Buchtipp: Teer Sandmann, «Golo spaziert»

 In Buchtipp, FEATURED

„Golo“ ist ein Name, der an eine bekannte deutsche Literatenfamilie denken lässt. Auch an Goethes „Faust“ knüpft das mit „Vorspiel auf der Bühne beginnende Buch von Teer Sandmann an. Mit diesem Werk der Weltliteratur wetteifert „Golo spaziert“ auch in puncto Komplexität. Keine Sorge aber, die Lektüre gibt auch eminent politische Anregung, denn der Untertitel „Das Land der sicheren Freiheit“ ist – Sie ahnen es – pure Ironie. Das Werk wird rezensiert (obwohl eigentlich unrezensierbar) von seinem Verleger Egon W. Kreutzer. Der schafft es, uns die Lektüre durch literarische Appetithäppchen schmackhaft zu machen. Sandmann, lieber Sandmann, es ist dir gelungen, uns neugierig zu machen. (Egon W. Kreutzer)

Als Verleger ist es meine Pflicht, zu jeder Neuerscheinung in zutreffenden und zugleich möglichst wohlwollenden Worten einen Text zu veröffentlichen, der den geneigten Leser nicht nur zum Kauf animieren, sondern ihn auch beim Lesen vor einer Enttäuschung bewahren soll.

Dies fiel mir bisher jeweils umso leichter, je interessanter der Inhalt und je lobenswerter die literarische Qualität des Werkes war. Betroffen muss ich nun feststellen, vor einer Herausforderung zu stehen, die ich in der gewohnten Weise nicht bewältigen kann.

DAS BUCH, und so hätte ich es am liebsten betitelt, wäre der Autor nicht selbstkritisch davor zurückgeschreckt, das Buch, von dem ich spreche, heißt nun also „Golo spaziert“. Dazu trägt es den möglichweise irreführenden Untertitel „Im Land der sicheren Freiheit“.

Als ich es auf den Tisch bekam, war mir nach wenigen Seiten klar: „Dieses Buch werde ich herausbringen, und wenn es das Letzte sein sollte, was mir noch zu tun vergönnt ist!“

Vom Autor hörte ich dann, was ich ähnlich auch schon von anderen Autoren gehört hatte, dass nämlich ein namhafter Verlag das Manuskript abgelehnt habe, mit der Begründung: „Selbst wenn ich diese politischen Auffassungen teilen würde, könnte ich sie doch meinem Publikum nicht zumuten.“

Das trübt die Freude, weil ich inzwischen erfahren musste, dass die Einschätzungen der namhaften Verlage, was den Verkaufserfolg eines unerwünschten Buches betrifft, und sei es noch so wichtig und noch brillant geschrieben, stets zutreffen.

Nun glaube aber niemand, „Golo spaziert“ sei einfach noch so ein gesellschaftskritischer Roman, von der Sorte, wie man sie schon gar nicht mehr lesen mag, weil sich ja doch nichts ändert.

„Golo spaziert“ ist im Grunde überhaupt kein Roman. Es ist eher eine literarische Schichttorte, die der Genießer wegen der Vielfalt der Geschmackserlebnisse schätzt.

Es gibt darin, sozusagen als stabilisierendes Element, ähnlich dem Bisquitboden der Sahnetorte, und dabei gänzlich Golo-frei schwärmerisch-nostalgische Beschreibungen deutscher Landschaften, vom Jadebusen bis zu den Haßbergen, die entweder Erinnerungen oder Sehnsucht hervorrufen und, obwohl sie mit der Handlung nichts zu tun haben, nicht fehlen dürften.

Das gegenüberliegende Ufer ist gänzlich vom Schilf überwachsen. Einen Zugang zum Wasser gibt es dort nicht. Bäume, hinter dem Schilf hervorragend, schließen das Bild ab. Ein schlichtes Bild. Es gibt nur Wasser, Schilf und Bäume drauf.
Das Bild ist die Hälfte der Schönheit. Das Wasser aber vollendet sie. Das gefühlte Wasser, das nasse, sanfte, erschwommene. Im Halberstädter See schwimmen ist eine Massage. Und nicht weich bloß ist das Wasser. Es duftet so süßwasserwässrig, dass man nie genug davon bekommt.

