Das Leben – eine Reise

 in FEATURED, Spiritualität

Ein Schiff ist am sichersten im Hafen. Aber dafür ist es nicht gebaut. Wir reisen, um ein Ziel zu erreichen oder um ein anderer Mensch zu werden. Hauptzweck der Reise ist aber die Reise selbst. Für das Leben gilt dasselbe. Lassen wir uns ganz auf unser Gastgeberland ein! Wer dauernd mit dem Gedanken «zuhause» ist, verpasst das, wofür er eigentlich aufgebrochen ist. Roland Rottenfußer

Das Leben ist eine Reise, auf der wir vergessen haben, wo wir zuhause sind. Je nach Glaubensbekenntnis füllen wir dieses Nichtwissen mit Vorstellungen aus. Wir seien aus einer «geistigen Welt» hervorgegangen, einem «Jenseits». Pessimisten deuten unser Erdenleben sogar als «Exil». Man kann es aber auch positiver sehen: Die Erde ist unser Reiseland: ebenso fremd und anstrengend wie schön und faszinierend.

Die Metapher von der «Lebensreise» wird selten zu Ende gedacht. Einen wichtigen Denkanstoss lieferte Joseph Campbell 1949 mit seiner Theorie der «Heldenreise». Er sah darin ein Grundmuster mythologischer Erzählungen, das man in allen Epochen, bei allen Völkern der Erde findet. Der Held befindet sich in einer stabilen Ursprungssituation, wenn ihn der «Ruf des Abenteuers» ereilt. Er überschreitet die Schwelle zu einem unbekannten Bereich jenseits der Komfortzone. Er erlebt dort Abenteuer und Prüfungen, häufig auch einen «Abstieg in die Unterwelt». Er birgt einen Schatz oder befreit eine Prinzessin, um am Ende gereift an seinen Ausgangspunkt zurückzukehren. Man findet das Schema der Heldenreise in vielen Märchen und Sagen, im Tarot, in Romanen oder in modernen Kinofilmen wie «Krieg der Sterne.»

Was bedeutet das Schema der Heldenreise übertragen auf unsere Leben? Im Kleinen umfasst der Mythos das Erwachsenwerden des jungen Mannes oder der jungen Frau. Er beschreibt seine oder ihre Lehr- und Wanderjahre, die in der Gründung einer eigenen Familie münden. Und darin, dass sich der Held beruflich etabliert. Heute zerfallen Berufs- und Liebesleben in viele kleine Heldenreisen. Das Ankommen wird durch einen verworrenen Beziehungs- und Arbeitsmarkt erschwert, und für viele gestaltet sich das Leben eher als Antihelden-Reise.

Neben diesen vielen kleinen Abenteuerreisen gibt es jedoch auch die eine grosse Heldenreise, die unser ganzes Leben umfasst. Einige archetypische Stationen möchte ich hier beschreiben.

