Wider die Kälte im Herzen des grünen Kapitalismus 2/2

 in Spiritualität, Umwelt/Natur

ErdeDie einseitige Betonung des technisch-rationalen Verstandes hat die Welt in eine beispiellose Krise gestürzt. Wollen wir den Planeten heilen, müssen wir das Ökosystem wieder als organische, belebte Ganzheit zu begreifen lernen. Tiefenökologie ist eine spirituell begründe Philophie des Umweltschutzes, der – da alles mit allem zusammenhängt – eng mit dem “Innenweltschutz” verknüpft ist. Ökologisches und politisches Handeln setzt auch die Wiederbelebung des Herzens voraus, die Fähigkeit, uns in andere Lebensformen einzufühlen, die uns eigentlich nicht fremd sind, sondern Teile unseres erweiterten Selbst. (Peter Erlenwein, erster Teil dieses Artikels hier.)

Der Ausgangssatz muss heißen: Es gibt immer eine Alternative! (Ob sie wahrgenommen, und wenn, dann auch von den herrschenden gesellschaftlichen Kräften akzeptiert und zur Umsetzung angemahnt, ja gefordert wird, ist allerdings eine andere Sache). Die zweite, parallel dazu laufende Grundfeststellung besagt: Die höchsten Errungenschaften politischen Zusammenlebens sind zweifelsohne jene, im Zuge eines demokratischen Bewusstseins kodifizierten allgemeinen Menschenrechte, wie sie die UN-Charta aufführt, als auch die u.a. in der deutschen Verfassung gesetzten ethischen Postulate der Unantastbarkeit der Würde und Freiheit des Menschen – Frau, Mann, Kind, unabhängig von Hautfarbe, Rasse, Klasse und Geschlecht. Dieses sind die kostbarsten Güter demokratischer Ordnung. Sie übersteigen in ihrer Werthaftigkeit jede religiöse wie säkulare, kulturelle Einzelposition – sie sind spiritueller Art, Ausdruck einer ebenso intutiv wie kognitiv erfassbaren Wahrheit. Sie haben entsprechend Anspruch auf universelle Geltung. Jede Einschränkung ihrer Weiterentwicklung zugunsten rein wirtschaftlicher Interessen oder nationaler, religiöser bzw. säkularer (technologischer) Ideologien ist ein Eingriff in den Herzraum menschlicher Bewusstseinsentfaltung sprich humaner Zivilisation.

Die dritte Aussage nimmt Bezug auf Gregory Batesons Satz vom ökologischen Wahnsinnsvirus. Angesichts der sich immer dramatischer abzeichnenden Klimakrise und der gleichzeitig unverhohlen weiterlaufen Plünderung und Vergiftung dieses Planeten Erde heißt die Konsequenz, die wiederum eine spirituelle ist: Die Einheit von Erde, Mensch und Kosmos ist nicht nur ein von der Wissenschaft inzwischen erkanntes und bezeugtes Faktum, sondern ältestes Weisheitsgut der Menschheit, reflektiert in den Religionen, Mythen und philosophisch /metaphysischen Einsichten aller Völker und Kulturen. Jede Handlung, die diese primäre Erkenntnis zu negieren sucht, ist nicht auf der Höhe heutiger Erkenntnis und fördert aggressive-zerstörerische Konkurrenzen, die rasend schnell zu Kriegen jedweder Art führen.

Daraus folgt, viertens, unabdingbar, dass kapitalistische Mehrwertstrategien nicht mehr das entscheidende Mittel der Wahl sein können: Erde und Mensch sind keine Warenlager, zur beliebigen Nutzung durch Großunternehmen und oligarchische Machstrukturen. Eigentum verpflichtet, zuallererst zur radikalen Neuüberdenkung dieses Begriffs im Hinblick auf die ökumenische Wahrheit der Einheit in der Vielheit alles Lebendigen: Boden, Wasser, Luft und Licht sind Allgemeingüter, die Niemandem gehören – weder Einzelpersonen noch Unternehmen noch Staaten. Sie sind unverzichtbare lebenspendende Kräfte, die allen Wesen dieser Erde zugute kommen müssen; Tiere und Pflanzen wie Landschaften etc. sind ebenso Ausdruck eines lebendigen Ganzen wie die Menschheit und bedürfen daher der Pflege und Fürsorge. Die schöpferische Interaktion all dieser Entitäten muss das Ziel planetarer demokratischer Ordnungen der Zukunft sein. Mars und Venus sind keine Fluchtpunkte oder „Auswege“ für einen Ökozid, der immer auch ein Genozid ist.

