Alexanders CD-Tipp der Woche: Tamara Banez – Ecken und Kanten

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Yukari ist ein Fukushimaopfer. Nur spitze Scherben für den gedemütigten Flüchtling. Ein düsterer Tag. Hoffnung? Ja, Ärmel hoch, wir bleiben hier – die erste Longplayproduktion der hochbegabten Deutschpopliedermacherentdeckung Tamara Banez. (Alexander Kinsky)

„Die Uni brennt“ – als ab 2009 Studentinnen und Studenten der LMU München für die Abschaffung der Studiengebühren sowie für Demokratisierung und gegen Ökonomisierung des Hochschulsystems das Audimax und andere Räumlichkeiten der LMU besetzten und die Polizei erste Räumungen durchführte, war eine Studentin mit ihrem Keyboard zur Stelle, eine eindringliche selbst geschriebene Durchhalte-Popballade auf dem Geschwister-Scholl-Platz vorzutragen: „Wir bleiben hier!“

Nicht nur das tolle künstlerisch aktive Engagement war da bemerkenswert, wer es mitbekam, die youtube Videos entdeckte und die Künstlerin danach auch live mit dem Lied hören konnte (etwa als Gast bei einem Konstantin Wecker Konzert in München) war rasch versucht, sich mehr Künstlerisches von Tamara Banez zu erhoffen.

Im August 2018 ist es nun so weit, beim Label Sturm & Klang erscheint Tamaras erste Longplayproduktion „Ecken und Kanten“. Und da löst Tamara die hoch gesteckten Erwartungshaltungen, die „Wir bleiben hier“ geweckt hat, in bester Liedermachertradition ein.

Die beste Liedermachertradition bedeutet in diesem Fall: Griffige Kompositionen Richtung Deutschpop in ausgefeilten Arrangements, exzeptionelles dichterisches Talent, das jedem Thema gerecht werdend in den Liedern eingesetzt wird, sehr ernst durchdachte und durchgezogene Themenwahl, die auf elf Lieder komprimiert einfängt, was ein sensibler junger künstlerisch hochbegabter Mensch des Jahres 2018 zu singen hat sowie eine ansprechende auch hier künstlerisch hochwertige aber nicht protzend aufdringliche Digipackgestaltung der CD, mit fast allen Liedertexten und sensibel ausgewähltem starkem Fotomaterial darin.

Man hört vom ersten bis zum letzten Lied, dass Tamara zunächst einmal eine Vollblutkünstlerin ist, gesanglich wie liedgestalterisch. Ob Klavier und Klarinette oder elektronische Instrumente zum Einsatz kommen, jedes Lied führt in dessen ganz spezielle klangliche und emotionale Welt.

Dass Tamara an der LMU München zum Thema Neue digitale Musikinstrumente und Inklusion forscht und Musikerinnen und Musiker sowie Studierende in den Bereichen Musik und digitale Medien und App-Musik ausbildet erklärt sie auf ihrer Homepage, auf jeden Fall merkt man ihr durchgehend die unaufdringlich hochprofessionelle und durchdachte Herangehensweise an, die aus jedem Lied das emotional ganz unmittelbar Packende herauszuholen versteht.

Beziehungslieder zwischen Zuwendung und Trennung, sehr eigenständige neue Farben zu den tausendfach durchgekauten Themen beisteuernd, stehen neben Naturverbundenheit, Frauenrechten, Sozialkritischem und der Verantwortung für den sensibel-kritischen Blick auf die Weltlage.

Der weiter entsetzlich aufdringlichen abgrundtief vertrumpten patriarchalen Gesellschaft sei „Sistas“ ins Herz gesungen – „Die Welt muss weiblicher werden!“

Gleich danach: Bitte bleiben wir feinfühlig angesichts der von Menschen verursachten Katastrophen auf dieser Welt wie etwa Fukushima („Yukari“). Tamara wählt den idealen Liedweg: Die Betroffenen, die Geschädigten, die fürs Leben Gebrandmarkten direkt anzusingen, mit ihnen ganz unmittelbar mitfühlen. Eine wieder erschütternd eindringliche Klavierballade ist das.

„Eine Nacht“ als Wunsch, dann sofort als Kontrast „Du spielst – Du verlierst“ als aggressives Trennungsduett – selten wurde die Spannung die angesichts einer scheiternden Beziehung Räume zu zerreißen droht musikalisch plastischer ausgelotet.

Wie bei „Yukari“ spricht Tamara in „Spitze Scherben“ den vor eine ihn völlig überfordern müssende Situation gestellten Flüchtling in der ihn ablehnenden westlichen Luxusgesellschaft direkt an – ja es ist jeder einzelne Mensch, um den es geht, mit dem wir bitte bitte mit Herz und Seele und mit unseren aktiven Möglichkeiten immer mitfühlen. Wer täglich in den Zeitungsständen Bild Headlines entdeckt wonach schon wieder ein Flüchtling kriminell heraussticht – nicht auf die manipulativ brutale Verallgemeinerung und Denunziation hereinfallen, sich bitte bitte wenn dann an Liedern wie diesem von Tamara anhalten! Sie singt, was ist: „Dein Schicksal begraben wir unter Verblendung.“ Eines der ganz wichtigen Lieder zum Thema.

Die persönliche Sinnsuche findet sich auch auf der CD, aufrichtig ernsthaft als großes Liedermacherlied, und gleich danach eine wenn nicht die Erschwernis hier weiterzukommen: „Welch eine düstere Zeit. Unerkannt gleicht der Fluch seinem Segen.“

Zeilen voller Kraft und Schrecken, starke Zeilen.

Wäre „Düsterer Tag“ das letzte Lied der CD, man bliebe tief betroffen und etwas resignativ zurück. Nach einem „Schlaflied“ rundet Tamara aber (klug aneinandergereiht) die CD mit dem Motivationslied „Ärmel hoch“ und dem LMU-Klassiker „Wir bleiben hier“ (schön, dass der auch berücksichtig wurde!) durchaus kämpferisch und sympathisch trotzig bis toll positiv hoffnungsvoll gestimmt ab.

Heraus ragt zwischen dem „Schlaflied“ und „Ärmel hoch“ allerdings das einzige englisch gesungene Lied der CD, „Ain´t easy“. Kompositorisch und auch vom ambitionierten Arrangement her wird man da an die ganz großen amerikanischen Singer-Songwriter Songs erinnert, sogar Richtung Billy Joel. Was für ein Potential tut sich da auf. Nicht kommerziell gedacht (das wäre etwas für den Weltmarkt – aber eigentlich: warum nicht auch so gedacht?), sondern einfach nur: Wäre schön, wenn das ganz viele Menschen weltweit hören können.

Und „Yukari“ auch. Und „Spitze Scherben“ auch. Und die anderen Lieder.

Mitproduziert hat die CD Florian Moser (seit 2007 vielfach auch für Konstantin Wecker Produktionen aktiv), musikalisch wirken unter anderem Bandmitglieder von Amon Düül und Christoph Süß sowie der Sänger der Münchner Hippie Rock Band Ni Sala Robert Salagean mit.

Die Homepage von Tamara Banez: http://www.tamara-banez.de/

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