Alexanders CD-Tipp der Woche: Felix Meyer & project île – Die im Dunkeln hört man doch

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Siebeneinhalb Minuten – eine lange Zeit für ein Lied im Herbst 2019. Aber was für eine Zeit. Siebeneinhalb Minuten, in der ein Einzelner der Welt von heute den Spiegel vorhält, verzweifelt, mahnend, eindringlich. Textlich brillant auf den Punkt und dabei liedpoetisch. Musikalisch aus der Deckung kommend, sich zum Aufschrei aufschwingend, am Ende noch einmal nachdenklich verhalten – Der Mensch dem Menschen, das große erste Lied aus Felix Meyers CD Die im Dunkeln hört man doch… (Alexander Kinsky)

Nein, Felix Meyer ist keiner, dessen Liedern man nur nebenbei lauschen sollte. Die haben textlich wie musikalisch derart vehemente Substanz, da zählt jedes Wort, da greift jeder Ton. Er fordert. Er fordert zum Zuhören, zum Innehalten, er fordert auf zum ganz vertieften Nachdenken. Er unterhält nicht oberflächlich. Er hat eine gewichtige, wesentliche Aussage, und die kommt eindringlich. Sie kommt stilistisch im weiten Bereich zwischen Chanson und Popballade mit Rockanklängen, Country und Bluesrock. Jeder Liedtext wird dabei ideal-charakterlich musikalisch aufgeladen.

Die im Dunkeln hört man doch, produziert von Thommy Krawallo, erschien im September 2019 bei SPV. Die hochsensible musikalische Formation project île rund um den 1975 in Berlin geborenen Liedermacher und Dokumentarfotografen Meyer lässt Gitarren, Perkussion, Banjo, Bass, Kontrabass, Schlagzeug, Akkordeon, Klavier und Keyboards neben dem Gesang hören. Unter den weiteren Mitwirkenden (Text, Musik, Gesang) fallen die Namen Caterina Westphal, Maike Rosa Vogel, Norbert Leisegang und Max Prosa auf.

Eigentlich steht das erste Lied Der Mensch dem Menschen monolithisch für sich. Es steht so für sich, dass man sich schwertut, gleich weiter zu hören. Man ist so überwältigt von der sensiblen Weltanalyse die man soeben gehört hat, in der man sich so ganz und gar wiedergefunden hat. Wenn der Mensch so brutalkapitalistisch egoistisch weiter macht, gegen alle Natur des Seins, dann, so resümiert Meyer lapidar, „dann wird von all dem nichts mehr bleiben und die Welt übernimmt“. Musikalisch ist das grandios aufgebaut: Wie ein Erwachen des Verzweifelten an einem dieser düsteren Tage des hoffnungslosen Seins angesichts all dessen was rundum (nicht) passiert, das Adrenalin das die Verzweiflung zu einem wütenden Aufschrei hochpeitscht, und schließlich die etwas gefasstere eindringlich bleibende Mahnung. Ein schlüssiger (musikalisch wie textlich ausgefeilt grandioser) großer Bogen, ein herausragendes, (leider) ungemein wichtiges Liedermacher-Chanson des Jahres 2019.

Meyer mischt danach flottere Lieder mit eher Balladesken, er hält das Niveau und er fordert weiter. Es lohnt aber! Es lohnt, die Texte genau zu hören, mitzulesen im sehr sorgfältig edierten Booklet, die Texte dann noch nachzulesen, die Lieder mehrmals zu hören, um immer mehr von ihrer Vielschichtigkeit aufzunehmen.

Kunstinteressierte Menschen gehen harmonisch miteinander um (Einfach so). Und dann gleich ein Versuch, diesem großen ersten Lied eine mögliche Antwort zu geben (Steh auf): „Wir brauchen diese Welt und die Welt braucht Verstärkung.“

Ganz stark Nabel der Zeit: Das passt zu Konstantin Weckers weltweisem Gedicht Jeder Augenblick ist ewig. Tiefsinnige Gedanken über Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, gelebte Gedanken, Gedanken des Seins im Jetzt, in dem die Dimensionen ineinanderfließen. Ein erstaunliches Bluesrocklied.

Das nächste starke Bild, wieder ausgehend von den Weltverwerfungen des ersten Liedes: Wald als Möglichkeit, gedanklich oder real, der kapitalistischen Gewalt die Kraft der Gedanken, der Natur als individuelle Chance entgegenzusetzen.

Das große Fest als flüchtiger Moment. Dann erneut die Beschwörung Geld macht nicht glücklich. Nichts ist egal.

Grandiose Verbindung der Elemente, noch einmal – Wie in einem Lied. Die Welt ist mehr als Trump und Deutsche Bank. Sie ist das Wunder der Natur, sie ist jedes ehrlich komponierte Lied. Der Einzelne versucht, sich darin zurechtzufinden. Wie tut es gut, mit Felix Meyers Liedern Gleichgesinntes zu finden.

Die Ballade von Laure & José beherzt noch mehr, denn sie beschwört als Solidaritätslied die Titelzeile der CD, Die im Dunkeln hört man doch.

Noch einmal drohende Apokalypse, aber wir „essen viel zu schnell in Zeitlupe“. Felix Meyer bringt mit seinen Liedern das Globale (menschlich bedrohlich wie naturgewaltig) ins Individuelle, Persönliche, Lied für Lied zum intensiven Weiterdenken, zum Philosophieren genauso wie darüber was man selbst tun kann anregend.

Am Ende gibt es noch Meyers bereits seit einiger Zeit bekanntes erneut mit gewichtigen Versen aufgeladenes Europa-Lied, dessen archaische Größe den anspruchsvoll-eindringlichen Liederbogen eindrucksvoll abrundet.

Felix Meyers Homepage: https://felixmeyer.eu/

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