Alexanders CD-Tipp der Woche: Bettina Hirschberg – Pianofrau (live)

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Die aus Bönningheim stammende Lyrikerin, Komponistin, Sängerin und Pianistin Bettina Hirschberg,  seit den 80er Jahren in der Kleinkunstszene aktiv, vertont nicht nur eigene Texte, sondern auch Lyrik von Bachmann bis Benn und vielfach von „Verbrannten Dichtern“. (Alexander Kinsky)

Nach ihrem Germanistik- und Philosophiestudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München – in einem Heinrich-Mann-Jahrbuch wurde ihre Arbeit ´„Kunststadt München“ – Zur Genese des München-Bildes in Heinrich Manns Roman „Die Jagd nach Liebe“´ veröffentlicht – trat Bettina Hirschberg 1986 erstmals im legendären Mainzer „Unterhaus“ auf. 1988 mit dem Kleinkunstpreis für Lied und Chanson des Landes Baden-Württemberg unter anderem für ihre Ingeborg Bachmann Vertonung „Die große Fracht“ ausgezeichnet, folgten Tourneen durch das deutschsprachige Europa. Nach einem vorübergehenden Rückzug ab 1998 arbeitet sie seit einiger Zeit mit Harry Düll zusammen, der E-Gitarre, Synthesizer-Gitarre und E-Bass spielt.

Unbedingt hervorzuheben ist Bettina Hirschbergs Einsatz für die „Verbrannten Dichter“ – der Begriff bezieht sich auf die Bücherverbrennung in Deutschland am 10. Mai 1933, in deren Rahmen die Nationalsozialisten auf dem heutigen Berliner Bebelplatz sowie in 21 weiteren Städten Werke verfemter Autoren ins Feuer warfen.

Bettina Hirschberg vertonte unter anderem Texte folgender Autorinnen und Autoren:

Die Dichterin Mascha Kaléko (1907-1975), deren Bücher als „schädliche und unerwünschte Schriften“ verboten wurden, musste 1938 in die USA emigrieren. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in Jerusalem. Hanne Wieder hat Kaléko-Vertonungen gesungen, und Konstantin Wecker nahm 1982 für die LP „Wecker“ seine „Chor der Kriegerwaisen“ Vertonung auf.

Der aus Niederösterreich stammende Lyriker Theodor Kramer (1897-1958), dessen Mutter Babette 1942 zusammen mit ca. 1000 weiteren Wienerinnen und Wienern ins KZ Theresienstadt deportiert und später ermordet wurde (was Kramer erst nach dem Krieg erfuhr), musste 1939 nach London emigrieren und starb 1958 vereinsamt in Wien. Neben Bettina Hirschberg setzt sich unter anderem auch der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel mit eigenen Vertonungen für Kramer ein.

Der Kulturjournalist und antifaschistische Schriftsteller Hans Sahl (1902-1993) schaffte es 1933 über Prag und Zürich nach Paris, wo er aber 1939 in französischen Internierungslagern landete, von denen er 1940 nach Marseille und schließlich 1941 in die USA fliehen konnte. Bemerkenswert ist was das Leben zwischen den USA und Deutschland Sahls nach dem Zweiten Weltkrieg betrifft seine Teilnahme an den „Dichterlesungen in Asylbewerberheimen“ nach den Neonazi-Anschlägen 1992, aus deren Entsetzenswirkung ja auch Konstantin Weckers „Sage Nein“ und seine „Ballade von Antonio Amadeu Kiowa“ entstand.

Der Schriftsteller, Dichter, Journalist, Komponist und Diplomat Louis Fürnberg (1909-1957) wurde 1939 beim Versuch von Prag nach Polen zu fliehen verraten und inhaftiert und in der Folge gefoltert. Seine Frau konnte ihn freikaufen und er gelangte schließlich über Jugoslawien nach Palästina. Die in Deutschland verbliebenen Familienmitglieder wurden ermordet. Fürnberg sollte nicht reduziert werden auf das von ihm verfasste Lied der Partei, die offizielle Hymne der SED. Bettina Hirschbergs Einsatz für Fürnberg ist vergleichbar dem des Chansonniers und Schauspielers Johannes Kirchberg für den auch als Lyriker aktiv gewesenen späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher.

