Mystik: der Schlüssel zum Frieden zwischen den Religionen?

 in Monika Herz, Spiritualität
Rabia von Basra: Die Sufi-Mystikerin lehrte Liebe zu Gott statt Furcht vor der Hölle

Rabia von Basra: Die Sufi-Mystikerin lehrte Liebe zu Gott statt Furcht vor der Hölle

Religionen widmen sich den schönsten und wichtigsten Themen der Menschheit wie Liebe, Vergebung, Erleuchtung oder Gott. Dennoch gab es im Namen von Religionen so viel Streit, Krieg und Grausamkeit, dass man geneigt ist, Atheisten Recht zu geben, die meinen, wir wären ohne Religionen besser dran. Was ist es, was Verschiedengläubige immer wieder voneinander entfernt und gegeneinander aufbringt? Und wie können wir endlich zum Friedensschluss zwischen den Religionen kommen? Für viele ist Mystik die Brücke, das in allen Kulturen beschriebene Phänomen der unmittelbaren Wahrnehmung Gottes bzw. der „letzlichen Wirklichkeit“. Das „Sonnenlicht“ ist immer das gleiche, wir betrachten es nur gleichsam durch verschiedene „Brillen“. Dieses Missverständnis aufzulösen, ist nicht nur eine Frage philosophischer Spekulation. Es ist ein hochpraktisches und sogar politisches Thema, das das Wohl aller betrifft. Monika Herz besuchte eine Veranstaltung der Katholischen Hochschulgemeinde in der LMU, München. Sie traf auf einen islamischen Sufimeister und einen christlichen Professor. Nicht zuletzt auch auf ein weiteres verbindendes Element: die Musik.

Die Veranstaltung beginnt mit einer freundliche Begrüßung der Organisatoren. Dann tritt Mehmet Yesilcay mit der Ud auf. Das deutsche Rechtschreibprogramm kennt das Wort Ud nicht und bietet permanent stattdessen das deutsche „Du“ an. Witzig irgendwie. Und auch passend. Der Musikant, ein türkischer Sufi, der seit seiner Kindheit in München lebt – spielt sein Instrument wirklich so, als wolle er gerade mich mit seinen Tönen treffen. „Du“ scheinen die Töne zu meinen. „Gerade Du“. Nicht nur mich meint „es“, das göttliche Instrument, natürlich, sondern möglichst alle. Die höchste Kunst in der Musik ist wohl, Töne so zum Singen zu bringen, dass der Geist frohlockt: „Du meines Liedes liebstes Ohr….“ (Rilke). Ein Dank an den Künstler. Es ist ihm gelungen. Unvergesslich auch, wie Mehmet Yesilcay mitten in einem erklärenden Satz abbrach und zu spielen begann.

Dann tritt ein Sufimeister auf, mit großen leuchtenden Augen und grauem Haar: Nevfel Cumart. Er spielt verbal mit der Zeit. 30 Minuten hat er zur Verfügung. Was hat er eigentlich gesagt? Er hat von Rabia von Basra erzählt, der großen Mystikerin des Islam. Die erste Sufi-Scheicha. Nevfel Cumart erzählte die Geschichte, wie Rabia mit der Fackel und dem Eimer Wasser höchst erregt durch die Stadt Basra irrte. „Rabia, was hast du vor?“ fragten ihre Freunde. Rabia hob die Fackel hoch empor und rief: „Ich zünde den Himmel an, ich lege Feuer im Paradies.“ Dann goss sie das Wasser auf die Strasse. „Und ich lösche das Feuer in der Hölle. Wenn ihr nur aus Angst vor der Hölle oder aus Spekulation auf das Paradies handelt, aber Allah nicht liebt, wenn ihr Gott nicht wirklich liebt, dann seid ihr verloren…“

Nevfel Cumart zitierte Rumi, natürlich Rumi, den kennt schließlich jeder. Behauptet er mit einem Lächeln. Und weitere andere große Meister. Er spricht über das Meister-Schüler-Verhältnis und über das Dhikr, das Üben mit den schönen Namen Allahs mit großem Respekt.

Dann das Zitag aus Sure 2: „Gott ist mit den Geduldigen“. Er spricht von Heimsuchungen, die ein Sufi geduldig erträgt und auch vom Verzicht auf Reichtum. Er spricht von Dankbarkeit – für diejenigen, die Kategorien lieben, in Kategorien unterteilt: Dankbar sein für die Gabe, dem Geber dankbar sein und dann gäbe es noch die Dankbarkeit für die Gabe des Geistes, der Dankbarkeit hervorzubringen vermag.
Seine Worte erscheinen mir wie ein Stufenweg.

