Lügen im Kapitalismus

 In Politik (Inland), Wirtschaft

MünchhausenDie Liedermacherin und Autorin Kerstin Gundt nimmt sich in diesem Artikel eines Generalthemas an, das sich auf vielen Ebenen – Beruf, Gesundheitwesen, Umgang mit Behörden usw. – zeigt: Vielfach steht der Bürger vor der Alternative, zu lügen und zu betrügen oder unterzugehen. Es findet eine schleichende Erziehung zur Unerlichkeit statt. Scham und die Angst vor Entdeckung plagen die Betroffenen, und die Entrüstung des Staates ist groß, kommt einmal ein „Betrug“ auf, der durch die unmenschliche Gesetzeslage geradezu erzwungen wurde. Hier die Generalabrechnung der Autorin, die erstauliche viele Fälle und Fakten zu diesem Thema zusammengetragen hat. (Kerstin Gundt)

Die momentane Gesellschaft ist geprägt von Lügen und Betrug. Sie ist durch und durch verdorben. In vielen Fällen wird man sogar dazu gezwungen, zu lügen, um zu überleben.

Beim Job Center muss man z.B. sagen, dass man arbeiten will, sonst wird einem das Geld gestrichen. Das führt dann dazu, dass man in vielen Bewerbungen vortäuschen muss, dass man diesen Job haben will, um genug „Eigenbemühungen“ vorweisen zu können. Kommt es vielleicht tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch, ist man gezwungen, zu lügen, weil man nicht einfach sagen darf, dass man diesen Job gar nicht will. Hat man noch eine Arbeit, ist man oft unter Stress und Zeitnot. Man darf nicht einfach zu Hause bleiben, um Zeit für wichtige private Angelegenheiten zu finden. Man wird gezwungen zu lügen und eine Krankheit vorzutäuschen, weil dies die einzige Möglichkeit ist, mal ein paar Tage zu Hause zu bleiben. Gefällt einem der Job irgendwann nicht mehr – und dafür kann es viele Gründe geben -, darf man ihn nicht von sich aus kündigen. Sonst erhält man in den ersten drei Monaten kein Geld vom Arbeitsamt. Man muss sich mit dem Arbeitgeber einigen, dass er einem eine Kündigung schreibt.

Verdient sich ein Arbeitsloser noch etwas dazu, darf er das Geld nicht behalten. Alles, was 100 € übersteigt, muss er zu 80 % ans Job Center abgeben. Ein Millionär dagegen zahlt übrigens oft keinen Cent Einkommenssteuer – aber das ist eine andere Geschichte. Wenn der Arbeitslose nun trotzdem schwarz arbeitet und seine Einkünfte nicht angibt, macht er sich strafbar. Mit dem Hartz IV-Satz kommt man aber nicht über die Runden. Er hat also keine andere Wahl als zu verhungern oder zu lügen. Wie würden Sie in einem solchen Fall entscheiden? Bekommt er plötzlich aus unvorhergesehenen Quellen Geld geschenkt, das ihn retten könnte, so muss er sich vom Job Center abmelden. Damit wird das, was er geschenkt bekam, um langfristig mit Hartz IV zu überleben, wieder hinfällig. Er hat keine Chance. Auf legalem Weg bleibt ihm langfristig nur der Hungertod. Würden Sie sich dagegen wehren?

Ist ein Arbeitsloser ganz engagiert und raffiniert und findet – so wie ich – eine Einsatzstelle, die für ihn eine öffentlich geförderte Beschäftigung beantragen würde, so dürfte er in der Stellenbeschreibung nicht seine tatsächlichen Aufgaben angeben, denn 1 €-Jobs sind immer nur für Hilfsarbeiten vorgesehen. Er leistet also höchste Qualität für 1 € die Stunde und darf das noch nicht einmal zugeben. Das muss man sich mal vorstellen. Er wird wie sein Beschäftigungsträger gezwungen, falsche Angaben zu machen!

