Neue Heimat Erde (3/3)

 In Politik (Ausland), Politik (Inland), Spiritualität, Umwelt/Natur, Wirtschaft
Othello und Jago: zwei Aspekte unserer Persönlichkeit

Othello und Jago: zwei Aspekte unserer Persönlichkeit

Woher überhaupt noch Hoffnung nehmen? In der Absicht, die Realität ehrlich und ungeschönt darzustellen, versteifen wir uns oft auf das Negative – nach dem Motto “Je schlechter sich die Leser bei der Lektüre fühlen, desto besser das Webmagazin”. Tatsächlich bedeutete “Realismus” aber nicht, die vielen konstruktiven Aktionen, die überall auf der Welt laufen, zu ignorieren. Gerd Soballa, beheimatet auf der schönen Insel La Palma, ist Zukunftsforscher und beschäftigt sich seit Jahrzehnten fachübergreifend mit positiven Projekten auf Gebieten wie Ökologie, Architektur, Wirtschaft, Politik, Gesundheit und Bewusstsein. In diesem dreiteiligen Artikel spricht er über Agenda-Gruppen, Transition Towns und anderen Pilot- und Modellprojekten für eine Neue Erde.

Doch was tun, wenn unser innovatives Engagement nicht von Erfolg gekrönt ist, wie es bei diesen Projekte oft der Fall ist, und wir „abstürzen“?

Wer wagt, gewinnt – doch nicht immer und nicht sofort

„Wenn eine Vision anfängt zu fliegen, warum ist sie so oft zu einer Bruchlandung bestimmt“
(Arjuna Ardagh in „Die lautlose Revolution)

Ich darf jetzt hier als Autor auch einmal aus dem „Nähkästchen“ plaudern. Ich war in den letzten drei Jahrzehnten an großen ökologischen und sozio-kulturellen Modellprojekten in Sachen Neue Zukunft als holistischer Stadtplaner und Zukunftscoach beteiligt und durfte erleben, wie einige gut gelangen. Zwar mit Abstrichen, wie immer bei Realo-Projekten, aber immerhin blieb bei einigen vieles von der jeweiligen konkreten Utopie erhalten. Andererseits musste ich auch erleben, wie einige Projekte, die viel versprechend begannen, plötzlich „abstürzten“. Zuletzt das Projekt „La Palma 100 Prozent erneuerbare Energie“, das von der so genannten Schuldenkrise in Spanien eingeholt wurde. Wie umgehen in solch einer Situation mit so viel Frust und Enttäuschung? Und warum muss es so sein, dass uns die „Neue Welt“ oft nicht gelingt?

Ich steh damit nicht allein, das weiß ich. Dem Widerstand gegen „Stuttgart 21“, einigen „Neue Gemeinschaften“- Projekten, vielen Regio-Geld-Initiativen sowie dem viel versprechenden „Tahiti-Projekt“ ging es so. Warum gelingt es uns oft nicht, unsere „natürliche Vision“ (Arjuna Ardagh), die uns allen Glück, Zufriedenheit, Erfüllung, Harmonie, Gesundheit etc. in unser Erdendasein bringen könnte, zu verwirklichen? Arjuna Ardagh berichtet z.B., dass von 300 000 neue Firmen, die 2003 in den USA gegründet wurden – viele davon mit den besten kulturkreativen Zielen – 80 Prozent innerhalb der ersten zwei Jahre scheiterten. Er fragt sich: „Was ist dieses mysteriöse Element in der menschlichen Natur, das uns verfolgt und uns unweigerlich sabotiert?“ Natürlich sind es oft äußere Umstände – die Politik, das Geld etc. –, die mit dazu beitragen. Doch diese allein sind es nicht.

Der „Jago Faktor“ und seine Erlösung – Stolpersteine werden zu Trittsteinen

„Im Herzen sind wir alle Othellos – wir vertrauen und möchten immer nur das Beste im anderen sehen. Von unseren unsichtbaren Jagos werden wir alle zu verrückten Handlungen verleitet und getrieben“ (Arjuna Ardhagh)

Arjuna Ardagh hatte die geniale Idee, Othello aus Shakespeares gleichnamigem Stück, für unser Gelingen und seinen Gegenspieler Jago als „Stellvertreter“ für unser Scheitern darzustellen. Othello steht für unsere „natürliche Vision“, und Jago, der uns immer wieder Ängste suggeriert und Gefühle von Trennung, Mangel, Misstrauen, Schuld etc. erzeugt, verkörpert unseren Schatten. Die „Jago-Trance“, wie Ardagh sie nennt. Beide, Othello und Jago, stehen sowohl für individuell-biographische Befindlichkeiten, als auch für kollektive, wie sie im so genannten „morphogenetischen Feld“ (Rupert Sheldrake) zu finden sind.

