Die Entwaffnung

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Monika Herz

Alle Artikel von Monika Herz sind realistisch. Dieser hier gehört eher dem Genre des „magischen Realismus“ an. Traum und Wirklichkeit vermischen sich zu einer faszinierenden Vision. War wäre, wenn… alle Waffen in den Händen derer, die sie benutzen wollen, zerfielen? Wie könnten Menschen dann liebgewordenen Gewohnheiten weiter pflegen – auf Demonstranten/auf Polizisten einprügeln, Bomben auf Städte werfen, Kinder mit Drohnen töten, Tiere schlachten…? Wäre dann alles gut, oder entstünden neue Probleme? Monika traut uns Menschen allerdings nicht so recht zu, derart klug und menschlich zu agieren. Um diese Vision zu realisieren, müssten schon Außerirdische kommen. (Monika Herz)

Ich befinde mich in einem kleinen Zimmer, vielleicht 10 qm groß bzw. klein. Ich kenne die Möbel: Die kleine weiße Truhe mit dem Sitzkissen, der Tisch mit der bunten Tischdecke, zwei Stühle, zwei Sessel. Neu hinzugekommen ist ein Kasten, etwa 2 m lang und 1 m breit. Eine Ablage? Oder ein Bett? Der Kasten zeigt sich mir zuerst als Ablage, dann als Bett mit Matratze. Ich wundere mich ein wenig über die Gestaltwandlung und frage mich, wie das Bett eigentlich in das Zimmer gekommen ist. Da ist doch gar kein Platz mehr! Ich habe nicht viel Zeit, mich zu wundern.

Denn ich bin nicht allein. Was sind das nur für seltsame Gäste? Ich kenne diese Leute, oder? Sie tragen weite Gewänder und die Gesichter sind hinter Schleiern verborgen. Ich habe sie offenbar eingeladen. Also bitte ich meine Gäste, Platz zu nehmen. „Was können wir für euch tun?“, so fragen die verhüllten Wesen.

Ich weiß, was zu tun ist. Ich habe lange darüber nachgedacht. Wir sitzen uns gegenüber, meine Gäste und ich. Der Raum ist in schillerndes Licht getaucht. Was ist das nur für ein wunderschönes Licht? Wie im Inneren eines Opals. Wie damals, bei der totalen Sonnenfinsternis im Jahr 1999. Da war auch so ein Licht in der Welt. Nur für wenige Minuten. Unvergesslich.

Die verhüllten Wesen kennen meinen Plan, noch bevor ich ihn ausgesprochen habe. In Sekundenbruchteilen erfassen sie alle Gedanken, obwohl ich Jahre gebraucht habe, um diese Gedanken zu einem konkreten Plan zu bündeln.

„Der erste Schritt ist: Alle Waffen werden in ihre Rohstoffe zurückversetzt. Die Menschheit muss komplett entwaffnet werden. Wie im Krieg. Das ist die einzige Sprache, die sie wirklich versteht. Und es ist die einzige Maßnahme, die es ermöglicht, in Friedensverhandlungen einzutreten.“

Auch ich verstehe die Gedanken der Wesen in Sekundenbruchteilen, noch ehe ein Wort gesprochen wird. Genau genommen werden nämlich gar keine Worte gewechselt. Die Kommunikation findet durch Gedankenverschmelzung statt. „Wir arbeiten daran.“ Ich weiß auch, dass es sich bei meinen Gästen um Wesen aus einer anderen Dimension handelt. Die wievielte Dimension von wie vielen Dimensionen das ist, das weiß ich allerdings nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Mir reicht schon, dass ich eigentlich nicht einmal wirklich weiß, was das für ein Raum ist, der sogenannte dreidimensionale Raum, in dem ich mich für gewöhnlich aufhalte.

Es heißt, ich wäre ein dreidimensionales Wesen. Andererseits sprechen die Wissenschaftler in meiner Welt von einer vierten und unzähligen weiteren möglichen Dimension. Manche meinen, die Zeit wäre die vierte Dimension. Aber ganz sicher ist man sich nicht. Seit Einstein beginnt man hier in meiner Welt mehr und mehr zu verstehen, dass die Zeit nicht etwas ist, das sozusagen neben dem Raum stattfindet, in dem man sich befindet. Die Zeit sei keine Begleitung des Raumes, sondern bilde eine Einheit mit dem Raum. Was heißt das eigentlich? Im Bruchteil einer Sekunde verschwindet der Raum, in dem ich gerade sitze oder gehe, um sich beim nächsten Wimpernschlag wieder zu zeigen. Der dreidimensionale Raum ist schneller weg, als ich denken kann. Und genauso schnell ist er wieder da. Unfassbar. Undenkbar.

