Der Mönch in den Songs (2/2)

 In Kultur, Spiritualität, Thomas Quartier

Bruder Thomas Quartier

Spiritualität in Lied und Leben Bob Dylans. Ein „amoralische Moralist und Märtyrer, der aufbegehrt gegen den universalen Verblendungszusammenhang von Macht, Korruption, Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit“ – so wurde Bob Dylan beschrieben. Dem vielleicht wirkungsmächtigsten Songwriter des 20. Jahrhunderts wurden viele Etikette aufgeklebt: Rebell, Poet, Sonderling. Aber ein „Mönch“? Um die Denkweise von Bruder Thomas Quartier, selbst Mönch eines niederländischen Klosters, nachzuvollziehen, muss man einmal vom Modus des Stationären und Zölibatären absehen und andere Eigenschaften des Sängers ins Auge fassen. Der Autor nennt ihn einen „heiligen Outlaw“. Immer in Bewegung befindlich („wie ein rollender Stein“), löst er sich aus gesellschaftlichen Zusammenhängen, erprobt dauerhafte Statuslosigkeit und öffnet sich so für das Transzendente. (Thomas Quartier osb, erster Teil dieses Artikels hier.)

2. Horizont: das Ende der Aufruhr

Wie kann man nun die heilige, abgesonderte Lebensform, die sich im „Kloster der Songs“ realisiert, noch mit dem politischen Aktivismus der sechziger Jahre verbinden, deren Aushängeschild Bob Dylan war? Erinnern seine alten Lieder nicht eher an jemanden, der heiligen Aufruhr predigt als an einen Mönch? Ruft Dylan nicht dazu auf, das Alte hinter sich zu lassen und den Aufstand zu proben? Sein berühmter Song „The times they are a-changin“, eine Hymne von 1964, gleicht einem Pamphlet für die Revolte und scheint kaum geeignet für klösterlichen Gehorsam. Was entdeckt man aber, wenn unter die Oberfläche des Songs schaut? Was sind jene veränderlichen Zeiten?

The line it is drawn, the curse it is cast,
the slow one now will later be fast,
as the present now will later be past.
The order is rapidly fadin’
and the first one now will later be last
for the times they are a-changin’.

Vielleicht geht es dem Sänger gar nicht primär um eine politische Revolution. Besingt er nicht vielmehr das eschatologische Ende der Zeit, das zu einer radikalen Lebensweise nötigt? Der Text klingt dabei übrigens biblisch: die Letzten werden die Ersten sein, wenn das Reich Gottes anbricht. Der Moment (kairos) ist nahe, und man tut gut daran, sein Leben zu ändern. Das erfordert einen radikalen Lebensstil, den die Ichperson verkörpert. Detering sagt dazu: “Der Sänger steht als Prophet an der Straßenecke, fordert die Passanten zum Stehenbleiben auf und verkündet die unmittelbar bevorstehende Zeitenwende. So zielsicher und mitreißend Dylan einer in der Luft liegenden Stimmung Stimme und Sprache gibt, so distanziert bleibt er doch als Beobachter einer sündhaften Welt.”

Dylans Aussagen werden daher stets von einer Aura des Nichtwissens geprägt. Eine poetische Vagheit, ja Naivität umgibt sie. Ein schönes Beispiel dafür ist das noch bekanntere und völlig unprätentiöse Lied, das in Jugendgottesdiensten in den sechziger und siebziger Jahren genauso oft erklang wie bei politischen Demonstrationen:

How many time must a man look up – before he can see the sky?
Yes, ‘n’ how many ears must one man have – before he can hear people cry?
Yes, ‘n’ how many deaths will it take till he knows – that too many people have died?
The answer is blowing in the wind.

Die Antwort auf die großen Fragen des Lebens liegt nicht auf der Hand. Sie ist nur in Visionen zu finden, die nicht von dieser Welt sind. Wer in diesem Lied auf eine einfache Botschaft hofft, wird enttäuscht. Der Dichter lässt sich vom Propheten Ezechiel inspirieren:

Menschensohn, du wohnst mitten im Haus der Widerspenstigkeit, das Augen hat, um zu sehen, doch sie sehen nicht, das Ohren hat, um zu hören, doch sie hören nichts, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit. Doch du, pack dir Gepäck für die Verbannung und geh bei Tag vor ihren Augen weg (Ez. 12,2-3).

