Narzissmus und Macht in der Politik: Das Beispiel Donald Trump (3/3)

 In FEATURED, Politik (Ausland)

Republikaner-Wähler, USA

„Die Ausübung von Macht wird dann problematisch, wenn die Leitungsfunktion vom pathologischen Narzissmus der Führungsperson bestimmt wird. Wenn der Führer seine Macht dazu benutzt, seine unbewussten narzisstischen Konflikte auszuagieren oder abzuwehren.“ Es fehlt uns nicht an kurzatmiger Entrüstung über die jeweils aktuellen Fehlleistungen des US-Präsidenten; vielmehr vermissen wir in der Berichterstattung meist tiefer gehende Analysen der Motive und der Wesensart Donald Trumps. Der Psychoanalytiker und Verleger Hans-Jürgen Wirth schließt diese Lücke, indem er sich vor allem der inneren Biografie des Präsidenten zuwendet. In diesem dritten Teil fragt der Autor vor allem nach den Gründen für Trumps Erfolg. Wie kann jemand, der (aus unserer Sicht) derart offensichtlich lächerlich und verwerflich ist, in den USA als „Menschenfischer“ reüssieren? Seine Diagnose: kollektive seelische Selbstvergiftung. (Hans-Jürgen Wirth)

Wie kann der Erfolg von Trump erklärt werden?

Wenn ich jetzt so eingehend ausgeführt habe, was an Trump so lächerlich, abstoßend und unsympathisch und politisch gesehen so gefährlich und unberechenbar ist, dann fragt sich, wieso ihn so viele Amerikaner gewählt haben und warum ihn die populistischen Bewegungen auch hierzulande feiern. Warum wird eine solch narzisstisch-aufgeblasene Persönlichkeit, die sich durch geringe Affektkontrolle und hasserfülltes und vulgäres Auftreten auszeichnet, von einem Massenpublikum frenetisch gefeiert?

Hier kann das Konzept des Ressentiments weiterführende Erklärungen anbieten. Der Philosoph Max Scheler (»Das Ressentiment im Aufbau der Moralen«, 1915) versteht unter Ressentiment eine Vergiftung des sozialen Klimas, die mit einer »seelischen Selbstvergiftung« einhergeht. Mit der Metapher der Vergiftung soll ausgedrückt werden, dass es sich um einen Prozess handelt, der schleichend verläuft, einige Zeit unbemerkt bleiben kann, aber schließlich in alle Poren des seelischen und auch des sozialen Lebens eindringt und seine destruktive und – das ist besonders wichtig und kennzeichnend – selbstdestruktive Wirkung entfaltet. Das Ressentiment unterscheidet sich deutlich vom offenen Wutausbruch, der explosionsartig hervorbricht und in seiner aggressiven Qualität als solcher klar zu erkennen und einzuordnen ist. Im Unterschied dazu versteckt sich beim Ressentiment – zumindest am Anfang – die aggressive Qualität hinter demonstrativer Biederkeit, Scheinheiligkeit, Anpassung an Konvention und Tradition und reaktionären Haltungen, die sich als Konservatismus und Traditionspflege maskieren. Das Ressentiment hat daher einen heimtückischen, schleichend zersetzenden, bösartigen und hinterhältigen Charakter. Personen und Gruppierungen, die Ressentiments pflegen und in die Welt setzen, bedienen sich regelmäßig der Lüge, des Verrats, des Hinterhalts, des unfairen Tricks, der Heimtücke. Und während sie all diese Verhaltensweisen selbst praktizieren, klagen sie die anderen gerade dieses unmoralischen Verhaltens an. Sie inszenieren sich als Opfer der Niederträchtigkeit, die ihr eigenes Handeln charakterisiert.

