Alles dreht sich um die Identität

 in FEATURED

Sollten wir besser „typisch“ sein für unsere Kultur…

„Der Begriff des Ethnopluralismus wurde von den Rechtspopulisten gekapert und befindet sich bei Neonazis in Geiselhaft. Das sollte uns jedoch nicht davon abhalten, dass das eigentlich ein gutes Konzept ist gegen den globalisierten Einheitsbrei. Dass die Welt multikulturell ist, keine Frage. Aber schon aus ästhetischen, mehr noch aus verwalterischen Gründen sie sollte regional unterschiedlich bleiben. Eine vom Kapitalismus globalisierte Welt ohne kulturelle Unterschiede fände ich fast so schrecklich wie eine Welt ohne Biodiversität.“ (Wolf Schneider, www.connection.de)

»In der gesamten westlichen Welt kehrt die Frage nach der Identität ins Zentrum des politischen Diskurses zurück. Populisten geben dabei den Ton an. Auch in Deutschland wird es DAS Thema im Wahljahr 2017«, schrieb die Pressesprecherin des deutschen Philosophie-Magazins (philosophiemag.de) und legte mit diesen Worten im Januar ihre neueste Ausgabe vor. 

Hinter den Kulissen und manchmal auch davor, ist Identität heute das zentrale Thema der politischen Diskussion und trifft damit auf etwas, das seit mindestens 2.500 Jahren ein oder sogar das Kernthema der Philosophie ist. Und das in unserer »postfaktischen Zeit«, in der es etwa einem Donald Trump so viel leichter fällt, mit gefühlter Wahrheit Massen zu bewegen als anderen mit gut recherchierten Fakten. Um 500 vuZ, zu dieser wichtigen Wendezeit in mehreren Weltkulturen – Karl Jaspers nannte sie »Achsenzeit« der Weltgeschichte –, war »Erkenne dich selbst« das Motto der griechischen Philosophie, während 6000 Kilometer weiter östlich Gautama Siddharta, ein Philosoph und Sadhu aus den nordindischen Magadha, als Anatta-vadin bekannt wurde, als Lehrer des Nicht-Selbst. Würde dieser Mensch heute lehren, meine ich, wäre er ein Identitätsvadin, ein Lehrer der Erkenntnis der Gestaltbarkeit der Identität. 

Das Schöne am Thema der Identität ist, dass es – noch – nicht von den Schwätzern der Seichtspiritualität besetzt ist. Es ist für IT-Leute verständlich, für Wissenschaftler und Verwalter der zivilen Ordnung. Auch Soziologen und Psychologen können etwas damit anfangen, und wenn ein Polizist bei einer Straßenkontrolle mich fragt, ob ich mich identifizieren kann, denke ich nicht als Ramana Maharshis Frage »Wer bin ich?«, sondern zeige ihm meinen Ausweis. 

Die Identitären

Etwas verwirrender wird es allerdings, wenn man in der Landschaft der politischen Bewegungen auf »die Identitäre Bewegung« stößt, die aus dem französischen Bloc Identitaire hervorgegangen ist. Die haben nun so gar nichts mit Ramanas Frage zu tun, die ja auch die Frage der Sufis nach dem Wesen des Menschen ist, mit sokratischer Selbsterkenntnis oder der alten indischen Suche nach dem Selbst. 

Die Identitären in Deutschland, Österreich und Frankreich sind eine kleine, aber intellektuell bedeutsame rechtspopulistische Bewegung, die sich gemäß ihrer Webseite für die am schnellsten wachsende Jugendbewegung Europas hält. Sie sind gegen den Euro und das Zusammenwachsen von Europa und halten die Aufnahme einer großen Zahl von Flüchtlingen für einen Kardinalfehler, mit dem sich das christliche Europa dem Ansturm des Islam unterwerfe. Frankreich muss Frankreich bleiben, Deutschland für die Deutschen, »Sichere Grenzen, sichere Zukunft«, das sind ihre Parolen. Teils sind sie lokalistisch oder regionalistisch, gewiss ethnizistisch. Von führenden Soziologen werden sie als kulturrassistisch bezeichnet und gelten als die intellektuelle Speerspitze des europäischen Rechtspopulismus. Die deutsche Wikipedia schreibt ausführlich über die Identitäre Bewegung und nennt dabei auch folgendes Beispiel: »Aufgegriffen wurde das kulturrassistische Konzept auch durch die Jugendorganisation der NPD mit einer Kampagne ‚Identität – Werde, wer Du bist’«. 