Der „Jago“ in uns möchte anerkannt und erlöst werden. Doch wie dann? Jago sitzt tief im „Keller“ unseres Seins und bindet eine Menge Energie an sich. Er lässt uns kuriose, oft schmerzhafte Rollen spielen und zieht „Strange Attractors“ – ein Begriff aus der Chaostheorie – als Ereignisse in unserem Leben an. Innenwelt und Außenwelt spielen hier ineinander. „Jago“ und „Othello“ sitzen also in unserer Tiefenschicht – so als wäre nicht nur unsere persönliche Geschichte, sondern die ganze Geschichte der Menschheit mit allem, was da an so genanntem Positiven und Negativen geschah, in unserem Körper-Geist Seele-System gespeichert – als persönliches und „kollektives Unbewusstes.“ (C.G. Jung) Es bedarf einer „Tiefenarbeit“, um „Jago“ und „Othello“ in uns bemerkbar zu machen und sprechen zu lassen und ihre Information zu befreien, auf dass wir selbst frei werden. “Voice Dialog“ z. B. ist eine Methode, um verborgene Stimmen in uns ans Licht zu bringen. Die tiefenökologische Arbeit einer Joanna Macy ist eine weitere.

Wir selbst haben in unseren Retreats auf La Palma eine freie Aufstellungsart zu diesem Thema entwickelt. Wir stellen so genannte „Stolpersteine“ und „Trittsteine“ auf, dazu noch einige andere Aspekte wie die „natürliche Vision“ und den „Gewinn“, den wir haben, wenn wir an Jago festhalten. Das Spannende und auch Erlösende tritt im Verlauf der Aufstellung dann ein, wenn der „Stolperstein“ seinen Platz im „System“ gefunden hat und sich mit dem Trittstein verbündet bzw. selbst zum Trittstein wird. Auf diese Weise freier geworden, können wir uns wieder leichter und unbeschwerter unseren Projekten und einer integralen und holistischen planetarischen Kultur widmen, von der im Folgenden die Rede sein wird

Auf dem Weg in eine integrale Weltwahrnehmung und planetarische Kultur

„So wie wir uns die lähmenden Verhaltensmuster bewusst gemacht haben, um deren Überwindung wir uns bereits bemühen, brauchen wir auch eine Richtschnur für die Zukunft:
eine vorbildhafte Zusammenstellung wesentlicher Eigenschaften, die unser Leben wertvoller und besser machen, sobald wir sie erst einmal angenommen haben.“
(Nah Kin „2012 – Die authentische Botschaft der Maya für das neue Zeitalter“)

Für diese neue Zeit des Wandels, die vor allem zuerst in uns selbst beginnt, vermitteln uns alle Urvölker, z.B. die Maya und andere indigene Völker, eine Schlüsselerkenntnis: die Ehrfurcht vor der Erde als Mutter allen Lebens, denn „die Erde liegt in unserer Hand“ (Sun Bear). Dazu gehört auch, das verlorene Vertrauen zu uns selbst als Menschen und zur Erde wiederzugewinnen und das „Zeitalter der Angst“ zu beenden. Wir leben heute in einer Zeit, in der alte Weisheit und neues Wissen zusammenkommen. Das archaische Wissen um Mutter Erde ist sehr alt, die Gaia-Hypothese, die aus der ökologischen Wissenschaft kommt, hingegen ist relativ jung. Doch beide Sphären, die alte und die junge, wissen um die Erde als lebendiges Wesen und können sich verbünden.

Dieses Wissen um die Heiligkeit der Erde ist uns in den letzten Jahrhunderten verlorengegangen, wenn z.B. Francis Bacon, einer der Begründer der modernen Wissenschaft im 17.Jahrhundert noch davon sprach, man müsse die Erde auf eine Folterbank spannen, um ihr auch noch die letzten Geheimnisse abzupressen. Er wusste, von was er sprach, denn er war nebenbei noch Inquisitor bei so genannten Hexenprozessen. Heute wissen wir, dass die Ergebnisse in Wissenschaft und Forschung von der Grundgestimmtheit der Wissenschaftler beeinflusst werden. Erforsche ich etwas im Geist von Empathie, Liebe und Demut – in dem Sinn wie es z.B. Christine Kessler in ihrem Buch „Amo Ergo Sum“ (Ich liebe, also bin ich) beschrieben hat –, oder tue ich alles aus Raffgier, zwanghafter Pflichterfüllung oder Egomanie heraus? Daraus resultiert dann jeweils etwas anderes. Für die neuen Projekte für eine neue Erde, wie sie oben aufgezeigt wurde, wird diese Erkenntnis eine entscheidende Rollen spielen: Es geht nicht ausschließlich darum, was wir erforschen, entwickeln und in die Praxis umsetzen, sondern darum, wie wir es tun.

