Gebete: Gottes Selbstgespräch

 in Monika Herz, Roland Rottenfußer, Spiritualität
"Maria Magdalena" von El Greco

„Maria Magdalena“ von El Greco

Gebetsheilung ist eine traditionelle Therapieform aus einer Zeit, als ärztliche Hilfe schwer zugänglich oder unwirksam war. Gerade im Alpenraum vertrauten Menschen den „Abbetern“, die für das Verschwinden von Warzen oder die reibungslose Geburt eines Kalbes zuständig waren. Die Wirkung von Gebeten ist nicht immer erklärbar – aber oft nicht zu leugnen. Auch moderne Menschen können diese Kunst erlernen. (Monika Herz, Mithilfe: Roland Rottenfußer)

Die Tradition des Gesundbetens kenne ich seit meiner Kindheit. Ich wuchs in Hohenpeißenberg auf, einem traditionell katholischen Dorf am Fuße des „Heiligen Berges“. Oben thront die Wallfahrtskirche mit dem berühmten Gnadenbild der Maria, eine Statue der Jungfrau und Mutter. Die Statue zeigt Maria als eine Frau aus dem einfachen Volk. Vielleicht stärkt gerade diese Einfachheit das Vertrauen der Menschen in die Mutter der Gläubigen. Eigentlich ist der Hohe Peißenberg nur ein Hügel, den man in einem Fußmarsch von etwa 30 Minuten besteigen kann. Wenn man aber bei klarem Wetter ins Tal schaut, fällt der Blick ringsherum auf eine herrliche Landschaft – südlich die eindrucksvollen Bergmassive der Alpen, nördlich die flache, aber liebliche Gegend des „Pfaffenwinkels“ um Wessobrunn und Weilheim.

In Hohenpeißenberg wirkte ein seltsamer Heiliger, eine Art Wunderheiler, den man in meiner Familie nur „der Lory“ nannte. Der Lory war ein „Abbeter“, ein „Gesundbeter“, jemand, den man holte, um Warzen verschwinden zu lassen und Kühen zur reibungslosen Geburt eines Kälbchens zu verhelfen. Als Kind hatte ich vor dem Lory immer besonderen Respekt. Ihn umgab eine geheimnisvolle Aura.

Als ich etwa 25 Jahre alt war, bekam ich vom Lory ein kostbares Geschenk, das ich damals gar nicht so recht zu würdigen wusste. Es handelte sich dabei nicht um Geld oder Schmuck, sondern um einen unschätzbaren geistigen Besitz: Heilgebete – übertragen von Generation zu Generation, die der Gesundbeter im „Schwarzen Buch“ gesammelt hatte. Nach und nach übertrug er mir die Gebete, jeweils in einem kleinen Ritual. Der Lory betete mir die Gebete vor, und ich schrieb sie langsam und ehrfürchtig in mein Notizbuch. Die Stimmung während dieser kleinen Zeremonie war auf unvergessliche Weise friedvoll und von Segen erfüllt. Viele der Gebete, die ich auf diese Weise mit der Zeit übertragen bekam, kann ich noch heute auswendig.

Die Gesundbeter waren damals in den 1980er Jahren eine vom Aussterben bedrohte Art. Die Tradition wurde gewöhnlich innerhalb der Familie an eines der Kinder oder Enkelkinder weitergegeben. Die Alten schauten, welcher der Nachkommen die passenden Anlagen dafür mitbrachte. Mitgefühl für die Probleme und Leiden der Mitmenschen war ebenso eine Voraussetzung wie die Hinwendung zu religiösen Inhalten und ein gut verankerter Glaube. Zu jener Zeit aber waren wir Jungen modern und „aufgeklärt“, und es fand sich kaum mehr jemand, der die alte Tradition weiterhin pflegen wollte. Die Tatsache, dass die Gebete offenbar wirkten, schoben „vernünftige“ Leute einfach auf den Placebo-Effekt.

