Der Horror vor dem Handelskrieg

 In Allgemein, FEATURED

Ganz Europa erbebt momentan aus Furcht vor einem möglichen Handels-Weltkrieg. Dabei zeigen Berechnungen, dass selbst im schlimmsten Fall die Wirtschaftsleistung nur um ein halbes Prozent sinken würde. Und auch das ist Spekulation, denn wer weiß schon so genau, wie stark die Wirtschaft ohne Handelsquerelen mit den USA wachsen würde. Für Deutschland würde das lediglich bedeuten, dass die Handelsbilanzüberschüsse, mit denen das Land andere Staaten lange gequält hat, etwas zurechtgestutzt würde. (Egon W. Kreutzer, egon-w-kreutzer.de)

Lagarde, aristokratisch-weißhaartragende Gallionsfigur des Internationalen Währungsfonds, der Ökonomie-Division der immer noch die Welt einnehmen wollenden Chikago Boys, hat, so heißt es, beim G-20-Gipfel in Buenos Aires „konkrete Zahlen“ vorgelegt.

Lachkrampf!

Würden alle inzwischen angekündigten Straf- und Schutz-Zoll-Maßnahmen tatsächlich umgesetzt, dann werde das die globale Wirtschaftsleistung um bis zu einem halben Prozentpunkt reduzieren. So Lagarde in der Formulierung der „junge(n) Welt“ (kommt nicht aus dem Springer-Verlag!).

Die richtige Springer-WELT zitiert Lagarde korrekt. Gesagt hat sie nämlich:

„Im schlimmsten Falle könnte das weltweite Wirtschaftswachstum um einen halben Prozentpunkt niedriger ausfallen.“

Das soll nun konkret gewesen sein, liebe junge Welt?

Erneuter Lachkrampf.

Lagarde musste ihren Senf dazugeben und hat -lalala – mal eben eine kleine Zahl in die Luft gesetzt, die keinerlei Substanz hat.

„Im schlimmsten Fall“, liebe Leser, kann hinter dieser Ankündigung jedes Horror-Szenario ausgemalt werden, ohne dass dafür auch nur ein einziger Beweis zu erbringen ist.

Im schlimmsten Fall kann man sich beim Rasieren das Genick brechen.

Erstaunlich ist, und das muss herausgestellt werden, dass der IWF die Auswirkungen aller bisher angedrohten Strafzölle mit maximal und im schlimmsten Fall nur 0,5 Prozentpunkten Wirschaftswachstum angibt.

Das würde voraussetzen, dass das Wirtschaftswachstum bereits bekannt ist. Diese Voraussetzung ist aber nicht gegeben. Nicht gesagt – oder zumindest nicht überliefert – wurde auch, in welche Zeitraum dieser schlimmste Fall eintreten und Bestand haben würde.

Im Grunde hat Lagarde, entgegen dem offiziellen Text, den sie vorgetragen hat, zum Ausdruck gebracht: Macht nur mal. So schlimm wird’s schon nicht werden.

Und nun zur Frage, wie sich Zölle tatsächlich auswirken:

Hier muss vorausgeschickt sein, dass es darauf leider, oder auch gottseidank, keine eindeutige Antwort gibt. Es kommt immer darauf an, wer in der jeweiligen Situation welche Reaktionsmöglichkeiten hat und welche er wählt.

Beginnen wir beim Auslöser des Zollgefechts, den USA. Hier steht der politische Wille im Vordergrund, importierte Arbeitslosigkeit wieder zu exportieren, also die eigene Wirtschaft in jenen Bereichen des Marktes, die von ausländischen Herstellern dominiert werden, unter dem Schutz der Zölle wieder aufleben zu lassen. Zugleich geht es darum, die Auslandsschulden der USA zumindest langsamer anwachsen zu lassen, um sie, eventuell in ferner Zukunft sogar durch eigene Exportüberschüsse abschmelzen zu können.