1. Verzicht auf Reichtum, großzügiges Geben
2. Geduld
3. Dankbarkeit
4. Zufriedenheit
5. Mystische Liebe
6. Intuitives Erkennen

Aber ist es wirklich ein Weg, den ein Sufi in Stufen „hinauf“geht? Ist es nicht eher so, dass wir, gerade wenn wir intuitives Erkennen vielleicht einmal erfahren haben, jeden Tag „herunter“steigen müssen? Jeden Tag wieder vor der Entscheidung stehen: Lieber auf die schönen neuen Ohrringe verzichten? Oder lieber die schönen alten Ohrringe verschenken? Wollen wir lieber dankbar sein für das köstliche Abendessen oder lieber etwas finden, woran wir herumnörgeln können? Was gäbe es nicht alles über die Zufriedenheit zu sagen! Nevfel Cumart muss es leider für sich behalten. Wegen der 30 Minuten. Ich hätte ihm noch gerne weiter zugehört. Die mystische Liebe – ach, Rabia hat sie vorgelebt, unvergleichlich, unvergesslich.

Intuitives Erkennen, diese letzte Stufe auf dem Weg des Sufi, das wäre gewissermaßen das Gegenteil der Scharia. Hab ich das recht verstanden? Massenhaftes intiuitives Erkennen wäre vielleicht ein himmlischer Zustand auf Erden, in dem es weder der Scharia noch eines anderen Gesetzes bedarf, weil das intiuitve Erkennen selbst die Menschen vom eigenen Geist aus lenken würde. Hm. Ob das vorstellbar ist?

Ich höre: Gott nähert sich über seinen Vermittler, den Propheten, den Menschen an, in dem er sein Wort als Text (Koran) offenbart. In Jesus, dem Vorgänger des Propheten Mohammed dagegen, hat sich Gott als „Fleisch“, als Inkarnation, als Lebewesen dem Menschen angenähert und sich offenbart. Ich, die ich im Saal sitze und zuhöre, finde das ganz wunderbar. Das klingt doch nach Konsens. Wo ist also das Problem? Warum führen Christen und Muslime Glaubenskriege?

Zum interreligiösen Problem äußert sich – nach den 30 Minuten – Perry Schmidt–Leukel, ein freundlicher Professor für Religionswissenschaft, der auf die Schwierigkeiten des Dialogs hinweist. Und auf die Gemeinsamkeiten. Und auf das Ziel. Er führt ganz zu Beginn den Begriff der „letzten Wirklichkeit“ ein. So als wüsste jeder im Saal ganz selbstverständlich, was das eigentlich ist. Nun gut. Dann spricht der Professor von der Reinigung des Wortes „Mystik“ von Beifügungen wie „dunkel, geheimnisvoll“. Mystik sei weder dunkel noch geheimnisvoll, obwohl das Wort von seiner Wurzel her so erscheine („mystikós“ = „geheimnisvoll“). Bei der Mystik gehe es vielmehr um Erfahrungen in Beziehung zur letzten Wirklichkeit. Und um die Unbeschreibbarkeit dieser Erfahrungen. Wenn der Professor nach einem lebenslangen Studium der Religionswissenschaften zu diesem Ergebnis kommt, dann wird es wohl stimmen. Wunderbar!

Ich frage mich, ob es Gott, Allah, den „großen Geist“, die letzte Wirklichkeit oder ein „Unüberbietbares Eines“ wirklich gibt. Wer weiß? Ist es nicht so, dass man nicht einmal seinem eigenen Geist unbedingt trauen kann, selbst dann nicht, wenn er ein solches intuitives Erkennen, eine „Gottes-Erfahrung“ zu erleben meint? Und ist es nicht so, dass es viel mehr darauf ankommt, welche Folgen so eine Erfahrung für den Menschen in seinem Alltag dann hat?

