Alexanders CD-Tipp der Woche: Die Grenzgänger – Die wilden Lieder des jungen Marx

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Als junger Student schrieb Karl Marx (1818-1883), nach wie vor umstrittener Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus, dessen 200. Geburtstag ja nun ins Jahr 2018 fällt, eine Unzahl „wilder Lieder“, die 1841 teilweise erstmals veröffentlicht wurden. Einige davon haben die in Bremen beheimateten, 1988 gegründeten Grenzgänger vertont und im April 2018 auf CD veröffentlicht (Brokensilence 07723). (Alexander Kinsky)

Der Anwaltssohn Karl Marx, geboren 1818 in Trier, 1835 Abitur, 1836 Verlobung mit Jenny, ab 1835 Rechtswissenschafts- und Kameralistikstudium in Bonn, ab 1836 Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, interessierte sich bald auch für Philosophie und Geschichte. Er wurde Linkshegelianer und erlangte 1841 den Doktor der Philosophie. Erste Veröffentlichung Anfang 1841 in der Zeitschrift Athenäum: zwei Gedichte, Titel „Wilde Lieder“.

Hier nun gibt es Karl Marx jenseits seines späteren Hauptwerks „Das Kapital“ und seiner Bedeutung für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte als vorrevolutionären sinnlichen jungen Dichter, dessen Verse griffig vertonbar sind, zu entdecken, ähnlich Konstantin Weckers „Brecht“ Projekt aus dem Jahr 1998 (20 Jahre ist das schon her, wie die Zeit vergeht!), mit dem es ja auch gelang, das Sinnliche der Persönlichkeit in den Vordergrund zu rücken, sie nicht nur als historische Person wahrnehmen zu können, sondern vor allem auch als sensiblen Zeitbeobachter und zutiefst empathiefähigen Menschen.

Die Grenzgänger, das sind Michael Zachcial (Gesang, Gitarre), Annette Rettich (Violoncello), Frederic Drobnjak (akustische und E-Gitarre) und Felix Kroll (Akkordeon, Piano, Melodica, Beats und Gesang). Zwölf Marx-Vertonungen werden mit einer Spottlied-Vertonung und einem Instrumentaltitel ergänzt. Komponiert haben alles Zachcial und Kroll, teilweise zusammen. Stilistisch findet sich eine sensible Bandbreite an Liedkunstmöglichkeiten, Chansonartiges, Country, Minnesang, heiter Melodiöses, verinnerlicht Nachdenkliches, Volksliedhaftes, Folkblues und sogar ein Rap.

Bestechend sind die sensiblen Arrangements, vor allem durch den Cello- und Akkordeoneinsatz ganz spezifisch akustisch geprägt. Zachcials Stimme erinnert etwas an die des Liedermacherkollegen Wenzel. Auch dessen ambitionierte Projekte wie etwa seine Kramer-Vertonungen fallen einem zum Vergleich ein, auch Wenzel pflegt eine derartige stilistische Vielfalt.

Die Marx-Vertonungen der Grenzgänger kommen eingängig und griffig daher, ohne sich anzubiedern. Die Stimmungen der Texte werden ungemein sensibel musikalisch eingefangen und öffnen von Lied zu Lied andere Welten, im Liebeslied für Jenny, in der Charakterisierung des deutschen Publikums, beim Spielmann zwischen Gott und Teufel, im eindringlichen Lied der Gnome, mit dem berührenden Schicksal einer Zerrissenen, mit einem ganz speziellen Vorwurf, bei schicksalshaften Empfindungen, beim Besuch beim dummen Männerl mit seiner verwünschten Trommel (im 7/8-Takt!), mit dem süßen Gift der Zauberin, beim Wunsch nach geschriebenen Liebesworten, im Spottlied vom Mädchen und den 15 Pfennigen, beim Weltgericht und schließlich mit einem Rap zur deutschen Weltliteratur.

Mich haben beim ersten Durchhören am meisten das eindringliche Lied vom „Spielmann“ und das beklemmend suggestive „Lied der Gnomen“ angesprochen. Aber auch alle anderen Titel unterstreichen die künstlerisch hochstehende, ernsthafte und gleichzeitig musikalisch wie musikantisch ganz unverschämt unmittelbar berührende Ambition des absolut hörenswerten Projekts.

Texte aus der Zeit vor der Revolution 1848, Musik von 2018 – das passt bestens, so wie es hier von den Grenzgängern aufbereitet wird.

Der letzte Track der CD „Brüder mit uns zieht die Internationale“ schließlich mischt originell die Internationale mit einem Happy Birthday.

Die Homepage der Grenzgänger mit weiteren Infos und CD-Bestellmöglichkeit:

https://xn--die-grenzgnger-fib.de/

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