Alternativlos

 in Kurzgeschichte/Satire, Roland Rottenfußer
Manche Sachbearbeiter in Arbeitsagentur wirken irgendwie nicht echt ... (Szene aus "Real Humans")

Manche Sachbearbeiter in Arbeitsagentur wirken irgendwie nicht echt … (Szene aus „Real Humans“)

Was wurde eigentlich aus dem Helden von Roland Rottenfußers Satire „Die Selbstschlachtanlage“ (am 29. August 2014 auf HdS nachzulesen), der sich weigerte ein Lamm zu töten und ein zumutbares Arbeitsangebot anzunehmen? Die Chancen stehen nicht gut für Sozialschmarotzer wie ihn. Ob es ihm noch einmal gelang, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, lesen Sie hier.

Es war schon die dritte Leiche auf dem Weg zur Arbeitsagentur. Als erstes hatte ich einen alten ausgemergelten Mann in zerschlissener Jacke gesehen, mit der Gesichtsfarbe von gelbem Schmieröl. Dann eine Frau, offenbar türkischer oder arabischer Herkunft, deren Mund weit offen stand und unappetitliche Zahnlücken offen legte. Schließlich diesen Mann, ungefähr in meinem Alter, rücklings über der Mauer eines Privatgartens hängend. Er war relativ gepflegt, aber sehr abgemagert. Ein Jüngling in Business-Kleidung trat an ihn heran und appellierte an seine Eigenverantwortung. Als er merkte, dass der andere tot war, ging er weiter.

Dann kamen zwei ältere Damen. Sie standen eine Weile bei ihm und diskutierten darüber, warum es so lange dauerte, bis der Wagen von der MVS kam, der Menschenkörperverwertungsstelle. Es sei eine Zumutung. An jeder Straßenecke eine Leiche. Aber da der Körper bereits roch, musste der Mann schon länger tot sein. Und wenn er schon länger tot war, musst irgendjemand mit seinem Handy schon die MVS angerufen haben. Also konnte man sich die Gebühren für den Anruf sparen. Immerhin standen hier Leute und redeten. Über andere Leichen habe ich dutzende von Passanten achtlos steigen sehen. Anfangs, als das Phänomen noch neu war, löste es einiges Entsetzen aus. Aber mittlerweile hatte man sich daran gewöhnt. Es gehörte zu Straßenbild.

Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich selbst kein Handy besitze. Viel zu teuer. Außerdem hatte ich es eilig. Wenn ich mich freiwillig früher bei Herrn Gössling, meinem Employment Consultant, meldete als unbedingt nötig, bedeutete das einen strategischen Vorteil. Ich hatte allen Grund, dieser Begegnung mit Sorge entgegen zu sehen, immerhin hatte ich ein zumutbares Arbeitsangebot abgelehnt: Assistent in einer Selbstschlachtanlage, die dem Fleischbaron Samuel Mauler gehörte. Ich hatte es einfach nicht geschafft, das Lämmchen zu töten, das mich so treuherzig anschaute. Eine sträfliche Verletzung meiner Mitwirkungspflicht als Arbeitssuchender. Einigen der Toten, über die gestolpert war, hatte man vielleicht wegen weit geringerer Verfehlungen die Stütze auf Null gekürzt. Diese Leichen waren insofern für mich nichts völlig Wesensfremden. Sie repräsentierten eine mögliche Zukunft.

So abgemagert wie dieser Tote war ich noch nicht. Auch wenn das Leben mit der Stütze ein beträchtliches Stück von meinem Bauch abgeschmolzen hatte. Anfangs fand ich das toll, und ich erhielt eine Menge Komplimente für mein Aussehen. Aber Monate lang hungern, das zermürbt. Mein Employment Consultant sagt mir immer, ich sollte mich gerade halten, den Bauch einziehen, vielleicht ab und zu etwas Sport machen. Das erhöhe die Chancen auf eine Anstellung. Ich habe ihm schon mehrfach gesagt, dass sich sportliche Betätigung für mich erübrigt. Musste ich nicht, seitdem die tägliche Meldepflicht für Lohnersatzleistungs-Bezieher eingeführt war, täglich 2 ½ Stunden bei jedem Wetter durch den Stadtverkehr „walken“? Die verbilligte S-Bahn-Netzkarte für Arbeitsuchende war abgeschafft – „um Missbrauch entgegenzuwirken“, hieß es.

