Den Geist im Netz fangen?

 in Kultur, Roland Rottenfußer
Dichter Novalis: Reduzierbar auf "Fakten, Fakten, Fakten"?

Dichter Novalis: Reduzierbar auf „Fakten, Fakten, Fakten“?

Sinn und Unsinn Digitaler Geisteswissenschaften. Der Plagiatsfall Guttenberg hat es gezeigt: Mit Hilfe moderner computergestützter Suchverfahren können Textvergleiche und andere sonst Philologen vorbehaltene Arbeiten in einer Geschwindigkeit abgewickelt werden, die früher undenkbar war. Archivierung, Zitatsuche sowie alles, was mit Statistik und Quantität zu tun hat, sind beim noch jungen Wissenschaftszweig „Digital Humanities“ gut aufgehoben. Neue Verfahren wie „Korpuslinguistik“ und „Text Mining“ sind auf dem Vormarsch. Aber birgt die digitale Geisteswissenschaft nicht auch Gefahren? Gehen Qualität, Intuition und Emotion – traditionell Stärken der Geistes- gegenüber den Naturwissenschaften – verloren? Werden die „Humanities“ inhuman? (Roland Rottenfußer)

Pansy O’Hara ist eine Romanheldin, die heute keiner mehr kennt. Dabei wäre die Südstaaten-Schönheit um Haaresbreite Teil der Weltliteratur und Filmhistorie geworden. Geschafft hat das dann eine Dame, die mit ihr zumindest den Nachnamen gemeinsam hat: Scarlett O’Hara. Margaret Mitchell hatte die Hauptfigur in „Vom Winde verweht“ usprünglich „Pansy“ nennen wollen. Erst als das Werk schon in Druck war, verfiel sie auf die Namensänderung. Für die Setzer bedeutete das viel Arbeit: An Tausenden von Textstellen mussten die Namen ausgetausch werden. Heute wäre diese Operation eine Sache von ein paar Mausklicks: „Alle ersetzen“. Als PC und Textverarbeitung noch Neuerungen waren, deren Segnungen dem uneingeweihten Volk ausführlich erklärt werden mussten, las ich diese eindrucksvolle Beispielgeschichte in einem Ratgeber für Computer-Anfänger.

Was EDV nicht alles vermag! 25 Jahre später machte ein sehr spektakulärer Fall von „computergestützter Textanalyse“ die Runde: die Guttenberg-Plagiats-Affäre. Mehrere Zeitungen berichteten 2011 anlässlich der Vorgänge, die zum Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers führten, ohne moderne, computergestützte Suchprogramme hätten die Plagiate niemals so gründlich aufgeklärt werden können. Der Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano entdeckte damals mit Hilfe der google-Suchfunktion zunächst neun Übereinstimmung der Doktorarbeit Karl-Theodor zu Guttenbergs mit älteren Quellen. Auf der Seite „GuttenPlag Wiki“, die bald darauf gegründet wurde, fand ein „Schwarm“ interessierter Forscher innerhalb weniger Wochen 1202 Plagiatsfragmente aus 132 Quellen. Auf 324 von 393 Seiten wurden plagiierte Stellen gefunden. Wer auch immer dem „Lügenbaron“ hier etwas ans Zeug flicken wollte, eines scheint klar: Der eigentlich „Königsmörder“ heißt Computer.

Guttenberg – vom Computer zu Fall gebracht

Versetzten wir uns für einen Moment in die „alte Zeit“ zurück und stellen wir uns vor, Texte lägen ausschließlich im Buchdruck, also in nicht-digitalisierter Form vor. Wie viele Seiten, ja welch gewaltige Bibliotheken hätten durchforstet werden müssen, um auch nur ein Plagiat nachzuweisen! Der Einsatz von EDV bei der Arbeit mit Texten hat also mindestens auf zwei Gebieten unleugbar Vorteile: 1. bei der Archivierung und 2. bei der Suche nach Textbruchstücken innerhalb eines sonst unübersehbaren Textkorpus. „Wenn du nach einer Nadel im Heuhaufen suchst, brauchst du einen Heuhaufen“, sagte Jememy Bash, ehemaliger Stabschef des CIA-Direktors, angesprochen auf die Überwachungspraxis der NSA. Du brauchst aber auch eine effiziente Suchtechik. Und die ist heute so weit gediehen, dass die Hochleistungsrechner der Geheimdienste beispielsweise den Email-Verkehr von Millionen Menschen nach Stichworten wie „Terror“ oder „Bombe“ absuchen können. Soviel zur Relevanz und Aktualität unseres Themas.

