Eulenfeder: room to move

 in Friedenspolitik
Die Hippie-Ära: "Waren andere Zeiten damals"

Die Hippie-Ära: „Waren andere Zeiten damals“

Wenn man sich ansieht, wie erstarrt heute die politischen Verhältnisse sind, wie arrogant und siegesgewisse die Autoritäten, wie mutlos und lethargisch die Bürger – man könnte schon Sehnsucht bekommen nach einer anderen Zeit. Und die älteren von uns haben teilweise noch deren Geschmack auf der Zunge, eine Nostalgie, die uns quält, aber auch Ressource sein kann. Denn nur wer das Bild einer gerechteren, friedlicheren, weniger materialistischen Welt in sich trägt, kann das Herrschende sinnvoll kritisieren, ohne zu verzweifeln. Eulenfeder baut eine Brücke über den Abgrund des Gegenwärtigen und verbindet die Hippie-Vergangenheit mit einer möglichen schöneren Zukunft, die wir noch erringen können.

„cause i can give my best unless i got room to move…“

ausgeliehen, diesen beeindruckenden satz von John Mayall, damals – müsste um 1970 gewesen sein – und verinnerlicht. bestätigung gefunden auch darin, in dieser überlebenswichtigen weisheit, die ja schon seit meiner frühesten kindheit eine unabdingbare notwendigkeit war. nürnberg – meistersingerhalle, ganz vorne gesessen und derart fasziniert und beeindruckt, dass ich geradezu äusserlich starr das konzert über mich ergehen liess – innerlich aufgewühlt und in höchstem masse beglückt. unter dem titel „the turning point“ – der wendepunkt also – tourte John mit seiner acoustic-combo damals durchs land – eine botschaft in jener zeit, die eben eine solche bewegungsfreiheit geistig und „körperlich“ nicht nur versprach, sondern in dieser so positiven neuen lebensgefühl-welle tatsächlich, livehaftig eine wende war. die bewegungsfreiheit wurde gelebt, ein geist der friedlichkeit lag wie ein betörender duft über allem. nicht einmal an eine einzige agression kann ich mich erinnern unter den leuten, die ich kannte, und ich war ständig unterwegs, mit dem schlafsack unterm arm.

keiner war politisch orientiert, engagiert. kennenlernen, sich friedlich und freundlich austauschen, teilen, helfen, lieben, eine unbeschwerte zeit miteinander haben – der geist des friedens war derart spürbar, dass er wie eine warme welle von allen ausging. „good vibrations“ – ein lebensmotto. jeder strebte danach. ansteckend, derart dass es alle ergriff. wenn man sich an gefühle erinnern kann, dann ist diese erinnerung für alle zeit die wunderbarste – aber auch die wehmütigste, denn die realität heute, nach 45 jahren, ist auf eine derart krasse und niederschmetternde Weise das Gegenteil, dass es schon weh tut wenn man an früher denkt.

zwei welten – auch damals, klar, aber wer den mut hatte aus der einen auszusteigen, jener, in der verfolgung und bedrohung durch eine staatsgewalt ebenso real war, der lebte den warmen traum von friedlichkeit ebenso real. es war kein traum, keine traumwelt, wie agressiv und bedrohend mit der absicht die friedfertigkeit zu zerstören von den etablierten behauptet wurde – es war eine tatsächlich gegebene, gelebte welt des friedens, eine in dieser form nie dagewesene chance für einen wendepunkt – hin zu einer friedlichen gesellschaft, weltweit.

noch heute – in einer realität des äusserst brutalen umgangs miteinander – kann ich aus jenen jahren kraft schöpfen, um diese nun ertragen zu können, so stark war jene zeit. dass es nicht gereicht hat für eine weiterentwicklung – den erhalt wenigstens – in jenem friedfertigen sinne, ist eine brutale tatsache. diesen geist nicht aufzugeben eine immer noch essentielle notwendigkeit, die aber heute mit völliger ausgrenzung verbunden ist. ich will nicht von ihr lassen. Man kann es auch nicht. wenn man es erlebt, gelebt hat, will man für sich selbst und eine bessere welt die hoffnung nicht begraben. und mehr denn je brauchen wir ja eine kultur, die sich diesem heutigen vernichtungswahn entzieht, den gegenpol lebt.