Was ist dieses Unüberbietbare? Der Professor argumentiert strikt logisch, ich kann das nur ungenau wiedergeben: Wenn Einigkeit darüber herrscht, dass es so etwas wie ein „Unüberbietbares Eines“ gibt, dann kann es kein „noch höheres“, noch unüberbietbareres Eines geben. Allenfalls könne man sich darüber unterhalten, welche Wege zur Erkenntnis dieses „Einen“ hinführen. Er kehrt zurück zum Begriff der „letzten Wirklichkeit“. Ein Begriff, den ich eher dem Buddhismus zuordnen würde. Folgerichtig zitiert der Professor denn auch Nagarjuna (ca. 2. Jahrhundert), einen der bedeutendsten Weisheitslehrer des Buddhismus mit den Worten: Die letzte Wirklichkeit ist „… nicht begreifbar, nicht vergleichbar …, außerhalb der Reichweite von Sprechen und Erkennen.“

Dieses Unbegreifbare wird in der Welt der Wissenschaft dann „impersonale letzte Wirklichkeit“ und „personale letzte Wirklichkeit“ genannt. Einigkeit besteht – vielleicht – am ehesten darin, dass die letzte Wirklichkeit, so oder so, das menschliche Begriffsvermögen übersteigt.

So ist das halt. Vielleicht sollten wir Menschen dafür in gewisser Weise dankbar sein. Dankbarkeit als wünschenswerter Geisteszustand findet sich in vielen Religionen. Das sagte doch gerade eben auch Nevfel Cumart. Was für ein Glück, dass wir diesen „Gott“ oder diese „letzte Wirklichkeit“ nicht mit unserem menschlichen Intellekt erfassen können. Man stelle sich nur mal vor, man könnte das. Unvorstellbar! All die Flüsse, das Meer, die Seen, all die Wiesen und Täler, all die Wesen, die Tiere, die Vögel, die Fische, die Eichhörnchen, und – Oh Gott – all diese Menschen! Alle diese Informationen! Und außerdem noch all die anderen Billionen Sonnensysteme, ihre Bewohner und ihre Informationen. Muss ich darüber Bescheid wissen? Oder reicht es vielleicht auch, sich daran zu erfreuen, dass man ein Teilchen davon ist und dankbar zu sein? Zumindest für den Anfang. Diese Gedanken stammem jetzt allerdings nicht vom Professor.

Beim Diskutieren stellt sich heraus, dass es doch noch den einen oder anderen Klärungsbedarf gäbe. Zum Beispiel die Sache mit der Trinität. Oh je. Der Professor sagt lieber nicht allzu viel dazu. Außer vielleicht, dass Jesus nie eine Trinität gelehrt oder eingeführt hat.

Was verbindet die Religionen denn überhaupt? Und was trennt sie?

Die Motivation zum interreligiösen Dialog lässt sich in 4 Sätzen zusammenfassen:

1. die gemeinsame Herausforderung der modernen Welt
2. die gemeinsame Geschichte
3. das gemeinsame Menschsein
4. der gemeinsame Bezug zur transzendenten göttlichen Wirklichkeit

Mit Punkt 1 und 3 gäbe es wenig Probleme. Die Herausforderung und das Menschsein lassen sich ja schwerlich leugnen. Nicht alle Religionen haben jedoch eine längere gemeinsame Geschichte. Der Buddhismus etwa und das Christentum haben sich in der Geschichte bisher kaum gekreuzt. Muslime und Christen haben eine von Kriegen geprägte Geschichte gemeinsamen – von gegenseitig zugefügtem Leidens. Das macht es nicht unbedingt einfacher. Am schwierigsten jedoch sei es, so der Professor, den gemeinsamen Bezug zur transzendenten göttlichen Wirklichkeit zu erzeugen. Warum ist das so schwierig?

Es geht ja um die Frage, ob Mystik eine Brücke sein kann, etwas, das die Religionen verbindet. Dazu gibt es zwei Thesen:

Die erste These ist von Walter Stace: “Ja!” Es gibt ein zentrales, kultur- und religionsinvariantes Element: Die Erfahrung einer letzten, unüberbietbaren Einheit. Diese Erfahrung existiert in zwei Grundtypen (introvertiert, extrovertiert) quer durch die Religionen.

Also ist die Mystik etwas Verbindendes.

Die zweite These ist von Steven Katz. “Nein!” Es gibt keine reinen Erfahrungen – auch nicht in der Mystik. Alle Mystiker sind geprägt von ihrer jeweiligen Religion/Kultur und können nur das erfahren, was ihre jeweilige Religion vorgibt. Weil also der Ausdruck verschieden ist, sind auch die Erfahrungen verschieden. Also sind die mystischen Erfahrungen nicht wirklich verbindend.

