Der System-Punk

 in FEATURED, Medien, Monika Herz, Politik

Sascha Lobo, Foto: Harald Krichel, Lizenz Creative Commons

Bei manchen Menschen steht die Frisur ja in auffälligem Widerspruch zu ihrer Geisteshaltung. Anton Hofreiter zum Beispiel. Visuell eher einem ursprünglichen grünen Fundi gleichend, redet er doch daher wie jemand mit glatt rasiertem Soldaten-Schädel. Der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo indes ist äußerlich ein Punk. Das symbolisiert eine enorm rebellische Attitüde, analog zur provozierend nonkonformistischen Jugendbewegung der 70er. Wenn man seine Aussagen, z.B. auch zu Corona, liest, sieht man vor seinem inneren Auge jedoch eher einen Biedermann mit brav nach vorne gekämmtem mittellangem Haar vor sich. So kann man sich täuschen. Sascha Lobo jedenfalls hat sich nach den „Querdenkern“ jetzt die Pazifisten vorgenommen. Und wie es der Zufall will – kaum beschimpft der Rebellions-Simulant eine Gruppe von Menschen, kann man darauf wetten, dass unsere Autorin ihr angehört. Zwischen beide passt eben nicht nur ein Blatt Papier, sondern gleich eine ganze Bibliothek. Statt sich aber der Wort-Gewalt des Talkshow-Wüterichs anzugleichen, tut sie etwas anderes: Sie zeigt Verletzlichkeit und wirbt schon damit für den Frieden. Monika Herz

 

Sehr geehrter Herr Lobo,

heute möchte ich Ihnen zu Ihrer Wortschöpfung gratulieren: Die Lumpen-Pazifisten!

Wortschöpfungen geschehen nicht alle Tage – zumindest nicht solche von diesem Kaliber.

Das Wort hat eine Schlag-Kraft, die ihresgleichen sucht. Ich war etwa 6 Stunden davon benommen. Wirklich wahr. Ich fühlte mich so getroffen. Und ich bin mir auch sicher, dass Sie mich gemeint haben müssen.

Mich und noch eine Handvoll weitere Pazifisten – oder auch Tausende Pazifisten, die ich aber nicht persönlich kenne. Und ich antworte Ihnen jetzt als eine von diesen Lumpen-Pazifistinnen. Für mich hat sich das so angefühlt, als wollten Sie mich beleidigen mit dem Wort. Und ich weiß gar nicht, warum Sie das tun. Aber gut! Ich nehme die Herausforderung an! Und den Mahatma haben Sie was genannt? Eine Vollpfeife? Nein: „eine sagenhafte Knalltüte“. Auch nicht übel.

Mit Ihrer Sprache entpuppen Sie sich als so ein „gesinnungsethischer“ Mensch, den Sie auch erwähnen in Ihrem Text. Denn es zeugt von edelster Gesinnung, eine friedliebende ältere Dame, wie ich es bin, zu verspotten und zu beleidigen und – sprachlich und gesinnungsethisch – als Lumpen bezeichnet. Als ein altes, dreckiges, verschlissenes, schäbiges Stück Stoff, gerade noch zum Aufwischen von Unrat nütze. Das Wort wird abwertend benutzt – wie auch in „Lumpen-Gesindel“ oder „Lumpen-Proletariat“. Die Armen sind damit gemeint. Zu denen gehörte ich auch lange Zeit. Aber nur relativ. So verspotten Sie mich also? Und? Fühlen Sie sich selber gut, stark, toll und mächtig, wenn Sie das tun?

Warum tun Sie das? Weil ich und mit mir Tausende um Ostern herum den Kanzler aufgefordert haben, das lieber bleiben zu lassen, diese Geschäfte mit den Waffenhändlern? Und außerdem meinen wir immer noch, dass man tatsächlich miteinander reden kann. Und dass es eigentlich um den Atomwaffen-VERBOTS-Vertrag geht. Darum, wer den jetzt als Erster unterzeichnet und dann ratifizieren lässt. Putin oder Biden? Oder wer noch? Und ob unser Kanzler vielleicht mit gutem Beispiel vorangehen möge? Wär doch auch nicht schlecht. Deshalb bin ich also ein Lumpen-Pazifist? Ein Stück Dreck? Ja?

Sie kennen sicher Jakob Grimm. Ich zitiere hier seinen Verbesserungs-Vorschlag zur Präambel beim Verfassungs-Konvent, damals anno weiß nicht wann (1848):

„Deutscher Boden duldet keine Knechtschaft.“ So hat der Jakob damals getönt. Heute sage ich in einer kreativen Abwandlung: „Deutscher Boden duldet keine Atomwaffen.“ Und russischer Boden auch nicht. Ukrainischer auch nicht und amerikanischer und chinesischer und israelischer übrigens auch nicht. Die Böden selber sind sich da sehr einig!

Als „esoterische Schwurblerin“ darf ich hinzufügen, dass mit Jakob Grimm damals erstmals der Versuch gemacht wurde, Boden selbst in der Rang einer höheren Rechts-Person zu versetzen. Sein Antrag wurde damals abgelehnt.