Ein Gesundbeter oder eine Gesundbeterin zu sein, kam teilweise eher einem Fluch als einem Segen gleich: Gesundbeter wurden in der alten Zeit schon mal mitten in der Nacht aus dem Bett geholt, wenn zum Beispiel die Geburt eines Kalbes anstand. Nicht immer wurden sie für ihre Dienste bezahlt, wenn alles gut lief; aber man machte sie verantwortlich, wenn das Wunder ausblieb. „Die Gabe“, wie die besondere Kraft der Gesundbeter im Volksmund auch genannt wurde, verlangte viel Einsatz, und war natürlich auch nicht immer von dem Erfolg gekrönt, den der Bittsteller sich erhoffte.

Bei mir dauerte es lange, bis ich damit begann, die Heilgebete außerhalb der Familie anzuwenden. Es war ja auch bis zum Jahr 2004 gesetzlich verboten, zu heilen, wenn man nicht Arzt oder Heilpraktiker war. Gerade zu dem Zeitpunkt, als ich erfolgreich die schwierigen Prüfungen zur Heilpraktikerin für Psychotherapie bestanden hatte, wurde das alte Gesetz dann vom Bundesverfassungsgericht gekippt.Heute übe ich das Gesundbeten und andere Formen des geistigen Heilens ganz offiziell in meiner Praxis in Peißenberg aus. Erfolgsberichte gibt es zur Genüge. Vom Depressiven, der sich nach mehreren Gebetsbehandlungen nach und nach stabiler fühlte und weniger Ängste hatte, bis zum dramatischen Fall einer Komapatientin, die von den Ärzten aufgegeben worden war und plötzlich erwachte.

Der Beweis für ursächliche Zusammenhänge ist da naturgemäß nicht zu erbringen. Wenn ich Patienten empfange, möchte ich auch nicht durch „Wundergeschichten“ überhöhte Erwartungen wecken. In der Regel bewirkt Gebetsheilung eher eine milde Umstimmung, eine allmähliche Gemütsaufhellung, verbunden mit einem wachsenden spirituellen Vertrauen. Im Übrigen ist es ja sowieso nie die Abbeterin, die Heilung bewirkt; es ist das Göttliche selbst, das durch eine Heilerin hindurch wirkt. „Nicht ich heile, sondern Gott bzw. die Kraft“ – diese Einstellungen finden wir bei den meisten Heilern, vom berühmten Bruno Gröning bis zur Reiki-Meisterin von nebenan.

Dass dabei auch Autosuggestion im Spiel im Spiel sein könnte, ist sicher möglich; es spricht aber nicht gegen die Gebetsheilung. Wer für sich oder andere betet, lenkt seine Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit einer Wendung zum Besseren. Schon dadurch wird die Chance auf eine solche Heilung erhöht. Ein einziges Gebet – ob es „erfolgreich“ war oder nicht – gibt kaum Aufschluss darüber, welches Potenzial das Beten besitzt. Vielmehr wirkt das Gebet durch Verinnerlichung, vor allem, wenn es zu einer Grundhaltung wird, mit dem wir dem Leben begegnen. Für Menschen, die es nicht gewohnt sind, braucht das Beten ein wenig Übung. Allmählich aber wird unsere Beziehung zum Beten zu einer echten Liebesbeziehung. Wir verstehen dann nicht mehr, wie wir zuvor ohne Gebete hatten leben können. Homöopathen bestätigen, dass zuerst die Seele und dann, als Folge, der Körper heilt. So ähnlich wirkt auch das Gebetsheilen zunächst durch Vermittlung von Seelenqualitäten: vor allem Vertrauen. Es vermittelt uns Geborgenheit: das Gefühl, in einem höheren und gütigen Zusammenhang aufgehoben zu sein. Es befreit uns vom Festhalten am vordergründigen Leid und schenkt uns Zuversicht. Ist es da überhaupt überraschend, dass Gebete heilen können?

