Mystik und Weltverantwortung

 In Politik (Ausland), Politik (Inland), Spiritualität
Einer, der Mystik mit gesellschaftlichem Engagement verbindet: Thich Nhat Hanh

Einer, der Mystik mit gesellschaftlichem Engagement verbindet: Thich Nhat Hanh

Spiritualität und Mystik haben im politischen Kontext nichts zu suchen, sagen besonders Rigorose. Sie seien sogar schädlich, weil sie uns in Absprache mit den Mächtigen eine weltfremde Vertröstungsideologie aufschwatzten. Andere geben sich milder und gestehen der Spiritualität eine gewisse private Berechtigung zu. Sie verstehen aber nicht, warum sie für politische Arbeit „unbedingt“ nötig sein soll. Gerhard Breidenstein verlangt in seinem grundsätzlichen Artikel nicht, dass jeder zum Mystiker werden müsse; er erklärt aber, worin die besonderen Stärken einer mystischen Welthaltung auch im Hinblick auf gesellschaftliches Engagement liegen: in einem gewissen Verantwortungsgefühl für das Ganze, von dem wir ein Teil sind z.B. In wachsender Unabhängigkeit von kapitalistischen Konsum- und Erfolgszwängen. In der Förderung von Achtsamkeit, Mitgefühl, Mut und Hoffnung. (Gerhard Breidenstein)

In der spirituellen Szene weit verbreitet ist die Auffassung, dass es auf dem spirituellen Weg um eine Beschäftigung mit dem eigenen Innenleben gehe, ganz im Gegensatz zu politischem Aktionismus. Ich habe sogar einen wichtigen Zen-Lehrer unserer Zeit sagen hören, dass man bloß aufhören solle, die Welt ändern zu wollen; das sei noch immer schief gegangen, schon deshalb, weil alle Vorstellungen von einer „besseren Welt“ nur unsere Ego-Projektionen seien, die das Eigentliche im Hier und Jetzt verfehlen. Noch radikaler vertreten manche Buddhisten die Auffassung, dass unsere gesamte Weltwahrnehmung ebenso Illusion sei wie die Vorstellung eines autonomen Selbst. Dem korrespondiert andererseits die Kritik der Rationalisten oder Aktivisten, Spiritualität, insbesondere mystische Spiritualität sei Weltflucht, ein Ausweichen vor der Verantwortung gesellschaftlicher Veränderung. Dieses Image hängt gewiss damit zusammen, dass tatsächlich spirituelle Suche zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu mönchischer Askese und Rückzug in abgelegene Klöster oder sogar Einsiedelei führte. Gegen beide Positionen möchte dieser Beitrag zeigen, dass Mystik und Weltverantwortung eng zusammen gehören, ja einander bedingen. Um diese These zu erläutern, müssen zunächst die beiden Begriffe – jedenfalls so wie ich sie verstehe – gesondert betrachtet werden.

Mystik

Dies ist ein schwammiger, fast schon inflationär verwendeter Begriff. Nach meinem Verständnis ist Mystik ein Feld religiöser Erfahrung, das allen großen Religionen gemeinsam ist; sie bildet die geheimnisvolle und faszinierende Mitte zwischen ihnen. In dieser Mitte – wo sich z.B. Yoga, Zen, Chassidim, christliche Mystik und Sufismus berühren – gibt es viele Gemeinsamkeiten, unabhängig von der jeweiligen religiösen Herkunft und durch die Jahrtausende hindurch bis in die Gegenwart. Deshalb ist es gerechtfertigt, von der Mystik zu sprechen bzw. von typisch mystischen Erfahrungen. Einige dieser Übereinstimmungen will ich kurz nennen.

Für mystische Erfahrung gibt es nur eine Wirklichkeit, kein Diesseits und Jenseits, nicht Himmel-Erde-Hölle, nicht Licht oder Dunkel, Göttliches und Weltliches. Das Göttliche wird als allgegenwärtiger Geist verstanden, verkörpert in allen Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen, von den kleinsten Energiebündeln in einem Atom bis zu den fernsten Galaxien, also in der alles verbindenden Energie. Der Mensch wird nicht als eine in sich abgeschlossene Einheit gesehen („Illusion des Ego“), sondern als unabtrennbarer Teil der einen, ganzen Wirklichkeit, also auch des Göttlichen. Bei dieser Charakterisierung ist allerdings zu bedenken, dass Mystik in aller Regel keine Lehre vertritt und sich nicht systematisch darstellt. Vielmehr geht es in den meisten Äußerungen von Mystik um den Versuch, „letzte Erfahrungen“ in Worte zu fassen.