  1. Der «Ruf zum Abenteuer» (nach Campbell). Man kann darin einen vorgeburtlichen Drang der Seele sehen, sich zu verkörpern – aus welchen Gründen auch immer.
  2. Mit der Reise schwanger gehen. Die Idee zu einer Reise, speziell einer langen und gefährlichen, reift in uns heran wie der Fötus im Mutterleib. Viele erleben ein Zögern vor der Schwelle, den Wunsch, doch lieber in der Komfortzone zu bleiben. Andererseits ist da eine vibrierende Aufbruchs-Energie: Reisefieber.
  3. Der Aufbruch des Helden. In Geschichten ist es der Moment, in dem der Held über die Schwelle nach draussen tritt. Im Leben vergleichbar mit der Geburt: einer der beiden Eckpunkte der Reise.
  4. Eingewöhnungsphase. Man muss sich erst noch mit den Lebensbedingungen im Gastgeberland vertraut machen, agiert entsprechend unbeholfen. Man braucht Helfer, um überhaupt zurecht zu kommen: Reiseleitung, Flugpersonal, Herbergsvater … Dem entsprechen im Leben die Eltern. Sie lehren uns, zu gehen und lassen los, wenn wir selbst laufen können. In der «Jugend» scheint die Reise noch endlos vor uns zu liegen, kein Ende ist in Sicht.
  5. Reisebekanntschaften. Gefährten, Begleiter, auch Gegner treten auf. Es kommt vor, dass wir uns auf Reisen verlieben und einen kurzen Rausch erleben, der mit einem schmerzlichen Abschied endet. Reizvolle und verstörende Bilder ziehen an uns vorüber, keines können wir festhalten. Alle Begegnungen – mit Orten und Menschen – laufen nach dem gleichen Schema ab: Erste Begegnung, Vertiefung, (manchmal) Konflikt, Abschied.
  6. Das Bergfest. In der Mitte der Reise umweht uns eine Ahnung von Vergänglichkeit. Wir beginnen das Ende ins Auge zu fassen und eine erste Bilanz zu ziehen. Melancholie oder hektische Aktivität, um noch etwas zu erleben, prägen den Rest unserer Reise. Im Leben entspricht diese Phase der Midlife-Crisis.
  7. Die späte Phase. Traurigkeit und das Gefühl, die Zeit nicht optimal genutzt zu haben, prägen oft den «Abend» einer Reise oder unseres Lebens. Manchmal gelingt es uns, jeden Augenblick mit Blick auf das nahende Ende noch intensiver zu geniessen. Manche halten vor allem Rückschau, für andere dominiert schon das Heimweh.
  8. Der Abschied. Die zweite wichtige Schwelle ist der Abschied vom Reiseland. Im Lebenslauf eines Menschen entspricht er dem Tod. Im Gegensatz zum Leben ist das «Danach» bei Reisen jedoch meist bekannt.
  9. Die Ankunft zuhause. Manche sind euphorisch, wenn sie zuhause ankommen. Manche fühlen sich eher genervt oder gelangweilt und träumen schon von der nächsten Reise. Was uns nach dem Ende unseres Lebens erwartet und ob es weitere «Reisen» geben wird – darüber können wir nur spekulieren.
  10. Die Auswertung. Wir speichern und ordnen unsere Fotos, erzählen von der Reise, denken über das Erlebte nach. Ob es nach dem Tod so eine «Auswertungsphase» gibt, wissen wir nicht. Plausibel ist es aber. Welches sind unsere Erträge? Was haben wir gelernt? Wie hat das Reisen uns verändert?

Leider zeigt die Begegnung mit Menschen, die von einer Reise zurückgekehrt sind, oft, dass sich nichts verändert hat. Sie sind in jeder Hinsicht die Alten geblieben. Der Spiesser beklagt sich über den Dreck in Venedigs Kanälen anstatt von lebendigen Begegnungen mit Einheimischen zu schwärmen. Er jammert, dass die Würste auf der «Pizza con Wurstel» nicht so gut waren wie daheim in Paderborn. «Auf Reisen suchen viele Deutsche eigentlich nicht das fremde Land, sondern Deutschland mit Sonne», sagte Erwin Kurt Scheuch. Ein ertragreiches Leben gleicht weniger einem zweiwöchigen Club Med-Aufenthalt als einer Pilgerreise.

Pilgerfahrten sind immer ein Abbild des Lebens selbst – ob nach Rom, Santiago oder anderswohin. Unser Leben kann als grosser «Quest» zu einem Heiligtum gedeutet werden. Paolo Coelho erfand für seinen Bestseller «Der Alchimist» eine gewagte Handlung: Der Held Santiago reist unter vielen Mühen von Andalusien bis Ägypten, um am Ziel einen Hinweis auf seinen Schatz zu erhalten: Er ist an dem Ort vergraben, von dem er aufgebrochen war. Das Heilige war schon immer da, scheint Coelho sagen zu wollen. Du hattest es nur nicht erkennen können. Erst in der Ferne erschloss sich dir der Wert des Nahen.

Allerdings hat auch der Vergleich mit einer Pilgerfahrt einen Schwachpunkt: Es wird unterstellt, dass das Erreichen eines Ziels Hauptzweck der Reise wäre. Dabei sagte schon Goethe: «Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen.» Egal, ob man vom Hotel mit dem Aufzug an den Strand gefahren oder schwitzend mit dem Rucksack angereist ist: Wenn sich im azurblauen Meer die Gischt an unserem Körper bricht und wir hernach mit prickelnder Haut die Wärme der Sonne aufsaugen, dann zählt nur der Augenblick. Zu welchem Ziel geniessen wir die Reise, geniessen wir unser Leben? Wenn wir eins sind mit dem Glück unseres Daseins, stellt sich die Frage nicht.

