Der Wert des Lebens

 in FEATURED, Politik, Umwelt/Natur

Wie viel ist ein Leben wert? Eigentlich ist es unschätzbar. So viele Erfahrungen, Bewegung, Nahrungsaufnahme, Freude, Gemeinschaft… Bei Schweinen lässt sich der Wert in Kilogramm verkäuflichen Schweinefleisches bemessen. Ihnen kommt auch eigentlich kein eigener Wert zu. Die Rede ist immer von ihrem Wert für den Menschen. Und die haben dafür gesorgt, dass auch jede Freude aus dem Leben von so einem netten Tier vertrieben wird – bis zum bitteren Ende. Die Autorin geht beim Spaziergang durch den Karlsruher Schlosspark ihren Gedanken nach. Unter anderem reflektiert sie über die „plötzliche“ Besorgnis von Politikerinnen über die Fleischpreise, die Tierhaltungsbedingungen und die Art wie Schlachthofmitarbeiter von ihren Arbeitgebern „gehalten“ werden. Ein doppelter Missbrauch eigentlich: Menschen werden gequält, damit sie für ein bisschen Geld ihrerseits Tiere quälen „dürfen“. Die dunkle Seite der Macht. Gibt es dennoch einen Lichtblick? Monika Herz

Guten Morgen,

nach einem erholsamen Schlendern und Tanzen durch den Schlosspark, inklusive Betrachtung des Bundesverfassungsgerichts-Gebäudes, entdecke ich Nachrichten. Die erste Nachricht hab ich schon im Park gelesen, mit Kreide an das Tor geritzt:

TV aus – Hirn ein

Wenn ich in mein Postfach spazieren will, komme ich um Nachrichten nicht herum. Ist zwar nicht TV, jedenfalls nicht direkt, aber trotzdem… ich „höre“ also, Nordrhein-Westfalen bereite gegen zu niedrige Fleischpreise eine Bundesrat-Initiative vor. „Wir müssen die gesamte Kette vom Stall bis zum Teller in den Blick nehmen.“ Sagt die Landwirtschaftsministerin von NRW. Was meint Sie damit? Die Preise? „Nehmen Sie auch die Subventionen ins Visier, liebe Frau Ursula Heinen-Esser?“ rufe ich ihr zu, aber sie versteht mich nicht.

Ich habe nämlich schon vor Jahren gehört, dass die Subventionen, darunter einige indirekte, bewirken, dass es sich lohnt, Tiere ihr ganzes Leben lang zu quälen, zu töten und dann den Kadaver in den Müll zu kippen, wenn ihn niemand mehr kaufen würde. Also mich würde wirklich interessieren, wie so ein Preis zustande kommt. Ich hab das mal in der Schule gelernt, vor vielen vielen Jahren. Der Lehrer, ein ziemlich skuriller Typ namens Herr Sporer, wäre heute wohl über 100 Jahre alt.

Also man nehme eine Ware, zum Beispiel ein neugeborenes lebendiges Schwein. Was ist das wert? Ich würde sagen, es ist unendlich viel wert! Ein Lebewesen! Wie soll man jetzt da einen Preis ermitteln? Ich vermute, die Fleischproduktionskonzerne, wie heißen die Großen gleich wieder – Tönnies und Westfleisch – haben die Ware, die ja eigentlich gar keine ist, mit dem Wert Null angesetzt. Weil unendlich kann man nicht nehmen, dann nimmt man eben Null. So ein kleines Ferkel ist einfach da. Man kann es nehmen und damit machen, was man will. Es ist hilflos. Allenfalls muss der „Produzent“ dem Ferkelzüchter seine Arbeit bezahlen.

Wahrscheinlich wird die „Ware“ nicht liebevoll und beschützend in Empfang genommen, so wie es eigentlich sein sollte, wenn ein neugeborenes lebendiges Wesen auf die Welt kommt. Sowohl der Züchter als auch der Mastbetrieb nimmt wahrscheinlich eine Masse in Empfang. In Kilogramm. Dann wird die Masse erhöht, so effizient wie möglich. Das heißt mit billigem Futter und so wenig Platz wie möglich. Also 1,5 kg Geburtsgewicht wird während der Ferkelzucht auf 8 kg erhöht, danach kommt es in die Mast und eine ausgewachsene Sau wiegt dann ca. 180 bis 220 kg. Nach der Mast. Masse mehr als verhundertfacht. Bei Menschen würde so eine Mast beachtliche 300 bis 400 kg Körpergewicht bewirken.