eine bewegungsfreiheit – room to move – habe ich nicht mehr, geistig nach wie vor stark – froh darüber -, aber nicht mehr räumlich, weil es diese bewegung auch nicht mehr gibt. traurig zu sehen, wie sie sich etabliert haben: erfolg, absicherung, mainstream-linienförmig profitabel, obrigkeitshörig, gehirngewaschen, lifestyle der keiner ist. und wenn man sich um eine neuerliche bemüht, dann geht eine solche von anfang an unter in rein politisch-orientierten grabenkämpfen, angeführt von protagonisten, die einem eigennützlichen machtstreben verfallen sind. zudem ideologische zerstrittenheit. das wort FRIEDEN wird missbraucht geradezu. diese für ein gelingen wirklich friedfertiger lebensweisen dringend notwendige neuerliche subkultur ensteht nicht, so wie es damals war. eine gemeinsame geistige und gefühlsmässige ausrichtung für eine friedensbewegung, die eben nichts anderes als das sein soll, scheint nicht mehr möglich zu sein.

diesen geist aber kann ich noch spüren – hier zum beispiel -, und sind es nicht gerade nur älteren, zumindest jene die den geschmack von damals noch auf der zunge haben. auch hoffnungsvoll und erfreulich die jüngere, die ein solches ziel noch oder wieder haben – ein strohhalm an den ich mich klammere, den ich nicht loslassen kann. aber wenn es keine schwache hoffnung bleiben soll, dann muss mehr als bisher umgedacht werden. die alt-hippies tun sich leichter, weil es noch drinsteckt. es muss das risiko eingegangen werden, dass es scheitert, aber ohne diesen mut zu neuen lebensformen wird es keine alternative zu den brutalen zuständen heute geben, keinen fruchtbaren anfang finden. vor allem das materielle denken muss besiegt werden, dieser fluch des agierens „wenn etwas dabei herausspringt“ muss besiegt sein. geben statt nehmen, teilen, verzichten – schwerer heute danach zu handeln oder zu denken, weil die existenzangst alle beherrscht – aufgezwungenermassen. zudem eine bewegung, die auffängt, nur sehr klein ist. erschwerend kommt ja hinzu, dass man heute mehr denn je gesellschaftlich isoliert ist. der egoismus ist ein derart die gesellschaft beherrschender destrutiver faktor, dass man ein gefühl der aussichtlosigkeit hat.

TROTZDEM müsste ein bewusstsein wieder wachsen, dass nur gemeinsamkeit ein nährboden für bessere zeiten sein kann, wenn auch eine solche zunächst mal überwiegend nur im künstlichen kommunikationsnetz stattfindet. jene wunderbare zeit ist verloren, aber es kann eine neue, diesen nun modernen zeiten angepasste trotzdem entstehen. jedoch müsste man sich mehr denn je ausklinken aus gegebenen materiell-beherrschten umständen und strukturen. es ist, wenn sie gelingt, vor allem eine geistige revolution. und eine solche befreit sich auch von materiellem denken, will sie geistig-fruchtbar sein, sie wird eine emotionale sein für frieden und menschlichkeit, eine dann zu lebende auch. materielle armut war es damals auch, aber in der riesigen bewegung für den frieden hat man sich untereinander geholfen. die armut war kein verlust, eine bereicherung sogar. und erlebt und gelebt haben es ja gerade die „echten“ hippies, jene die keine „mode-hippies“ waren.

verzicht und verweigerung – worte, die ich immer wieder gebrauche – sind notwendig, will man eine neue kultur schaffen, eine die ein geistig-emotionales leben anstrebt, dann auch lebt, ein unsicheres geradezu, weil absicherung all dem positiv neuen entgegenwirkt. eine revolution – ja! jedoch muss man neue wege gehen, auf alten ist eine revolution nicht machbar, vor allem muss man weg von politischen einbahnstrassen. es muss ganz einfach wieder gelebt werden, ganz von unten neu entstehen. wenn man weiss, dass gerade dort, wo die gegensätze am schlimmsten sind, revolutionäres entsteht, dann haben wir den richtigen zeitpunkt nun.

sehr wünsche ich mir, dass all die so bewundernswert kritischen und geistig, stimmlich und instrumental begabten künstler einen neuen revolutionären geist stärker fordern und unter die leute bringen, eine abkehr von rein materiellem denklen auch anregen und vorleben. dass sie mit ihren talenten noch stärker ihre stimmen erheben für diese notwendige neue kultur des friedens und zusammenlebens.

„room to move“ von John Mayall aus dem Album „the turning point“. es ist inhaltlich-textlich nicht unbedingt nur auf gesellschaftliche erneuerung bezogen, hat aber immer noch eine positive symbolkraft, auch die freie entfaltungsmöglichkeit jedes einzelnen betreffend.
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=ANfqJk2rdNo[/youtube]

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search