Zum massigen Gebäude der Arbeitsagentur, das aus rotem Rohziegel gebaut war, führten 20 Treppenstufen. Sie liefen von drei Seiten zu einem großflächigen Plateau zusammen, von dem aus man durch die Drehtür in die Empfangshalle gelangte. Heute standen dort nur drei Pranger, was mich wunderte, da ich an dieser Stelle auch schon sechs oder gar zehn davon gesehen hatte. Man muss sich diese Pranger nicht wie im Mittelalter vorstellen – als Holzbalken mit Löchern für Kopf und Hände. Moderne elektronische Pranger sind Glaskäfige, die von allen Seiten einsehbar sind und demjenigen, der sie von innen berührt, einen schmerzhaften elektrischen Schlag verpassen. Wie mir ein Bekannter, ebenfalls arbeitslos, erzählte, versucht man das nur einmal, wenn man „drin“ ist. Das heißt: man kann sich nicht anlehnen und muss entweder stehen oder kauern. Die Delinquenten standen nackt in ihren Käfigen und versuchten meist, ihre Blöße mit den Händen zu verdecken. Um ihren Hals hingen Schilder mit der Aufschrift: „Ich habe ein zumutbares Arbeitsangebot abgelehnt“.

Es waren zwei Frauen und ein Mann – ein Tryptichon, das an Golgatha erinnerte: in der Mitte der große, kräftige Kerl, der aufrecht stand und nur mühsam sein Weinen unterdrückte; rechts und links von ihm die beiden Frauen, zusammengekrümmt, weil sie nicht wussten, wie sie Brüste und Scham gleichzeitig abdecken sollten. Ihr Gesicht war völlig erstarrt. Da die Glaswand durchsichtig war, konnte man von weitem fast denken, die Angeprangerten stünden nackt auf der Treppe. Jedenfalls wenn sie frisch angeliefert worden waren. Wenn sie länger dort standen, sah man an den Flecken von Speichel, Eiern und Schlammklumpen deutlich, dass da eine Glaswand war. Die Gegenstände wurden von wütenden Passanten immer wieder auf die Gefangenen geworfen – teilweise auch von anständigen Arbeitsuchenden, die auf diese Weise zeigen wollten, dass sie mit Sozialschädlingen nichts gemein hatten. Wenn die Scheiben so verschmiert waren, dass man kaum mehr durchsehen konnte, kam das Putzkommando und machte sie wieder blitzblank. Natürlich waren es Arbeitslose, die man zu 0-Euro-Jobs verdonnert hatte.

Am Fuß der Treppe standen die Verkaufskästen der drei führenden Tageszeitungen der Stadt. Alle drei titelten heute über „Bodo, den frechsten Leistungserschleicher Deutschlands.“ Bodo war bei Baden an einem nahe gelegenen Baggersee gefilmt worden, während Sozialdetektive seine Wohnung durchsuchten. Man fand Bargeld in Höhe von über 40 Euro in einem Plastiksäckchen unter seinem Bett – Geld, das er auf einem Fragebogen über seine Vermögensverhältnisse hätte angeben müssen. Als ich die Treppe hinaufstieg, bekam ich es erstmals wirklich mit der Angst zu tun. Arbeitslose in Deutschland taten normalerweise, was ihnen gesagt wurde. Mein Auftritt mit dem Lamm stellte also eine absolute Ausnahme dar. So ein Vorfall konnte von der Presse gut und gern zum nationalen Skandal aufgebauscht werden. „Anständige Bürger gehen jeden Morgen zur Arbeit, und der ist sich zu fein, ein Tier zu schlachten. Aber von unserem ehrlich erworbenen Geld will er sich Wurst kaufen!“ Ich kaufe nie Wurst, aber wenn die Wachstumszeitung das behauptet, wird jeder Weg durchs Treppenhaus zum Spießrutenlaufen.