Der biografische und gesellschaftlich-kulturelle Hintergrund, auf dem sich Ressentiments herausbilden, ist in aller Regel durch subjektiv erlebte oder auch reale Erfahrungen von Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Demütigung geprägt. Die narzisstische Kränkung und Entwertung, denen man ohnmächtig ausgesetzt ist, geben den Ressentiments immer wieder neue Nahrung und Rechtfertigung. Psychoanalytisch betrachtet handelt es sich um den Abwehrmechanismus der Verkehrung von der Passivität in die Aktivität. Was man selbst schmerzhaft an Demütigung und Ungerechtigkeit erfahren hat, lässt man nun andere spüren.

Erfahrungen erstens von politisch-ökonomischer  Ohnmacht und zweitens von psychokultureller Entwertung und Kränkung bilden auch den Hintergrund für die Ressentiments, die man beim harten Kern der Trump-Wähler findet. Die Ressentiments der typischen Trump-Fans haben sowohl einen ökonomischen als auch einen psychokulturellen Hintergrund. Betrachten wir zunächst den ökonomischen Hintergrund:

Weiße ältere Männer mit geringer wissenschaftlich-technischer Bildung haben in den letzten Jahrzehnte in den USA – aber auch in Westeuropa – einen sozialen Abstieg durchgemacht. Sie sind die »Modernisierungsverlierer«. Die Wirtschaft ist flexibler und komplexer geworden, die Frauen gebildeter und selbstbewusster. Die Farbigen haben mehr Gewicht bekommen. Die weißen männlichen Industriearbeiter wurden als Kollektiv entwertet, dabei waren sie einst das Zentrum der industriellen Gesellschaft. In dem Maße, in dem das alte Versprechen, wer hart arbeite, könne mit sozialem Aufstieg rechnen, sich für große Teile der Bevölkerung als Illusion erweist, wächst das Misstrauen gegen diejenigen, die vom gegenwärtigen System profitieren. Diese Faktoren umreißen den sozioökonomischen Hintergrund.

Um die psychokulturelle Dimension zu verstehen, müssen wir uns Trumps psychische Verfasstheit nochmals vor Augen führen. Entwicklungspsychologisch gesehen befindet sich Trump auf dem Niveau eines pubertierenden Jugendlichen, der noch von seinen sexuellen Impulsen und seinen Omnipotenzfantasien, die sich mit Minderwertigkeitsängsten abwechseln, gebeutelt wird. Er hat in seiner Persönlichkeitsorganisation noch keine stabile Regulation für seine Gefühle, seinen Narzissmus und seine Triebimpulse etablieren können. Auch sein Exhibitionismus, sein ordinäres und vulgäres Auftreten, sein präpotentes Gehabe als Sexualprotz entsprechen eher der Entwicklungsphase eines Jugendliche als der eines 70-jährigen Staatsoberhaupts.

Aus diesem Grund reagiert ja auch das europäische Regierungspersonal durch die Bank auf diesen ungehobelten Quereinsteiger gelinde gesagt konsterniert. Und aus eben dem gleichen Grund sind die einfachen Leute, die schlechter Gebildeten, die Anhänger der Trash-Kultur, die Anti-Intellektuellen, die Fastfood-Fans von Trump so begeistert. Von ihm fühlen sie sich verstanden und in ihm können sie sich wiedererkennen. Von seinen affektgeladenen Reden fühlen sie sich unmittelbar angesprochen, von seinem Hass, der sich einerseits auf die Migranten und die sexuellen und sonstigen Minderheiten richtet, denen offenbar die besondere Fürsorge der Politik zukommt, während sie sich vernachlässigt und vergessen vorkommen. Die Begeisterung der Trump-Anhänger für ihr Idol speist sich auch aus der Bewunderung für seine Rücksichtslosigkeit und die Kaltschnäuzigkeit, die Schamlosigkeit, mit der er auftritt. Bei ihnen besteht der mehr oder weniger offene Wunsch, sich auch einmal so rücksichtslos durchsetzen zu können, wie er das in seiner Karriere gemacht hat und wie er das jetzt ständig vorführt.

