Die Strafe bessert den, der straft

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik (Inland)

Gefangene und Wärter. Filmausschnitt aus „Vier Minuten“

Warum und mit wie viel Erfolg bestrafen Menschen eigentlich Menschen? Selten wird diese Frage gestellt, weil wir uns an die schwarze Pädagogik staatlicher „Übelzufügung“ über Generationen gewöhnt haben. Götz Eisenberg, der über 30 Jahre als Gefängnispsychologe gearbeitet hat, kommt zu einer unbequemen Antwort: Da Strafen ihr Ziel fast nie erreichen, müssen die Gründe in der Psyche der Befürworter von Repression liegen: im Wunsch nach Vergeltung und Selbstrechtfertigung der „Anständigen“. Der Autor fragt auch nach der Wirkung des Gefängnisses auf das Wachpersonal: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in uns.“ (Götz Eisenberg)

An der Innenpforte des Gefängnisses, in dem ich rund drei Jahrzehnte gearbeitet habe, hat der 125 Jahre währende Gebrauch des Schlüssels eine Mulde in die eichene Tür gegraben. Während man die Tür mit einem kleinen BKS-Schlüssel öffnet und schließt, schabt der Bart des großen Gefängnisschlüssels, den man im Inneren des Gefängnisses zum Öffnen der Zellen benötigt, über das Holz. Jede einzelne Berührung zwischen Schlüssel und Holz mag flüchtig und folgenlos erscheinen, als Teil einer endlosen Serie von Schließvorgängen gräbt sie sich langsam in das so unveränderbar wirkende Material.

Diese Mulde wurde mir im Laufe der Jahre zum Symbol. Welche Spuren, dachte ich, hinterlässt der ständige Gebrauch des Schlüssels in der Seele des Schließenden? Wer andere einschließt, schließt sich selbst mit ein, oder mit den Worten Kants: Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in uns. Jedes Vergehen gegen die Menschenwürde zerstört die Würde in uns selbst. Wie steht es nach dreißig Berufsjahren im Gefängnis und der jahrzehntelangen Teilnahme am Wegsperren anderer Menschen um meine Würde?

„Eine der Tragödien des Gefängnislebens liegt darin, dass es das Herz eines Mannes zu Stein macht“, schrieb Oscar Wilde nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Dieser Satz gilt nicht nur für die Häftlinge, denen es mitunter gelingt, dieser Versteinerung durch die Entwicklung von Brüderlichkeit und Solidarität zu entgehen, sondern auch und vielleicht vor allem für Menschen, die dort arbeiten und sich im Laufe der Jahre zur bloßen Negation des Gefangenen entwickeln, zum personifizierten Nein. Sie negieren den Gefangenen und indem sie ihn wegschließen, schließen sie immer aufs Neue den Teil der eigenen Person mit ein, der ihnen fremd und bedrohlich geworden ist.

Das Gefängnis gibt vor, strafen, abschrecken und erziehen zu wollen. Strafen – das kann es. Abschrecken – ich glaube kaum, dass das Gefängnis eine abschreckende Wirkung hat. Erziehen und den Menschen zur Einsicht bringen? Dieses Ziel wird systematisch verfehlt. Je mehr Menschen eingesperrt werden, desto mehr Wiederholungstäter gibt es. Die Gefängnisse müssten also wegen chronischen Versagens abgeschafft werden. Freilich, die Gesellschaft muss vor Gewaltverbrechern geschützt werden. Das wird ganz ohne Freiheitsbeschränkungen kaum möglich sein. Aber nicht einmal ein Drittel der Insassen unserer Haftanstalten sind wegen solcher Delikte verurteilt. Die meisten sind dort wegen anderer Straftaten, für die man andere Lösungen finden könnte, zum Beispiel Wiedergutmachung, gemeinnützige Arbeit und Formen des Täter-Opfer-Ausgleichs. Das Gros der Gefangenen besteht aus Menschen, die nicht gelernt haben, wie Leben geht, also lebensuntüchtig sind. Gefängnisse sind Lagerhallen, in denen menschliche Körper, Seelen, Sehnsüchte, Gewissensbisse und Wut zwischengelagert werden. Man verbringt dort Wochen, Monate, Jahre. Man arbeitet, geht in seiner Zelle auf und ab, macht Liegestütze, sieht fern, holt sich einen runter und wartet.

Warum halten wir an Maßnahmen fest, deren Wirkungslosigkeit gegenüber den gesetzten Zwecken klar erwiesen ist? Es muss so sein, dass unsere Art des Strafens noch eine andere, gleichsam geheime Funktion hat, die sie zufriedenstellend erfüllt. Die Bestrafung des Rechtsbrechers sichert den Nachtschlaf der „anständigen Bürger“ und stillt ihr Bedürfnis nach Rache und Vergeltung. Niemand hat das klarer gesehen als Nietzsche: „Die Strafe hat den Zweck, den zu bessern, welcher straft – das ist die letzte Zuflucht für die Verteidiger der Strafe.“ Die Rolle des Verbrechers als eines Sündenbocks der Gesellschaft ist uralt. Der „kleine Mann“, der sich ein Leben lang am Riemen reißt und seine Begierden im Zaum hält, besteht darauf, dass der, der es sich auf krummen Wegen und ohne hart zu arbeiten gut gehen lässt, seine Strafe findet. Der Kriminelle soll leiden und für seine Vergehen bezahlen. Sonst gerät die Geschäftsgrundlage des Lebens der Unterdrückten ins Wanken.

Strafe ist und bleibt Rache. Alles andere ist bloße Rhetorik und Ausrede. Die Strafwut wird erst nachlassen, wenn wir die Gesellschaft so eingerichtet haben, dass den Menschen durch Erziehung und die allgemeinen Lebens- und Arbeitsumstände weniger Bosheit eingepresst wird. Dann würden sie keine Sündenböcke mehr benötigen, auf die sie ihre Misere verschieben können.

(Anmerkung der Redaktion: Der Verlag S. Fischer hat im Lutherjahr 2017 ein Buch herausgebracht, das 95 Anschläge – Thesen für die Zukunft heißt. Die Herausgeber hatten Götz Eisenberg gebeten, eine These zum Thema Gefängnis zu diesem Projekt beizusteuern. Er hat diese dann fristgerecht abgeliefert, aber sie wurde nicht in den Band aufgenommen. Warum eigentlich nicht?)

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