Wider die Kälte im Herzen des grünen Kapitalismus 1/2

 in Spiritualität, Umwelt/Natur, Wirtschaft
Die Erde - wunderschön, liebenswert, erhaltenswert

Die Erde – wunderschön, liebenswert, erhaltenswert

Die einseitige Betonung des technisch-rationalen Verstandes hat die Welt in eine beispiellose Krise gestürzt. Wollen wir den Planeten heilen, müssen wir das Ökosystem wieder als organische, belebte Ganzheit zu begreifen lernen. Tiefenökologie ist eine spirituell begründe Philophie des Umweltschutzes, der – da alles mit allem zusammenhängt – eng mit dem „Innenweltschutz“ verknüpft ist. Ökologisches und politisches Handeln setzt auch die Wiederbelebung des Herzens voraus, die Fähigkeit, uns in andere Lebensformen einzufühlen, die uns eigentlich nicht fremd sind, sondern Teile unseres erweiterten Selbst. (Peter Erlenwein)

Das Gespräch der Sachverständigen mit den Politikern in Bayern drehte sich um das neueste ‚grüne‘, also ökologische Mammutprojekt. Die Frankentrasse hatte man es kurzerhalb getauft. Keine neue Autobahn mehr, aber noch großflächiger, sprich landschaftsvertilgender angelegt: auf einer etwa hundert Meter breiten Schneise, sollen Windräder von ca. 70 Meter Höhe das mittlere Deutschland von der Nordsee nach Franken, mithin etwa 500 km, aufgepflanzt werden, um den Süden mit sauberer Energie zu versorgen. So die Idee, die ein Gremium von Experten ausgebrütet hatte, die nun von den Politikern als neues Heilsversprechen einer arglosen Öffentlichkeit vermittelt wurde.

Man hatte mit nichts Bösem gerechnet, doch der Proteststurm, der alsbald einsetzte, verunsicherte selbst den ansonsten mit allen Wassern gewaschenen Horst Seehofer. Was war da los mit den Deutschen? Nun ja, die Trasse führte, wie das bei solchen Unternehmungen so ist, durch Herzräume deutscher Landschaft und Kultur. Die Experten waren eben Sachverständige, die weniger grünes Land als hypermoderne Windflügel in ihren Köpfen hatten. Was war nur in die Bauern und Dörfler gefahren? Wollten sie, in einem Anfall romantisch-sentimentalischer Stimmung, doch keine grüne Energie; wollten sie an Überkommenem, eben Wald und Wild und alten Bauernhäusern unbedingt festhalten? Konnten sie nicht einsehen, dass sich die letzten paar Hasen und Füchse, welche sich inzwischen, so die Meinung wiederum anderer Experten, ja auch unter flächendeckenden Solaranlagen wohlfühlen sollten, konnte sich da nicht auch der deutsche Naturmensch unter den himmelstürmenden Windflügeln einfinden – angesichts der puren Notwendigkeit derart neuer großartiger Technologien, die uns nicht nur reine Umwelten bescheren sondern überhaupt in wunderbare Zeiten führen würden? Nun stellte sich zudem ‚leider‘ schnell heraus, dass es eigentlich um die Verstromung von Braunkohle aus dem Ostengehen soll. Energiewende ade? Stattdessen neue Großgeschäfte für die Energieriesen? Business as usual? Das gemeine Volk ist aufgebracht; das Stichwort von einem zweiten Wackersdorf macht inzwischen die Runde. Die CSU-Zentrale ist beunruhigt. Klärungsbedarf scheint angesagt, um abzuwiegeln. Doch bislang geruhten die betroffenen Gemeinden nicht zu ruhen; jede Menge Anträge zur Verhinderung der Trasse sind auf den Weg gebracht.

Worum also geht es, außer um die Frage, wer unter dem sirrenden Geflügelwerk zu leben haben wird; nebenbei gefragt, wieviele der Sachverständigen selbst würden wohl dazu gehören? Oder hatten diese, in weiser Voraussicht, in weniger technikinfizierte Landschaften ihre Häuschen gebaut? Spaß beiseite. Lassen wir eine Zahl sprechen: die Landschaftsfläche der Bundesrepublik Deutschland, einem Land mit über 80 Millionen Einwohnern, ist im letzten Jahr um rund 7.4 % geschrumpft, und verschwindet in rasendemTempo weiter; denn neben die Großindustrien der Vergangenheit, also Kohle und Stahl und der ultragefährlichen Atomenergie, trifft nun die vierte Technikwelle auf das Land: Wind und- Solarkraftanlagen. Was heißt, der Energiehunger kapitalistischer Wirtschaft nimmt kein Ende, obwohl doch jedes kleine Smartphone schon nach kürzester Zeit Zeit zugunsten eines noch raffinierteren im Elektromüll landet.

