Bedürftigkeit endet in Deutschland bei Unterwürfigkeit

 In Christine Wicht, FEATURED, Politik (Inland)

Merkel-Kampagne: Ein Hohn für Arme

Wenn einer einen ganzen Apfel isst, der andere gar keinen, macht das im Durchschnitt für jeden einen halben Apfel. So geht es „den Deutschen“ auch im Durchschnitt recht gut. In Talkshows wurde in letztere Zeit sogar gelegentlich über Arme, Bedürftige und Niedrigverdiener diskutiert, fast nur von „Experten“ mit mehr als ausreichendem Salär. Mit Armen dagegen redet fast niemand. Das liegt z.T. an Gleichgültigkeit und Ignoranz; zum Teil aber auch daran, dass sich Betroffene oft schämen, von ihrem Lebenzu erzählen. Zu Unrecht, denn schämen sollten sich eigentlich die Verantwortlichem in diesem „reichen“ Land. Eine prekär beschäftigte Frau in sozialen Schwierigkeiten erzählt über ihr Schicksal, das traurig und wütend macht. Interview mit Elfriede M. (Name geändert) von Christine Wicht

 

Würden Sie sagen, dass man in Deutschland gut und gerne leben kann?

Nein, diesen Satz kann ich absolut nicht bestätigen. Wenn man abrutscht, ist es schwierig das sogenannte Sozialsystem zu nutzen, weil man stigmatisiert wird und alles offenlegen muss, nicht nur bei den Ämtern, auch gegenüber dem Arbeitgeber, der Schule, dem Elternbeirat. Und wenn man abrutscht, kommt man nicht mehr in die Gesellschaft rein, auch trotz Arbeit nicht. Im Fernsehen habe ich eine Talkshow zum Thema Armut gesehen, die Debatte drehte sich letztendlich nur darum, dass Armut nicht sein müsse und dass Menschen, die in Armut leben, einfach nicht wüssten, an wen sie sich wenden sollen. Wenn sie das wüssten, dann gäbe es quasi keine Armut mehr. Das ist totaler Blödsinn. Armut hat in erster Linie etwas mit niedrigen Löhnen und hohen Mieten zu tun. Und wenn man Sozialleistungen bezieht, dann reichen diese doch auch nicht zum Leben.

Ich kann es nicht mehr hören, dass geradezu mantrahaft wiederholt wird, dass es uns allen so gut geht, als müsse man das herbei beten. Beten hilft da nicht mehr, sondern höhere Löhne, von den Hungerlöhnen kann doch niemand leben. Letztendlich zahlt der Steuerzahler auf die niedrigen Löhne drauf, da subventioniert der Bürger die Wirtschaft und zwar in großem Stil. Die Arbeit und die unsozialen Arbeitsmodelle machen arm. Es müsste ein Sturm der Entrüstung durch das Volk fegen, weil das Volk die Wirtschaft unterstützt, die Gewinne macht, wie nie zuvor, aber davon nichts nach unten tropft zu denen, die die Gewinne erwirtschaften. Doch der Sturm bleibt aus. Also, ich meine damit, statt ständig auf den Armen rumzuhacken, wäre es endlich mal angebracht, die Wirtschaft und ihre egoistischen und unsozialen Praktiken massiv anzuprangen und zu sagen: „Schämt Euch“, „Wir subventionieren Eure Hungerlöhne nicht mehr“, „Übernehmt endlich Verantwortung für Eure Arbeitnehmer“. Das wird hier aber nicht passieren, weil die Menschen von den Medien und von Politikern eingelullt werden, mit der ewig alten, abgenudelten Leier der faulen, biertrinkenden, rauchenden Arbeitslosen und Armen, die es sich in der sozialen Hängematte bequem machen.

Warum sind Sie trotz Arbeit arm?

Also die Arbeitsbedingungen und der Staat machen arme Menschen zum Opfer der Gesellschaft, weil man nicht mehr aus der Armutsfalle rauskommt. Die Arbeitgeber zahlen Hungerlöhne und der Staat tut nichts für einen Mindestlohn von 15 Euro, der ja nicht gerade üppig wäre, aber ich muss doch auch an meine Rente denken. Von den paar Kröten kann ich doch nicht privat vorsorgen. Wie soll das denn gehen? Zuerst wird die Rente mit privaten Zusatzmodellen und niedrigen Löhnen kaputt gemacht und dann wundert man sich, dass die Leute im Alter arm sind. Natürlich sitzt man im Bundestag weit weg von der Armut und bekommt vom Steuerzahler ein ordentliches Salär, womit man sich Wünsche erfüllen kann.