Damit kommen wir fünftens zum Stichwort Gemeinwohl, dem Dreh- und Angelpunkt einer neuen ökosozialen Wirtschaftsordnung, die nicht Kapital-/Eigeninteressen in den Vordergrund stellt, sondern das Wohl des Ganzen.

Solange Marktwirtschaft auf Gewinnstreben und Konkurrenz und der sich daraus ergebenden Übervorteilung beruht ist diese weder mit der Menschwürde noch mit der Freiheit vereinbar. Sie zerstört systematisch das gesellschaftliche Vertrauen. (Christian Felber, Gemeinwohlökonomie)

Wer sich heute klarmachen will, was das heißt, braucht seinen Blick nur Richtung USA zu werfen, wo beispielsweise die Stadt Detroit, eine der größten Autoproduktionszentralen des Landes wie der Welt, nach der Lehmann Brothers Bankpleite systematisch in den Ruin getrieben worden ist – von Politikern, Banken, und Großspekulanten. Heute ähnelt die einstige Metropole zu weiten Teilen einem ausgeweideten Kadaver, in dem eine immer größere Anzahl von Menschen buchstäblich verkommen – zu Kriminellen, Dealern, Banditen – Knechte des Kapitals. Detroit ist sichtbarstes Symbol einer totalitären Verwertungsmaschinerie, die nur noch Ödnis hinterläßt. Diese findet geradwegs sich im Herzraum des reichsten Landes der Welt.

Sechstens: Der konservative Journalist Frank Schirrmacher hat in seinem formidablen Buch „EGO“ beschrieben, zu welch techno-faschistoiden Ausuferungen die Wettbewerbsideologie des sogenannt freien Marktes führt. Jedoch, kein Zeitungsmacher von seinem Format wurde schneller beerdigt und vergessen! Das spricht Bände über die journalistische Grundstimmung der Elite der BRD. Am Status quo festzuhalten, also auch an den eigenen Privilegien, scheint allemal sicherer als Neuland zu betreten. Die Vorstellung einer „neutralen“, sprich objektiven Journalistik ist jedenfalls schon seit langem obsolet. In Zeiten von Internet und wirtschaftlichen Verwerfungen auf dem Medienmarkt ist diese Tatsache unverhüllter denn je ins Rampenlicht getreten. Ein Faktenjournalismus, der im nächsten Moment schon von den allerneuesten Katastrophenmeldungen überspült wird, taugt weniger denn je. Die längerfristige reflektive Begleitung von „positive news“, also kreativen Ansätzen im Aufbau anderer, nachhaltiger ökologischer Denk- und Praxisansätze beispielsweise, von denen es zuhauf Modelle gibt, werden erst gar nicht wahrgenommen, nach dem Motto: zu klein, zu unrealistisch, zu unrentabel. Man kennt das. (Solche Pseudoargumente möchten jedoch nie die gesellschaftlichen Kosten der ungeheuerlichen Zerstörungen einer allgegenwärtigen Konsumwirtschaft bilanzieren). Man vergleiche damit den radikalen Journalismus der amerikanischen Reporterin Amy Goodman, die für ihre Arbeiten u.a. den Alternativen Nobelpreis erhalten hat. Christian Felber hat in seinem bemerkenswert klaren Büchlein ausgeführt, wie eine Solidarwirtschaft, die die Würde und Freiheit des Menschen und damit die spirituell demokratischen Grundrechte wahrt, in ihren Grundzügen ausschauen muss und wo die Veränderung anzusetzen hat. Sein Fazit: Eine andere Wirklichkeit ist immer (noch) möglich und machbar, vor allem aber dringlicher denn je. Sie folgt den Stichworten Kooperation, Solidarität, Kreativität. Nachhaltigkeit und Vertrauen beginnen hier schon in den Grundschulen.