Die Angst, nicht mit genügend Energie, sprich, Konsummöglichkeiten versorgt zu sein, ist der stete Begleiter solcher Ökonomie der ununterbrochenen Knappheit. Der Heißhunger auf natürliche Lebens-Güter zur technologischen Verwertung lässt uns immer mehr verbrauchen, und wir scheinen mit solcher Junkiementalität an kein Ende kommen zu wollen. Ein Raubgierreflex, der den Westen, bestehend aus zwei der reichsten Kontinente dieser und vergangener Zeiten, ebenfalls seit langem umnachtet. Schon wird das Gas knapp, die nächsten Kriege, so flüstert es, gehen um die letzten Ressourcen: Erde (insbesondere die kostbaren/seltenen Erden), dazu Wasser und saubere Luft – die Luft zum Atmen. Was aber ganz ersichtlich jeden Tag mehr zur Neige geht ist schlichtweg die Natur um uns herum – Wald, Wiese, Flusslandschaften und Moore – von Größerem, den entfischten Ozeanen beispielsweise, gar nicht zu reden. Das Problem der Grünen: Grün entschwindet, und mit ihm Fauna und Flora, im Allgemeinen. Von grüner, also lebensspendender Energie zu sprechen, ist in diesem Hinblick oftmals nur noch zynisch. Damit das Land aber nicht untergeht, setzt nicht nur obiger Expertenrat vorsichtshalber weiterhin auf die erste Energiephase, sprich (Braun)kohle. In einem Papier votierte er ungeniert für die wie immer unbedingte Notwendigkeit dieser flankierenden Maßnahme. Aus solchem Hamsterrad ist schwerlich herauszukommen, solange man nicht realisiert, dass entscheidende Kreise der Gesellschaft auch weiterhin kaum Interesse hegen, hier zu neuen Ufern zu gelangen.

Angst macht gefügig, und der Markt lässt die Hirne im Nebelhaften wandern. Wie pointierte Carl Amery, der katholische Ökologe und weitsichtige literarische Mahner aus Bayern: Solange der Staat am Dogma von TINA (‚There is no Alternative‘ – Margaret Thatcher) festklebt, gibt es keine Chance auf eine geistige Erneuerung! Diese aber braucht es mehr denn je, um den Teufelskreis einer nun grün genannten kapitalistischen Fundamentalwirtschaft zu durchbrechen. Es bedarf einer umfassenderen und lebensfreundlicheren Einsicht, die eine Hildegard von Bingen schon vor 800 Jahren deutschen Landen und ihren Menschen in einer christlichen Sprache nahe zu bringen suchte: das Grün, das wir suchen, ist die LEBENSfarbe schlechthin, von der Sonne hervorgelockt, alle Natur durchpulsend mit einem Licht, das Lebendiges hervorzubringen vermag, bis hin zu etwas so Faszinierendem, das wir Bewusstsein nennen. Die Quelle dieses Lichtes nannte die deutsche Mystikerin Gott, die Wissenschaft spricht lieber von thermonuklearen Konvulsionen. Allerdings sind die Deutschen spätesten seit Goethe eher Sonnenanbeter denn fromme Mystiker auf ihren jährlichen Pilgerfahrten ans Mittelmeer.

Wie dem auch sei, deutlich wird angesichts des fortschreitenden Ökozids auf Erden, dass wir zweifelsohne einer spirituellen Ökologie bedürfen, die uns den innigsten Zusammenhang von Geist, Natur und Mensch erkennen lässt,- egal ob wir Christen, Atheisten, oder auch schlicht kapitalgläubige sind. Wir brauchen den Aufschwung in ein neues Bewusstseinsfeld, das umgreifender ist als das, was wir bis jetzt kennen. Die Energiekrise ist Ausdruck einer Klimakrise eines wortwörtlich vergifteten Bewusstseins, das in seiner zerstörerischen Kraft zu einer globalen Kulturamnesie geführt hat – im wirtschaftlichen wie im politischen Feld menschlicher Zivilisation.