Überall ist Werbung, überall wird einem suggeriert, dass das Leben aus Reisen, Klamotten und Konsumgütern besteht, daran kann man doch schon sehen, wie krank unsere Gesellschaft ist, wenn ein Großteil der Bevölkerung gar nicht weiß, wie das Leben bestritten werden soll. Es ist alles da, doch ich kann es mir nicht kaufen. Ich weiß, dass ich nie mehr auf einen grünen Zweig komme. Eine Wahrnehmung der Bundestagsabgeordneten für die Armut würde ich mir wünschen und dass sie sagen, dafür bin auch ich mitverantwortlich, doch das ist wohl zu viel verlangt von Politikern, die davon faseln, dass es uns doch allen so gut geht. Hinschauen sollen sie mal, Armut ist überall, auch in reichen Städten. Da muss man schon blind oder ignorant sein, dass man das nicht sieht oder man will es nicht sehen.

In welchem Bereich sind Sie tätig?

Ich arbeite im Verkauf. Ich habe nicht jeden Monat das gleiche Einkommen. Ich habe einen Vertrag über 100 Stunden im Monat und 30 Stunden, die abgerufen werden können, aber nicht immer werden. Ich kann mir keinen Nebenjob suchen, weil ich nicht sagen kann, wie viele Stunden abgerufen werden und zu welchem Zeitpunkt. Ich bekomme eine Woche zuvor einen Arbeitsplan, in dem mir mitgeteilt wird, an welchen Tagen ich in der darauf folgenden Woche, wie viele Stunden arbeiten muss. Diese sogenannten flexiblen Arbeitsmodelle sind nicht mit der Familie kompatibel. Sollten die Arbeitszeiten weiter aufgelöst werden, gibt es überhaupt kein Familienleben mehr für Menschen, die im Verkauf arbeiten. Es gibt in diesen Bereich überhaupt keine Norm mehr, unter der sich Normalbürger eine intakte Familie vorstellen, also geregelter 8-Stunden Tag, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Vater, Mutter, Kind, Haus, Auto, Katze.

Wer sich über die familien- und menschenfeindlichen Arbeitsbedingungen beschwert, wird sofort von außen kritisiert und nicht selten kommt der Spruch „Hättest du was gescheites gelernt“. Ich habe durchaus einen Beruf erlernt. Ich habe auch das Gefühl, dass man als armer Mensch für doof gehalten wird. Also nach dem Motto: „Wer was im Kopf hat, wird nicht arm“. Wer sich über niedrige Löhne beschwert und darüber, dass der Staat einen in einer Notlage im Stich lässt, dem wird eine negative Einstellung zum Staat unterstellt, denn der Staat sorgt ja angeblich so gut für die Bürger. Das ist ein Witz. Gut, ich liege nicht unter der Brücke, aber meine finanzielle Situation raubt mir den Schlaf, sie macht mich krank, meine Gedanken drehen sich im Kreis, weil ich nicht weiß, wie ich über die Runden kommen soll.

Ich habe gar schon in Betracht gezogen, mich zu prostituieren, um an Geld zu kommen. Ich habe eine Therapie gemacht, um aus diesen Kreisgedanken zu kommen, seitdem ist es besser. Nicht selten wird mir unterstellt, dass ich ein Verschwörungstheoretiker sei und dass ich mich in meinem Opferdasein sonne. Nicht ich mache mich zum Opfer sondern die Arbeitsbedingungen und der Staat, der die Wirtschaft einfach gewähren lässt und Erfüllungsgehilfe für ihre Forderungen nach niedrigen Löhnen und niedrigen Sozialleistungen ist. Das verstehe ich nicht unter Demokratie, der Staat lässt seine Bürger im Stich, das will ich mal ganz klar sagen.

Haben Sie Kinder?

