Almosen und Ignoranz für Afrika

 In FEATURED, Politik

Die atemberaubende Ignoranz gegenüber Afrika zeigt sich in den raren Momenten, in denen der »schwarze Kontinent« (falsch übrigens, er ist farbenvoller als Europa) überhaupt einmal ins Licht der europäischen Öffentlichkeit drängt. Dies geschieht entweder als ein diffuses Bild für katastrophale Bedrohungsszenarien oder der Kontinent erscheint auf den gut gemeinten Plakaten der Hilfsleistungsindustrie. Jeder kennt sie vom Wegschauen. (Text: Frank Jödicke, www.skug.at)

Das Berliner Magazin »Melodie und Rhythmus« lieferte in seiner vorerst letzten Ausgabe einen vorbildlichen Afrika-Schwerpunkt. Es stand zu befürchten, dass das seit 1957 erscheinende Blatt aufgibt. Jetzt wollen sie es aber nochmal versuchen und bitten um Abos. Ein Begehr, das skug natürlich unterstützt, damit nicht eine weitere Stimme kritischer Aufklärungsarbeit vom Zeitschriftenmarkt verschwindet.

In der Demokratischen Republik Kongo ist es verboten, öffentlich zu filmen. Der Filmemacher Petna Ndaliko Katondolo meint, es sei im Kongo gefährlicher, eine Kamera zu besitzen als ein Maschinengewehr – und wirkungsvoller. Das Land steckt seit Langem in einem grausamen Krieg um seine wertvollen Ressourcen und wer zynisch genug ist, kann den Kriegsparteien vor Ort und ihren Handelspartnern in Europa und Nordamerika nur dazu gratulieren, wie effizient sie diesen blutigen Krieg aus dem Bewusstsein weiter Teile der westlichen Öffentlichkeit heraushalten.

Weshalb aber gelingt das überhaupt? Dies zu beantworten, ist nicht einfach, ein banaler Grund mag darin liegen, dass nur wenige Publikationen sich dieser Thematik annehmen, geschweige denn sich bemühen, diese in einen breiteren kulturellen und politischen Kontext einzuordnen. Eines der wenigen Magazine, das dies versucht, ist »Melodie und Rhythmus« (wie in der Vergangenheit mit ungleich bescheideneren Mitteln auch skug) und bedauerlicherweise findet sich für solche Arbeit keine wirtschaftliche Basis mehr. Ein Schelm, wer meint, hier einen Zusammenhang zu erkennen.

Kolonialismus im Aufguss

Die atemberaubende Ignoranz gegenüber Afrika zeigt sich in den raren Momenten, in denen der »schwarze Kontinent« (falsch übrigens, er ist farbenvoller als Europa) überhaupt einmal ins Licht der europäischen Öffentlichkeit drängt. Dies geschieht entweder als ein diffuses Bild für katastrophale Bedrohungsszenarien oder der Kontinent erscheint auf den gut gemeinten Plakaten der Hilfsleistungsindustrie. Jeder kennt sie vom Wegschauen: Ein dankbar lächelndes, schwarzes Mädchen unterhalb einer adretten, weißen Schickse, die freudig verspricht, dem Kind ein paar Kröten von ihrem überpreisten Latte Macchiato zukommen zu lassen, damit die kleine Afrikanerin endlich mal Lesen und Schreiben lernt. Nett, oder?

Wir ahnten es bereits, das ist Kolonialismus im dritten oder vierten Aufguss. Formulierungen wie »meine Spende lebt« offenbaren eine rassifizierte Menschenverachtung, die sich selbst als solche nicht mehr erkennt. Die ökonomisch-politische Grundstruktur, die dafür sorgt, dass die Weißen »von oben« stets eben jene Bedingungen dafür schaffen, dass sie den Schwarzen »von da unten« helfen müssen, bleibt zuverlässig ausgeblendet.