Mystik und Welt

Die großen Religionen hatten und haben oft ein dreigeteiltes Weltbild oder ein zumindest zweigeteiltes Verständnis von Wirklichkeit: Diesseits und Jenseits. Da Erfahrungen in der „diesseitigen“ Welt in aller Regel leidbesetzt sind, gab und gibt es immer wieder Tendenzen zum Rückzug aus der Welt, zumindest eine Sehnsucht nach einem leidfreien Jenseits (Paradies, Nirwana u.ä.). Dagegen setzten die jeweiligen mystischen Strömungen immer wieder ihr Verständnis von der einen, ungeteilten Wirklichkeit. Wer nur eine Welt kennt, kann und will nicht aus der Welt fliehen – selbst wenn er oder sie sich auf Zeit aus dem weltlichen Getriebe zurückzieht. So haben mystisch-spirituelle Lehrerinnen und Lehrer stets ihre Schüler und Schülerinnen auf die Welt, ja in den Alltag verwiesen als den entscheidenden Raum der Bewährung ihrer mystischen Erfahrung. „Erleuchtung“ wird meist nicht als Entrückung aus der Welt erlebt, sondern als Einweisung in die Welt, wie sie wirklich ist, als Erwachen für die Welt.

Ein weiterer Impuls zur Präsenz in der Welt kommt aus der typisch mystischen Transzendierung des Egos. Wenn das Ich-Bewusstsein, das wir uns wie die Spitze einer Welle vorstellen können, sich öffnet oder geöffnet wird hin zum Ozean des Seins, wird seine Wahrnehmung des Ganzen weiter, umfassend.

Zur Mystik gehört in der Regel tiefes Mitgefühl mit allen Leidenden. Und daraus entsteht heute mehr denn je in der Geschichte der Menschheit ein Impuls zur Beseitigung der Ursachen von Leid, also Weltverantwortung. Im Christentum wird das durch eine moderne Interpretation des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter ausgedrückt: es genüge nicht, den einen von Räubern Überfallenen Menschen zu versorgen, sondern darüber hinaus müsse man sich um die Resozialisierung der Räuber bemühen, damit sie nicht weitere Opfer fordern. Im Buddhismus entstand im 20. Jahrhundert der Engagierte Buddhismus, zu dem z.B. die Bewegung des vietnamesischen spirituellen Meisters Thich Nhat Hanh gehört.

Weltverantwortung

Ich verstehe im Folgenden „Welt“ nicht als „Umwelt“, sondern als „Mitwelt“, als das Ganze der Schöpfung bzw. der Wirklichkeit. Und mit Verantwortung meine ich nicht Verantwortung vor einer richtenden Instanz, sei es Gott oder das eigene Gewissen. Sondern Verantwortung soll alle Aspekte umfassen von Antwort-Geben auf wahrgenommene Realität, sowohl ihre Schönheit wie ihre Störung, Glück wie Leid. Verantwortung übernehmen heißt auch Fürsorge empfinden und leisten für z.B. ein Kind, einen anderen Menschen, ja die ganze Schöpfung.
Solches Verantworten kann man in zunehmend weiter werdenden Horizonten verstehen. (Zum Folgenden ausführlicher im Artikel „Komm mir nicht mit Moral – Auf dem Weg zu einer globalen Ethik und darüber hinaus“ in connection spirit, Heft 4/2011, S. 40–43)