Als Affront gegen „richtige“ Ärzte ist das Abbeten im Übrigen nicht gemeint. Als ich einmal Zahnschmerzen hatte, wandte sie ein Anti-Schmerz-Gebet an. Die Schmerzen verschwanden, kehrten dann aber nach drei Tagen zurück. Der Lory schimpfte über so viel Unverstand und schickte mich zum Zahnarzt. Meiner Meinung nach kann man für alles beten: für private Anliegen, aber auch für das, was man sich auch im politischen Tagesgeschäft wünscht: den Frieden, mehr Achtung vor den Tieren und der Erde, mehr Vernunft für die politischen Führer, mehr Mitgefühl mit sozial Schwachen usw. Ganz im Sinn des Lory würde ich dazu sagen: „Du musst natürlich demonstrieren gehen, wenn du politische Veränderungen anstrebst. Du solltest aber auch für dein Anliegen beten“ Beides zusammen wirkt wahrscheinlich am besten. So haben wir zum Beispiel in den 80er Jahren im Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf sowohl demonstriert als auch zu Franz von Assisi gebetet. Der Bau der Anlage wurde eingestellt.

Kann man Gebetsheilung beweisen? Manche Menschen freuen sich ja über Heilung nur dann, wenn die Wissenschaft ihnen die Seriosität der Methode bestätigt. Es gibt grundsätzlich zwei Verfahren, um zu versuchen, die Wirkung einer Heilmethode zu beweisen: Man kann erstens einen Wirkstoff nachweisen. Bei Gebetsheilung wären das z.B. Energieausstrahlungen, die vom Geist des Betenden ausgehen. So etwas gibt es meines Wissens nicht. Besser: So etwas konnte meines Wissens bis heute nicht nachgewiesen werden. Oder man verfährt rein ergebnisorientiert: Für eine Patientengruppe wird gebetet, für die andere nicht. Man stellt dann fest, bei welcher Gruppe sich bessere Heilerfolge einstellen. Solche Versuche hat es gegeben.

Ich nenne hier z.B. das Experiment von Dr. Mitchell W. Krucoff von der Universität Durnhan (North Carolina). Er überprüfte an einer Gruppe von 150 an Angina Pectoris erkrankten Patienten verschiedene alternative Zusatztherapien. Darunter waren liebevolle Pflege, Entspannungsübungen, Berührungstherapie und eben Gebetsheilung. Für die Kranken beteten Christen, Juden und Buddhisten aus aller Welt. Betende und Patienten befanden sich also weder im selben Zimmer noch stimmten ihre Glaubensvorstellungen überein. Die Betenden kannten von den Patienten nur ihre Namen. Die Kranken wussten vorher, dass gebetet würde, aber nicht, ob die Gebete speziell ihnen galten. Das Ergebnis: Bei der Gruppe, für die Fürbitten gebetet wurden, traten nur halb so viele gefährliche Ischämien (Durchblutungsstörungen im Gewebe) auf wie bei der Vergleichsgruppe. Es kam zu keinen gefährlichen Nebenwirkungen bei Operationen, und die Gebetsgruppe fühlte sich subjektiv wohler. Dr. Krucoff wollte sich nicht auf eine bestimmte Deutung des erstaunlichen Geschehens festlegen. „Nennen Sie es spirituelle Energie, nennen Sie es göttlich, ich weiß es nicht“.

Zu wem beten wir eigentlich? Viele Menschen sagen vielleicht zu leichtfertig: „Ich glaube an Gott“ oder „Ich glaube nicht an ihn“. Dazu müssten sie erst einmal wissen, von welchem Gott sie sprechen. Man kann nicht seriös behaupten: „Ich glaube an die Kraft von Ganesha“, ohne zu wissen, dass es sich um eine indische Sagengestalt mit Elefantenkopf handelt. Ähnlich ungenau ist oft der Glaube an „Gott“. Natürlich sollte man nicht studieren müssen, um beten zu können. Man kann Gott und die Wirkung des Gebets auch fühlen, wortlos – gerade dies ist mystisches Erleben. Wenn man bewusst einen Gebetsweg beschreiten will, ist es aber gut, eine Vorstellung vom „Adressaten“ des Gebets zu entwickeln.