Reiche Personen und Konzerne hingegen dürfen nach Strich und Faden betrügen. Für sie ist Steuerhinterziehung eine Art Volkssport. Das wird dann auch nur als Kavaliersdelikt betrachtet. Viele Unternehmen rechnen z.B. einfach ihre Gewinne runter, um auf diese Weise Steuern zu sparen. Das ist völlig legal. Reiche Personen genießen höchstes Ansehen, obwohl sie sich nicht an der Finanzierung des Sozialstaats beteiligen und ihre Steuern in Steueroasen schaffen. Uli Hoeneß, Boris Becker und Alice Schwarzer sind nur die Spitze des Eisbergs und stehen stellvertretend für viele andere. Sogar soziale Organisationen wie Greenpeace beteiligen sich an dieser Betrügerei. Bei Bagatelldelikten wie Rad fahren auf dem Gehweg gelten hingegen andere Gesetze. Ordnungswidrigkeiten gegenüber dem Staat werden behandelt wie eine Strafsache. Das bekommt man schnell am harten Griff der Polizei zu spüren, die einen in solchen Fällen behandelt wie einen Schwerverbrecher.

So wundert es auch nicht, dass Arbeitslose in der Öffentlichkeit als „faul“ und als „Betrüger“ beschimpft werden, obwohl die meisten von ihnen arbeiten. Entweder verdienen sie so wenig, dass sie ihr kärgliches Einkommen durch Hartz IV aufstocken müssen, oder sie engagieren sich ehrenamtlich oder kümmern sich um ihre Familie. Die wirklichen Verbrecher sind die Mitarbeiter in den Job-Centern, die ihnen alles verweigern, worauf sie einen Anspruch haben und damit viel Leid anrichten: Hunger, Angst, Depression bis hin zum Selbstmord. Und die Politiker und Medien behaupten dann auch noch, wer arbeitslos ist, sei daran selber schuld. Arbeiten zu gehen ist ein ungeschriebenes Gesetz und schon fast zu einer Art Religion geworden. Man hat arbeiten zu gehen. Woher die Arbeit kommen soll, wenn niemand dafür bezahlen will und immer mehr Arbeitsplätze vernichtet werden, sagt einem aber keiner.

Außerdem kann man in diesem Land sehr gut sehr viel arbeiten und man kommt trotzdem nicht über die Runden. Wovon soll man leben, wenn die Löhne nicht mehr zum Überleben reichen? Seit fast 40 Jahren wird überall gepredigt, dass niedrige Löhne Arbeitsplätze bringen würden. Warum hat das nur seit 40 Jahren nicht funktioniert? Durch die Gewinnsteuer 2001 wurden den Unternehmen 30 Mrd. € erlassen. Natürlich unter dem Vorwand, auf diese Weise Arbeitsplätze zu schaffen. Ein Jahr später gab es gerade mal 37.000 Arbeitslose weniger. Für 810.000 € gab es jeweils einen Arbeitslosen weniger. Warum zahlt man den Arbeitslosen dieses Geld nicht direkt aus? Mit solchen Summen ließe sich problemlos ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren. Aber stattdessen heißt es, der Staat sei pleite. Für soziale Zwecke gebe es kein Geld.

Ja, wenn wir so pleite sind, warum zahlte dann Daimler Chrysler mehr als ein Jahrzehnt keinen Cent Gewerbesteuer in Stuttgart und Sindelfingen? Warum stellt der Staat keine zusätzlichen Steuerprüfer ein? Das wäre doch eine wirklich sinnvolle Arbeitsbeschaffungsmaßnahme! Der Schaden, der durch Wirtschaftskriminalität im Topmanagement angerichtet wird, ist 1000mal so groß wie der Schaden durch Raubüberfälle. Durch eine bessere Bekämpfung von Steuerhinterziehung und Wirtschaftskriminalität ließen sich pro Jahr über 50 Mrd € eintreiben. Damit könnte man den Hartz IV-Satz glatt um 250 € anheben, so dass er auch wirklich zum Leben reicht.