Während ich in der Wartezone saß, merkte ich zu meinem Erschrecken, dass die Wartenummern auf dem Display rasant wechselten. Schon Nummer 1732! Als ich zum letzten Mal geschaut hatte, war noch die 1698 dran gewesen. Ich hatte die 1741. Normalerweise verging die Wartezeit hier quälend langsam. Heute dagegen hätte ich mir einen längeren Aufschub gewünscht. Seit ich heute früh fluchtartig die Selbstschlachtanlage verlassen hatte, dachte ich fieberhaft über eine Lösung nach. Ich musste Herrn Gössling irgendetwas anbieten, das ihn bewog, noch einmal Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Etwas, was er nicht abschlagen konnte, weil es für die Arbeitsagentur außerordentlich attraktiv war. Denn ich wusste wohl, rechtlich hatte er mehr als genügend Gründe, meine Geldzuwendungen auf Null zu kürzen. Und ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass ich mit drei Tagen elektronischem Pranger davon kommen würde. Der war eher für die leichteren Fälle von Sozialbetrug vorgesehen.

Als meine Nummer aufgerufen wurde und ich eintrat, saß Herr Gössling da wie er immer dasaß: den Blick starr auf seine Akten gerichtet, im grau-hellgelb karierten Pullunder über dem bis zum Hals zugeknöpften weißen Hemd. Erst nachdem er mich einigen Minuten hatte stehen lassen, blickte er zu mir auf. Auch das war so wie immer. Konnte es sein, dass er von dem Anruf Dr. Hundings, meines Einweisers in der Selbstschlachtanlage, noch nichts wusste? Herr Gössling hatte kurz rasiertes dunkles Haar, das sich in der Mitte zu lichten begann. Er sprach ungewöhnlich schnell und hastig. Unabhängig vom Gesprächsgegenstand klang es immer eine bisschen so, als wolle er etwas Lästiges schnell hinter sich bringen.

„Sie haben ein zumutbares Arbeitsangebot nach Paragraf 65/a verweigert.“ Es klang wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage. Mit einem Schlag löste sich meine Hoffnung, er könne von meiner Tat noch nichts wissen, in Luft auf. Ich versuchte zunächst, eine positive Grundstimmung mir gegenüber zu erzeugen.

„Sie wissen, Herr Gössling, dass ich meine Arbeitsstelle seinerzeit nicht mutwillig aufgegeben habe. Ich war Journalist bei der Idealistischen Webseite. Von einem Tag auf den anderen wurde meine Stelle gestrichen und mein Job von einer Formuliermaschine neuen Typs übernommen.

„Naja, deswegen haben wir von der Agentur ja versucht, Sie in Arbeit zu bringen. 50 Stunden wöchentlich in einer Selbstschlachtanlage für 305 Euro monatlich. War Ihnen das nicht gut genug, hm, hm?“ Er hatte die unangenehme Gewohnheit, viele seiner Sätze, mit „hm, hm“ zu beenden und dabei in eine besonders hohe Stimmlage überzuwechseln. Es klang fast wie Jodeln.

„Natürlich nicht, Herr Gössling, ich meine: Natürlich war es mir gut genug. Es ist nur: Ich kann kein Blut sehen, ich bin Vegetarier.“

„Ach ja, und für diese kleine charakterliche Eigenheit wollen Sie natürlich nicht selbst die finanzielle Verantwortung übernehmen? Die soll der Steuerzahler übernehmen, der seit sieben Monaten für Ihren Lebensunterhalt aufkommt, hm, hm?“

„Natürlich nicht. Es wird sich doch sicher ein Job finden, den ich übernehmen kann, meinetwegen auch zu einem geringeren Lohn.“

„Und wie stellen Sie sich das vor, hm? Meinen Sie, Jobs wie diese fallen vom Himmel, hm? Und Sie könnten dann einfach kommen und sagen: dieser Job behagt mir weniger, aber den da drüben würde ich eventuell in die engere Wahl nehmen … Ist das die Art und Weise, wie Sie die Chancen würdigen, die wir Ihnen hier bei der Agentur immer wieder eröffnen, hm, hm?“

„Ich würdige durchaus …“, versuchte ich einzuwenden. Aber ich kam nicht weit.

„Ich muss Ihnen sagen, Herr“ – er blickte auf seine Akte und nannte meinen Namen –, „wir können auch anders. Ich muss Ihnen sagen, meine Geduld mit Ihnen ist am Ende. Wenn Sie uns so kommen, dann muss ich Ihnen sagen, dass mir Maßnahmen zur Verfügung stehen, mit denen wir Sie ganz schnell auf die richtige Spur zurück bringen können. Kooperationserzwingende Maßnahmen nach Paragraf 15. In einem besonders schwer wiegenden Fall wie dem Ihren sind solche Maßnahmen sogar alternativlos, verstehen Sie: alternativlos! Sie werden lernen, die Verantwortung zu übernehmen für das, was Sie uns und dem Steuerzahler hier zumuten. Oder ist Eigenverantwortung für Sie ein Fremdwort, hm, hm?“

Ich hatte mir, während er so redete, etwas überlegt. Es war vielleicht eine wahnwitzige Idee, aber ich hatte keine andere. Und ich hatte nichts mehr zu verlieren.