Jeder, der nicht völlig eingelullt ist von TINA, spürt es, weiß es: der Planet mit der blauen Sphäre, Biossphäre, genährt vom Sauerstoffwechsel der Wälder und Meere, hat ungeheuerliche schwarze Löcher bekommen: Artensterben, Urwaldsterben, Landvernichtung, schließlich die rasend fortschreitenden Polschmelzen. Alles in allem ein Erlöschen nicht rückholbaren Lebens in Großformat, wie es die Geschichte der Evolution seit dem Sauriersterben nicht mehr gesehen hat. Im politischen Gefilde von homo sapiens selbst enstehen gleichzeitig immer größere‚ schwarze Löcher – Afghanistan, Irak, Palästina/Israel, seit drei Jahren Syrien, – zerstörte Lebensräume und Gesellschaften, deren Bevölkerungen verjagt und ermordet werden, während die internationale Großpolitik in Akten verbaler wie aktionistischer Hilflosigkeit verglimmt. Das höchste gemeinsame Gut der menschlichen Zivilsation geht dabei kontinuierlich über Bord: Demokratie und Menschenrechte.

Beide werden sich nur regenerieren, wenn größere Gruppierungen in der Gesellschaft zu einer spirituellen Ökologie finden – d.h. zu der Wahrnehmung heranreifen, dass dieser Planet eine lebendige Ganzheit im Universum ist, davon die Menschheit selbst Glied, Organ, Ausdruck ist – ein einziger ‚Weltinnenraum‘, um ein Wort Rilkes aufzugreifen. Unterhalb dieser Erkenntnis, die das Herz aller Religionen und spirituellen Traditionen ausmacht, gibt es keine wirkliche Lösung der globalen Krise. Sie ist im Wesen keine Umwelt- sondern eine Inweltkrise des momentanen kollektiven, insbesondere westlichen Mentalzustandes, der sich vor nichts mehr fürchtet als davor, zur Sättigung, will sagen zum Frieden zu kommen. Eine transrationale Vernunft, die sich vom Hungertrieb abwendet, scheint ihm nur abwegig, heißt im Klartext: wenig profitabel. Aber die Zeiten eines klassischen okzidentalen Wissenschaftsempirismus, der vorab das Außen als Wirklichkeit anerkennt, sind – seit Einstein, Plank und Heisenberg – nur noch eine sehr begrenzte Variante im Spektrum einer viel komplexeren Realität, die der Quantenphysiker Hans Peter Dürr einmal bei einem Vortrag so beschrieb: Es gibt eine energetische und materielle Auswirkung des Ganzen, ohne dass dieses Ganze, diese Einheit sich darüber definiert. Faszinierender noch – die Welt ist immer nur die Einheit, und alles ist von Anfang an da. Das Ganze offenbart immer schon den Sinn, die Bedeutung muss also nicht nachträglich erst zusammengesetzt werden. Beziehungshaftigkeit ist der Grundcharakter von Einheit. Ein genaueres Wort dafür ist Liebe, bzw. lieben.

Mithin, die geistige Evolution bleibt nicht beim euroamerikanischen Weltbild vom homo sapiens des beginnenden 21. Jahrhunderts stehen, der Atombomben zu konstruieren und das Internet zu erfinden vermag, aber in Sachen Toleranz, Friedensbereitschaft, Kooperation und Mitgefühl nicht sehr weit über einen egomanischen, virtuellen Kapitalismus hinauszuschauen bereit ist. Das gilt nicht nur für einen Großteil der herrschenden Eliten im Westen sondern an vielen anderen Orten der Welt ebenso. Keine der im deutschen Parlament anwesenden Parteien, auch die Grünen oder Linken nicht – letztere kauen zudem noch immer an ihrer desaströsen Vergangenheit -, zeigen in ihren Programmen Ansätze eines visionären Realismus, der bereit und fähig wäre, den Blick auf eine Zukunft zu werfen, die von einer transrationalen Einsicht geprägt ist, in der wissenschaftliche Erkenntnis und spirituelle Intuition die bioenergetische wie geistige Einheit von Mensch, Kosmos und Erde zu focussieren vermöchten. Diese bezeichnet exakt die Stufe einer Zweiten Aufklärung, in deren Mittelpunkt die Evolution der Demokratie in all ihren Facetten – ökologisch, politisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell – heute steht. Lebendige Prozesse evolvieren oder regredieren; sie kennen keinen status quo.