Der Schriftsteller Max Herrmann-Neiße (1886- 1941) musste auch ins Exil, er gelangte 1933 nach London.

Der Journalist, Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Ferdinand Hardekopf (1876-1954) wurde nach der deutschen Besetzung Frankreichs interniert, verdankte André Gide seine Freilassung und gelangte in den Süden Frankreichs. Nach dem Krieg lebte er unter großen Entbehrungen in der Schweiz weiter.

Auf der CD „Pianofrau (live)“ finden sich neben Vertonungen eigener Texte, teilweise Liebeslieder (man beachte das Wagner-Zitat in „Vielleicht ist´s Liebe“!), teilweise geistvolle Denkanstöße, Vertonungen einiger dieser Dichter, aber auch zwei Gottfried Benn Vertonungen, „Reisen“ und „Noch einmal“. Beide passen inhaltlich erschütternd gut in den Exil-Komplex.

Die Erschütterung wird ganz unmittelbar beklemmend evident, wenn Bettina Hirschberg dann aber ihre Theodor Kramer Vertonung „Wer läutet draußen an der Tür“ vorträgt. Sie zitiert hier übrigens in der jedem Kunstlied gerecht werdenden Klaviereinleitung kurz die deutsche Hymne.

Und sie wird erneut unmittelbar spürbar mit der Hans Sahl Vertonung „Das letzte Tau“ und erst recht mit der Mascha Kaléko Vertonung „Ursache unbekannt“ – es läuft einem eiskalt den Rücken runter bei der Zeile „…an solchem Tag dreht man den Gashahn auf“.

Eines der bewegendsten Konstantin Wecker Lieder ist ja „Fangt mi wirklich koaner auf“, ein Lied, das das Mitgefühl mit jedem Eingesperrten ungemein berührend zu wecken vermag. „Sommer 1939“ von Louis Fürnberg in Bettina Hirschbergs Vertonung stellt vordergründig eine Idylle vor, die Freiheit als Traum der durch nichts, schon gar nicht durch Gitterstäbe, zerstört werden kann, aber eben auch, schmerzvollst mitschwingend, die Sehnsucht danach. Udo Jürgens sang 1989 „Du kannst den Sänger in Ketten legen, aber niemals sein Lied“. Man kommt sehr ins Nachdenken, sich vergegenwärtigend, dass der inhaftierte Liedersänger in diesem Moment des Eingesperrtseins nichts davon hat, möglicherweise nicht einmal eine Hoffnung.

Wenn Bettina Hirschberg mit ihrer an die Tradition einer Marlene Dietrich gemahnenden rauchigen Chanson-Altstimme am Klavier all diese anspruchsvollen aber nie das Intellektuelle überfordernden also durchwegs inspiriert eingängigen deutschsprachigen Chansons vorträgt, setzt sie, die einfühlsame Lyrikerin, Komponistin und Pianistin, vielfach im Grundduktus auf groovenden Blues genauso wie auf die Kunstliedtradition seit Schubert. Bei einigen Liedern der CD sorgt der Cellist Wolfgang Huschke auch improvisatorisch für starke charakterliche Intensivierung, und von Huschke kommen auch zwei zwischendurch eingestreute Instrumentalstücke. Bei einem davon („Rain“), stilistisch wie eine ungemein sensible Reverenz an Bach anmutend, wird er von der Cellistin Sigrid Vandenbogaerde unterstützt.

Die CD „Pianofrau (live)“ (BMG/Aris 74321 41249-2) wurde 1996 in der Akademie Würth in Künzelsau aufgenommen und von Lenz Retzer gemischt, den Konstantin Wecker Fans wahrscheinlich als Bassisten aus der Zeit von Weckers „Brecht“ CD (1998) und einiger Tourneen danach kennen. Die physische CD ist wohl nur mehr im Second Hand Bereich erhältlich, Downloads und Streamings ermöglicht allerdings etwa der bekannte große Internet-Urwaldfluss.

 Die Homepage von Bettina Hirschberg:

http://www.bettina-hirschberg.com/

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