Das Gegenstück dazu ist die Fantasiegestalt eines gealterten, müde und ungeduldig gewordenen Gottes, dessen Frustration mit der Dauer seiner Erdbesuche wächst und sich in ebenso gut gemeinten wie wirkungslosen Strafaktionen entlädt. Auch die Gottes-Kapitel, die Sahnehäubchen auf der Torte, bleiben Golo-frei, vereinen sich jedoch mit den Golo-Kapiteln, wie die Stimmen der Fuge, zu einem Wohlklang von höchster Transparenz.

Doch nun endlich auch zu Golo. Der Autor selbst stellt ihn mit folgenden Worten vor:

Golo ist ein Mann. Aufgewachsen ist er bei normalen Leuten. Studiert hat er auch. Eine Wohnung bezogen, einen Kühlschrank gekauft und ein paar Geschichten erlebt. Dann hat sich sein Leben verändert und Golo hat Zeit bekommen. Zeit zum Gehen. Aber er geht nicht mit der Zeit.

Golo bezeichnet sich selbst als Flaneur, vielleicht als den letzten Flaneur. Er beobachtet beim Gehen – und er denkt beim Gehen. Bisweilen tragen ihn seine Gedanken aus der Realität hinaus in eine eigene Welt, in der sich Laubwälder in Tannenwälder und Konditoreiverkäuferinnen in Bühnentechniker verwandeln. Gottlob findet er stets zurück und bei Pauline, mit der er zusammen ist, Verständnis. Doch Golos extensives Gehen wird durch Verbote beschnitten, seine Gehmenge wird auf wenige Jahreskilometer festgesetzt. Damit soll (bewegungsinduziertes) Denken auf ein im Land der sicheren Freiheit noch zuträgliches Maß beschränkt werden. Arztbesuche, die nicht auf das Gehkonto angerechnet werden, helfen Golo für eine Weile, in Bewegung zu bleiben.

Da aber horcht der Orthopäde auf. „Alt? Sie sagen alt? Hören Sie mal, heute wird man neunzig. Da müssen Sie aber noch an sich arbeiten, mein Lieber.“
Golo, er hat offenbar einen wunden Punkt getroffen, soll doch keiner altern, schon gar nicht in einer Arztpraxis, willigt ein: „Ich weiß, Herr Doktor, das müsste ich. Aber ich habe Angst…“
„Angst?…“
„Ja, Angst. Aber nicht vor den Terroristen. Vielmehr vor dem, was man vor dem Terror schützen will. Davor habe ich Angst.“
Der Orthopäde hat sich wieder abgewandt und sagt, die Tastatur bedienend: „Ich schreibe sechsmal Krankengymnastik auf.“

Jemand, von dem gegen Ende des Buches angenommen wird, es sei Golo, was dieser jedoch bestreitet, zieht sich immer wieder unter seine Decke zurück. Zum Nachdenken – privat. Hauptsächlich dreht sich dieses Denken darum, was alles in die Luft fliegt, wenn sie Bomben schmeißen. Es fällt diesem Jemand mehr dazu ein, als mir spontan eingefallen wäre, was sich durchaus als persönliche Bereicherung verbuchen lässt.

Und in diesem Augenblick, unter der Decke liegend, wünsche ich, die Tochter würde eine Heidi werden und dereinst – wenn es wirklich sein müsste – eine Kalaschnikow statt eines mobilen Endgerätes in die Hand nehmen. Ist alles automatisiert nämlich und digitalisiert, so können die Menschen immer noch sterben. Und davor haben sie Angst. Angst ist nicht digital. Das indes darf ich nur so unter der Decke sagen. Und eigentlich nicht mal hier. Die Kinosäle aber, die Gags in 3-D, das Popcorn, die Schnitttechnik und der ganze toxische Spaß: Das alles fliegt mit in die Luft, wenn sie die Bomben schmeißen. Im Grunde aber auch die Angst. Und genau das war ja meine ursprüngliche Frage: Was ist es, was hochgeht? Was geht hier vor?

