Beleidigendürfen als Freiheitsrecht? Und das soll alles sein?

 in Holdger Platta, Politik (Inland), Über diese Seite

Negerkuss„Man wird doch wohl noch sagen dürfen …“ Diese Redewendung war anlässlich der „Sarrazin-Welle“ 2010 ganz groß in Mode. Kaffern, Schwuchteln, Fotzen, Krüppel – warum eigentlich nicht? Die sollen sich nicht so haben, wir meinen es doch nicht so. Schau: nicht mal der Roberto, seines Zeichens CSU-Ehrenmitglied, nimmt dem Herrmann seinen Ausrutscher mit dem „Neger“ krumm. Ein bisschen Spaß muss manchmal einfach sein – und sei es auf Kosten von Menschen, die es als Angehörige von Minderheiten eh schwer haben bei uns. Eine solche Frohnatur fand Holdger Platta sogar in der HdS-Kommentarspalte vor. Und die fragliche Person wähnte sich sogar als Verfolgter einer Sprach-Diktatur. Wohl gemerkt: Nicht Beleidigungen (zumindest Taktlosigkeit) gegen Farbige sind „rechts“ – die Kritik daran ist es. Denn Freiheit ist in diesem Weltbild immer die Freiheit des Andersbeleidigenden. (Holdger Platta)

Du meine Güte, welche Probleme haben doch einige Leser bei uns mit dem Phänomen der Kritik. Da hat der christsoziale Innenminister Joachim Herrmann bei der Plasberg-Talkshow am vergangenen Montag einigen Wirbel ausgelöst, weil er schwarze Mitbürger als „Neger“ bezeichnet hat, und prompt sieht ein Kommentator bei uns – aufgrund der Kritik, die der bayerische Politiker auf sich gezogen hat – das Abendland bedroht. „Argonautiker“ nennt sich unser Kritiker der Kritiker, nach bestimmten Helden aus der griechischen Sagenwelt, aber sein sich antik gebender Heroismus hat mit diesen Männern um Iason etwa so viel zu tun wie ein humanistisches Gymnasium mit Menschlichkeit.

Von „Sprachinquisiton“ spricht unser Kritiker der Kritik, auf „Hochtouren“ laufe diese sogar. Eine „Sprachschere“ sieht er in unsere Köpfe „gepflanzt“. „Gedankenkontrolle“ sei am Werk, und am Ende seines HdS-Kommentars beschwört er dann sogar eine neue Bücherverbrennung herauf, beschwört er Denunziation und Marschkolonnen, beschwört er die Gefahr einer ganz großen „Konditionierung“. Mit einem Wort: Kritik am braven Herrmann, so unser Matrose, das signalisiert ganz offenkundig eine ganz neue Faschismusgefahr. Zum Donnerwetter auch, wer hätte das gedacht!

Aber im Ernst: unser Seefahrer auf dem Mittelmeer (auf dem zur Zeit wahrhaft andere Entsetzlichkeiten zu entdecken wären!) gibt den Verzicht auf einen Begriff wie „Neger“ geradezu als kollektive Freiheitsberaubung aus. Und verbindet ganz am Schluß – merkwürdig genug! – den Verzicht auf einen Begriff wie „Neger“ gleich auch noch mit dem Verzicht auf Begriffe wie „Pillermann, Fotze, Aasch“. Diesen Zusammenhang verstehe, wer will. Jedenfalls existiert er im Kopf unseres Fahrensmannes (eine Interpretation erspare ich mir), und vielleicht sollen wir ja auch nur erbeben ob solcher „Obszönität“, erbeben wie ein sitzengebliebenes Fräulein aus längst vergangener Zeit. Für die Psychologie dieser assoziativen Verknüpfung von „Neger“ und „Fotze“ trägt jedenfalls ausschließlich unser „Argonautiker“ die Verantwortung, wir nicht.

In seinem Kommentar, dieser bemerkenswerten Mixtur aus unaufgearbeiteter Pubertät und Faschismusbeschwörung (aus womöglich christsozialer Sicht), schwingt aber noch eine zweite Auffassung mit: man könne es mit der Empathie in die Psyche von Menschen, die Gegenstand solcher Begriffe wie „Neger“ werden, auch übertreiben. Das mag sein. Aber darf ich dem die These gegenüberstellen, daß wir meinem Eindruck nach auf keinen Fall in einer Gesellschaft leben, die es mit der Empathie übertreibt? – Ganz im Gegenteil: wenn in dieser Gesellschaft ein Manko zu konstatieren ist, dann der genau konträre Tatbestand: unsere Gesellschaft leidet an einem Zuwenig, nicht an einem Zuviel an Mitgefühl.

Meines Erachtens stellt das Problem, um das es bei Begriffen wie „Neger“ geht, viel weniger eine normative Fragestellung dar als vielmehr einen individuell zu beantwortenden Sachverhalt: Fühlen sich bestimmte Gruppen (oder auch einzelne Menschen) beleidigt oder gekränkt von einem Begriff, mit dem sie von außen, von der Mehrheitsgesellschaft, tituliert werden? Und da kann ich, für meine Person, nur sagen: wenn ich Betroffene äußern höre, daß sie einen Begriff als diffamierend empfinden, verspüre ich für mich keinerlei Bedürfnis mehr, an derartigen Kollektivbegriffen wie „Neger“ festzuhalten. Meine individuelle Freiheit sehe ich nicht beeinträchtigt durch meinen höchstpersönlichen Verzicht auf Begriffe mit diskriminierender Wirkung. Und irgendeinen Zusammenhang mit dem Verzicht auf ein Vokabular, das wir offenkundig als obszön verstehen sollen, kann ich schon gar nicht erkennen.

Irgendwie kommt mir ein Freiheitsbegriff, der auf den Gebrauch von Wörtern wie „Fotze“ und/oder „Neger“ besteht, sogar ausgesprochen jämmerlich vor. Ein solches Verständnis von Freiheit erregt in mir den Verdacht, daß Menschen, die ihr Freiheitsverlangen „runterbrechen“ auf den Gebrauch von beleidigenden und/oder „obszönen“ Begriffen, sich ihr wahres Freiheitsverlangen längst schon haben austreiben lassen. Freiheit bedeutet für sie, hin und wieder mal „die Sau rauslassen“ zu dürfen – Frage: wie kam die „Sau“ in die Köpfe dieser Menschen hinein? -, nicht aber mehr, die eigentlichen und wichtigen Freiheitsfragen an unsere Gesellschaft zu stellen. Das aber, diese „runtergebrochene“ Psyche, wäre dann lediglich noch eine Psyche, die eher mitschwimmt im „Mainstream“ des status quo als wirklich Ausdruck eines autonomen und selbstbewussten Freiheitsverständnisses zu sein. Es steckte demzufolge sehr viel mehr Anpassung in dem Freiheitsbegriff dieser „libertären“ Kämpfer, als diesen selber bewusst ist. Deren Freiheitsverständnis stellte nichts anderes mehr dar als völlige Empathielosigkeit mitsamt unaufgearbeiteter Pubertät: eine Mischung aus Nach-unten-treten-Wollen und Porno-sehen-Dürfen bei Sat1 und RTL. Und darf man womöglich beides nicht mehr, ist der Faschismus („natürlich“ ein „linker“ Faschismus!) ausgebrochen bei uns.

Unserem Argonauten jedenfalls wünsche ich auch weiterhin gute Fahrt. Vielleicht entdeckt er ja auf dem Mittelmeer „Neger“, bei deren elendem Anblick ihm dann doch der „Neger“ im Halse steckenbleibt!

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search