Es ist doch wahrlich eine verkehrte Welt: Man erzählt uns, dass Atomkraftwerke ökologisch und friedlich seien. Wieviele Supergaus muss es eigentlich noch geben? Man will uns weismachen, dass Krieg nur friedlichen Zwecken dient und wir endlich erwachsen werden sollten. Erwachsen sein wird gleichgesetzt mit der Fähigkeit zu morden! Die Politiker geben vor den Wahlen große Versprechen ab, an die sie sich anschließend nicht mehr erinnern können. Aber was wir von Politikern zu halten haben, wissen wir ja spätestens, seit herausgekommen ist, dass einige unter ihnen sogar ihre Doktorarbeit gefälscht haben. Herr Guttenberg und Silvana Koch-Mehrin sind nur die Spitze des Eisbergs, bei denen rausgekommen ist, dass sie ihre Doktorarbeiten nicht selber geschrieben haben. Um erfolgreich zu werden, in gehobene Posten zu kommen, berühmt zu werden und zu großem Ansehen zu gelangen, muss man in dieser Gesellschaft betrügen.

Das färbt natürlich alles auf die Wirtschaft ab. Viele Unternehmen lügen und betrügen ihre Kunden. Die Telefongesellschaften sind nur der Gipfel davon. Über 25.000 Beschwerden in einem Jahr allein in Berlin! Mittlerweile gibt es sogar schon regelrechte Singlebörsen, in denen Frauen damit beauftragt werden, dass sie ein ehrliches Interesse an den Männern vortäuschen. Und wer sich in dieser kalten Welt nach etwas Nähe und Körperkontakt sehnt, muss zum Physiotherapeuten gehen, um eine Massage zu bekommen. Aber auch dabei wird er gezwungen, zu lügen. Er muss irgendwelche Rückenprobleme oder Kopfschmerzen vortäuschen, nur um 20 Minuten berührt zu werden. Sogar Sozialverbände hauen ihre Kunden über’s Ohr und kassieren hohe Mitgliedsbeiträge, nur um ihnen anschließend vom Anwalt ausrichten zu lassen, dass er ihnen nicht helfen kann.

Und jetzt raten Sie mal, wer eher zu Solidarität und Kooperation bereit ist, um zu überleben? Banker oder psychisch Kranke? Eine Untersuchung hat ergeben, dass psychisch Kranke sich eher sozial verhalten, weil sie erkennen, dass sie dadurch ihre eigene Haut retten. Die Banker quälen und demütigen andere auch dann weiterhin, wenn es ihnen selber schadet. Das muss man sich mal vorstellen!

Und wer sich über all diese Missstände öffentlich beschwert, riskiert dabei, seinen Job zu verlieren. Die Berufsverbote der 60er und 70er Jahre gegen Kommunisten sind nur ein Beispiel. Heute trifft es z.B. Lehrer, die ihren Schülern erklären, warum sie gegen den Krieg sind. Es herrscht Ruhe im Land, weil viele Leute in den entsprechenden Positionen keine kritischen Künstler oder Experten zu Wort kommen lassen und kritische Meinungen auch vom Arbeitgeber untersagt werden. Das trifft nicht nur auf Beamte zu. Es ist sogar verboten, Verbrechen öffentlich zu machen. Das wird dann als Verrat von Betriebs- und Staatsgeheimnissen betrachtet. Ja, wahrlich, es regiert die Angst. Und kaum jemand traut sich, die Wahrheit öffentlich zu sagen. Die Verbrecher machen sich ihre eigenen Gesetze, so dass Ruhe im Land herrscht. Eine mörderische Ruhe. Und das alles nicht in der DDR, sondern in der BRD.

Sogar unser Essen ist mit Zusatzstoffen verseucht und mit Pestiziden vergiftet. So vergiftet wie die ganze Gesellschaft. Und das Ganze nennt sich dann auch noch Demokratie. So lange die Medien von ihren Anzeigenkunden leben, werden sie auch weiterhin all diese Wahrheiten verschweigen und ihre Lügenmärchen verbreiten. In dieser Gesellschaft herrscht Lug und Betrug. Mit Ehrlichkeit kommt man nicht nach oben. Man wird sogar gezwungen zu lügen, um zu überleben. Diese Gesellschaft ist durch und durch verdorben. Für eine solche Gesellschaft arbeiten zu gehen und Steuern zu zahlen, lohnt sich wahrlich nicht.

Aus dem noch unveröffentlichten Roman „Die Gundtrechte. Eine arbeitslose Künstlerin kämpft für ein selbstbestimmtes Leben“

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