Spirituelle Menschen stehen oft schon mit einem Bein im «Jenseits» und weigern sich, richtig im Leben anzukommen. Sie leben quasi immer im Hinblick auf künftiges Totsein. Dazu aber wurde uns das Leben nicht geschenkt. Wenn wir nach Italien reisen, sollten wir die Erfahrungen mitnehmen, die wir nur dort machen können. Wir essen Tiramisu und Spaghetti Vongole, nicht Sauerkraut und Rösti. Wenn wir in einer materiellen Welt zu Besuch sind, sollten wir Erfahrungen suchen, die wir am besten dort machen können: Wie fühlt es sich an, krank zu sein und die Schwere eines Körpers zu spüren? Wie fühlt sich ein Zungenkuss an oder ein Orgasmus? Wie ist es, betrunken zu sein oder nach stundenlangem Fussmarsch durch die Berge halb verhungert in ein Käsebrot zu beissen? Wie ist es, mit Menschen auf engem Raum zusammengepfercht zu sein und die Wut zu spüren, die aus dieser Enge resultiert? Solche Erfahrungen sind typisch irdisch und insofern unendlich wertvoll.

Vielleicht geht es gar nicht um das Erreichen eines Ziels, sondern schlicht darum, zu erfahren, wie es sich anfühlt ein Mensch zu sein. Haben wir das erkannt, gibt es fast nichts, womit wir unsere Aufgabe verfehlen können. Es ist zweitrangig, ob unser Leben im herkömmlichen Sinn «gelingt», ob wir die Anerkennung möglichst vieler Mitreisender erringen. Auch das Scheitern ist ein Teil der Antwort auf die Frage, wie es sich anfühlt ein Mensch zu sein. Es gibt eigentlich nur einen Weg, wie wir unsere Lebensaufgabe verfehlen können: Wenn wir versuchen, etwas anderes als ein Mensch zu sein: eine Art Übermensch, der über irdischen Erfahrungen in erhabener Gleichgültigkeit thront.

Unterwegs sein ist beschwerlich, aber welche Reise haben wir im Nachhinein wirklich bereut? Für mich sind das eher die langweiligen, halbherzigen Reisen, nach deren Ende ich dachte: «Das hätte ich zuhause auch haben können». Zu leben, das kann bedeuten, eine Lust zu kosten, um die uns körperlose Gespenster beneiden. Oder sich zu fühlen wie ein Fremder auf Erden, den bitteren Geschmack eines unbestimmten Heimwehs auf der Zunge. Unser Ego will immer ein «gutes» Leben, einseitig von angenehmen Erfahrungen geprägt. Unsere Seele dagegen inszeniert für uns gern das «ganzes» Leben: bestehend aus Höhen und Tiefen. Sagen wir ja dazu!

 

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    Die A N N A loge
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    Aufbruch und Ankommen

    Reisen bedeutet Aufbruch aus dem Gewohnten, hin zu unbekanntem und neu belebenden.

    Reisen und Wege sind Teile unseres Lebens, ebenso wie die Stationen unterwegs, um sich auszuruhen, zu stärken und den Blick nach vorne und hinten schweifen zu lassen.

    „Welchen Teil der Wegstrecke sind wir bereits gegangen, welche Bilder haben sich uns eingeprägt, wie viele Weggabelungen, Höhen und Tiefen, ja auch Sackgassen haben wir durchschritten, was sehen und empfinden wir beim Gehen, was nehmen wir wahr, wie stimmt uns der Augenblick, glücklich oder melancholisch, wie entscheiden wir uns an der nächsten Weggabelung, für rechts oder links, wohin wird uns der Weg noch führen?“

    All das sind Fragen, die uns in den Sinn kommen, wenn wir uns auf dem Weg eine Station der Reflektion gönnen. Natürlich sind wir darauf bedacht, ein Ziel zu erreichen, doch der eigentliche Sinn des Weges liegt im Gehen, im Erleben des Neuen im Augenblick. Der Weg und die wahrgenommenen Eindrücke und Empfindungen hinterlassen Spuren in unserem Leben und verändern uns mitunter.

    Der Weg entsteht beim Gehen.