Siebtens: Man kann davon ausgehen, dass Teile der Zivilgesellschaft in Europa und anderswo weiter entwickelt sind im Bewusstsein des Großen Wandels, in dem wir stehen, als Politik und Medien. Visionärer Wirklichkeitssinn findet sich bei Organisationen wie AVAAZ, Amnesty International oder Preisträgern des Alternativen Nobelpreises um Vieles häufiger als auf der politischen Bühne. Die Frustration mehrheitlicher Teile der Bevölkerung an der EU beruht eben gerade darauf, dass wesentliche Erneuerungsprozesse weder in Angriff genommen werden, noch die Menschen selbst in direkter Stimme zu Wort kommen können. Die Europäische Union wird zurecht als weiterhin höchst undemokratisch wahrgenommen – ein Klub der nationalen Staatsoberhäupter in Verbindung mit Wirtschaftseliten, die in Hinterzimmern, wie jetzt bei dem Abkommen um eine westliche Freihandelszone TTIP, um die Durchsetzung dieses für jedwede ökosoziale Gerechtigkeit fatalen Unternehmen schachern. Solcherart bleibt die Europäische Union gesichtslos, sie hat keine tragende Idee einer geistigen Fortentwicklung des europäischen Projektes. Die Ent-täuschung über das Ergebnis der letzten Wahlen ist groß oder ernüchternd; es wird an den emanzipatorischen Kräften selbst liegen, den schon erkennbaren Visionen einer nachmodernen Welt Gestalt und damit Sichtbarkeit zu geben.

Die Grundwörter hierfür heißen, achtens: zinsfreie Wirtschaft, Verzicht auf irreale Wachstumsprogramatiken, strikte ökologische Landwirtschaft, Regionalisierung, sprich Überwindung eines stumpf gewordenen Nationalismus, globale Vernetzung für den Aufbau kleiner wie mittlerer Provinzen mit Eigenkontrolle über grüne Energien, neue Institutionen, deren Revolution die eines spirituellen Wir-Raumes sein wird, den der vietnamesische Mönch Thich Nhat Than auf englisch Interbeing nennt: ein personales Bewusstsein, das seine Verflochtenheit mit der Welt hin zum Größeren Ganzen dieses Planeten und dessen kosmischen Umraum zu visionieren und zu gestalten vermag. Die Erde, „a sacred place“ – ein gesegneter Ort. Dies ist die Kernaussage aller Religionen. Und immer noch gibt es zahlreiche indigene Populationen auf diesem Erdenrund, deren kosmo-politische Weisheit in den wiederkehrenden Riten der jeweiligen Gemeinschaften gründet; Zeremonien, welche die irdische Sphäre und das Universum im Menschen, seinem Bewusstsein, je und je neu auferstehen lassen – in der Erkenntnis, dass alles Leben heilig, sprich begnadet ist; eine Gnade (oder ein Geschenk), deren Ursprung unbekannt bleibt. Sie allein vermag einer Ökologie (Weisheit vom Erdhaushalt) den Weg zu bahnen, der in eine gänzlich andere Richtung zeigt als ein vampiristischer Freibeuterkapitalismus, welcher nur noch Objekte in einem Warenlager, genannt Umwelt, kennt. Demokratische Strukturen ohne entsprechende Ehrfurchtsräume sind auf Dauer nicht zu halten.