Wie konnte solch ein nobles Motto über die Paradoxie der Selbstentwicklung ausgerechnet bei der NPD-Jugend landen? Im Gegensatz zum Gros der Rechtspopulisten fallen den Identitären zudem Aktionen ein, die geradezu charmant witzig sind, wie etwa die des französischen Bloq Identitaire mit seiner Ausgabe von »identitären Suppen« (seit 2003) als solidarische Aktionen: Sie enthalten Schweinefleisch, weil das für fromme Juden und Muslime nicht essbar ist. Teils wurden diese Suppenausgaben von den Behörden verboten, mit der Begründung sie seien »diskriminierend und fremdenfeindlich«. Das Verschenken einer Suppe soll fremdenfeindlich sein? Solch ein Witz muss den Verteidigern der Toleranz erst einmal einfallen.

… oder sollte überall alles gleich aussehen?

Eine Welt ohne Grenzen?

Um das wichtige Thema der Identität nicht den Rechtspopulisten zu überlassen, sind nun auch linke Theoretiker gezwungen, ein bisschen mehr ihr Köpfchen einzusetzen. Rechte Bewegungen wie die Identitären schlicht als Kulturrassisten und Faschisten zu beschimpfen genügt nicht mehr für den Anspruch, Vorhut der geistigen Entwicklung zu sein. Es stimmt zwar, dass sich die Identitären eines altbekannten faschistischen Wortschatzes bedienen, aber sie greifen immerhin das Thema der Grenzsetzung auf, das unter Linken und generell im antihierarchisch-pluralistischen »grünen Mem« (Beck, Graves, Wilber) der Babyboomer unterbelichtet ist. Die von John Lennon in seinem berühmten Lied Imagine gefeierte Grenzenlosigkeit 

Imagine there’s no countries, 

It isn’t hard to do, 

Nothing to kill or die for, 

And no religion too

ist nämlich nicht immer und in jeder Hinsicht gut. Auch wenn ich John Lennons Lied, das mich selbst seit meiner Jugend emotional stark bewegt, von seinem Grundpathos her begeistert zustimme, muss ich zugeben, dass ein unterschiedsloses Einreißen oder Aufheben der Grenzen politisch nicht zu empfehlen ist, weil dann Verwaltungseinheiten fehlen. Zudem ist es natürlich auch im Privaten nicht gut, alle Grenzen einzureißen, weil dann das geschieht, was man in der Psychologie Invasion, Übergriff und Missbrauch nennt. Die Verkünder der Grenzenlosigkeit und Ewigkeit, des Nichts und der Leere, des Unendlichen und Göttlichen kommen nicht umhin, nach ihrer religiösen Ekstase wieder herabzusteigen in die Niederungen des Menschlichen und zuzugeben, dass Grenzen nötig sind für unser irdisches Leben. Sie müssen den Sinn von Grenzen »einbetten« in ihre Philosophie der Grenzenlosigkeit, sonst stiehlt ihnen die politische Rechte das Thema und führt die menschliche Zivilisation in barbarische Zeiten zurück.

 Fakt und Fiktion

Auch beim Thema Fakt und Fiktion haben die Theoretiker des grünen Mems, das unsere Zeit dominiert, dazuzulernen. In spirituellen Kreisen ist es üblich, sich im Falle erlebter Enttäuschungen wissend zuzulächeln und dabei auf den Sanskritbegriff »Maya« zu verweisen: Alles ist Illusion! Das wird dann gerne auch noch durch den Hinweis ergänzt, dass man bei einer Ent-täuschung – der Bindestrich steht hier für die tiefe Einsicht des die Wortwurzel erkennenden Spiris – dem Himmel bzw. seinem Feind dankbar sein solle, damit von einer weiteren Täuschung befreit worden zu sein. Der Begriff »Maya« unterscheidet jedoch nicht zwischen Fakt und Fiktion. Lügen, Irrtum und die von der Wissenschaft erforschte faktische Wirklichkeit werden mit diesem Begriff in einen Topf geworfen, der nun – einmal umgerührt und fertig – zu dem Einheitsbrei wird, der von seichtspirituellen Kellnern serviert, dabei mithilft, das postfaktische Zeitalter einzuläuten. 