Die bereits verabschiedeten und die weiter angekündigten Schritte dazu werden einerseits nicht verhindern, dass Produkte, die in Bezug auf Qualität und know how nur aus dem Ausland bezogen werden können, wie z.B. einige Spezialstähle, für die Importeure teurer werden. Vielleicht nicht ganz so viel teurer, wie der Zolltarif vermuten ließe, weil u.U. die konkurrierenden Exporteure im Kampf um die Reste des Marktes mit Preisnachlässen operieren.

Zudem muss zwingend berücksichtigt werden, dass die Erträge der Zölle dem US-Haushalt zur Verfügung stehen, der diese auf jede erdenkliche Weise zur Subventionierung der heimischen Wirtschaft verwenden kann. Das beginnt mit Lohnzuschüssen für neu einzuarbeitende Mitarbeiter in neuen oder zu erweiternden Produktionsbetrieben und hört bei steuerlichen Sonderregelungen noch lange nicht auf.

Unter dem Strich betrachtet muss der erhobene Einfuhrzoll nur dann bei den Endkunden ankommen, wenn der Staat das will – was er nicht wollen wird – oder wenn die Wirtschaft mit dem Argument „Zoll“ Preisherhöhungen durchsetzt.

Waren die Maßnahmen klug vorbereitet wird sich im Ergebnis also tatsächlich ein positiver Effekt für die Beschäftigung in den USA ergeben. Das heißt: Es werden mehr Löhne bezahlt, der Konsum springt an. Der Arbeitslose, der sich bis dahin keine Harley Davidson leisten konnte, bekommt als Beschäftigter von seiner Bank aber den Kredit, den er dafür benötigt. Und wenn es nicht um die Harley geht, sondern nur um die Wochenration Jack Daniels, die er sich vorher nicht leisten konnte: Ein Teil der „Gegenzölle“ verpufft wirkungslos, weil die vorher im Binnenmarkt mangels Kaufkraft nicht absetzbaren Waren nun, dank Aufschwung im Binnenmarkt, ihre Käufer finden.

Sicherlich funktioniert das nicht vom ersten Tag 1 : 1. Schließlich müssen wesentliche strukturelle Veränderungen in Produktion und Handel die Substitution der Importe durch Eigenproduktion erst ermöglichen. Darüber könnten sogar bisher exportorientierte Wirtschaftszweige zerbrechen, doch die Umstellung vom Netto-Importeur zu einer Volkswirtschaft mit ausgeglichener Handelsbilanz kann – wenn die Politik stabil auf dieses Ziel hinarbeitet – innerhalb von drei Jahren mit immer geringerem Knirschen des Sandes im Getriebe bewältigt werden.

Für die USA, isoliert betrachtet, wird also, wenn Trumps Rechnung aufgeht, höchstwahrscheinlich eine Steigerung des Wachstums zu verzeichnen sein.

Nun betrachten wir China. China hat einen riesigen, weitgehend ungesättigten Binnenmarkt, China hält US-Bonds als Devisenreserven, die ungeschickt bewegt, eine Weltwährungskrise auslösen könnten, China hat riesige Goldreserven angesammelt und das alles, weil es sich mit Billiglöhnen und niedrigen Umwelt- und Arbeitsschutz-Standards zur Werkbank der halben Welt gemacht hat. Im Grunde hat es China gar nicht mehr nötig zu exportieren.

Alles, was das Ausland wegen protektionistischer Maßnahmen nicht mehr abnimmt, kann ohne Schwierigkeiten auch vom heimischen Markt aufgenommen werden. Ein kleines bisschen Soziale Marktwirtschaft, ein behutsames, aber ausreichendes Anheben der Löhne und schon ist der wirtschaftliche Riese auch eine gigantische Wohlstandsmaschine für die eigene Bevölkerung.

Auch hier wird es struktureller Anpassungen bedürfen, doch letztlich ist China besser dran als es die USA sind. Die Kapazitäten sind vorhanden, gut ausgelastet, nun muss nur der Output umgelenkt werden und schon ist das Ärgste überstanden. Weil steigende Löhne und steigende Preise nach und nach auch auf die BIP-Ermittlung durchschlagen, sollte sich in China zumindest rechnerisch ein Wirtschaftswachstum ergeben, und das nicht nur in den Exportbranchen.