Wir sind dabei, uns eine neue holistische und integrale Weltwahrnehmung zu erarbeiten. Dazu gehört auch, dass die weiblichen Kräfte und die männlichen in Balance kommen. Für die indigenen Völker ist dieses Gleichgewicht der Schlüssel für das Überleben der Menschheit überhaupt. Im Zeitalter des Patriarchats, dem „Zeitalter der Angst“, wie die Indigenen sagen, und der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur, war das Männliche überaspektiert. Ein neues Gleichgewicht zwischen dem männlichen und dem weiblichen Pol kann hingegen „eine neue Menschheit hervorbringen, die aus ganzheitlichen und vollständigen Wesen bestehen, welche besser als wir zu Beziehungen fähig sind, die auf gegenseitiger Achtung und auf Harmonie zwischen den Geschlechtern beruhen.“ (Nah Kin)

Transition World Culture – Der neue Baum des Lebens

„Der Traum des neuen Menschen wird mit seiner Wirklichkeit identisch sein“
(Osho in „The Golden Future“)

Es wird kein Zurück in die alten Matriarchate, die Kulturen der großen Göttin geben, noch wird dieses alte Patriarchat mit seinen Herrschaftssystemen beibehalten werden können. Beide Sphären, das Männliche und das Weibliche möchten auf neue Weise zusammenkommen. Interessant in diesem Zusammenhang ist es, dass sowohl Frauen als auch Männer aus einer jeweils verschiedenen Perspektive, Grundbefindlichkeit und Weltwahrnehmung heraus, eine wichtige Arbeit für diese Erde und dieses neue Zeitalter – nennen wir es das holistische oder integrale Zeitalter – leisten. Frauen wie Scilla Elworthy, die eine beispielhafte Friedensarbeit auf den Weg brachte („Das weibliche Prinzip“), Joanna Macy mit ihrer tiefenökologischen Arbeit oder Beatrice Pfleiderer, die Permakulturprojekte auf Hawaii initiierte, oder auch die jüngst verstorbene Margrit Kennedy, die sich für neue reformerische Geldmodelle einsetzte, arbeiten anders als Männer. Aber auch diese fühlen sich auf ihre Weise dem Integralen verpflichtet und setzen beispielhafte epochale Zeichen für eine neue Erde, wie z.B. Ken Wilber, Jean Gebser oder Arjuna Ardagh, um nur wenige dieser Pioniere und Pionierinnen beispielhaft zu nennen.

Doch beide Sphären zusammen bilden eine neue Synergie und wertvolle Einheit. Letzten Endes kommt es auf uns alle an, als Männer und Frauen in einen Wandlungsprozess zu treten und neu zu werden, um auf eine nachhaltige, liebens -und lebenswerte Zukunft gemeinsam hinzuwirken. Wenn uns dies gelingt, werden wir für unsere Kinder und Kindeskinder wieder zu lebendigen Vorbildern werden, an denen sie sich orientieren können. Denn die Kinder der Neuen Zeit sind es, die all das „auszubaden“ haben, was wir an Müll, Elend, Ungelöstem und Unerlöstem hinterlassen, wenn uns dieser Neuanfang nicht gelingt.

Ich persönlich glaube daran, dass uns dieser Neuanfang gelingen wird. Ho! Am menschlichen Horizont ist jetzt schon etwas sehr Schönes und Hoffnung Versprechendes spürbar, erlebbar und wahrnehmbar: ein neuer Adam und eine neue Eva, ein neues Wir, eine neue Weltenfamilie, die einen neuen Baum des Leben pflanzt – und zwar auf
dieser unserer einzigen heiligen Erde, die für uns alle Wohnstadt und Heimat ist.

„Ich bin das Land,
meine Augen sind der Himmel,
meine Glieder die Bäume.
Ich bin der Fels, die Wassertiefe.
Ich bin nicht hier,
um die Natur zu beherrschen
oder sie auszubeuten.
Ich bin selbst Natur.“

Gebet der Hopi
(zitiert nach „Die Erde liegt in unserer Hand“ von
Sun Bear mit Wabun Wind)

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