Die Weisheit, die der junge Poet sucht, ist im Exil zu finden, mit dem Wind. Nur dort sieht und hört der Mensch offen, mit Herz und Seele. “Für Dylan sind geistige Kräfte denen der Materie überlegen und werden es auch immer bleiben”, so fassen Margotin und Guesdon die spirituelle Suche des Protestsängers zusammen, die das Bild des Windes suggeriert.

Das prophetische Leben, das sich schon am Anfang des öffentlichen Auftretens Dylans andeutet, sorgt dafür, dass die Selbstvergessenheit des Sängers im Dienste einer nie ganz greifbaren Wahrheit steht. Um diese Wahrheit zu kennen, braucht man Menschen, die ihr ganzes Leben in ihren Dienst stellen. Wieder kann man hier eine implizite Parallele zum monastischen Leben erkennen. Der „prophetische Charakter der monastischen Lebensform“ (Enzo Bianchi) verbirgt sich nicht hinter Statements zum öffentlichen Leben. Diesen Statements verweigerte Dylan sich – anders als viele meinen – schon zu Beginn seiner Laufbahn, so sehr man auch versuchte, ihn in die Rolle des Protestsängers zu drängen. Auf seinen Tournee 1966 rebellierte das Publikum, da es Protestlieder erwartete, die Dylan scheinbar nicht sang. „Das alles sind Protestlieder”, entgegnete der Sänger und fuhr in seinem Repertoire fort.

In einem „prophetischen Leben“ ist das Lied ein Zweck an sich: es wird gesungen, weil die Zeit der Erfüllung nahe ist. Der eschatologische Horizont des Sängers gibt gerade im Lichte des uralten Gesangs der Mönche zu denken, der ebenfalls einen Moment von Ewigkeit in sich trägt.

3. Gottesbild: nah und doch so fern

Bob Dylan hat in seinem Leben verschiedene religiöse Phasen durchlaufen, jüdisch wie christlich. Die Suche nach einem Gottesbild ist in seinen poetischen Songtexten ständig präsent. Biblische Referenzen und Anspielungen auf die jüdisch-christliche Tradition durchziehen sein Oeuvre. Daraus ergibt sich ein buntes Kaleidoskop von Sichtweisen und Inspirationen, manchmal auch Desillusionierungen. Aber gerade die Vielgestaltigkeit zeichnet Dylans Gottesbild aus. “Er ist ein ruheloser Pilger, der nicht davor zurückschreckt, zu orthodox jüdischen Gemeinschaften zu gehören und gleichzeitig über Tod, Auferstehung und Wiederkunft Jesu zu singen”, schreibt Scott Marshall.

Der konstante Faktor auf dieser Pilgerreise ist wie schon gesagt das „Suchen nach Gott“ (vgl. RB 58,7), und zwar als permanenter Zustand. Diese ausdrücklich religiöse Seite des Sängers erschließt eine Bedeutungsdimension in seinem Liedrepertoire, die wiederum monastische Assoziationen zulässt. Denn wodurch zeichnet sich das Gottesbild Dylans aus? Gott ist nah und doch so fern, Anwesenheit und Abwesenheit Gottes wechseln sich ständig ab. In seiner christlichen Periode singt er:

I gaze into the doorway of temptation’s angry flame
and every time I pass that way I always hear my name.
Then onward in my journey I come to understand
that every hair is numbered like every grain of sand.

In diesem Lied aus dem Jahr 1981 jubelt der Dichter über den neu angenommenen Glauben, über den Pfad, auf dem er in Gottes Gegenwart wandeln darf. Die ruhige Freude dieses Songs brachte Bono Vox, den Sänger der irischen Musikgruppe U2, gar dazu, den Vergleich mit den “den großen Psalmen Davids“ nicht zu scheuen. Dylan selbst sagt über den Text, dass er ihm „geschenkt“ wurde. Allen Verlockungen und Verführungen zum Trotz befindet der Sänger sich auf dem rechten Pfad, in Gottes Nähe. Sein ganzes Leben ist von diesem Lobpreis durchdrungen. Wenn er nur konsequent bleibt, beginnt er zu „verstehen“, dass sein Leben in Gottes Hand ist. Er hört sogar als Antwort auf die großen Lebensfragen, die jeder Mensch stellt, „seinen Namen“. Die Suche führt zu einem Gefühl der Geborgenheit in Gott.