    Passa il Tempo /Pippo Pollina

    https://youtu.be/NIX4hl0TLpc

     

    Jeder Aufbruch zu einer Reise beinhaltet Abschied, jedes Ankommen Begrüßung.

    Heimat ist, wenn wir nach einer Reise wieder ankommen  und uns gut angenommen wissen.

     

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    Die A N N A loge
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    Problematisch wird der Weg, wenn er uns im Kreise führt, weil wir, aus welchen Gründen auch immer, das Ziel vor Augen verloren haben, wenn wir den Ausgang nicht finden und wir erschöpft ins Straucheln kommen. Dann sind unsere Wegbegleiter besonders wichtig, die uns die Hand reichen und uns aus dem Kreislauf rausholen.

    Mitunter führt uns unsere Reise über einen Berg mit steilem Anstieg, der unsere letzten Reserven herausfordern wird. Wir können ihm ausweichen und den flachen, freudlos asphaltierten Weg auf der viel befahrenen, der gleißenden Hitze ausgesetzten Straße wählen. Doch ist das der Sinn einer Reise? Wir können auch einen Gang runter schalten und den mühseligen Pfad wählen, der uns durch Wälder und den Duft Stille führt und uns, am Gipfel angekommen, den Blick zurück undnnach vorn in die Weite der Täler gewährt.

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    heike
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    Es gibt für jeden die individuelle Lebensreise und es gibt die Reise der Menschheit.

    Eine mail, die mir wieder Hoffnung gegeben hat, erreichte mich heute:

    Saubere Chemikalien: Umweltausschuss fordert Paradigmenwechsel und ökologische Transformation der Chemieindustrie

    Link, um diese Information auf twitter/facebook zu verbreiten: https://sven-giegold.de/chemikalien-umweltausschuss-paradigmenwechsel

    Liebe Freundinnen und Freunde,

    Liebe Interessierte,

    am gestrigen Montag hat der Umweltausschuss des Europaparlaments nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in der Chemiepolitik und Chemieindustrie gefordert. Im Ausschuss stimmten wir heute über einen Beschluss zu nachhaltigen Chemikalien ab. Bei meiner Kandidatur hatte ich angekündigt, gegen die Gefahren zu kämpfen, die von giftigen Chemikalien ausgehen. Daher freut es mich besonders, dass ich als frischgebackenes Mitglied des Umweltausschusses gleich an der ersten großen Richtungsbestimmung des neugewählten Europaparlaments zu nachhaltigen Chemikalien mitwirken konnte. Belastungen und Gefahren für Mensch und Umwelt, die von der Herstellung, Nutzung und Entsorgung von tausenden Chemikalien ausgehen, müssen ein Ende haben. Ich bin daher besonders froh, dass wir mit zahlreichen grünen Änderungsanträgen den Schutz von Mensch und Natur sowie die Einhaltung unserer planetaren Grenzen in den Vordergrund rücken konnten.

    Um die Belastungen und Gefahren von giftigen Chemikalien zu bekämpfen, fordert der Umweltausschuss die EU-Kommission auf, das Ziel einer giftfreien Umwelt umzusetzen und die Nutzung von gefährlichen Chemikalien zu minimieren. Auf unsere grüne Initiative hin soll die Kommission dafür sorgen, dass jede Art von Verschmutzung verhindert oder auf ein Maß reduziert wird, das für die menschliche Gesundheit und die Umwelt nicht mehr schädlich ist. Gleichzeitig sollen diese Maßnahmen für eine ressourcenschonende, kreislauffähige, sichere und nachhaltige Wirtschaft und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der Wirtschaft sorgen.

    Unser Umweltausschuss fordert, dass die Nachhaltigkeit von Chemikalien über deren Sicherheit hinausgehen soll. Er unterstreicht, dass die bevorstehende Nachhaltigkeitsstrategie für Chemikalien auch den Abbau von Ressourcen, die Energienutzung bei der Herstellung von Chemikalien sowie Gesundheits-, Sozial- und Umweltstandards und Menschenrechte in der gesamten Lieferkette berücksichtigen muss. Nur wenn wir neben der Giftigkeit der Chemikalien auch die Gesamtmenge der benötigten Ressourcen reduzieren, können wir langfristig in den Grenzen unseres Planeten leben. Ein wichtiger Teil des Beschlusses des Umweltausschusses behandelt die Auswirkungen von Chemikalien auf die Kreislaufwirtschaft. Der Beschluss stellt fest, dass Produkte aus neuen Materialien und solche hergestellt aus recycelten Materialien die gleichen chemischen Standards erfüllen sollen und dass Recycling dementsprechend nicht die Fortsetzung der Verwendung gefährlicher Altstoffe rechtfertigt. So soll sichergestellt werden, dass keine gefährlichen Stoffe, die heute in Produkten enthalten sind, endlos im Kreislauf bleiben.