Ja, ich habe einen Sohn und eine Tochter, bin geschieden, also alleinerziehend. Die ganze Misere fing damit an, dass sich mein Mann ins Ausland abgesetzt und mich mit einem Berg Schulden sitzen lassen hat, den ich noch Jahrzehnte abzahlen werde, mit meinen paar Kröten. Zuerst habe ich gedacht, ich stemme das allein, doch dann bekam mein Sohn die Diagnose ADHS. Weil ich nicht über die finanziellen Mittel verfügte, für die Therapie aufzukommen, sah ich mich gezwungen das Jungendamt um Hilfe zu bitten, das hatte eine wirtschaftliche, politische und emotionale Entmündigung zur Folge. Mit dem ersten Schultag, an dem mein Sohn von den anderen Kindern separiert und in einem Schulbus zu einer Einrichtung gefahren wurde, hatte ich die Eltern des gewohnten Umfelds gegen mich, ich und meine Kinder wurden stigmatisiert. Dann folgten massive  Fremdeinwirkung von außen, Fehldiagnosen, wechselnde heilpädagogische Einrichtungen, überarbeitetes, schlecht bezahltes Personal, inkompetente sogenannte Fachleute, die sich von nun an um das Wohl meines Kindes gekümmert haben, was in eine völlige falsche Richtung gelaufen ist.

Wieso ist die Therapie in eine falsche Richtung gelaufen?

Natürlich war mein Sohn aufgrund seiner Defizite auch kein einfacher Fall. Ich werde mit einem an ADHS erkrankten Kind genauso behandelt, wie wenn ich gegen mein Kind Gewalt ausgeübt hätte oder wie wenn mein Kind in meiner Familie sexuell missbraucht worden wäre. Kinder werden in Schulen schon beobachtet, Vertrauenslehrer eingebunden, psychologische Gutachten erstellt. Da wird eine Maschinerie in Gang gesetzt, gegen die man sich nur wehren kann, wenn man Geld für Gegengutachten hat oder sein Kind auf eine teure Privatschule schicken kann. Mein Kind hat eine psychische Erkrankung, für die es, zumindest von staatlicher Seite, keine speziellen Einrichtungen gibt. Ich habe kein Geld für eine Privatschule. Wenn ich das Jugendamt nicht eingeschaltet hätte,  hätte mein Sohn überhaupt keine Behandlung bekommen.

Hyperaktive leben in ihrer eigenen Welt, die sie sehr belastet, weil sie spüren, dass sie nicht so sind wie andere Kinder. Mein Sohn hat darunter gelitten, wie ein geistig Behinderter behandelt zu werden, sein IQ ist 128, den er aber nicht nutzen kann, weil er nicht strukturiert sein kann. In einem jahrelangen Szenario, dass mich viel Kraft und Nerven gekostet und gesundheitliche Spuren hinterlassen hat, war ich dem Jungendamt ausgeliefert. Ich habe als Mutter überhaupt keine Möglichkeit der Überprüfung, ob mein Kind in guten Händen ist. Der Staat sollte die Einrichtungen kritisch prüfen und für eine Unterbringung nicht zahlen, wenn die Einrichtung schlecht geführt ist und keine Missstände dulden, nur weil Bedarf da ist. Es braucht eine andere Qualität, da muss Geld für wirkliches Fachpersonal und Betreuung und Förderung fließen und vor allem müssen die Fälle getrennt werden.

Es ist ja auch so ein sozialromantischer Trugschluss, Kinder im Ausland auf einem Bauernhof unterzubringen und dann wird alles gut. Das erweckt den Eindruck, dass nach so einem Aufenthalt in der Natur, begleitet von handwerklichen Tätigkeiten, die Jugendlichen nun fit für das Leben sind, nur weil sie ein paar Balkan gehämmert, ein paar Blumen gepflanzt oder eine Ziege gemolken haben, um es mal platt zu sagen.

Warum sind Ihrer Meinung nach die staatlichen Einrichtungen nicht gut?