Diese Hierarchie zeigt sich auch in der Kunstrezeption. Die Kunst Afrikas hat bestenfalls eine Wild Card. Wer auch nur eineN einzigeN afrikanischeN KünstlerIn dem Namen nach nennen kann, darf dies getrost als ExpertInnenwissen bezeichnen. Dabei hätte uns dieser »Ngondo-Nochwas« einiges zu erzählen, z. B. dass wir alle Bewohner der gleichen Merde sind. Nur dass die Scheiße in Afrika wesentlich brutaler und schonungsloser wütet. Dadurch wird sie aber auch zuweilen besser erkennbar.

Eine Zensur wie im Kongo scheint hierzulande kaum denkbar. In Europa darf alles und jedes jederzeit gefilmt, allerdings nicht unbedingt analysiert werden. Eine Art subtile Zensur wirkt, die alles zeigt, aber nichts mehr kontextualisiert. Dies trifft insbesondere Musik, Kunst und Literatur, deren kritisches Potenzial allenfalls ein mild dosiertes Gewürz im Wohlfühlmix sein soll. Afrikanische KünstlerInnen dürfen singen und tanzen und bunte Bilder malen, sie sollen aber nicht unbedingt die Wahrheit sagen – denn die ist unangenehm. Eine Analyse über Ausbeutung und dysfunktionalen Kapitalismus hört man nicht gerne in jenen Breiten, wo die ProfiteurInnen oder vermeintlichen ProfiteurInnen leben.

Damit wird eine gefährliche Komplizenschaft zum industriellen Regime geschaffen, die ihr hässliches Gesicht gerade überall in Europa und den USA in Form von Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass zeigt. Dabei überlässt die Mehrheit die Schmutzarbeit gerne einer radikalisierten Minderheit, die sich immer unverhohlener zu ihrem Rassismus bekennt. Auch wenn die rassistischen Ausfälle populistischer PolitikerInnen oder grantiger Pegida-Opis nicht geteilt werden, glauben dennoch viele, dass es jetzt eines »Grenzschutzes« bedarf.

Dieser Irrglaube (das Gegenteil ist nämlich wahr und eine Grenzöffnung würde augenblicklich die Lage entschärfen, weil die Zuspitzung der letzten Jahre von einer »Torschlusspanik« verursacht wurde) ist eine direkte Folge einer unzureichend aufgeklärten Öffentlichkeit, die auf dem dunklen Kontinent Europa lebt, der von einem dichten Blätterdach der Verblödungsindustrie beschattet wird. Die Situation ist brennend und müsste gerade jetzt von einer möglichst breiten Öffentlichkeit kritisch erschlossen werden.

You never know your roots

Zunächst einmal liegt die große Preisfrage darin, zu begreifen, wie es überhaupt zur Unterordnung Afrikas und seiner BewohnerInnen kommen konnte. Eine Denkaufgabe, der sich Intellektuelle aus Afrika – die bezeichnenderweise in Europa weitgehend unbekannt sind – eingehend gewidmet haben. Der senegalesische Historiker Cheikh Anta Diop entwickelte die Konzeption des Afrozentrismus, die in der westlichen Welt kaum rezipiert und meist verdammt wurde. Nur wenige weiße AutorInnen, wie beispielsweise der britische Historiker Martin Bernal mit seinem Werk »Black Athena«, griffen diesen Denkansatz auf.

Wie es sich für HistorikerInnen geziemt, versucht man die Geschichte möglichst von Anfang an zu erzählen und somit einzutauchen in die dunklen Ursprünge. Diop und später Bernal versuchten nachzuweisen, dass Ägypten eine »schwarze Kultur« war. Morphologische Beschreibungen der Plastiken, Mutmaßungen über die Lautstruktur der Sprache und ähnliches sollten belegen, dass Ägypten, Griechenland und somit das sich auf diese Kulturen berufende und fraglos tiefgehend von diesen beeinflusste »Abendland« seine Wurzeln im Zentralafrika habe. »Die Götter der Griechen sind weiß, die Götter der Ägypter schwarz« wunderte sich bereits die Antike über das Whitewashing der »man-made Gods«.