Das zweite Hassobjekt von Trump und seinen Anhängern sind die Etablierten, die Arrivierten, die Gebildeten, Intellektuellen, die Seriösen, die Klugscheißer und Besserwisser, ja – auch die Technokraten und Bürokraten, weil all diese sehr unterschiedlichen Gruppen eines gemeinsam haben, nämlich dass sie sich auf der »Gewinnerseite eines Systems der sozialen Ausschließung« befinden, wie der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke konstatiert (Die Zeit, Nr. 16/2017). Ihre Sozialisation hat ihnen die Möglichkeit gegeben, ein relativ hohes Niveau der Affektregulation zu entwickeln, so dass sie die liberalen Ideen von Toleranz, sozialer Fürsorge und Emanzipation vertreten können. Doch den Trump-Anhängern erscheint gerade dieses humanitäre Ethos als scheinheiliges Gefasel. Trumps Schamlosigkeit wird als echt und authentisch erlebt, das liberale und humanitäre Reden seiner Kritiker als verlogen.

So weit einige Überlegungen zu den psychokulturellen Hintergründen der populistischen Ressentiments, die uns gegenwärtig nicht nur bei Trump begegnen. Beide Dimensionen, die ökonomische und die psychokulturelle überschneiden sich und hängen zusammen, aber sie entfalten ihre Wirkung auch unabhängig voneinander. Ich plädiere sehr dafür, beide Dimensionen in ihrer eigenständigen  Bedeutung im Auge zu behalten und nicht eine auf die andere zu reduzieren.

Zum Schluss will ich noch eine Stimme aus Amerika zu Gehör bringen.

Trumps »Frontalangriff auf unser Wirklichkeitsgefühl«

Der New Yorker Psychoanalytiker Joel Whitebook hat kürzlich in der New York Times einen Artikel publiziert, in dem er sich ausdrücklich nicht mit der Person Trump beschäftig, sondern mit dem Trumpismus, wie er es nennt, also der Strategie, die Trumps Politik zugrunde liegt.

Trump hat mit seiner Strategie der Desinformation und der Lüge den Versuch unternommen, »unsere Beziehung zur Realität im Allgemeinen zu hintertreiben«. Die Behauptung,  dass es »alternative Fakten« gäbe, wie dies seine Sprecherin Kellyanne Conway tat, ist der Versuch, eine alternative, wahnhafte Realität zu etablieren. Damit soll die Realitätswahrnehmung der Öffentlichkeit und jedes einzelnen Bürgers geschwächt, verwirrt und für die Manipulationen der Trumpschen Weltsicht empfänglich gemacht werden. Joel Whitebook spricht von einem »Frontalangriff auf unser Wirklichkeitsgefühl«.

Trump ist ideologisch und politisch schwer festzulegen und einzuordnen. Einerseits bietet er dem Rassisten und rechten Nationalisten Stephen Bannon eine Plattform, sich antisemitisch zu äußern, andererseits macht er mit seinem Schwiegersohn Jared Kushner einen orthodoxen Juden zu seinem wichtigsten Berater. Nach Whitebook kommt es unter Trump zu einer »Verschmelzung von Despotismus und Postmoderne«. Trump fühlt sich – im Unterschied zu Erdogan, mit dem er den absoluten Machtwillen und den Populismus teilt – keiner Ideologie fest verbunden. Bei Trump ist jeder Zeit alles möglich. Er verfolgt in seinem politischen Handeln weder ein konsistentes Programm noch gelten für ihn verbindliche ethische Richtlinien und wenn es ihm in den Kram passt, proklamiert er einfach alternative Tatsachen und wirft seinen Kritikern vor, diese verbreiteten Fake-News. In gewisser Weise kann man behaupten, Trump sei ein Vertreter des radikalen Konstruktivismus. Er konstruiert sich seine Fakten, so wie sie ihm passen. Dies macht ihn so unberechenbar und diese Unberechenbarkeit macht es seinen politischen Gegnern so schwer, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Rationale Argumente prallen von ihm ab wie von einer Gummiwand.