„Herr Gössling, mein Verantwortungsbewusstsein kann ich Ihnen doch am besten zeigen, indem ich aus eigener Initiative anbiete, einen Job zu übernehmen. Und zwar einen Job, den sonst niemand gern macht.“

„Ach ja? Und was soll das für ein Job sein? Wollen Sie es jetzt als eine besondere Gnade Ihrerseits hinstellen, wenn Sie unsere Vermittlungsleistungen in Anspruch nehmen? Und dafür erwarten Sie dann auch noch, dass wir Ihnen die gerechte Sanktion wegen Verweigerung eines zumutbaren Arbeitsangebots einfach so erlassen, hm, hm?“

„Herr Gössling, die Arbeit, an die ich gedachte habe, ist ein Null-Euro-Job bei der städtischen Menschenkörperverwertungsstelle. Ich weiß zufällig, dass es Schwierigkeiten gibt, Leute zu finden, die diese Arbeit länger als einen Tag durchhalten. Nun, ich wäre bereit dazu. Aber im Fall einer ersatzlosen Streichung meiner Lohnersatzleistung wäre für mich natürlich kein Anreiz mehr gegeben, dort zu arbeiten.“

Gössling schwieg, starrte in seine Akten und führte ein paar sinnlose, fahrige Handbewegungen aus. Ich wertete das als Zeichen, dass er nachdachte und fuhr fort: „Die steigende Anzahl der Leichen auf den Gehwegen beginnt zum öffentlichen Ärgernis zu werden. Die Bürger verlangen zu Recht von ihrem Staat, dass er sich der Sache annimmt. Zudem weiß ja niemand besser als Sie, dass die Agentur zunehmend verpflichtet ist, Sanktionen gegen renitente Leistungsempfänger zu verhängen. Arbeitssuchende, die noch leidlich gesund zu Ihnen kommen, könnten sich auf lange Sicht als von der Verwertungsstelle zu entsorgende Körper erweisen. Wäre es unter diesen Umständen klug, jemanden abzuweisen, der sich ausdrücklich um die Stelle bewirbt?“

Gössling schien nun wirklich aus dem Konzept gekommen zu sein. „Ach ja? Sie wollen mit mir handeln, hm? Also, unter bestimmten Umständen, wenn jemand eine außergewöhnlich schwierige Arbeit annimmt, haben wir als Sachbearbeiter einen Ermessensspielraum und können Sanktionen unter Umständen zur Bewährung aussetzen. Ich will Ihnen also noch ein letztes Mal entgegen kommen und trage Sie als Interessent für die Menschenkörperverwertungsstelle ein.“

Mit diesen Worten kritzelte er etwas in das Formular und versah es mit einem seiner vielen Stempel. „Melden Sie sich mit diesem Formular bei dieser Adresse“, sagte er und reichte mir ein Din A4-Blatt über die Theke. Ich versuchte mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Sicher, die Arbeit bei der Menschenkörperverwertungsstelle war ekelhaft und belastend. Ich konnte nicht sagen, wie lange ich diese Arbeit würde verkraften können. Aber den Schaden hätte in jedem Fall nur ich selbst. Ich würde kein Lebewesen töten müssen wie in der Selbstschlachtanlage.

„Eines muss ich Ihnen aber noch in aller Deutlichkeit sagen“, redete mich Gössling an, als ich schon gehen wollte. „Das hier ist Ihre letzte Chance. Sehen Sie zu, dass Sie diesen Job behalten. Wenn wir noch einmal Ärger mit Ihnen haben, wären Kooperationserzwingende Maßnahmen alternativlos.“

„Naja“, wandte ich ein, „es gibt ja in der Verfassung noch das Recht auf Leben“.