Eine andere Schicht der literarischen Torte ist die Vorlesungsreihe „Das Land der sicheren Freiheit“, die, offiziell von der Volkshochschule veranstaltet, in Wahrheit eine kleine, subversive Gemeinschaft donnerstags zusammenführt. Der Referent berichtet über die Geschichte des untergegangenen Landes der sicheren Freiheit. Die Zuhörer werden jedoch stets ermahnt, vorsichtig und verschwiegen zu sein. Golo gehört zu den Zuhörern.

Ein Eckpfeiler der sicheren Freiheit, meine Damen und Herren, ich habe schon mehrmals darauf verwiesen, war die Kürze. Alles, was Erfolg haben wollte, so kann man kurzfassen, musste kurz sein. Deshalb wurde der komplexe Satzbau, der einst die Sprache dieses Landes gekennzeichnet hatte, zurückgefahren. Auf übergeordnete Gründe verwiesen die Politiker, von denen nicht wenige selbst erhebliche Mühe hatten mit der Sprache und ihren Eigenheiten. Selbst die obersten Repräsentanten des Staates bauten Sätze falsch. Und so konnte man Hindernisse, an denen man selbst scheiterte, mit geopolitischen Argumenten beseitigen. Die stetige Kürzung der Sprache nämlich war als Beitrag gegen die Diskriminierung von Zuwanderern auszugeben und die für eine umfassende Sicherheit nötige Denk- und Sprachkürze erfuhr einen politisch korrekten Überbau.

Ich hoffe, Sie verstehen inzwischen, dass dieses Buch so schwer zu beschreiben ist, wie es Vergnügen macht, darin zu lesen. Übermächtig!

Doch ich bin ja mit dem Anreißen der ineinander verflochtenen Erzählstränge noch gar nicht am Ende. Erinnerungen an gehörte Musikstücke und die Orte an denen sie gehört wurden, die Ereignisse, die das Hören begleiteten und die Emotionen, die das Wiederhören wecken, sind ebenso unverzichtbarer Bestandteil dieses Buches wie die zuerst erwähnten Landschaftsbeschreibungen, wobei weitgehend offenbleibt, wer sich da von welchen Tönen beeindrucken ließ, abgesehen von jener Passage, in der Gott, in der Wohnung eines schwulen Malers gastierend, Bachs Matthäus Passion hört und sich dabei durch die geschlossene Wohnungstür mit davor versammelten Politikern unterhält. Nur ein ganz kurzer Abschnitt daraus; Chor aus der Matthäus-Passion, die weiterläuft, kursiv gesetzt:

Gott nun aber lauter: „Und was eigentlich machen die, die ihr durch Apparate ersetzt habt? Können sie noch wählen? Schauen sie den Maschinen zu? Habt ihr euch das alles gefragt?“
Schaben und Kratzen. Dann Stille. Nun ist der Herr zur Ruh gebracht.

Gott aber sprach: „Ich aber sage euch: Ihr seid die ersten, die zu ersetzen sind. Eure Reden, eure Meinungen: im Handumdrehen erzeugt durch Apparate. Die abweichenden Stimmen im Parlament: leicht zu programmieren. Löhne werden eingespart, Toiletten können entfernt werden, Reinigungen entfallen. Ihr seht: Die Demokratie zuallererst lässt sich digitalisieren. Noch vor Verkehr, Bildung und Gesundheit. Habt ihr das bedacht?“
Schaben und Kratzen. Getuschel. Die Passion fast am Ende.
Mein Jesu gute Nacht.

Es tut mir leid, Ihnen dieses Buch auf keine andere Weise als so, wie hier geschehen, ans Herz legen zu können. Doch halte ich es für durchaus möglich, dass Sie, wenn Sie dieses Buch erst einmal kennen, die gleichen Schwierigkeiten hätten, trotz aller Begeisterung, eine informativere Rezension zu verfassen.

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