Das ist jedoch nicht die einzige Gotteserfahrung Dylans. Der Barde fühlt sich in einer späteren Lebensphase zunehmend verlassen. Die Kälte und Starrheit des Lebens machen die Suche schwierig, zuweilen unmöglich. Im eindringlichsten Lied seiner berühmten Comeback-CD „Time out of Mind“ aus dem Jahr 1997 bringt der Dichter jene dunklen Gefühle zum Ausdruck:

I was born here and I’ll die here against my will.
I know it looks like I’m moving, but I’m standing still.
Every nerve of my body is so vacant and numb.
I can’t even remember what it was I came here to get away from.
Don’t even hear a murmur of a prayer.
It’s not dark yet, but it’s getting there.

Die Zeit steht in diesem Lied still. Was manchmal ein seliger Zustand sein kann, wird hier zu einem fast tödlichen Stillstand. Der Dichter spürt, so der Philosoph Jürgen Goldstein, dass sein eigener Tod naht, und das lässt die religiöse Stimme verstummen: “Er hat aufgehört, ein Resonanzraum für die religiöse Wirklichkeit zu sein”. Er, der stets auf der Suche war, antizipiert Ende und Dunkelheit. In dieser hoffnungslosen Situation kann „kein Gebet mehr erklingen“. Das Lied ist die Klage eines Sängers, der sich scheinbar mit einer Existenz abfindet, die keine Perspektive hat. Ist es aber tatsächlich so, dass Dylan dadurch sein religiöses Engagement verloren hat, wie Goldstein meint? Man könnte in seiner Erfahrung auch eine Variante jener „dunklen Nacht“ sehen, die in der mystischen Tradition allgegenwärtig ist. Die Klage über das „Schweigen Gottes“ und das Verstummen des Betenden – all das sind Motive, die auch in den Psalmen vorkommen, im Gebet, das auch Mönche Tag für Tag auf den Lippen haben. Ohne Klage kommt man nie zum echten Lobpreis. Ohne Gottes Abwesenheit keine Nähe. Es kommt darauf an, den Gesang und das Gebet fortzusetzen, durchzuhalten.

Auch Dylan hat weitergesungen. Ausgerechnet mit den düsteren Liedern aus dem Jahr 1997 begann eine neue Phase in seinem Werk, die bis auf den heutigen Tag andauert. Die Erfahrung eines abwesenden Gottes kann Ruhe auf den Lebensweg bringen – eine Ruhe, die Offenheit schafft. Der Dichter lebt dadurch immer mehr in seinen Songs. Es ist ihm offenbar gelungen, die Dunkelheit positiv zu deuten. Jahrzehntelang entlehnte er seine dynamische Ausstrahlung radikalen Kehrtwenden. Ein ums andere Mal wurde er zum Messias ausgerufen und kurz darauf als Judas verdammt. So geschah es: als der Held der amerikanischen Folkmusik seine Gitarre unerwartet an einen elektrischen Verstärker anschloss; als der Wortführer der Protestgeneration sich mit seiner Familie in ein kleines Häuschen auf dem Land zurückzog, um ein bürgerliches Leben zu führen; als der ewige Zweifler sich plötzlich berufen fühlte, christliche Texte mit missionierendem Tonfall zu schreiben; oder als er – allen Kommentaren zum Trotz – einige seiner Lieder für Papst Johannes Paul II in Rom sang.

Vielleicht geht es hier um Kehrtwenden, die ein höchst kreativer Mann auf seinem Weg zu sich selber vollzog – und noch immer vollzieht? Denn Dylan kehrt 2017 in gewissem Sinne zu seinen Anfängen zurück und veröffentlicht ein Album mit Liedern, die der amerikanischen Volksmusik entstammen. Die Fachwelt ist erneut erzürnt. Man hatte etwas anderes erwartet. Seiner Ruhe tut dies keinen Abbruch mehr. Im Stillstand hat er das Schweigen Gottes erfahren. Könnte das nicht ein Anfang für ein ständiges monastisch anmutendes Gebet sein, wie wir es heute von ihm hören? Man denke an die Passage in der Regel Benedikts: “Wir sollen wissen, dass wir nicht erhört werden, wenn wir viele Worte machen, sondern wenn wir in Lauterkeit des Herzens und mit Tränen der Reue beten” (RB 20,3). Der Mönch findet sein Gleichgewicht in der Grauzone zwischen der An- und Abwesenheit Gottes – so wie der Barde.