Im gleichen Moment bereute ich meinen frechen Vorstoß, denn ich merkte, dass Gössling verärgert war. „Recht auf Leben, ja? Meine Sie, hm? Dann lesen Sie mal hier!“

Er blätterte in einer blauen Taschenbuchausgabe des Grundgesetzes. Er fand die gesuchte Stelle sofort, weil sie auf Seite 1 stand. „Sehen Sie, hier: ‚Jeder, der gegenüber den staatlichen Behörden uneingeschränkt kooperationswillig ist und ihre Anweisungen im Rahmen seiner Fähigkeiten bestmöglich ausführt, hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.’ Sehen Sie jetzt, was das Grundgesetz sagt: uneingeschränkt kooperationswillig, hm?“

Ich starrte auf die Textstelle, auf die sein dünner, fahlgelber Finger deutete. Tatsächlich hatte Gössling korrekt vorgelesen.

„Ich hatte das irgendwie anders in Erinnerung gehabt.“

„Verfassungsänderung vom 1. Januar. Da habe Sie wohl geschlafen, als das in allen Nachrichten kam, hm? Ist ja auch einleuchtend. Denn wenn da noch der alte Paragraf 2, 2 stünde, dann wäre es ja Verfassungsbruch, Leistungsempfängern kein Geld mehr zu geben. Entweder gilt das Recht auf Leben uneingeschränkt, oder es ist an Bedingungen geknüpft. Und Sie wollen unseren Politikern doch nicht etwa vorwerfen, die Verfassung zu brechen, hm!?“ Seine Stimme hatte jetzt, so leise sie war, einen drohenden Unterton.

„Natürlich nicht“, beeilte ich mich zu versichern.

„Also: Im Rahmen eines an bestimmte Voraussetzungen geknüpften, optionalen Rechts auf Leben wäre ich im Fall der Nichtkooperation gezwungen, gewisse kooperationserzwingende … kooperationserzwingende … Maßnahmen … diese Maßnahmen wären alterna … alternativlos … tivlos … tivlos …tivlos.“

Herrn Gösslings Kopf hob und senkte sich im Takt seiner Wiederholungen von „tivlos“. Auch seine Augen öffneten und schlossen sich im rhythmischen Wechsel. Bevor ich begriff, was dieses seltsame Gebaren bedeutete, wurde sein Oberkörper, wie von einer geheimnisvollen Kraft bewegt, plötzlich nach hinten geworfen. Seine Augen waren weit aufgerissen, aus einer Öffnung an seinem Hals sprühten blaue Funken. Dann sackte der ganze Körper wie eine schwere Puppe nach vorn auf dem Schreibtisch zusammen.

Während ich noch sprachlos dastand, kam ein korpulenter Mann wortlos herein. Er trug einen Blaumann und hatte einen Werkzeugkasten in der Hand. Zielstrebig ging er durch eine Schwingtür hinter die Theke, öffnete seinen Kasten und begann mit einem kleinen Schraubenzieher am Hals von Herrn Gössling herumzuschrauben.

„Darf ich Sie fragen, was das bedeuten soll?“, fragte ich den Techniker etwas gereizt.

Der schaute mich mit einem gelangweilten, leeren Blick an und meinte: „Ach so, Sie wissen es noch nicht … Wir haben unsere Belegschaft an Employment Consultants vor einer Woche komplett auf Androiden umgestellt. Ist Ihnen nichts aufgefallen?“

„Eigentlich nicht. Herr Gössling hat sich so verhalten wie alle Arbeitsvermittler, die ich kenne.“

Der Wartungstechniker lächelte zufrieden ins sich hinein. „Sehen Sie, da haben unsere Programmierer und Designer ganze Arbeit geleistet. Ehrlich gesagt fällt es auch mir als Techniker zunehmend schwer, zu unterscheiden, wer echt ist und wer nicht.“

„Und was ist aus dem echten Herrn Gössling geworden?“

„Ich weiß nicht. Meines Wissens ist er Arbeit suchend. Haben Sie draußen in der Wartezone nachgeschaut?“

„Ich habe nichts bemerkt. Aber warum haben Sie die Arbeitsvermittler denn ersetzt?“