Bleibt Europa, und in Europa, wenn die Zölle auf Automobile und Zulieferteile fällig werden, Deutschland als Hauptbetroffener.

Die Wirtschaft wird versuchen, durch weitere Produktionsverlagerungen in die Absatzmärkte die Zölle zu umgehen. Damit wird Arbeitslosigkeit importiert. Der Binnenmarkt kann die für den Export produzierten Automobile nicht aufnehmen. Gleiches gilt im Bereich Maschinenbau. Die weniger komplexen Consumer-Erzeugnisse der Elektro-Industrie werden heutzutage sowieso schon überwiegend im Ausland gefertigt – und die hochkomplexen importieren wir aus den USA, aus Japan, zum Teil auch schon aus China.

Der uns verbleibende EU-Binnenmarkt wäre ein Trost, ginge es nicht allen weiteren Mitgliedsstaaten wirtschaftlich schlechter als uns. Werden auch sie noch von Zöllen getroffen, wird ihr Budget für den innergemeinschaftlichen Handel ebenfalls schrumpfen.

Kurz: Die Zölle treffen Deutschland. Wir werden diejenigen sein, bei denen der Löwenanteil der schlimmstenfalls 0,5 %-Welt-BIP einschlagen, und das sind eben so ungefähr 400 Milliarden US-Dollar – und nun raten Sie mal, wie hoch der Exportüberschuss Deutschlands im letzten Jahr war.

287 Milliarden Dollar stehen auf der Habenseite der deutschen Leistungsbilanz.

Schlimmstenfalls brechen unsere Exporte also noch ein bisschen weiter ein, wobei die Importe nicht wesentlich gedrosselt werden können. Wir brauchen Öl und Gas – und da befinden sich die Preise im Aufwärtstrend. Wir sind in Bezug auf die Lebensmittelversorgung nicht autark und müssen zukaufen, und wenn wir in den Mode-, Spielwaren- und Elektronikgeschäften alles aus den Regalen räumen, was nicht in Deutschland produziert wurde, bleibt außer den Polo-Shirts aus Burladingen kaum etwas übrig.

In Bezug auf Währungsreserven und Goldbestände sehen wir gegenüber China arm aus, was die Chancen auf einen Strukturwandel nicht wirklich verbessert. Den deutschen Banken geht es nicht gerade gut, auch wenn die Deutsche Bank kürzlich eine Gewinnsteigerung verkünden konnte.

Das Land ist hinten und vorne zubetoniert – und wo noch kein Beton die Fläche bedeckt, stehen die (wichtigen und richtigen) Verbotsschilder der Natur und Landschaftsschützer.

Mit unserer im Vergleich der westlichen Industrienationen extrem hohen Bevölkerungsdichte fehlt uns für ein Wachstum von innen heraus inzwischen auch der Platz, und von Sozialleistungen für Flüchtlinge lässt sich das BIP auch nicht steigern, weil das Geld nicht gleichzeitig zweimal ausgegeben werden kann.

Wir stehen zwar gerade vor eine extremen Hitzewelle, weshalb meine Empfehlung einigermaßen paradox klingen mag, doch ich kann nichts anderes sagen als:

Zieht euch warm an!

Die eierlegende Wollmilchsau Deutschland wird zur Ader gelassen. Früher hielten Ärzte das bei den meisten Krankheiten für eine wirksame, oft für die einzige Therapie. Heute ist man eher davon abgekommen.

… und mit wehmütigem Blick schaute das Volk in Richtung Russland, wohin man gerne exportieren möchte, wo sich auch sofort Abnehmer finden ließen, weil aber der große Bruder das nicht mag, und selbst die Mutti nicht mehr wagt, ihm zu widersprechen, werden bald einige die vollkommen neue Erfahrung machen, dass man den Kitt von den Fensterscheiben kratzen und essen kann. Allerdings sind moderne Schallschutz- und Wärmeisolier-Fenster der fünfundzwanzigsten Generation seit Ausbruch des Klimawandels vollständig kittfrei. Dumm gelaufen.

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