    Der Beschluss des Umweltausschusses wird gerade innovativen, fortschrittlichen Unternehmen zugutekommen. Nur eine nachhaltige Industrie kann wettbewerbsfähig bleiben und weiterhin eine Vorreiterrolle einnehmen. Sollten wir die ökologische Transformation in der Chemieindustrie verschlafen, wird es den europäischen Chemieunternehmen ähnlich wie in zahlreichen anderen Schlüsseltechnologien ergehen: fortschrittliche Produkte werden anderswo hergestellt und nach Europa importiert. Doch wenn wir die ökologische Transformation als Chance für die Wirtschaft begreifen, wird saubere, ressourcenschonende Chemie auch in Zukunft Millionen Arbeitsplätze in Europa sichern.

    Zu konkreten Chemikalien verlangt der Umweltausschuss von der Kommission unter anderem:

    • Insbesondere für hormonverändernde Stoffe (wie z.B. Bisphenol-A), fordert das Parlament eine Reihe von Maßnahmen, um ihre Nutzung einzuschränken. Angefangen mit einer horizontale Definition dieser Stoffe, die von der EU-Kommission erarbeitet werden soll. Über die Einführung einer neuen Gefahrenklasse für hormonverändernde Stoffe. Bis hin zu neuen Gesetzesvorschlägen, um hormonverändernde Stoffe in Spielzeug, Materialien mit Lebensmittelkontakt und Kosmetika zu verbieten. Diese Substanzen sollen generell genau wie krebserregende oder reproduktionstoxische Stoffe behandelt werden – also in vielen Produkten stark eingeschränkt oder ganz verboten werden.
    • alle Polymere (also z.B. Plastik) in das EU-Chemikaliengesetz REACH aufzunehmen und gemäß ihrer Gefährlichkeit zu regulieren. Bislang sind Polymere nicht Teil von REACH. Auch sollen für alle Chemikalien, die nur in relativ geringen Mengen in der EU hergestellt oder genutzt werden (1 – 10 Tonnen/Jahr) erstmals Informationsanforderungen gelten. Diese Anforderungen gibt es bisher nur für Chemikalien, die in größerer Menge produziert werden. 
    • Die Auswirkungen von besonders kleinen Stoffen, sogenannte Nanomaterialien, auf Gesundheit und Umwelt sollen Beschluss des Parlaments in allen relevanten Gesetzen bewertet und wenn nötig minimiert werden.
    • Für perfluoralkylierte Substanzen (PFAS), die sogenannten “Ewigkeits-Chemikalien”, fordert das Parlament die EU-Kommission auf, einen Aktionsplan vorzulegen, um möglichst bald alle nicht unbedingt notwendigen Anwendungen zu verbieten. PFAS sind praktisch unzerstörbar und bleiben einmal freigesetzt über Jahrhunderte in der Umwelt. So sammeln sie sich über Zeit im menschlichen Körper und der Natur an – mit noch viel zu wenig erforschten Folgen. Da es mehr als 4700 verschiedene PFAS gibt, wäre ein generelles Verbot dieser Stoffe ein großer Schritt vorwärts von dem heutigen sehr langsamen Ansatz, eine einzelne Substanz nach der anderen zu verbieten.
    • Das europäische Gesetz zu Materialien in Kontakt mit Lebensmitteln soll grundlegend überarbeitet werden. Damit soll unter anderem festgelegt werden, dass alle besonders besorgniserregenden Stoffe in diesen Produkten verboten sind. Für alle Chemikalien in Kontakt mit Lebensmitteln sollen umfassende Sicherheitsbewertungen vorgenommen werden und Informationen zur Sicherheit der Substanzen sollen für Verbrauchern einfacher verfügbar sein.