Mein Sohn, der bis zu seinem 10. Lebensjahr bei mir, unter meiner Obhut aufgewachsen ist, wurde nun mit kriminellen Elementen zusammen in eine Einrichtung gegeben. Die Situation verbesserte sich nicht für ihn. Mein Sohn war von Montag bis Freitag in einer Einrichtung untergebracht, in der nicht nur an ADHS-erkrankte Jugendliche waren, sondern auch Kinder, die sexuellen Missbrauch und/oder Gewalt erlebt haben oder drogenabhängig sind, das sind fürchterliche Bedingungen. Ich wusste gar nicht, dass so etwas in unserem Land überhaupt möglich ist. Das ist keine Förderung, wenn auf ein ADHS-erkranktes Kind bzw. Jugendlichen nicht speziell eingegangen wird. Mein Sohn ist noch nie so leicht an Drogen gekommen, wie in diesen Einrichtungen, auch Alkohol war kein Problem. Das sozialpädagogische Personal hatte oftmals selbst Probleme mit Drogen und Alkohol, ich frage mich, warum das Personal vor der Einstellung nicht überprüft wird. Es gab auch körperliche Übergriffe vom Personal, die nach solchen Vorfällen in andere Einrichtungen versetzt werden, wo sie dann einfach weitermachen. Das hat mich total belastet, weil ich das Gefühl hatte, dass mein Sohn in diesem Land mit seinen Problem weder ernst genommen noch gut untergebracht wird.

Warum haben Sie Ihren Sohn nicht aus der Einrichtung geholt?

Ich konnte meinen Sohn nicht nach Hause holen, da er ja Hilfe brauchte. Als ich mich gegen diese Zustände wehrte, wurde mir gesagt, dass ich froh sein solle, dass mein Sohn Hilfe bekäme. Mir wurde gesagt, dass ich ja um Hilfe gebeten habe, das sei zum Wohle meines Kindes. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Situation für meinen Sohn nur verschlimmert und fühlte mich ohnmächtig, hilflos. Aber was hätte ich denn tun sollen ohne Geld, denn es gibt überhaupt keine Hilfe ohne das Jugendamt einzuschalten. Die Menschen, die in den Ämtern arbeiten sind empathielos. Als ich beispielsweise einmal geweint habe, wurde der Sicherheitsdienst geholt und hat mich vor die Tür gesetzt, so läuft das hier.

Ich war mit meinen Nerven am Ende, mein Kind mit gewalttätigen, drogen- und alkohlabhängigen Jugendlichen in einer Einrichtung, ohne spezielle Förderung, das ist doch für eine Mutter wie ein Weltuntergang. Ich habe gefleht, gebettelt und um eine spezielle Therapie, Behandlung, Einrichtung, als mir das verwehrt wurde, bin ich im Amt in Tränen ausgebrochen, bin nicht ausgerastet oder gewalttätig geworden. Für mich war das Willkür und Ausgeliefertsein. Ich fühlte mich noch immer kleiner, als ich eh schon war, hatte das Gefühl, dass ich überhaupt kein Recht mehr habe etwas zu fordern oder nur zu kritisieren, weil ich arm bin. Wer arm ist, ist rechtlos und wird obendrein dafür bestaft ein an ADHS erkranktes Kind zu haben. Mein Sohn ist nun 20 und hat noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss, unglaublich und ich frage mich ob es richtig war, meinen Sohn dem Jugendamt anzuvertrauen, aber ich hatte keine Wahl und ihn somit ausgeliefert.

Wie hat sich die Situation auf Ihren Alltag ausgewirkt?

Durch die Stigmatisierung wurde auch meiner Tochter das Leben in der Schule schwer gemacht. Die größte Aufgabe in meinem Lebensalltag bestand darin, nach außen das Bild einer intakten, funktionierenden Familie aufrecht zu halten, damit niemand die Not und unsere Armut sieht. Die daraus resultierende Scham und Schuldgefühle, die sich entwickelt haben, hat meinen Kindern das Leben zusätzlich schwer gemacht. Der Spagat zwischen Arbeit und aufstockenden Maßnahmen waren teilweise unüberwindbar. Sie können sich vorstellen, wie man unter solchen Bedingungen Termine bei Ämtern wahrnehmen kann, die ja nun zwingend sind, denn wenn ich nicht zum Termine erscheint, wird das Geld gestrichen. Die finanzielle Unsicherheit, die familiäre Situation und den Kindern ein gutes Vorbild sein zu wollen, denn ich arbeite gerne, hat mich zerrieben.

Denn ich hatte trotz Arbeit, nicht genügend Geld für eine gesunde Ernährung meiner Kinder, konnte für die kulturelle, musische, sportliche Entwicklung meiner Kinder nichts beitragen. Wenn man arm ist, wird ein Schulausflug oder eine Klassenfahrt zu einem mittelschweren Tsunami. Das Amt zahlt zwar den Kulturbeitrag für Kinder, also 10 Euro z.B. für Musikschule, was nutzt mir das, wenn ich das restliche Geld nicht aufbringen kann, also waren meine Kinder ausgeschlossen von der, wie man so schön sagt, gesellschaftlichen und sozialen Teilhabe. Natürlich bekommt man Geld vom Elternbeirat, aber dann geht die Geschichte durch die ganze Schule und dann werden meine Kinder noch mehr stigmatisiert. Das wollte ich nicht, es war schon schlimm genug.

