Das Promi-Syndrom

 In Buchtipp, FEATURED, Monika Herz

Die meisten von uns mögen Diether Bohlen nicht. Personen wie Heidi Klum, Daniela Katzenberger oder Meghan Markle entlocken uns nur ein überlegenes Lächeln. Warum aber kennen wir die Namen dieser Menschen überhaupt? Es ist das Ergebnis einer gnadenlosen Werbemaschinerie, die meist gerade das Irrelevante nach oben spült. Dabei entdeckt man bei der Begegnung mit „berühmten“ Leuten oft: auch sie sind im Grunde machtlos, Rädchen im Kommerzgetriebe. Der „Prominenten-Anwalt“ Burkhard Benecken hat einige dieser Fälle erlebt und durchleuchtet scharfsinnig die Psyche von Promis und Fans. Monika Herz über Burkhard Beneckens Buch „Stars zwischen Macht und Ohnmacht“ (Goldegg Verlag, 220 Seiten, € 22,-)

Ich hab das Buch geschenkt gekriegt, reingeschnuppert und dann in einem Satz gelesen.

Weil ich meinte, immun gegen Star-Rummel zu sein, hätte ich mir das Buch nicht selber gekauft. Ich gestehe, ich bin gar nicht immun, das meinte ich bloß. Plötzlich sehe ich: Obwohl es mich wirklich nicht die Bohne interessiert, welchen Büstenhalter Heidi Klum trägt, weiß ich doch, dass Madame sich mit Büstenhalter hat fotografieren lassen und dass der Büstenhalter eigentlich gar keiner war. Woher weiß ich das eigentlich? Hab ich da doch draufgeklickt, als es mir angeboten wurde, als ich eigentlich nur die Nachrichten lesen wollte? Warum mach ich das eigentlich? Ist Heidis Busen vielleicht sogar für mich immer noch interessanter als Donalds Pläne wegen irgendwelcher Zölle oder die Wiederwahl von Putin? Tja. Ertappt.

Aber ich muss schon sagen: Burkhard Benecken kann wirklich gut erzählen. Was ich besonders bewundere: Der Autor ist hauptberuflich Anwalt, hat also Jura studiert hat und kann wahrscheinlich zum Beispiel die 17 Seiten der „Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung vom 10. November 1992 (BGBl. I S. 1887), die zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom 25. November 2013 (BGBl. I S. 4020) geändert worden ist“ lesen, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Er kann verstehen was gemeint ist und es zum Besten seines Klienten auslegen.

Zugleich kann er – mit einer anderen Seite seines Wesens – so spannend erzählen, als würde er am Lagerfeuer sitzen, mit dem Stock im Feuer stochern und dem Clan beibringen, was gerade so los ist in der Welt da draußen.

Zum Beispiel dieser Dieter Bohlen. Er kommt ja nicht direkt vor in den Geschichten, nur indirekt, weil Burkhard Benecken einen „Jungen mit seiner Gitarre“ vertreten musste, der in die Fänge von DSDS und damit unter die Räder von Dieter Bohlen geraten ist. Der Junge fand Bohlen sehr nett und sogar fürsorglich, er sah in ihm einen Vater, so wie er ihn sich insgeheim gewünscht hatte. Am Ende aber brauchte der Junge einen Anwalt. Damit der Schaden, der mit diesem DSDS-Format angerichtet wurde, wenigstens begrenzt blieb.

Burkhard Benecken ist aber nicht nur Anwalt und Geschichten-Erzähler, ihn interessiert auch, was da eigentlich hinter der Fassade wirklich los ist. Also bietet er auch psychologische Einblicke, allesamt gut recherchiert und wissenschaftlich belegt. Beim Reflektieren komme ich auf den Gedanken, dass womöglich sogar ein Bohlen irgendwie nur ein gut bezahltes Rädchen in einer Maschine ist, die meine Klicks zählt. Also irgendwie ist er auch ein armer Kerl, bloß gut bezahlt halt. „Popularität ist eine Strafe, die wie eine Belohnung aussieht“ sagte Ingmar Bergman.

Aber warum weiß ich überhaupt, wer Dieter Bohlen ist, obwohl ich doch noch nie eine DSDS-Sendung gesehen habe? Was läuft ab da draußen in der Welt? Ist es nicht so, dass ich mit einem leichten Zucken meines Fingers auf der Tastatur bestätigt habe, dass Dieter Bohlen ein super interessanter Mann ist, obwohl ich ihn höchst unsympathisch finde?

Also, ich kann das Buch wirklich empfehlen. Es ist so spannend geschrieben wie ein Krimi und nebenher auf leichte Art lehrreich wie ein Sachbuch in Tiefenpsychologie.

 

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