Der Computer als Werkzeug der Wissenschaft kann mittlerweile viel, was den Erkenntnisgewinn, ja sogar den Unterhaltungswert von Forschung erhöht. Per Computerprogramm können Paläontologen z.B. das Aussehen von Dinosauriern aufgrund von Knochenfunden rekonstruieren. Das Ergebnis ist ein fast realistisch aussehender Urzeit-Riese. Ganze antike Städte können am Computer wiederstehen – aufgrund von Mauerresten und unzähligen Forschungsdaten, etwa über die Architektur der Epoche. In Museen kann man heute durch längst untergangene Städte reisen. Ich selbst ging etwa im alten Alexandria spazieren (Ausstellung „Alexander der Große“ in Rosenheim) oder in Burgen, die nie in der Realität gebaut wurden (Ausstellung „Ludwig II“ in Herrenchiemsee). Reizvoll ist auch die grafische Darstellbarkeit langfristiger Entwicklungen: der Bevölkerungszahlen, der Erderwärmung oder der Regenhäufigkeit in bestimmten Regionen. Was aber haben Computer in der Geisteswissenschaft zu suchen – sieht man mal davon ab, dass sie zählen können, welche Worte in einem Text statistisch am häufigsten verwendet werden?

Novalis im digitalen Würgegriff

Digitale Geisteswissenschaften oder „Digital Humanities“ umfassen eine Vielzahl relativ neuer Formen der Anwendung von computergestützten Verfahren in der Kultur- und Geisteswissenschaft. Die Fachorganisationen, konzentriert auf die westliche Hemisphäre, sind heute in der „Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO)“ zusammengefasst, die regelmäßig Publikationen und Forschungsergebnisse veröffentlicht. Die Anwendungsbereiche umfassen eine Reihe illustrer und natürlich akademisch klingender Disziplinen. Etwa das „Text-Mining“. Gemeint ist ungefähr: das computergestützte Aufspüren und Zueinander-in-Beziehung-Setzen von Textdaten. Ebenso die „Korpuslinguistik“, das Sammeln und Ordnen von sprachlichen Äußerungen nach bestimmten vom Forscher bestimmten Kriterien. Eine von unzähligen möglichen Fragestellungen der Korpuslinguistik wäre: „Kommt es in Texten von E-Mails öfter zu Schreibfehlern als in traditionellen Briefen?“ Es geht also um Phänomene der real beobachtbaren Alltagssprache in der Sprachwissenschaft (Linguistik).

Literaturwissenschaftler freuen sich vor allem über die Möglichkeit digitaler Texteditionen. Die Segnungen dieses Wissenschaftszweigs kann vor allem derjenige ermessen, der schon einmal in „Historisch-kritische Editionen“ bekannter literarischer Werke hineingeschaut hat. Z.B. würde ein historisch-kritisch editiertes Novalis-Gedicht neben dem Haupttext in unzählige Verzweigungen, Anmerkungen und Fußnoten zerfallen, in denen u.a. ältere Versionen des Gedichts dokumentiert sind, die der Autor eigentlich eben nicht in der Schlussversion haben wollte. Wer am schöpferischen Prozess der Werkentstehung interessiert ist, für den können Rohfassungen und literarische „Outtakes“ durchaus ihren Reiz haben. Man denke etwa an Goethes „Urfaust“. Das Problem ist nur: Im Print sind historisch-kritische Ausgaben fast unlesbar, da man den Haupttext in einem Wust von literaturhistorischem Beiwerk kaum mehr finden kann. In digitalen Fassungen können solche Probleme wesentlich eleganter gelöst werden. Der Haupttext bleibt intakt, per Mausklick kommt man mühelos zu älteren Textfassungen, Fußnoten, Quellenverweisen und anderen bibliografischen Angaben. Der Lesevorgang wird somit interaktiver. Der Lesende wird vom Autor nicht mehr „an der Hand genommen“ und im Text von A nach B geführt; er entscheidet selbst, welcher Verzweigung im multidimensionalen Textkorpus er wann folgen will.

Das Problem der Langzeitarchivierung

In den Digitalen Geisteswissenschaften gibt es kaum etwas, was wirklich einfach ist. Meist wird ein Fremdwort mit Hilfe von drei andere definiert. Nach dem Motto „Sag es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet“ (Goethe), ist der Wissenschaftszweig in fast esoterischer Weise dagegen abgeschottet, von Uneingeweihten verstanden zu werden. Vergleichsweise nachvollziehbar ist mit Sicherheit die digitale Langzeitarchivierung. Sie ist ein Versuch, mit Hilfe der Computertechnologie Probleme zu lösen, die teilweise erst durch dieselbe heraufbeschworen wurden. Schriften, die auf Keramiktafeln eingeritzt wurden, können mindesten 5000 Jahre überdauern, Bücher auf säurefreiem Papier mehrere hundert Jahre, CDs 50-80 Jahre (hat jemand eine 80 Jahre alte CD?), Festplatten für den Archivgebrauch nur 10-30 Jahre. Man muss hierzu sagen, dass Produktion und Handel bekanntlich nicht von Wertbeständigkeit profitieren, sondern von raschem Verschleiß, der von Nutzern in möglichst rascher Folge Neukäufe erpresst. So könnte auf Diskette archiviertes Textmaterial in ein paar Jahren so schwer lesbar sein, wie Omas VHS-Kassetten nicht mehr auf dafür geeigneten Geräten abspielbar sind. Das Problem soll einerseits durch die Wahl relativ langlebiger Speichermedien, andererseits durch „Konversionsroutinen“ gelöst werden, mit deren Hilfe der gespeicherte Content den immer wechselnden Formaten und Trägermedien angepasst wird.