Meine Tochter war interessiert, neugierig, hungrig nach Kultur und ich war total gehemmt, ihre Wünsche umzusetzen, da ich kein Geld hatte, trotz Arbeit, das möchte ich hier betonen. Und was ganz wichtig ist, Kinder dürfen nichts dazu arbeiten, z.B. Zeitungen austragen, denn wenn man Geld vom Amt bekommt, würde das abgezogen werden. Meine Tochter wurde auch mit in den Sog gezogen. Ich bin heute noch geplagt von Schuldgefühlen, dass ich meine Kind in die Welt entlassen musste, ohne ihnen etwas geboten zu haben und das ist als Mutter wirklich schlimm.

Haben die Behörden geholfen?

Verständnis habe ich nicht bekommen. Ich musste permanent Anträge ausfüllen, Termine wurden mir oktroyiert, die ich aus beruflichen Gründen nicht wahrnehmen konnte. Die permanente Kontrolle war sehr belastend, weil ich ständig bestätigen musste, dass mein Kind krank war oder Ferien hatte, sonst wären keine Gelder bewilligt worden. Die Gelder werden für 6 Monate bewilligt und man muss schon im 5. Monat den neuen Antrag stellen, dass das weiterführende Geld ohne Verzögerung weiter läuft. Wenn man berufstätig ist, kann man nicht ständig fehlen, frei nehmen und sagen, dass man zum Amt muss. Die Sprechstunden im Amt sind auch nicht arbeitnehmerfreundlich. Der Arbeitgeber, weiß Bescheid, er muss auch Anträge ausfüllen, über gearbeiteten Stunden und den gezahlten Lohn, betrügen ist überhaupt nicht drin.

Ich weiß gar nicht, wie Menschen zu dem Schluss gelangen, dass Aufstocker oder HartzIV-Empfänger Bezüge kassieren und betrügen können, weil ja alles kontrolliert wird, da muss man schon kriminelle Energien haben. Meine Wohnung wurde ausgemessen, in jeden Winkel geschaut, das Private war öffentlich, meine Kontoauszüge kontrolliert, die Schule wurde befragt, somit wusste es ja praktisch jeder, dass ich zwar arbeite, aber arm bin. Wer Geld vom Amt bekommt, darf noch nicht einmal eine Ausbildungsversicherung für die Kinder haben oder ein Sparbuch, damit ist doch auch klar, dass die Kinder von Armen auch keine Chance haben. Einmal arm, immer arm. Also wenn ich schon höre, dass alle die gleichen Chancen haben, dann schwillt mir der Kamm an, das stimmt definitiv nicht, besonders für Kinder aus armen Verhältnissen.

Mussten Sie etwas für die Unterbringung in der Einrichtung zahlen?

Nein, aber ich musste die psychologischen Gutachten selber zahlen, die nicht gerade günstig sind. Es sind eine Menge Kosten aufgelaufen, auch für Kaution für die Wohnung usw. da musste ich einen zusätzlichen Kredit aufnehmen. Irgendwann ging es nicht mehr und ich habe Aufstockung beantragt, weil mein Gehalt nicht zum Leben gereicht hat und immer noch nicht reicht. Da wurde ich vom Amt unter Druck gesetzt, eine höher bezahlte Stelle zu suchen. Das habe ich als Hohn empfunden, denn es ist ja schließlich nicht meine Schuld, dass die Löhne so niedrig sind.  Ich musste dem Amt gegenüber alles offen legen. Damit meine ich alles! Also auch die psychologischen Gutachten über meinen Sohn.

 Stocken Sie noch auf?

Nein, inzwischen nicht. Aber, ein Krankheitsfall wirft mich zurück in die Armut, weil das Krankengeld nicht für Miete und Lebenshaltungskosten reicht, da das Gehalt die Basis für das Krankengeld ist, das äußerst niedrig ist, kaum mehr als der Mindestlohn. Ich habe Gutscheine für Lebensmittel für einen Supermarkt bekommen, das empfand ich als erniedrigend. Ich habe einen Energydrink gekauft und wusste gar nicht, dass dieser Alkohol enthält, da rief die Kassererin quer durch den Laden: „Gell, Alkohol darf man nicht auf die Armenkarte vom Amt kaufen, oder?“ Ich habe mich bis auf die Knochen geschämt und bin nie wieder in diesen Supermarkt gegangen.