Warum ist diese Frage überhaupt wichtig? Sie ist wichtig, um zu klären, was die gemeinsame Grundlage für den interreligiösen Dialog ist. Ist es „nur“ das gemeinsame Menschsein, die gemeinsamen Herausforderungen, eine gemeinsame Geschichte? Oder ist es auch die gemeinsame Beziehung zu Gott bzw. zur letzten Wirklichkeit?

Beim ersten Zuhören hatte ich das nicht korrekt verstanden. Deshalb hab ich dann noch mal nachgefragt. Aber auch jetzt verstehe ich immer noch nicht wirklich, was hier das Problem sein soll. Ich verstehe nur, dass es doch eigentlich gar kein Problem geben sollte. Nicht innerhalb der Mystik! Ja, die Erfahrungen von Mystikern sind sich ähnlich und ja, dort wo sie sich unterscheiden, hat das etwas mit der Persönlichkeit, dem kulturellen Umfeld, den vorbereitenden Übungen, vielleicht auch mit dem Alter und den Hilfsmitteln des „Erlebenden“ zu tun.

Das Problem ist doch vielmehr, dass die Religionen von ihren unterschiedlichen Erfahrungen wechselseitig nichts lernen wollen oder können.

Wo also ist das Problem? Voneinander lernen ist doch schön! Alle versuchen „Es“ zu verstehen und zu beweisen. Alle behaupten von sich, es am Besten verstanden zu haben. Also sind sich alle einig, dass sie es verstanden haben. Die Mystiker aller Religionen sind sich darüber hinaus noch darin einig, dass „es“ in seiner letzten Wirklichkeit gar nicht verstanden werden kann. Jedenfalls nicht mit dem diskursiven Verstand. „Worte verfehlen es, wenn sie es suchen“, heißt es in einem Zen-Text.

Es ist also ein Paradox! Wunderbar! Ich liebe Paradoxe.

Der Abend lässt mich inspiriert zurück. Ideen schleichen sich in meinen diskursiven Verstand: Vielleicht sollte Papst Franziskus bald einmal zu einem interreligiösen Gespräch einladen. In Assisi haben doch schon öfter solche Aktionen stattgefunden. Vielleicht sollte er mehr Mystiker dazu einladen. Die Gespräche könnten das Augenmerk auf das lenken, was nicht nur den Gläubigen, sondern auch den Ungläubigen gemeinsam ist: Die Herausforderungen der Gegenwart als mögliche friedliche Zukunft und das gemeinsame Menschsein.

Wenn ich mir das so vorstelle: Eine Art „Friedensvertrag“ aller mehr oder auch weniger namhaften Vertreterinnen von Religionen (es gibt ja nicht nur „die großen Religionen“, sondern noch unzählige „kleine“) – initiiert von Papst Franziskus. Das könnte mir gefallen! Ob der Papst vielleicht zufällig dieselbe Idee hat?

Und ich stelle mir weiter vor, kein Christ würde mehr zur Waffe greifen. Kein Muslim. Kein Jude. Keiner würde mehr töten. Auch die Tiere nicht. Nur dieses eine Nicht-Tun. Nicht-Töten. Ach. Mein Gott! Ob ich das noch erlebe?

Leider ist das nämlich ein wirkliches Problem: Die Anhänger von Religionen schaffen es einfach nicht, das Töten aufzugeben. Das Kriegführen gegen die „Anderen“, die Andersgläubigen – oder die Andersartigen, wie es die Tiere sind. Oder das Foltern! 1000 Peitschenhiebe und 10 Jahre Gefängnis wurden unlängt gegen einen Freiheits-Aktivisten in Saudiarabien verhängt, der nichts weiter getan hatte, als ein Netzwerk zu gründen. Aber das ist eine andere Baustelle. Die Richter in Saudiarabien sind nämlich gewiss keine Mystiker und ganz gewiss keine Sufis! Auch das s genannte christliche Abendland mit seinen Kriegen in Afghanistan und seinen Foltergefängnissen ist ganz bestimmt nicht von Mystikerinnen geleitet.

Musik: Mehmet C. Yesilcay, musikalischer Leiter des Pera Ensemble http://www.pera-ensemble.com/

Referenten: Nevfel Cumart http://www.nevfel-cumart.de/

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel http://de.wikipedia.org/wiki/Perry_Schmidt-Leukel

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