    Der Umweltausschuss fordert die Kommission auch auf, mit ihrer Strategie den Einsatz von Tierversuchen in der Chemieindustrie zu minimieren, und zur Erhaltung und Wiederherstellung von Ökosystemen und biologischer Vielfalt beizutragen.

    Nirgends gibt es so strenge Chemikaliengesetze wie in Europa. Doch weite Teile der bestehenden EU-Chemikaliengesetze werden heute nicht vollständig umgesetzt und durchgesetzt. Deshalb fordert der Umweltausschuss die Regierungen der Mitgliedstaaten auf, alle Gesetze umgehend umzusetzen und ausreichende Kapazitäten zur Verbesserung der Durchsetzung der EU-Chemikaliengesetzgebung bereitzustellen. Weitergehende Änderungsanträge der Grünen Fraktion, in denen die EU-Kommission unter anderem aufgefordert wird, ihre internen Arbeitsweisen zu überprüfen, um Vertragsverletzungsverfahren zu beschleunigen und EU-Instrumente vorzuschlagen, um die Mitgliedstaaten zur Umsetzung von EU-Recht zu drängen, wurden vom Umweltausschuss mit großer Mehrheit angenommen.

    Als Teil des Europäischen Green Deal verkündete die Europäische Kommission im Dezember 2019 ihre Ambition eines “Null-Schadstoff-Ziels für eine schadstofffreie Umwelt“. Ein wichtiges Element dieser Ambition wird die “Nachhaltigkeitsstrategie für Chemikalien”, welche im Oktober 2020 von der EU-Kommission vorgestellt werden soll. Die Strategie wird erstmals seit 20 Jahren wieder einen ganzheitlichen Rahmen für Chemikalienpolitik in der EU setzen. Als Teil der neuen Strategie wird die EU-Kommission eine Reihe von Gesetzesänderungen vorschlagen. Um diesen gesetzlichen Maßnahmen eine Richtung zu geben, legt das Europaparlament im Vorfeld der “Nachhaltigkeitsstrategie für Chemikalien” seine Position fest. Mit dem heutigen rechtlich nicht bindenden Beschluss werden der Kommission die politischen und praktischen Leitplanken für ihre Strategie dargelegt. Der Beschluss wurde im Umweltausschuss mit großer Mehrheit und allen Stimmen von Linken und Sozialdemokraten über Grüne und Liberale bis zu Christdemokraten angenommen. Die Abgeordneten der rechtskonservativen EKR-Fraktion und der rechtspopulistischen Identität & Demokratie-Fraktion enthielten sich. Die einzige Gegenstimme kam von der AfD. Das Plenum des Europaparlaments wird voraussichtlich am 10. Juli final über den Beschluss abstimmen.

    Nun ist es an der EU-Kommission, die konkreten Forderungen des Parlaments umzusetzen. Ich werde in den nächsten Monaten und Jahren darauf achten, dass die Gesetzesvorschläge der EU-Kommission mit dem heutigen Beschluss des Europaparlaments zusammenpassen. Zusammen können wir die EU-Kommission zu mehr Ambition für nachhaltige Chemikalien drängen. Dafür werde ich mich weiter mit aller Kraft einsetzen.

    Mit grünen europäischen Grüßen

    Sven Giegold

    Link zum Beschluss (vorläufig nur auf Englisch verfügbar): https://sven-giegold.de/wp-content/uploads/2020/06/Chemicals-Strategy-Resolution_final.pdf

     

     

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    heike
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    Eine Eindämmung der Chemikalien-Überflutung wird die natürlichen Ressourcen der Natur und der Menschen erhalten helfen.

    Meiner Meinung nach das Wichtigste, was unsere Zeit den Menschen „abverlangt“ ist, dass wir nie unsere Liebesfähigkeit verlieren dürfen und alles, was wir tun in Liebe und für die Liebe tun. Das wird uns Heilung bringen – dem individuellen Menschen und dem ganzen Planeten.

     

     

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    heike
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    Ich bin den Politiker*innen, die auf die Durchsetzung von Gesetzen dringen und achten, die unsere natürliche Umwelt erhalten  sehr dankbar für ihre Arbeit, da sie die Rahmenbedingungen, unter denen wir alle leben zum Besseren hin verändern helfen. Ebenso allen Menschen, die im täglichen Leben Dinge unternehmen, um schadstoffarm zu produzieren und zu konsumieren bzw. zu leben.