Wellnessspiritualität, Seichtspiritualität, Popspiritualität, das Ken-Wilbersche Flachland als Vorbereitung auf den Rechtspopulismus unserer Tage? Das ist schwer zu schlucken, wo wir doch mit unseren Mantren und Metta-Meditationen und unserem positiven Denken, unserer Ausrichtung auf Liebe und Vertrauen nur Gutes wollten. 

Ethnopluralismus

Um die Babyboomer und andere Bewohner des Wilberschen grünen Mems möglicherweise vollends zu schocken, möchte ich nun auch noch das Thema der Diversität einbringen. Der Erhalt der Biodiversität ist ja überall gut angesehen. Jede weitere sterbende Art wird weltweit beweint, wenn auch leider meist ohne Nennung der ursächlich dafür verantwortlichen wirtschaftlichen Kräfte. Auch die Sprachendiversität wird geschätzt: 6.000 lebende Sprachen gibt es »noch«.  Lokalsprachen (das Gälische, Baskische usw.) werden gefördert, teils sogar regionale Dialekte, die einst noch als peinlich galten, und man verwahrt sich gegen die Invasion der Anglizismen in die Reinheit der gefährdeten Regionalsprachen. Wenn in Australien und anderswo endemische Arten durch Invasoren bedroht werden, ist man sich einig, dass sie geschützt werden müssen gegen die Angreifer von außen. Touristenprospekte loben die Naturschutzparks, und wenn irgendwo eine kulturelles Ensemble von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt wird, ist die lokale Bevölkerung mächtig stolz darauf. Sollten wir nicht dementsprechend die europäischen Länder vor einer Verflachung ihrer Eigenheiten schützen, die in Zeiten der Globalisierung mit ihren Migrationen kaum zu vermeiden ist? Ein konsequenter politischer Säkularismus sollte das tun, ohne Kniefall vor einwandernden Fundamentalisten. Es müssten dann allerdings auch die staatlichen Universitäten ihre christlich-theologischen Fakultäten auflösen und die Klassenzimmer in den Schulen dürften keine Kreuze mehr enthalten.

Der Begriff des Ethnopluralismus wurde von den Rechtspopulisten gekapert und befindet sich bei Neonazis in Geiselhaft. Das sollte uns jedoch nicht davon abhalten, dass das eigentlich ein gutes Konzept ist gegen den globalisierten Einheitsbrei. Dass die Welt multikulturell ist, keine Frage. Aber schon aus ästhetischen, mehr noch aus verwalterischen Gründen sie sollte regional unterschiedlich bleiben. Hilton Hotels sehen überall gleich aus, nicht viel anders die meisten internationalen Flughäfen, und überall auf der Welt gibt es Hamburger, Coca-Cola und Nestlé-Eis. Eine vom Kapitalismus globalisierte Welt ohne kulturelle Unterschiede fände ich fast so schrecklich wie eine Welt ohne Biodiversität. 

Diskriminieren können

Wenn der Zen-Lehrer Paul Kohtes mit seiner »Identity Foundation« alle zwei Jahre den Meister-Eckhart-Preis vergibt, um Personen zu ehren, die sich »in ihren Arbeiten mit den Widersprüchen der persönlichen, sozialen und interkulturellen Identität des Menschen auseinandersetzen und die durch ihr Wissen und Wirken einen Diskurs in einer breiteren Öffentlichkeit anstoßen«, hat das nichts mit den Identitären zu tun. Solchen kaum bekannten Initiativen ist mehr Aufmerksamkeit zu wünschen, wie sie heute etwa der französische Bloc Identitaire mit seiner Suppenausgabe bekommt. 

Es hilft dabei, das eigene Denken genauer zu beobachten. Wenn wir etwa den Begriff »diskriminierend« verwenden, mit dem die französische Behörde die Suppenausgabe der dortigen Neofaschisten zu verbieten suchte, verwenden wir damit einen typischen Begriff der egalitären Pluralisten. Vom Wortursprung heißt Diskriminierung schlicht »Unterscheidung«, benennt also eine positiv zu bewertende Fähigkeit. In Zeiten des pluralistischen Flachlands hat er jedoch eine negative Bedeutung bekommen, ebenso wie das Urteilen, Vergleichen und Unterscheiden-Können in der Seichtspiritualität unserer Tage. An diesen und vielen anderen Stellen lädt die Unvollständigkeit unseres zeittypisch egalitär-antihierarischen Denkens Rebellen ein, die dann in einer Weise Grenzen ziehen wollen, die in eine zivilitatorische Regression führen.

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