondiert. So weisen etwa Supermärkte, die die Eins-Mehr-Aktionen unterstützen, gerne darauf hin, dass man ja Produkte der jeweilige „Hausmarke“ kaufen könne. Innerhalb einer Armutsökonomie profitieren Dritte also direkt ökonomisch vom Image der Tafeln. Zweitens entwickeln die Tafeln sich trotz anderslautender Ansichtsbekundungen zu drittklassigen Vollversorgern.

Insgesamt zeigt sich, dass es in einem armutsökonomischen Markt um die Schaffung von Sekundärzufriedenheit geht: Die Spender sollen zufrieden sein – und die Tafeln mit sich selbst. Die Primärzufriedenheit der Armen steht in solchen Märkten schon lange nicht mehr im Mittelpunkt. Mit immer neuen Angeboten, die gleichzeitig eine „Abkehr vom Kerngeschäft“ (SPIEGEL) darstellen, machen sich die Tafeln immer unentbehrlicher. Das ist die Logik eines Unternehmens, nicht die einer sozialen Bewegung.

Hieraus sollte man die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und sich überlegen, wie viel Unterstützung für die Tafeln tatsächlich (politisch) angemessen ist. Wenn erste Städte die Tafeln in einem nicht unerheblichen Umfang mitfinanzieren, dann zeigt sich, das die Tafeln als Totalillusion und Zauberformel einer Gesellschaft sehr erfolgreich darin sind, Armut als soziales und politisches Problem verschwinden zu lassen. Die Betriebsamkeit der freiwilligen Helfer kann auch als Delegation sozialstaatlicher Aufgaben in ein privates System verstanden werden. Und die Überbietungsgesten (Eins Mehr!) eines selbstbezüglichen Tafelsystems zeigen, worum es wirklich geht: Darum, weiter auf dem Markt der Mildtätigkeit bestehen zu können. Ein bisschen mehr Armut schadet diesem Markt leider überhaupt nicht. Eine Botschaft, die so gar nicht in die Weihnachtszeit passt.

Links:
http://www.berliner-tafel.de/laib-und-seele/helfen/spenden/
http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch.html?tx_publisher_pi1[produktUid]=3156
http://www.tafelforum.de/forschung.html

Prof. Dr. phil Stefan Selke, Soziologe an der Hochschule Furtwangen, lehrt und forscht zum Themenfeld „Gesellschaftlicher Wandel“.
Aktuell erschienen: Selke, Stefan (2013): Schamland. Die Armut mitten unter uns. Berlin: Econ.
Kontakt: ses@hs-furtwangen.de
Mehr Infos: www.stefan-selke.de

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