    Und ich kann nicht verstehen, wie man solchen positiven Entwicklungen entgegenwirken oder sie blockieren kann. Einen anderen Grund als eigennützige Profitinteressen (und damit verquickte Machtansprüche) kann ich da nicht erkennen.

    Die Macht sollten diejenigen haben, die Gutes und Notwendigs für Viele bewirken.

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    Volker
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    Reise. Wohin treibt sie mich, ist das Ende schon nah, viel zu nah?
    Betet für mich, oder beschwört die Götter.

    Heute kam ich aus dem Krankenhaus zurück, bin verzweifelt und habe Angst davor, was ich in einer Woche erfahren werde. Es gibt zwei Möglichkeiten: harmlos oder bösartig. Bin momentan völlig down, habe Angst vor einer möglichen Entgültigkeit, und die Hoffnung treibt ein zermürbendes Spiel mit mir – die Seele findet keinen Halt, dreht sich im Kreise. Schrecklich.

    Verantwortungslose Ärzte
    Gestern war Visite, Oberarzt und Assistenzarzt. Mir wurde gesagt, ich hätte einen bösartigen Tumor. Meine Welt brach zusammen, litt Qualen bis zum nächsten Tag. Heute kam der Assistenzarzt auf mich zu, klopfte kurz auf meine Schulter mit den Worten: Entschuldigen sie, es ist nichts und stürmte aus dem Zimmer (eine dreißig-Sekunden-Angelegenheit). Soll wohl heißen, sie wissen es selbst noch nicht, erst am nächsten Mitwoch, einen Tag vor meinen Gesprächstermin. Danach brach ich in Tränen aus und wurde entlassen.

    Geht man so mit Menschen um, treibt sie in Panik?? Götter in Weiß, ohne Verantwortung? In einer Woche weiß ich mehr –betet für mich. Die nächsten Tage werden scheußlich sein, es ist eine Qual.
    Gut oder böse. Leben oder …

    Liebe Grüße von Volker

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      Freiherr von Anarch
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      Good Luck ! – dear Volker !

      Ein Tumor ?? – naja – wird ein gutmütiger sein, wie der Kerl eben auch.

      Jedenfalls wünsche ich dir das und trinke den nächsten Wurzelschnaps ausschliesslich auf deine Gesundheit !

       

       

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    Ulrike Spurgat
    Antworten
    Lieber Volker,

    verlieren sie bitte nicht den Mut. Hoffnung braucht man um leben auch überleben zu können.

    Vertrauen sie sich und ihren Fähigkeiten und geben sie niemals auf.

    Lassen sie nicht zu, dass die Dunkelheit die Oberhand gewinnt.

    Beste Grüße, Ulrike

     

  • Avatar
    Volker
    Antworten
    Nachtrag zu meinem Kommentar

    Nach all den Untersuchungen, Ultraschall, CT, Darmspiegelung(außer Zysten alles ok) sowie OP wegen Gewebeprobe, sollte ich mich einen Tag später (obwohl ich völlig gestress war) einer weitern Untersuchung des Darms unterziehen, sprich: Kontrastmittel, Darm nochmals mit Luft aufblasen und und…. , hatte zweieinhalb Tage deswegen  nichts essen dürfen und litt stark unter den Nachwirkungen völliger Darmentleerung durch Abführmittel plus OP.

    Ich lehnte diese erkennbar unnötige Untersuchung ab (dazu wurde mir komischerweise auch nicht weiter geraten), die nichts weiter hätte bringen können. Mein Problem liegt links an der Leiste. Man wollte wohl noch an mir verdienen, merkt ja keiner, die Krankenkasse zahlt.

    Wie oben schon geschrieben: Geht man so mit Menschen /Patienten um?.

    Zynismus pur

    Als ich ins OP gebracht wurde, kam irgend ein Vollidiot an mir vorbei gesprungen, wedelte mit den Armen und sagte mir, er würde mit der Axt operieren. War kein Arzt, wohl ein Mitarbeiter, der sich um Wärmedecken und Sonstiges kümmerte. Der hatte seinen Spass dabei, einen Patienten vor der OP-Tür zu erschrecken. Unfassbar.

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