Neben unserer Auffassung vom Adressaten des Gebets, ist aber auch wichtig, in welcher Haltung wir beten. In der einfachsten, immer noch gebräuchlichen Form ist das Gebet eine Art Bittgesuch an einen himmlischen Vorgesetzten. Auf einer ähnlich naiven Stufe kann man das Gebet auch als Angebot eines Tauschgeschäfts bezeichnen. Gott gibt Gebetserhörung, ich gebe dafür das Versprechen, „brav“ zu sein. All diese Vorstellungen gehen von einem mächtigen Gegenüber aus, der von uns getrennt ist. Vielleicht ist uns Gott aber auch ganz nah, „näher als die Halsschlagader“, wie es im Koran heißt.

Unsere eigenen Erfahrungen mit dem Beten waren durchweg positiv, auch wenn uns der eine oder andere Wunsch (bis jetzt) nicht erfüllt wurde. Ein Effizienzdenken ist hier ohnehin fehl am Platz. „Input“ und „Output“ zu vergleichen, käme allenfalls beim Bittgebet in Frage. Dieses sollte aber nicht mit dem Gebet schlechthin verwechselt werden. Mindestens ebenso wichtig sind Dank, Segen und Zufluchtnahme. Zu schlichte, egozentrische Gebete nennt Roland, mein Lebenspartner und Co-Autor, auch gern „Janis Joplin-Gebete“: Die Sängerin forderte in einem Lied: „Oh Lord, won’tyoubuyme a Mercedes Benz!“ Aber der Adressat des Gebets ist ja kein „Versandhaus“, wie das einige moderne Esoterik-Bücher behaupten. So mancher musste mit dieser Tatsache schmerzliche Erfahrung sammeln. Gebete nach dem Muster „Bitte, lieber Gott, mach, dass sich diese Frau/dieser Mann in mich verliebt“, stoßen „drüben“ regelmäßig auf taube Ohren. Der Grund ist simpel: Wenn eine Frau einfach nicht zu einem Mann passt, helfen weder glühende Verliebtheit noch Beten. Dafür wird uns so manches erfüllt, worum wir gar nicht gebeten hatten. Wir hätten vielleicht nicht die Fantasie gehabt, sich das zu wünschen, aber es war uns offensichtlich „zugedacht“.

Recht gut wirkten fast immer Gebete für andere. Nicht zu egoistische Bitten besitzen wohl grundsätzlich einen gewissen Segen. So fühlte sich eine enge Verwandte Rolands während einer schweren, gefährlichen Operation und eines Krankenhausaufenthalts von Gebeten „getragen“. Auch „Dein Wille geschehe“ ist generell tröstlich und hilfreich. Sich Gottes Willen zu überlassen, ist kein Zeugnis von Untertanengeist. Der Betende versucht damit, sein Alltags-Ich mit der „Inneren Führung“ in Übereinstimmung zu bringen. Nach mystischer Auffassung ist der Empfänger des Gebets kein „Vorgesetzter“, dem du dich unterwirfst. Er ist das, was du selbst im Inneren bist. Das Gebet stellt keine Funkverbindung her, die zuvor nicht bestanden hat; es ist vielmehr die Bekräftigung einer Verbindung, die immer schon da war. Manchmal haben wir das Bewusstsein dieser Verbindung verloren, dann müssten wir sanft wieder daran erinnert werden. Ohnehin können wir ohne ein Entgegenkommen Gottes wenig bewirken. Allein der Gedanke, beten zu wollen, kann ein Impuls Gottes sein, der dich anruft, damit du ihm antwortest. Demnach ist kein echtes Gebet möglich, ohne dass Gott in gewisse Weise auch zu dir betet.

Der Text beruht auf bearbeiteten Auszügen aus dem Buch

Monika Herz, Roland Rottenfußer: „Gesundbeten mit Heiligen“. Kailash Verlag, 224 Seiten, € 14,99

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