Dann habe ich Lebensmittel von der Tafel geholt, für den Berechtigungsschein musste ich mich wieder offenbaren. Ich habe beobachtet, dass sich Helfer an der Tafel bedienen, die Tafelkunden bekommen nicht selten Lebensmittel, die abgelaufen bzw. verschimmelt sind, da wurde mir gesagt, das könne man wegschneiden und ja noch ein leckeres Kompott raus machen. Wir sind doch hier nicht mehr in der Situation nach dem 2. Weltkrieg, oder? Ich hatte das Gefühl ganz unten angekommen zu sein. Die Nachbarn beobachten wer zur Tafel geht, sie sparen nicht mit Hohn und Spott, das übliche Gerede von selber schuld an der Situation, sollten mal arbeiten lernen und nicht auf dem Sofa rumhängen, Alkohol trinken und rauchen und sich vom Staat aushalten lassen. Ich sage es mal so, die Tafel ist nicht der Nikolaus, die einen mit Gaben beschenkt, wer bei der Tafel Essen holen muss, ist ganz unten angekommen. Und ich muss sagen, dass diejenigen, die sich über die Tafelkunden den Mund zerreißen froh und dankbar sein sollen, dass sie diese Schmach nicht über sich ergehen lassen müssen.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Ich kann meine Geschichte niemanden erzählen, weil ich weiß, dass ich in die asoziale Schublade komme. Mein Leben hat mich total verändert, ich war früher lebensfroh, ich hatte gern Kontakte zu Menschen und bin in meinem Beruf glücklich. Heute bin ich ein gebrochener Mensch und ständig krank. Ich frage mich wer sich das mit den niedrigen Löhnen ausgedacht hat? Es ist ja nicht nur im Verkauf so, dass nur Verkäuferinnen von Niedriglohn betroffen sind, ich kenne Frisörmeister, die für 9 Euro brutto arbeiten. Wir haben keinen Fachkräftemangel, wir haben das Problem, dass für Facharbeit nichts bezahlt wird und wofür soll man dann noch ein Handwerk lernen, wenn Spezialisierung nicht gezahlt wird?

Frau Merkel will sich doch nicht ihre Suppe in einem Lokal selbst aus der Küche holen, sie möchte auch bedient werden. Also, Dienstleistung muss bezahlt werden. Arbeit muss sich wieder lohnen, aber für Arbeitnehmer. Der Radius für jemanden, der arm ist, ist ziemlich minimalistisch, reduziert auf Kirche, Kiosk, Kneipe und am Ende der Sarg, wenn ich das mal so zuspitzen darf. Ein Auto kann ich mir nicht leisten, öffentliche Verkehrsmittel sind teuer und wenn das Fahrrad geklaut wird, ist man total immobil. Ist mir auch schon passiert und da fragt man sich ob sich alles gegen einen verschworen hat und warum das jetzt auch noch sein musste.

Haben Sie soziale Kontakte?

Ja, einige wenige. Ein Schwimmbadbesuch, ein Theaterbesuch, Kino, Urlaub oder einfach mal ein Tag in der Therme, abtauchen und die Sorgen hinter mir lassen, das sind alles Träume, die ich mir nicht erfüllen kann, denn dafür reicht definitiv mein Geld, trotz Arbeit, nicht. In die Kneipe gehe ich nicht, ich bin in der Situation, in der eine Pizza oder eine Cola Luxusartikel sind. Ich wurde auch schon gefragt warum ich nicht Flaschen sammle. Also, ich bin mir nicht zu schade eine Flasche mitzunehmen, aber wie viele Flaschen müsste ich sammeln, um auf 100 oder 200 Euro zu kommen? Ich frage mich schon, was die Gesellschaft für eine Wahrnehmung bezüglich der Armut hat.