4. Bekehrung: Demut

Wir können Bob Dylan kaum im monastischen Spiegel betrachten, wenn wir zu guter Letzt nicht auch die Bekehrung, die er vollzogen hat, gesondert thematisieren. Der Künstler mahnte sich selbst zur Demut, und das in einer Zeit, als das so gar nicht dem Zeitgeist entsprach. Wie schon die alten Wüstenmönche wollte er „fremd in der Stadt“ (Michael Casey) sein. Ein Songtext ist dabei am monastischsten von allen, und zwar „Gotta Serve Somebody“ aus dem Jahr 1979. In diesem Gedicht macht er mit seinem Leben als Rock-Idol kurzen Prozess, denn es diente lediglich seinem Ego. Er bezog sich dabei wieder einmal auf biblische Texte, die auch Mönchen wie Musik in den Ohren klingen. Lesen wir dazu im Buch Josua:

Fürchtet also jetzt dem Herrn und dient ihm in vollkommener Treue! […] Wenn es euch aber nicht gefällt, dem Herrn zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt. […] Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen (Jos 24,14-15).

Und der Evangelist Matthäus schreibt: „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnte nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt. 6,24). Dylan bezieht diese biblische Botschaft auf sich selber. Er will die richtige Entscheidung treffen und sein Leben in den Dienst jenes Höheren stellen, der sich all seinen Projekten entzieht:

You may be an ambassador to England or France.
You may like to gamble, you might like to dance.
You may be the heavyweight champion of the world.
You may be a socialite with a long string of pearls.

But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed
you’re gonna have to serve somebody.
Well, it may be the devil or it may be the Lord
but you’re gonna have to serve somebody.

Diese dienende Haltung weckte Verwunderung und Ablehnung. John Lennon, Weggefährte in der Popkultur, reagierte mit dem Text “Serve yourself”. Dieser Rat passte auf den ersten Blick auch besser zu einem modernen Massenidol. Aber der Suchende Dylan wollte den radikalen Schritt hin zu einer religiösen Bekehrung tun (metanoia), um seine Lebensweise in seinen Songs noch mehr vertiefen zu können. Das erfordert eine Form von Selbstverleugnung, die sogar den eigenen Willen loslässt.

Der Bezug zur monastischen Tradition ist nun zum Greifen nahe: “Die erste Stufe der Demut: Der Mensch achte stets auf die Gottesfurcht und hüte sich, Gott je zu vergessen” (RB 7,10). Der Mönch muss dem Herrn dienen und sich dazu immer wieder klar bekennen. Ansonsten würde er kaum durchhalten können, dass er seinem eigenen Willen nicht folgt: „Die zweite Stufe der Demut: Der Mönch liebt nicht den Eigenwillen und hat deshalb keine Freude daran, sein Begehren zu erfüllen“ (RB 7,31). Indem der heilige Outlaw in der Mitte seiner Songs lebt und das Heft der Musik und des Lebens in Demut aus der Hand gibt, wird es ihm möglich, einen authentischen religiösen Weg zurückzulegen. Darum wird er zuweilen mit einem Pilger verglichen, wie bereits erwähnt. Für Dylans spätere Phase ist das Bild des Mönchs mindestens genauso passend. Die fragile Stabilität des heiligen Outlaw, der wie kein anderer das neue Zeitalter ankündigt und dabei Gottes Gegenwart und Abwesenheit erfährt, inspiriert im monastischen Spiegel auf eine zutiefst menschliche spirituelle Art und Weise.

Das Nobelpreiskomitee wird sicher andere Motive gehabt haben, um Bob Dylan zu küren, als unsere monastischen Assoziationen. Vielleicht tat den Mitgliedern ihre Wahl auch schon leid, als sie merkten, dass die Welt des Geehrten sich nicht wirklich änderte, als er zum ersten singenden Gewinner erkoren wurde. Könnte unser monastischer Spiegel nicht dazu beitragen, das scheinbare Desinteresse Bob Dylans besser zu verstehen? Der Sänger wollte dienen, und zwar nirgendwo anders als in seinen Songs. Also stand er am Abend der Preisverleihung in seinem Kloster: auf einer Bühne irgendwo auf der Welt. Gott hat ihm im Laufe seiner Laufbahn ganz verschiedene Gesichter gezeigt. Aber er kam immer in den Songs zum Klingen, manchmal als der große Abwesende, manchmal auch nicht. Und Bob Dylan? Er tat und tut, was er schon immer getan hat: dichten und singen.

Thomas Quartier OSB (*1972) ist Mönch der Abtei St. Willibrord in Doetinchem (NL) und Professor für monastische Studien an der Katholischen Universität Leuven (BE). Er doziert des weiteren an der Radboud Universiteit Nijmegen (NL) und der Benediktinischen Universität Sant Anselmo in Rom (IT). Unlängst erschien: Das Kloster im Leben. Monastische Spiritualität als Provokation (Kevelaer: Butzon & Bercker 2016).

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