Ich beginne mit dem Individuum als dem kleinsten Kreis von Welt. Aus einer recht verstandenen Selbst-Liebe entsteht Verantwortung für die Gesundheit und Reifung dieser kleinen Welt von Körper, Geist und Seele. Der nächste, weitere Horizont von Weltverantwortung umschließt meine Angehörigen, die „Sippe“. „Und unsern kranken Nachbarn auch“, lässt Matthias Claudius uns singen und weitet damit unseren Wahrnehmungs- und Verantwortungshorizont ganz sanft über die eigene Familie hinaus zum Nachbarhaus, zum Arbeitsplatz, in den ganzen Wohnort, das Heimatland, das Nachbarland. Für diese Horizonterweiterung gibt es kein vertretbares Anhalten, bis alle Menschen auf diesem Globus als unsere Nachbarn auf dem kleinen Planeten Erde erkannt und so in unsere Verantwortung einbezogen sind. Tatsächlich werden ja heute erstaunlich viele Menschen in unserer Gesellschaft auch von fernsten Wetter- oder Hungerkatastrophen, von Erdbeben- oder Kriegsopfern in aller Welt angerührt und zu einer solidarischen Spende motiviert. Dies ist nichts Geringes oder Selbstverständliches, sondern in der Evolution des menschlichen Bewusstseins ein qualitativer Sprung, der Beginn eines globalen Bewusstseins!

Diese Ausweitung des Verantwortungshorizontes zeigt sich auch darin, dass viele Menschen sich nicht nur karitativ engagieren, sondern auch gesellschaftliche Bedingungen verändern wollen, indem sie mitarbeiten in Initiativen, Verbänden, Nicht-Regierungsorganisationen, Parteien und Protestbewegungen bis hin zu den alten und jungen Globalisierungskritikern (z.B. bei attac). Sie fühlen sich sogar für so globale Themen wie Welthandel, Weltfinanzen und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung verantwortlich (z.B. in der Akademie für Solidarische Ökonomie).

Eine weitere epochale Erweiterung unseres ethischen Horizontes ist weltweit im Gange: die Einbeziehung von Tieren und Pflanzen in unsere Verantwortung, ja der globalen Lebensbedingungen wie Gewässer, Böden, Klima bis hinauf zur Ozonschicht. Tierschutz, die Sorge um die Erhaltung der Artenvielfalt oder des Klimas führen allmählich zu internationalen Vereinbarungen, zu Gesetzen, gar der UN-Verfassung. Besonders deutlich formuliert sind sie in der Erd-Charta, die aus einer weltweiten Basisbewegung heraus entstanden ist. Diese Ökologisierung unserer Weltverantwortung geht gewiss noch viel zu langsam und wird von enger und kurzfristiger Interessenpolitik behindert. Aber sie hat begonnen!

Eine letzte anstehende Erweiterung unseres Welt-Horizontes betrifft die zukünftigen Lebewesen. Wenn es heißt, unsere Lebensweise sei nicht nachhaltig, meint man: sie ist nicht zukunftsfähig, sie verdirbt die zukünftigen Lebensbedingungen sogar für uns heute Lebenden, für unsere Kinder und Enkel, und erst recht für spätere Generationen. Und auch hierbei geht es nicht mehr nur noch um uns Menschen, sondern um die Zukunft allen Lebens auf diesem Planeten. Zugegeben: das alles ist eine äußerst anstrengende, vielleicht überfordernde Horizonterweiterung.

Zudem ist diese globale Verantwortung nicht nur eine Sache der nationalen und internationalen Politik, sie hat mit unserem alltäglichen Handeln zu tun. Denn was wir kaufen, wie wir unsere Mobilität gestalten, wie viel und welche Energie wir gebrauchen, wohin wir unseren Urlaub planen (ob mit oder ohne Flugzeug) – all das hat globale Auswirkungen, muss also unter global-ethischen Gesichtspunkten entschieden werden. Es gibt keinen „privaten“ Konsum mehr! Das kann jeder einigermaßen informierte, vernünftige Mensch einsehen, und entsprechende Änderungen unserer persönlichen Lebensweise und der Weltwirtschaft werden ja auch von immer mehr Experten und immer dringlicher gefordert. Dazu braucht es keine Mystik! Wozu dann?

Mystik und Weltverantwortung

Diese „Paarung“ ist keine ganz junge Verbindung. In den benediktinischen Orden hieß es schon immer „Ora et labora“ also „Bete und arbeite“, und dies nicht nur für die Mönche oder Nonnen selbst, sondern auch für ihre Umgebung. Luther verwies auf den „weltlichen Stand“ als für Christen ebenbürtig zum „geistlichen Stand“. „Kampf und Kontemplation“ sagen die Christen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. „Mystik ist Widerstand“ schrieb die protestantische Theologin Dorothee Sölle (in ihrem Buch „Mystik und Widerstand“). Aber diese Beziehung ist von uns Heutigen in dem radikal erweiterten Welthorizont neu nachzuvollziehen. Wenn ich deshalb jetzt von dem möglichen Beitrag der Mystik zur Wahrnehmung solcher globalen Weltverantwortung spreche, geht es nicht um das, was nur sie (exklusiv) dazu beitragen könnte, wohl aber um das, was gerade Mystik (spezifisch und verstärkend) beitragen kann.

