Holdger Platta: Das Blaue vom Himmel

 in Holdger Platta
Stört es Sie, bei Demos fotografiert zu werden? Na, Sie habe doch sicher nichts zu verbergen - oder doch?

Stört es Sie, bei Demos fotografiert zu werden? Na, Sie habe doch sicher nichts zu verbergen – oder doch?

Holdger Plattas Gedichte sind äußerst präzise und auf das Wesentliche konzentriert. Ihre Themen sind konkret auf das Zeitgeschehen der Vergangenheit wie der Gegenwart bezogen – selten in einer Zeit, in der das politische Gedicht als unmodern gilt. Fehlende Erinnerungskultur an die Geschehnisse in Nazideutschland. Erodierendes Demokratiebewusstsein. Schleichend sich ausbreitende „Faschismen“ unter der noch glatten Oberfläche des befriedeten Gegenwartsdeutschlands. Solche Themen sind heute mehr als nur „interessant“, sie sich notwendig. Holdger Plattas Gedichte machen nicht Unverständlichkeit zum Maßstab des Hochkulturellen, enthalten aber – über das Offensichtliche hinaus – dennoch unterschwellige Bedeutungen, denen nachzuspüren sich lohnt.

Der letzte Schrei

Schmales Dorf mit dem breiten Nacken.
Tirili.
Alte Frau, die Du das Brot über den Weg schiebst,
auf dem Handkarren,
liest Du noch Zeitungen?
Wo hast Du den Haß gelassen
in Deinem Gesicht? Sieh:
Einmal, zweimal am Tag kommt der Bus
und hält an der Buche,
wo sie Lilienfeld zusammenschlugen damals.
Siehst Du: Mädchen und Jungen
steigen aus in Jeans und verabreden sich
für den Nachmittag. Hast Du gehört?
Buddy Holly ist wieder in, sagen sie.
Keine Erinnerung?

Dieses Dorf gibt es nicht nur im Gedicht, sondern taqtsächlich. Es liegt im Oberhessischen und zählt zu jenen Ortschaften, deren Bevölkerung schon 1932 zu fast hundert Prozent NDSAP wählten. Davon han-delt dieses Gedicht, von einem Ausflug in dieses Dorf im Frühling 1973 und vom Widerspruch unsichtbar gewordener Zeiten gegenüber dem scheinbaren Stillstand der Zeiten.

Was sage ich zu Dir?

Ich könnte
Genosse
zu Dir sagen,
weil Du ein Genosse bist,
aber da gibt es
die vielen toten Genossen,
die von anderen Genossen
unter Stalin
ermordet worden sind.

Ich könnte
Kollege
zu Dir sagen,
weil Du ein Kollege bist,
aber da gibt es
die vielen toten Kollegen,
die von anderen Kollegen
unter Hitler
verraten worden sind.

Ich könnte
Mensch
zu Dir sagen,
weil Du ein Mensch bist,
aber was ist schon ein Mensch,
der als Kollege und Genosse
dies alles getan hat?

Untergrundfrage

Auf dem Boden
des Grundgesetzes
stehn wir
ja gern.

Aber was
fangen wir
mit dem doppelten Boden

seiner Auslegungen an?

Entschieden unentschieden

Befragt,
wogegen er
nun sei,

gegen die Wut
der Unterdrücker
oder

gegen die Wut
der Unterdrückten

gab der Liberale nur an:

Ich bin gegen die Wut.

Du bist nun im Bilde

Bei der Maifeier
hast Du bemerkt,
wie man Dich fotografiert,
heimlich,
von einem Fenster aus,
über den Köpfen der Leute,
hier auf dem Marktplatz,
und man hat Dir gesagt,
das sei jetzt oft so.
Du hast also nur entdeckt:
So nimmt man Dich auf.

Aber das ist natürlich
kein Anlaß, beunruhigt zu sein.
Denn Du weißt, Du bist schuldlos, und
auch, wenn Deine Akte jetzt anwächst irgendwo,
wie die Vorurteile nun anwachsen werden
an Dir,
Du kanst gewiß sein,
Du wirst das schon los,
ganz bestimmt.

Kein Grund auch,
ohne Vertrauen zu sein
zu denen da oben, die
ja nur ihre Pflicht tun und zu Dir
hier unten so ohne Vertrauen sind.
Glaub es, das geht schon in Ordnung,
in irgendeine Ordnung geht das schon!

Das wird sich aufklären lassen,
kannst Du Dir sagen.
Auch wirst Du keinen Verdacht
Ausräumen müssen, später einmal.
Du wirst nur, wenn es um Deine Einstellung geht,
freundlich sein müssen
bei einem Gespräch über Möglichkeiten,
deren Möglichkeit Du doch einräumen musst.
Also hab keine Angst,
jetzt und wenn es so weit ist.

Sie machen sich ja nur ein Bild von Dir.

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