Zur Verschmelzung der Geisteswissenschaften mit der EDV möchte ich aber noch etwas Grundsätzliches sagen: So hilfeich die Digitalisierung auf vielen Feldern sicher ist – ich konstatiere auch ein fast wahnhaftes Bedürfnis, alle Lebensbereiche mit Computern in Verbindung zu bringen, um ihnen einen modernen Anstrich zu geben. Ein ausgeprägter Innovations-Opportunismus drückt sich darin aus, der dazu führt, dass eine ergebnisoffene Nützlichkeitsprüfung gar nicht mehr stattfindet, sobald die sakrosankten Stichworte „Computer“ oder „digital“ ins Spiel kommen. In „meiner“ Wissenschaft, der Germanistik, konnte ich ein Phänomen feststellen, das ich als Minderwertigkeitskomplex der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften bezeichnen würde. In der Literaturwissenschaft sind empirische Beweise weitaus schwerer zu erbringen. Vieles bleibt im Bereich von Ahnung, Gefühl und Intuition – rechtshemisphärischen, „weiblichen“ Werten, wenn man so will. Das versuchten Germanisten fast verzweifelt durch einen Fachbegriff-Overkill und eine schon aufdringlich rationale, staubtrockene Herangehensweise zu kompensieren.

Der Minderwertigkeitskomplex der Geiteswissenschaften

Ein Beispiel für „Vernaturwissenschaftlichung“ ist die so genannte „Strukturale Textanalyse“. Ich habe als Student erlebt, wie etwa Wagners „Ring des Nibelungen“ mit Methoden der „quantitativen Analyse“ zerlegt wurde. Zum Beispiel wurde abgezählt, wieviel Prozent des Personals Frauen, wie viele Männer waren. Dies war dann als Tortengrafik darstellbar. Ich habe erfahren, wie in Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ die Liebenden vom „semantischen Feld Nicht-Kuss ins semantische Feld Kuss“ überwechselten. Geisteswissenschaftler wollen so beweisen, dass auch sie an Beweisbarem interessiert sind. Leider ist, wenn es um Kunst geht, das Unzweifelhafte eher irrelevant, das Relevante niemals unzweifelhaft. Schönheit, Klang, Stimmung, Be-Deutung – alles bleibt eher verschwommen, bleibt abhängig vom Rezipienten und dessen mitschöpferischer Eigenleistung.

Geisteswissenschaft entzieht sich ihrem Wesen nach dem Markwort-Stakkato: „Fakten, Fakten, Fakten“. Sie ist sie ein interaktiver Sinngebungs- und Sinnfindungsprozess – ein schöpferischer Dialog zwischen dem Interpreten und dem Interpretierten, ohne eine „endgültige Wahrheit“ als Abschluss und Ziel. Freilich muss dann der Wissenschaftsbegriff auf den Prüfstand. Wie schon bei der Wirtschaftswissenschaft, die ja heute eher Offenbarungsinhalt einer neoliberalen Glaubensgemeinschaft ist. Vielleicht ist es dann eben nicht mehr Literaturwissenschaft oder Musikwissenschaft, sondern ein Form strukturierter Betrachtung von Kultur unter Einbeziehung beider Gehirnhälften, die jederzeit die Grenzen menschlicher Erkenntnismöglichkeiten im Blick behält.

Die Diktatur der Quantität

Meine Vision wäre eine selbstbewusste Geisteswissenschaft, die sich der vorhandenen technischen Verfahren bedient, wo sie nützlich sind, die diese beherrscht, sich aber nicht von ihnen beherrschen lässt. Die zur Stabilisierung ihres Selbstbilds nicht nach den Naturwissenschaften schielt, die sich traut, sie selbst zu sein statt eine schlechte Imitation von Mathematik oder Physik. Zahlen sind nützliche Hilfsmittel, sie haben aber auch die Tendenz, einen erkaltenden Einfluss auf die Seele auszuüben, Dinge auf ihren quantitativen Aspekt zu reduzieren, zu zählen statt Wert zu erspüren, zu zergliedern, statt zusammenzuführen. Die, um die es eigentlich gehen sollte, die Dichter, hatten häufig eine instinkte Aversion gegen das rein Quantitative. Etwa Novalis in diesem bekannten Gedicht:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

www.dig-hum.de/digitale-geisteswissenschaften

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