Alle Mystik ermöglicht das Erwachen aus unserem alltäglichen Halbschlaf, gar unserer Betäubung (heutzutage durch allzu viel Information, passive Unterhaltung, Alkohol, Medikamente u.a.). Sie stimuliert uns zu hellwacher Achtsamkeit auf alles, was ist. In der heutigen Weltsituation ist dies ein höchst dringlicher, doch schwer durchzuhaltender Bewusstseinszustand. Denn zu ihm gehört auch die Bereitschaft zum Mitgefühl mit allem Leiden. Ist das ohne mystische Spiritualität überhaupt auszuhalten?

Die mystische Wahrnehmung unseres Einsseins-mit-Allem überwindet den jahrtausendealten jüdisch-christlichen Anthropozentrismus, also das Denken nur vom Menschen her. Auch unser kulturell verstärkter neuzeitlicher Egozentrismus kann aufgelöst werden durch die mystische Realisierung unseres Egos als einer kleinen Wellenspitze im unendlichen Ozean. Mit dem Ego schwindet unser Impuls zum Konkurrenzkampf, zur Habgier, zur Gewaltanwendung. Nächstenliebe oder Mitgefühl werden ganz natürliche, selbst-verständliche Haltungen. Mystisches Empfinden weitet sogar den Zeithorizont in die Zukunft aller nach uns kommenden Lebewesen, obwohl der Fokus der Mystik dem zeitlosen Hier und Jetzt gilt.

Bei der notwendig radikalen Umgestaltung unserer konsumistischen Lebensweise gibt Mystik uns gleichsam Entzugshilfe, indem sie unsere Sehnsucht auf inneres Glück lenkt und so unsere materiellen Bedürfnisse stark relativiert. Einem mystisch glaubenden Menschen ist anderes wichtiger als unsere heutigen Konsumstandards oder die Vermehrung von Kapital. Dabei wird aus dem „Ich muss lassen“ ein „Ich kann lassen“, wahre Befreiung.

Schließlich: Mystik nährt unser Vertrauen, dass diese Welt, weil sie von göttlicher Liebesenergie durchdrungen ist, nicht zugrunde gehen wird. Das gibt uns den Mut, die Ausdauer und die Hoffnung, die angesichts der sich zusammenbrauenden globalen Krisen so dringend gebraucht werden, und die keine Vernunft uns geben kann. Andererseits gewährt mystische Spiritualität die innere Kraft, Ohnmacht angesichts der Weltlage auszuhalten. In der mystischen Versenkung sitze ich im windstillen Auge des Wirbelsturms der Welt. Und: Die kleine Welle ist nicht verantwortlich für den ganzen Ozean, sie darf sich auf den ihr zugänglichen Bereich beschränken.

So gehören für mich Mystik und Weltverantwortung untrennbar zusammen. Die mystische Praxis und das gesellschaftliche Engagement können in verschiedenen Phasen meines Lebens oder auch bei verschiedenen Menschen im Mittelpunkt stehen. Aber sie sollten dennoch verbunden sein. Mystische Weltverantwortung bewahre uns vor der Verbissenheit und dem Hochmut politischer Weltverbesserer. Und weltverantwortliche Mystik bewahre uns vor der Falle einer bloß individuellen Seelenrettung. Das Streben nach mystischer Erfahrung ist dann kein subtiler Egotrip, sondern Dienst an der Welt.

Erstveröffentlichung dieses Artikels in connection Spirit, www.connection.de

Zum Autor: Gerhard Breidenstein, Jg. 1937, promovierte in evangelischer Sozialethik, viele Jahrzehnte aktiv in der Entwicklungshilfe, in der Eine-Welt-Solidarität, der Friedens- und Umwelt- Bewegung, Gründer einer ökologisch-spirituellen Lebensgemeinschaft und der Initiative „Aufbruch – anders besser leben“; Autor des Buches „Zen-Meditation – eine Hochgebirgstour“. www.auf-dem-zen-weg.de

Hinterlasse einen Kommentar

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!