Liebe Frau Heinen-Esser (so heißt die Ministerin aus NRW wirklich), müssen wir eigentlich nicht die ganze Kette, also die vollständige Kette, bis hin zu den Futter-Lieferanten genauer anschauen? Ob da nicht auch irgendwelche gesetzeswidrige Machenschaften laufen? So wie dieses Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, das Sie gerade entdeckt haben. Und dann gibt’s da noch dieses unangenehme Verfassungsziel:

„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ Artikel 20a. Wie poetisch die Worte da herumstehen!

Also ich fürchte, mein Text mutiert irgendwie zur Thema-Verfehlung. Es geht ja gar nicht um die Tiere, sondern um den Menschen und seine Gesundheit. Aber das stimmt jetzt auch wieder nicht. Denn wenn es bei dieser Gesetzesinitiative um die allgemeine Gesundheit ginge, dann wären ja auch noch andere Preise anzuschauen. „Folge dem Geld“ sagt eine alte Journalisten-Regel, wenn man was rausfinden will. Folge dem Geld bei Alkohol, bei Zigaretten, bei Zucker, bei Waffenhandel, Menschenhandel etc. Aber komisch ist es schon, was dieses Corona alles kann. Plötzlich schaut die ganze Gesellschaft auf die Schlachthöfe, weil da Corona gehäuft ausbricht. In den Sklaven- , pardon Arbeiter-Baracken. Da, wo die Arbeiter aus dem Osten mehr hausen als wohnen und wohl für wenig Geld unter anderem den toten Tieren mit den Fingern in die Augen stechen, um wegen dem Tierschutzgesetz zu prüfen, ob sie auch wirklich tot sind, bevor die Produktion weitergeht.

Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich sagen will. Ich bin sprachlos. Dafür weiß der Bauernverband wenigstens, was er zu sagen hat: Dass es sich um ein hochwertiges Lebensmittel handelt, das auch als solches behandelt werden muss. Dem Bauernverband trau ich nicht über den Weg, in dem Fall. Dem geht es nicht um die armen Schweine, die Lebewesen. Der hat nur Lebensmittel im Kopf und das Geld, das damit gemacht wird. Das ist schon ein Unterschied. Nur ein halbes Wort austauschen, schon hätte der Satz einen anderen Geschmack.

Nämlich, dass es sich um ein hochwertiges Lebewesen handelt, das auch solches behandelt werden muss.

Und dieses hehre Ziel noch dazu, dieser 20a:

Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.

Das war jetzt mein Wort zum Morgen. Ein Blick auf die dunkle Seite der Macht.

So will ich aber lieber nicht enden. So finster. Der Morgen war nämlich eigentlich hell, das ist ja seine grundlegende Eigenschaft. Morgens wird es hell. Jeder Morgen begleitet das Erscheinen von Hell. Hell. Das Wort hat seine Wurzel in einer alten vorchristlichen Göttin gleichen Namens. Im Märchen hat sie als Frau Holle überlebt. Ihr Reich (her realm) ist im Verlauf der Christianisierung zur Hölle umgedeutet worden. Sie ist sanft und bunt, die Erhellerin der Dunkelheit. Freundlich und hell, so wie ein junger Mitarbeiter der Karlsruher Stadtwerke, der mir einen Strauß Zweige mit blauen Beeren mitgab, die er gerade geschnitten hatte. Ehrlich wahr! Den Strauß hab ich meinen Kindern auf den Küchentisch gestellt und die haben sich auch noch darüber gefreut. Vervierfacht hat sich die Freude über die blauen Beeren. Ganz ohne einen Pfennig. Das geht gar nicht, dass diese frohe Botschaft nirgendwo veröffentlicht sein soll.

 

 

 

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