Whitebook warnt die Gegner Trumps vor der Gefahr, dass man gegen Trumps Strategie der Wirklichkeitsverwirrung nicht ankomme, wenn man sich auf den »manifesten Inhalt« seiner Reden konzentriere. Stattdessen empfiehlt er, sich daran zu orientieren, wie Psychoanalytiker mit psychotischen oder Borderline-Patienten umgehen: Sie achten mehr auf die Psycho- und Beziehungsdynamik, die sich zwischen ihnen und dem Patienten abspielt, um sich nicht in aussichtslosen Kämpfen verstricken zu lassen.

Als positive Entwicklung der letzten Monate vermerkt Whitebook, dass sich in der amerikanischen Öffentlichkeit, bei den Journalisten aber auch bei einigen mutigen Richtern Widerstand gegen Trump formiert. Whitebook warnt aber aus seiner klinischen Erfahrung davor, dass der Umgang mit solch schwer gestörten Patienten extrem zeitaufwändig und psychisch anstrengend ist und häufig zum Burnout führt. Zu befürchten ist, dass, wenn Trump das manische Tempo seines politischen Aktivismus durchhalten kann, es auf Seiten seiner Gegner zu einem Erschöpfungszustand kommt, der sie immer weniger widerstandsfähig macht gegen das schleichende Gift der Trumpschen Wirklichkeitssabotage.

Schluss

Nachdem ich nun so viel Kritisches über Trump gesagt habe, will ich zum Schluss doch auch noch etwas Anerkennendes über ihn zum besten geben: Es wäre wirklich sehr unfair gegenüber Trump, wenn man sagen würde, dass er absolut immer lügt und nie über sich nachdenkt. Er lügt zwar meistens, aber ab und zu hat ein paar helle Momente und sogar so etwas wie Selbsterkenntnis.

Michael D’Antonio (2015, S. 497) fragte Trump, ob er denn gelegentlich über sich und die Vergangenheit nachdenke. Darauf antwortet Trump mit entwaffnender Offenheit: »Nein, ich möchte nicht darüber nachdenken. Ich analysiere mich nicht gerne, weil mir das, was ich dann sehe, vielleicht nicht gefällt. So ist es, ich analysiere mich nicht gerne. Ich denke nicht viel über die Vergangenheit nach – außer um aus ihr zu lernen. Das einzige was ich an der Vergangenheit mag, ist, dass man aus ihr lernen kann. Denn wenn man einen Fehler macht, will man doch daraus lernen. Viel lieber lerne ich allerdings aus den Fehlern anderer. Ich lese viel. Ich lese viele Geschichten über Erfolg und Niederlage, denn es ist wesentlich billiger, aus den Fehlern anderer Leute zu lernen, als aus den eigenen. Ich kann Ihnen von vielen, vielen Fehlern erzählen, die Leute gemacht haben, und das ist viel besser, als wenn ich diese Fehler selbst machen würde. Was ich also an der Vergangenheit mag, ist, dass man aus den Fehlern anderer lernen kann und auch aus ihren Siegen.«

In diesen wenigen Sätzen entpuppt sich Trump geradezu als tiefgründiger Philosoph. Er sagt ja: Ich weiß nicht nur, dass ich nichts über mich weiß, ich weiß sogar, dass ich gar nichts über mich wissen will, denn dabei käme nur Schreckliches zu Tage.

Hans-Jürgen Wirth, geb. 1951, ist Psychoanalytiker in eigener Praxis und Professor für Psychoanalytische Sozialpsychologie in Frankfurt/Main sowie Verleger des Psychosozial-Verlags. Wichtigste Buch-Veröffentlichung: Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik. Gießen 2002 (Psychosozial-Verlag).

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