„Sehen Sie, Mensch sein, das bedeutet normalerweise, dass man Entscheidungen treffen kann. Im Zeitalter der Globalisierung stellt es sich aber zunehmend heraus, dass Entscheidungen alternativlos sind, also durch eine komplexe Kette von Ursache und Wirkung vollständig determiniert. Der Employment Consultant muss sich an seine Vorgaben halten, und derjenige, der die Vorgaben entworfen hat, tut dies wiederum im Rahmen von Vorgaben, usw. Wenn der Kunde der Arbeitsagentur das Verhalten A an den Tag legt, folgt daraus die Sanktion B. Schon bei den Humansachbearbeitern alten Typs war dies so. Sie hatten für ihre Entscheidungen praktisch keinen Spielraum. Aber Menschen machen Fehler. Sie lassen sich von der Persönlichkeit des Arbeitsuchenden beeinflussen, von Gefühlen, sind unkonzentriert oder legen eine Vorschrift ungenau aus. Gegen solche Fehler sind Androiden gefeit. Sie garantieren ein ungefiltertes Durchsickern der Anweisungen von oben nach unten. Wir haben es also mit einer perfekten Kausalitätskette zu tun, die bis hinauf reicht zu den höchsten Ebenen. Wie Sie wissen, ist ja auch alles, was die Regierung tut, alternativlos.“

„So gesehen wäre es ja nur konsequent, auch die Mitglieder der Regierung durch Roboter zu ersetzen!?“, sagte ich.

„Woher wollen Sie wissen, dass dem nicht so ist?“, erwiderte er trocken.

„Aber einer muss ja ganz oben in der Befehlskette stehen.“

„Und Sie glauben, das sei die Regierung!?“ Der Techniker schaute mich mit weit offenen Augen unverwandt an. Dann brach er in prustendes Lachen aus. Es war ihm offensichtlich selbst peinlich, dass er nicht mehr aus dem Lachen heraus kam. Als er sich gefangen hatte, wurde er wieder ernst: „Ich weiß nicht, wie lange ich meinen Job hier noch behalte. Also mach ich jetzt besser meine Arbeit.“ Er fuhr fort, an Herrn Gösslings Doppelgänger herumzuschrauben. Der öffnete plötzlich die Augen, richtete sich auf und ließ ein „hm, hm?“ vernehmen, bevor er wieder in sich zusammensackte. „Mist“, sagte der Techniker. „Ich glaube, da brauch ich länger. Haben Sie hier noch etwas zu tun? Sonst würde ich Sie bitten, nach Hause zu gehen.“

„Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Ich muss jetzt auch weiter. Ich muss meinen zukünftigen Arbeitgeber kontaktieren.“

„Sie Glücklicher“, sagte der Techniker.

Beim Hinausgehen gingen mir einige Zusammenhänge durch den Kopf. Mein Arbeitsplatz bei einem Magazin war verloren gegangen, weil eine Formuliermaschine angeschafft worden war, die meine Arbeit billiger machte. Dasselbe war den Mitarbeitern der Arbeitsagentur passiert. Die Angestellten in den Schlachthöfen, in den Möbelschreinereien oder in Restaurants waren zwar bisher nicht durch Roboter ersetzt worden, ihre Arbeit wurde aber fast komplett von den Kunden selbst erledigt. Die schlachteten, pflückten Schnittblumen, schraubten Möbel zusammen, kellnerten, füllten Bank- und Steuerformulare aus. Es war unvermeidlich, dass beide Trends zu immer mehr Arbeitslosigkeit führen mussten. Je mehr Menschen davon betroffen waren und je weniger die Arbeitslosigkeit individuell verursacht war, desto mehr schien jedoch die moralische Schuld des Einzelnen ins Unermessliche zu wachsen. So suggerierten es jedenfalls die Politiker, die in ihren Reden zunehmend härter mit Sozialschmarotzern ins Gericht gingen.

Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich kam zu keinem befriedigenden Ergebnis. Also beschloss ich, das Denken erstmal aufzugeben. Ich war mir bewusst, dass ich damit zu einem typischen Vertreter meiner Epoche mutierte. Aber was sollte ich machen? Zuerst musste das nahe Liegende getan werden: Ich hatte mich bei der Menschenkörperverwertungsstelle zu melden.

Am Fuß der Treppe stolperte ich fast über eine Leiche. Sie war noch nicht da gewesen, als ich gekommen war. Obwohl sie auf dem Bauch lag, erkannte ich gleich den grau-hellgelb karierten Pullunder und die kleine Tonsur in der Mitte des Kopfes. Es war Herr Gössling. Der echte.

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