Neuntens: Evolution entfaltet sich durch sytemische Feedback-Schleifen, also jeweils mögliche Umkehrbarkeit von als falsch erkannten Handlungssträngen sowie die kontinierliche Bejahung gegenseitiger Vernetztheit und Angewiesenheit. Moratorien, z.B. in der Frage neuer Technologien, deren Konsequenzen nicht absehbar sind, wären eine natürliche Folge solcher Einsicht in globale Gegenseitigkeit. Im Sinne eines Spruchs von Bertold Brecht: „Das Kleine ist klein nicht, und groß nicht das Große“ bedeutet das: Eine spirituelle Ökologie anerkennt den immanenten Zusammenhang von Innen- und Außenansicht, sie zielt auf die Wahrnehmung und Achtsamkeit für die vielen unscheinbaren Handlungsakte, die ein Ganzes ergeben; sie ist nicht profitorientiert, daher sach-dienlich, der Wahrheit des gemeinsamen Interesses dienend; entsprechend konflikt-bereit wie friedensorientiert, den Gegenüber mitbedenkend/dankend. Solche Ansätze wollen gepflegt werden (cultura), müssen also schon in den Schulen und Arbeitsplätzen beginnen mit Fächern wie Kunst, Musik, Sport, Mediation, dazu Feiern und kulturelle Umsetzungen natur- wie geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse der Interdependenz. Schönheit und Sinnbezogenheit allen Lebens sind gefragt – individuelle wie rituelle Formen einer nachmodernen Tiefen-Ökologie. Mithin die Entfaltung emotionaler und spiritueller Intelligenz, die an keine Religionszugehörigkeit gebunden ist, aber den immensen Schatz religiöser Weisheit zu schätzen vermag. Die Kernfrage hier lautet: was braucht der Planet Erde von uns Menschen? Die umgekehrte Fragestellung ist längst beantwortet: zu viel!

Schluss: Wem solche Einsichten naiv oder illusorisch erscheinen, sei nur auf die Wirklichkeit des nächsten Terroristenkrieges, der schon zur Aufführung kommt, hingewiesen. Eine inzwischen nicht mehr endende Kette der immer gleichen Maßnahmen, besser Aggressionsroutinen, die zu noch mehr Kriegen und kollektiv-seelischen Verwahrlosungen einladen als zuvor: Die dazu passende stereotype Rechtfertigung liefert, wie öfter, das Magazin „Der Spiegel“: Seinen Kommentar zum „syrischen Dilemma“ kleidete er in die Frage, was letztlich wichtiger sei – die Moral oder die eigenen Interessen?! (Spiegel Nr. 36). Die Antwort kennt man und die Folgen seit 9/11 ebenso. Ein paranoider Kreislauf des Mantras: Mehr vom Gleichen! Solches gilt auch für das stacheldrahtbewehrte Festklammern an der „Wohlstandsinsel Europa“. Zitat: „Wir sind so, wie wir nicht sein wollen. Aber so sind wir nun mal!“ (Spiegel 39/S.25)

Das ist die Philosophie des Zynismus, besser der Verzweiflung, die Inszenierung eines ewigen Kampfes ums Überleben. Zudem ist sie – in ihrer Generalisierung – nicht wahr. Sehr viele Menschen heute setzen ihre ganze Kraft für die Überwindung derart festgezurrter Halbwahrheiten ein. Sarkasmus hat, wie man aus der Geschichte nur zu gut weiß, wenig Zukunft. Europa hatte nach zwei verheerenden Weltkriegen eine andere Lektion gelernt: Frieden ist not-wendig und unabdingbar und – möglich! Wenn dieser Kontinent eine Attraktion für die weitere Welt zu bieten hat, dann ist es genau diese auf „eigenem Terrain“ eingelöste Utopie. Diese muss um die ökosozialen Tatsachen von heute erweitert werden. Die Vorstellung, dass eine Großzivilisation, die an einer mörderischen Ausbeutung der Schätze dieses Erdballs festhält, nicht scheitern könne, ist lächerlich. Die Evolution kennt kein „too big to fail“. Die Erde zu häuten, wie die berühmte amerikanische Kritikerin des globalkapitalistischen Systems, Naomi Klein, in ihrem eben erschienenen Buch „Capitalism versus the Climate“ beschreibt, ist ein Akt planetaren Selbstmords, der von Großunternehmen wie Regierungen inzwischen eingeläutet ist. Der Herzraum irdischen Lebens, wahrgenommen durch die Farbe Grün, käme damit zum Erlöschen.

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