Dem Geheimnis auf der Spur

 in Buchtipp, Spiritualität

SchoofCoverMartin Block, der hier vor einigen Wochen “ChristInnen für den Sozialismus” vorgestellt hat, befaßt sich in der Rezension unten mit einem neuen Buch der Göttinger Schriftstellerin Renate Schoof über Bilder zum Christentum. Offenbar eine sehr spannende Untersuchung, denn es gibt Anhaltspunkte dafür, daß auch dort, in der “Ikonografie” zur christlichen Religion, oft “sozialistische” Botschaften verborgen sind. Folglich: ein weiterer Hinweis darauf, daß man es sich zu leicht macht, christlichen Glauben einfach mal so und prinzipiell gleichzusetzen mit reaktionär-menschenfeindlicher Auslegung des Christentums (Vorspann: Holdger Platta).

„Geheimnisse des Christentums“, das klingt nach einem Dunkel, das erhellt werden muß. Das klingt auch nahezu esoterisch – und, kein Wunder, das ist es auch, allerdings im guten, im argumentativ nachvollziehbaren Sinne. Und somit auch im traditionellen Sinne, denn vieles über Engel-, Schlangen– und Marienwissen ist im Verlauf einer hierarchisch-patriarchal verlaufenen Kirchengeschichte verschütt gegangen oder wurde nicht zuletzt aus Machterhaltungsgründen gar nicht erst zugelassen.

Renate Schoof, Schriftstellerin aus Göttingen, Jahrgang 1950, mehrfach ausgezeichnet für ihre Romane und Erzählungen, wendet sich in ihrem neuesten Buch der Religion zu, der christlichen. Sie tut dies einerseits über biblische Texte, darunter die Sündenfallgeschichte (Adam und Eva), die 10 Gebote mit der Gegengeschichte, den Tanz ums Goldene Kalb und einige der Jesus-Wunder und –Heilungen. Über diese „Urerzählungen“ sind nun schon ganze Bibliotheken geschrieben worden, doch Schoof kann tatsächlich auf Neues aufmerksam machen.

Sie kommt zu der Einsicht, entscheidend sei nicht das kirchliche Dogma, z.B. das der Jungfrauengeburt, das von der kirchlich-päpstlichen Leitung seit dem altkirchlichen Glaubensbekenntnis vertreten wurde. Oder die Antwort auf die Frage, wieviele Engel auf einer Nadelspitze denn Platz hätten. Dogmen sind vielgestaltige Gedankengebäude, die gläubige Erfahrungen theologisch zusammenfassen und auf den Punkt bringen. Das ist positiv und erhaltenswert. Sie können jedoch erstarren, wenn sie den Weg zu neuen Erfahrungen und Kontexten nicht mehr mitmachen können oder diese gar verbieten. Letztlich geht es um Erfahrungen mit der Erfahrung, in kritischer und weiterführender Absicht. Schoofs Botschaft, die sich aus zahlreichen untersuchten Bildern, Fresken, Skulpturen und Kultgegenständen verschiedener Jahrhunderte speist, ist diese sehr einfache: daß Liebe Gegensätze überwindet. Und zwar Gegensätze, die man für naturgegeben und zugleich unüberwindlich hielt: gut-böse, hell-dunkel, Mann-Frau, arm-reich, gebildet-ungebildet oder auch gesund-krank. Wirkliche, tief empfundene Liebe, gerade auch die Liebe zwischen Gott und Mensch, hat die Fähigkeit wirklich zu überwinden, zu heilen, Sinn zu stiften und die Welt als Ganzes sehen und positiv erleben zu können. Es tut sich so eine neue Wirklichkeit jenseits der sattsam bekannten Gegensätze auf. Das entspricht der Kühnheit wirklichen Glaubens und Lebens.

Zugleich ist das alles gut biblisch, aber Renate Schoof zeigt darüber hinaus ein besonderes Auge für die Zwischenräume oder eine fast verschütt gegangene Tiefendimension: so z.B. für die verbindende Symbolik der verschiedenen Engelsgestalten, für die von ihr so genannte „Schlangenkraft“, die oft rein vergeistigten Mariengeschichten, den spannungsvollen Jüngerkreis, die auch natürliche Kreuzessymbolik (Himmel und Erde) und für die zumeist aus anderen Religionskreisen stammende Zahlenmystik und auch die Chakrenlehre (Energiezentren). Schoof sieht z.B. in der Schlange der Sündenfallgeschichte weniger die große Verführerin oder Verwirrerin, sondern das dritte Auge, das um die großen göttlichen Kräfte weiß, die sie dem Menschen nicht vorenthalten will. Letztlich kann diese Erkenntnis den Tod aber nicht verhindern. Ob sie allerdings Ursache des Todes bzw. der Sünde ist, das sei der Göttinger Autorin zufolge durchaus Interpretationssache.

Die Chakren, aufsteigende Energiezentren im menschlichen Körper, seien Resonanzkörper des heiligen Geistes. Er zeige sich in und an diesen, wolle heilsam sein und Böses verhindern. Der Mensch bekomme diese Wirkungen ganz leiblich zu spüren, er müsse für diese Eingebungen nicht Leib und Seele spalten und sich auf die vermeintlich höhere geistig-seelische Seite beschränken. Wo dies passiere, geschehe wirkliche Ver-Einung und Heilung – in einem selbst. Der Mensch stimmt dann mit sich überein, kann Gott und den Menschen vertrauen.

Und so interpretiert Schoof die Bibel symbolisch und tiefenpsychologisch-interreligiös, man könnte sagen, im Stile eines feministischen Drewermann. Dies ist über weite Strecken erfrischend und erhellend zugleich zu lesen. An einer Stelle geht sie dann noch weiter: „Eigentlich müßten Sozialismus und Glaube keine Widersprüche sein“ (176). Und das hieße ja, daß Körper, Geist und Seele nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich als Einheit zu verorten und fordern sind – und zwar nicht nur im einfach sozialen, sondern letztenendes sozialistischen Sinne. Schoof ist gerade hier durchaus Recht zu geben. Es ist ihre Leistung, aus den unterschiedlichen christlichen Bildern und Motiven eine symbolische und interreligiös unterfütterte Erweiterung kirchlich-biblischer Traditionen und Horizonte sichtbar werden zu lassen. Es gäbe aus theologischer oder philosophischer Sicht durchaus den einen oder anderen Strauß auszufechten, gerade aus der Sicht Martin Luthers oder Karl Barths. Warum sollen diese universalen Grundwissenschaften aber nicht auch einmal etwas von den Humanwissenschaften lernen? Die sozialen Protestbewegungen seit 1968 haben auch dies zu ihrem Programm gemacht – faktisch hat sich seitdem an der Notwendigkeit, hier weiterzuarbeiten, kaum etwas geändert. Insofern ist es ein empfehlenswertes Buch mit auflodernden Leuchtfeuern sowohl für die kirchliche Verkündigung wie für die persönliche Glaubenspraxis. Und das alles längst nicht nur zu Weihnachten!

Renate Schoof, Geheimnisse des Christentums. Vom verborgenen Wissen alter Bilder Ostfildern 2014, 216 Seiten, 19,99 €

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