Bedürftigkeit endet in Deutschland bei Unterwürfigkeit und das ist unwürdig. Selbstbestimmung ist ein wichtiges Element des Daseins, man wird seiner Selbstbestimmung beraubt, wenn man Hilfe zum Leben beantragen muss. Ich führe inzwischen ein weitgehend fremdbestimmtes Leben, in dem ich mir aber nichts leisten kann, außer meine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Es wird kein Geldeimer über mir ausgeschüttet, es stehen immer Menschen, Geschichten und Schicksalsschläge dahinter, für die sie in den meisten Fällen nichts können. Es gibt bestimmt auch Sozialschmarotzer, aber pauschal zu sagen, dass man selbst schuld sei und nur arbeiten müsse, dann käme man aus dem Tief raus, stimmt definitiv nicht.

Haben Sie Angst vor dem Alter?

Zunächst muss ich mindestens noch 20 Jahre arbeiten, wahrscheinlich noch länger. Wenn ich pflegebedürftig bin, werde ich wohl in eine Windel gepackt und mit einer Magensonde ernährt werden und ein multiresistenter Keim wird mich dahinraffen. Ich mache mir keine Illusion über die Zukunft, dass ich eine menschenwürdige Unterbringung in einem Heim bekommen werde, bei den finanziellen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Ich fand den Tatort gut, bei dem Altersarmut und Pflegebedürftigkeit thematisiert wurde, ich saß heulend vor dem Fernsehgerät, weil ich mir vor Augen geführt wurde, dass es mir im Alter genauso gehen wird. Ich werde mir wohl einen Standort suchen müssen, an dem die meisten Pfandflaschen entsorgt werden, damit ich über die Runden komme und ein Armenbegräbnis bekomme. Ich finde es nicht fair, dass ich immer gearbeitet, mich mit den Unwägbarkeiten des Lebens rumgeschlagen habe, um im Alter armselig zu enden und von Leuten gepflegt zu werden, die kaum mehr haben als ich. Das ist unwürdig für ein sogenanntes Reiches Land. Ich habe auch meinen Beitrag für die Gesellschaft geleistet.

Was muss sich in diesem Land ändern, damit man hierzulande gut und gerne leben kann?

Zunächst einmal die Löhne, der Mindestlohn ist ein Witz und die Tariflöhne in vielen Bereichen auch. Dann braucht es dringend wieder eine Rückkehr zur gesetzlichen Rente. Und wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dieses Wohngeld ist doch auch nur eine Subvention für Investoren durch den Steuerzahler. Und wir brauchen ein kostenloses Bildungssystem, das auch Kindern mit ADHS eine Chance für ein selbstbestimmtes Leben gibt. Steueroasen müssen ausgetrocknet werden und die Wirtschaft muss sich ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst werden und hier ihre Steuern zahlen, sie wollen nicht nur eine funktionierende Infrastruktur, sie wollen auch gut ausgebildete Arbeitskräfte.

Die ganze Agenda 2010 muss weg und mit ihr Hartz IV und wer gearbeitet hat und arbeitslos wird, darf nicht nach einem Jahr in Hartz IV fallen. Wir brauchen Politiker, die Armut nicht schön reden, wie unlängst, das habe ich als höhnisch empfunden, denn Politiker, die diese Misere zugelassen, forciert und mit Gesetzen unterstützt haben, sind für die Situation verantwortlich, nicht die Menschen, die für einen Hungerlohn arbeiten. Aber solange sich die Menschen von dem Schönreden beeinflussen lassen, wird sich nichts ändern.

Frau Merkel sagte nach der Bundestagswahl, sie sehe nicht, was sie anders machen sollte. Ich habe hier einige Vorschläge für den Anfang gemacht, bin aber mittlerweile der Meinung, dass es politisch gewollt ist, die Menschen in Armut und prekären Arbeitsverhältnissen zu lassen, damit sie mit ihrem Leben so sehr beschäftigt sind und sich nicht mehr um Politik kümmern oder sich gar engagieren oder demonstrieren können, weil ihnen dafür die Kraft fehlt. Deutschland ist für reiche, gut situierte Bürger ein Land in dem man gut und gerne leben kann, aber nicht für Menschen mit Mindestlohn, Arme und arme Rentner. Das muss in die Welt getragen werden und nicht irgendwelche Versatzstücke politischer Sonntagsreden, die nicht mehr zu ertragen sind, wenn man von Armut betroffen ist.

Es ist wichtig, dass möchte ich abschließend noch sagen, dass die Menschen über ihr Schicksal reden, denn es geht sicher vielen so wie mir, doch die Scham ist sehr groß.

 

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