Vieles, was Diop, Bernal und andere an vermeintlichen Beweisen zusammengetragen haben, ist leider ein gewisser Unsinn. Beweisführungen dieser Art, zumal wenn sie politische Bedürfnisse erfüllen sollen, sind unwissenschaftlich und kaum haltbar. Was wir genau und ganz präzise historisch sagen können, lautet: »Wir kennen unsere Ursprünge nicht.« Und auch, dass wir wohl bessere Menschen wären, wenn wir aufhören würden, zu versuchen, angeblich Ursprüngliches als Identitätssubstrat zu filtrieren.

Es ist aber gleichwohl ohne Frage absurd, anzunehmen, der afrikanische Kontinent hätte nichts mit der kulturellen Entwicklung der Menschheit zu tun, wie uns die eurozentristische Geschichtsschreibung gerne weismachen will. Mit der zumindest teilweisen wissenschaftlichen Blamage ist die politische Analyse keineswegs widerlegt und als falsch einzuschätzen. Der Afrozentrismus behält seine politische Stichhaltigkeit, weil er die ausgeblendeten afrikanischen Spuren zu Recht wieder aufdecken und zur Geltung bringen will.

Kann man HistorikerInnen verübeln, dass sie wütend wurden und manches übersteigerten? Die Vorgänge sind schließlich himmelschreiend: Die Menschen Afrikas sollten aus der Geschichtsschreibung herauskomplimentiert werden, um sie reibungsloser und effizienter ausbeuten zu können. Vermutlich haben SklavenhändlerInnen aktiv Zeugnisse afrikanischer Hochkultur zerstört und Überbleibsel willentlich umgedeutet. Katholische Kirchenväter, die Berber und Numider waren, bekamen in den Plastiken, die ihre geistigen und theologischen Leistungen würdigen sollten, plötzlich weiße Gesichter. Es wird wohl der Zorn über so viel Dummheit gewesen sein, der sie erbleichen ließ.

»Melodie und Rhythmus« kann zumindest nicht genug dafür gedankt werden, dass sie über Cheikh Anta Diop schreiben und an den Dokumentarfilm »Kemtiyu« von Ousmane William Mbayes erinnern, der Diops Kampf gegen den offenkundigen Rassismus in der Ägyptologie beschreibt. 

Rettet »Melodie und Rhythmus«!

Im Frühjahr dieses Jahres brachte die Redaktion von »Melodie und Rhythmus« mit ihrer Afrika-Ausgabe das vermeintlich letzte Heft heraus. Das seit dem Jahr 1957 erscheinende Blatt, das einstmals als »DDR-Bravo« gegründet wurde, stand vor dem finanziellen Aus. Jetzt gibt es aber eine überraschende Wende: Viele KünstlerInnen sowie LeserInnen der Zeitschrift, aber auch der Verlag 8. Mai selbst wollten das Aus für »Melodie und Rhythmus« nicht hinnehmen.

Es entstand ein KünstlerInnennetzwerk für den Erhalt der Zeitschrift, mit Hilfe der LeserInnen sollen bis zum 14. Juli 1.400 zusätzliche Abonnements gewonnen werden und es fehlen nur mehr wenige! Wird die Zahl erreicht, so verspricht der Verlag, wird umgehend mit den Vorbereitungen für den Neustart begonnen. Die Welt wäre ein bisschen weniger dunkel, denn welche Redaktion flicht in ihr Editorial schon ein Ho-Chi-Minh-Zitat ein? Hoffentlich wird diese wichtige und schöne Zeitschrift gerettet, an der die skug-Redaktion sonst alles vermissen würde, außer vielleicht ihr etwas überambitioniertes Grafikdesign. Also: Liebe skug-LeserInnen, abonniert das Hefterl, wenn ihr ein paar Kröten übrig habt …

 

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