Und ich glaube sogar, dass auch die einzelnen Menschen, die auf diesen Böden leben, lieber ganz und gar ohne Atomwaffen leben möchten. Aber das ist Ihrer Meinung nach sicher naiv. Man muss ja zurückschlagen können. Das macht die Welt zu einem schöneren Ort, ganz gewiss. Und es verhindert auch ganz sicher das Leid der Menschen. Nicht wahr?

Solange es Journalisten von Ihrem Format gibt, die mit großer Wort-Gewalt in den mächtigen Leitmedien die Geschichte vom Frieden mit immer mehr Waffen und mit immer mehr Gewalt verkünden und mit großer Lust friedliebende Leute herabwürdigen, solange wird es immer so weiter gehen…

So. Jetzt hab ich Ihnen die Meinung gegeigt. Jetzt geht’s mir wieder besser.

Noch besser wäre wohl gewesen, ich hätte Ihre Beleidigung und ihre Aggression gar nicht erst wahrgenommen. Dann wäre ich nicht so getroffen gewesen. Dann hätte ich mein Recht auf Verteidigung gegen Ihre Sprach-Gewalt allerdings auch nicht nutzen können. Denn es ist nicht so, dass ich den Frieden nicht auch verteidige. Aber ich brauche dazu keine Waffen. Sondern lediglich ein paar Buchstaben.

So läuft das bei mir. Bei mir Lumpen-Pazifistin! Was für ein herrliches Wort, wenn ich es genau betrachte!

Und ich stehe auch dafür ein. Ich nehme keine Waffe in die Hand, ich töte keine Wesen, auch keine Tiere. Und ich verlange auch nicht, dass andere das für mich tun sollen. Damit ich zum Beispiel das Fleisch dieser Tiere essen kann oder damit der Weizen aus der Ukraine weiterhin zu mir herüberfließt oder das Raps-Öl. Oder wie auch immer die komplizierten Lieferketten-Abhängigkeiten funktionieren – oder eben nicht mehr funktionieren.

Und ich finde durchaus, dass jemand, der es richtig findet, Waffen in ein Kriegsgebiet zu liefern, dass derjenigen auch bereit sein muss, selber mit der Waffe in der Hand andere Wesen zu töten. Es genügt nicht, junge, lebendige, schöne Männer von der einen Seite und junge, lebendige, schöne Männer von der anderen Seite gegeneinander zu hetzen, um dann das Gemetzel zu kommentieren. Wie ein Fußballspiel – vom Sessel aus! Pfui Teufel!

Dass die jungen Männer schwer bestraft werden, wenn sie nicht mitmachen, wissen Sie ja auch genauso gut wie ich. Das gehört alles dazu zur systemischen Gewalt.

Die Gewalt aber beginnt immer im Geist. Dann rutscht sie in die Welt über die Sprache. Die gröbste Form von Gewalt ist dann eben das Kaputtmachen. Und das allergröbste ist das Töten.

Und auch ich, die Lumpen-Pazifistin, finde immer wieder Spuren von Gewalt in meinem Geist und manchmal auch in meiner Sprache, obwohl ich wirklich lieber vollkommen gewaltfrei wäre.

Weil ich in so einer Welt gerne leben möchte. In einer friedlichen, gewaltfreien Welt.

Falls ich Sie also versehentlich verletzt haben sollte mit meinen Worten, tut es mir leid.

Mit freundlichen Grüßen

Monika Herz

 

 

Comments
  • Volker
    Antworten
    Nee, echt jetzt, helau ….

    Man soll ja nicht…. jeder hat die Freiheit, hurra, herum zu laufen, wie er möchte, und jeder besitzt das Recht, seinen Schädel so zu gestalten, um innere Werte zu präsentieren, seien es ein halbes Pfund Intelligenz gemischt, oder eine wabbernde Seifenblase.
    Aus diesem Grunde werde ich jegliche Lästerei über farbigen Butzel auf Lobos Denk-Ei einfach mal sein lassen.

    Allerdings erscheint mir Lobo doch etwas unglücklich angenagt, möglicherweise bekam er schon Ärger mit Fliegen-Flugsicherung, Start- und Landebahn durch Gefahr signalisierenden Butzel zu markieren. Wer macht das schon in Friedenszeiten, wenn es brummt und schwirrt, außer gemeine Fliegenfänger oder Butzel-Terroristen.

    Gut, könnte mich von verschwörungstheoretischen Spekulationen leiten lassen, ob Lobo uns signalisieren möchte, wie wir in Zukunft unsere Köpfe zu markieren haben, beispielsweise mit einem KI-Butzel, der unsere Hirndaten abfischt und an ein Butzelsystem weiterleitet – in die Butzel-Cloud eines tyrannischen Oberbutzels.

    Klar, eine aalglatte Welt-Tyrannei gelingt nur mit einhergehnden, globalen Kahlschlag sowie nachfolgenden Butzelinstallierungen auf keimfreien Schädeldecken – ruckzuck muss das gehen. Und dazu braucht es millionen Rasiermesser schwingende Frisöre mit speziellen Kenntnissen, Butzelspezialeinheiten, Butzelzentren, Butzelberater, Butzellobyisten sowie eine ausgeklügelte Butzelpropaganda mit Volksfestcharakter. Erst die Bratwurst, dann fertig.

    Alle anfallende Kosten trägt die Butzelkasse, zu Lasten gebutzelter Steuerzahler. Logo.

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