Der Abfall demokratischen Bewusstseins in einen plutokratischen Globalkapitalismus, der Wenigen alle Möglichkeiten eines unfassbaren Raubbaus an den Ressourcen, den materiellen wie spirituellen, einräumt, steht groß und überdeutlich im Raum. Dennoch, die Neigung zur Verharmlosung ist das tägliche Geschäft nicht nur der meisten Politiker und Parteien sondern auch der Medien. Dabei ist das ökonomische Dogma vom ewigen Wachstum schon lange ad absurdum geführt. Die Anbetung des Marktes in den Tempeln der Börse ist schlichtweg schwarze Magie, deren Bannkreis sich die Eliten jedoch nicht entziehen möchten. Das Entsetzen von 2008 ist, sechs Jahre später, schon vergangen; Vergessenmachen heißt das Zauberwort. Das Mantra dazu noch einmal: Es gibt keine Alternative. Doch sie ist schon da – die Terroristen von IS und anderen faschistoiden Organisationen zeigen, psychologisch gesehen, den riesigen Schatten, der die Wachstumsideologie des Westens verdunkelt: Gier, Aggression, Ignoranz. Was also ist zu tun? Nehmen wir als Ausgangspunkt eine Feststellung des berühmten Systemforschers Gregory Bateson: Wenn man den Lake Erie in den Wahnsinn treibt, geht sein Wahnsinn in das größere System unseres Denkens und Handelns ein.

Jede tiefer- oder weiterreichende Ökologie, die solches Adjektiv verdient, kann Batesons Satz nur unterstreichen. Naturprozesse sind intelligente, sprich lebendige, von feed back-Schleifen gekennzeichnte Systeme, die unmittelbar und kontinuierlich menschliche Interaktionen beeinflussen und entsprechend umgekehrt. Mit anderen Worten: die Behandlung der Erde durch einen vornehmlich technologisch orientierten Intellekt führt zwangsläufig zu gänzlich anderen Ergebnissen als eine holistisch-ökologische, die die komplexe Einheit der Kommunikation zwischen Mensch und Planet zu reflektieren fähig ist. Die Abholzung der Urwälder und damit verbunden die flächendeckende Vernichtung brachliegender Böden oder die Genverpestung durch eine chemische Landwirtschaft und die somit folgenschwere Verkümmerung von Pflanzen- und Tierwelten ist unmittelbar einsichtig. Die vorherrschende Antwort aber bleibt weiterhin: Mehr vom Gleichen! Wir können/dürfen nicht anders; nur so werden die 8, 9, 10 Milliarden Menschen, die demnächst zu erwarten sind, überleben.

Falsch! Was überlebt, ist einzig ein überkommenes DENKEN, das auf Knappheit, sprich dauernden Mangel und Ausbeutung setzt, mit den Mitteln des Krieges, wo notwendig. Ethische Wertkategorien wie Solidarität, Autonomie, Ehrfurcht, Kooperation bleiben dabei leichthin auf der Strecke, bzw. werden rundum für irreal erklärt, um mit den großräumigen Vernichtungen von Land, Mensch und Erde ungestört fortfahren zu können. In Goldgräbermanier werden die letzten Claims rund um die Pole abgesteckt. Dass die Ozeane inzwischen zu weitesten Teilen leergefischt sind, ist eine der vielen Ungeheuerlichkeiten, die schon lange nicht mehr unterhalb der Kortikalrinde dringt – also das Herz und die menschliche Intelligenz des Mitgefühls zu erreichen vermag. Nietzsche, einer der genialsten Philosophen nicht nur seines Jahrhunderts, wurde wahnsinnig allein angesichts einer von der Peitsche gequälten Pferdekreatur. Solcher Wahnsinn, besser, solches Entsetzen hat eine Ökonomie schon lange verlassen, in der eisigen Nacht einer eindimensional auskristallisierten Zweckrationalität, welche die Heterogenität irdischen Lebens bewusst preisgibt. Man denke an das weltweite Bienensterben. Die ökologischen, zumeist inzwischen irreversiblen Fakten sprechen für sich. Ein Großteil aller Experten auf diesem Gebiet wandern schlichtweg auf Einbahnstraßen; unterliegen sie doch den gleichen kollektiven Sach/Denkzwängen wie Politiker. Gleichzeitig spannen Geheimdienste weltweite Abhörnetze auf, die von demokratischen Strukturen nicht mehr als den Anschein übriglassen. Fazit: Der objekt- und gewinnorientierte Verstand kann daher kein realistischer Maßstab mehr sein für Lösungen, die heilsam wären. Wie sehen diese – kurz skizziert – aus, so weit ein wacher, unvoreingenommener Blick heute zu schauen vermag?

(Morgen lesen an dieser Stelle den zweiten Teil von Peter Erlenweins Artikel)

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