Inzwischen bin ich aufgewacht. Was habe ich eigentlich geträumt? Ich bleibe in meinem Bett liegen, mit geschlossenen Augen und versuche mich zu erinnern. Die Traum-Erinnerung ist verflogen. Mein Traum-Tagebuch bleibt heute ohne Eintrag. Ich stehe auf. Waschen, Zähneputzen, anziehen, Kaffee kochen. Das übliche. Ich setze mich an meinen Arbeitsplatz. Das Zimmer kommt mir bekannt vor. Jetzt weiß ich es wieder! Das habe ich geträumt! Dieses Zimmer habe ich geträumt. Die unsichtbaren, verschleierten Wesen habe ich geträumt.

Den Plan von der Entwaffnung der Menschheit habe ich auch geträumt. Den träume ich öfter mal. Ein Tagtraum. Ich liebe ihn.

Wie wäre das eigentlich, wenn jetzt sofort alle Waffen sich in den Händen der Bewaffneten in ihre Bestandteile auflösen würden? Die Polizisten in Hamburg, die gezwungen sind, Politiker während des G20-Gipfels vor Begegnungen mit uns zu schützen, würden plötzlich mit leeren Händen dastehen. Die Wasserwerfer: ein Haufen Metallspäne, die in einer Pfütze schwimmen. Die Pfeffersprays, die Gummigeschosse, die Knüppel, die Pistolen, die Zwillen… alles fein säuberlich in Haufen von Rohstoffen sortiert. Würden die Polizisten und Polizistinnen dann ihre Fäuste gegen die Demonstranten einsetzten? Oder würden sie sich zurückziehen? Würden sich Polizisten und Demonstranten mit erhobenen Händen gegenüberstehen? Staunend und verängstigt? Was würde geschehen? Sicher ist: Die G-20-Politiker wären nicht mehr sicher.

Was ist eigentlich eine Waffe? Ich mache mich in meiner geliebten Welt-Bibliothek schlau. Kurz gesagt: Eine Waffe ist alles, was mit der Absicht hergestellt und/oder benutzt wird, um andere Wesen zu verletzen oder zu töten. Auch ein Küchenmesser kann zur Waffe werden oder ein Baseball-Schläger. In dem Moment, wo ein Gebrauchsgegenstand zum Verletzen oder Töten verwendet wird, verwandelt es sich in eine Waffe.

Die Wesen aus meinem Traum müssten also nicht nur in der Lage sein, gewöhnliche Waffen in Rohstoffe zu verwandeln. Sie müssten nicht nur alle geheimen Waffenarsenale kennen. Sie müssten auch ein Küchenmesser in genau dem Moment verwandeln können, wo es nicht mehr zum Karottenschneiden verwendet wird, sondern zur Gewalttat. Die Frage, ob eine Karotte auch ein Wesen ist, das nicht verletzt werden darf, verwerfe ich in diesem Moment als irrelevant.

Ich verstehe, warum meine Traum-Gäste sagten: „Wir arbeiten daran“. Eine unvorstellbar schwierige Aufgabe! Aber ich glaube, die schaffen das! Es ist halt schwierig, deshalb arbeiten sie noch daran.

Inzwischen ist unser Freund Eulenfeder auch eingetrudelt. Während ich am Computer sitze und schreibe, trinkt er Kaffee und plaudert mit Roland. Ich unterbreche meine Arbeit und setze mich zu den beiden. Ich erzähle meinen Traum. Roland ist sich sicher: „Die Menschen würden ohne Waffen mit Fäusten aufeinander losgehen.“ Ich kann es mir nicht vorstellen. Der Schock, wenn man als Polizist plötzlich neben einer Pfütze steht, in der Metallspäne herumschwimmen, wo gerade noch ein Wasserwerfer stand, wäre zu groß. Der Mensch ist ja angeblich trotz seiner zahlreichen Erfindungen immer noch hauptsächlich vom Sauriergehirn dominiert. Dieser Teil im Hirn ist ziemlich groß und sehr alt. Er regelt das Überleben. Also das wichtigste überhaupt. Bei Schock wegen Lebensgefahr kennt er nur drei Möglichkeiten: Kampf, Flucht oder Totstellen. Nun gut, also manche würden weiterkämpfen. Aber gegen wen? Schließlich sind es nicht die Demonstranten in Hamburg, von denen die Gefahr ausgeht. Die sind ja jetzt auch entwaffnet. Ein Pflasterstein, zum Wurf erhoben, zerbröselt einfach in den Händen.

Also bleibt nur Flucht oder Totstellen. Aber wohin fliehen? Nach Hause würde ich mal sagen. Diejenigen, die in der Lage sind, die sog. „höheren Gehirnfunktionen“ im Neokortex zu benutzen, die würden womöglich gelassen reagieren. Völlig neue Situation: also erstmal hinsetzen, analytisch denken, miteinander reden und Tee trinken. Und dann? Die Politiker alle miteinander festnehmen und an sichere Orte begleiten, vielleicht? Gefängnisse wären solche Orte. Die sind aber leider schon voll. Man müsste Platz schaffen. Diejenigen befreien, die zum Beispiel wegen illegalem Haschisch-Besitz da drinsitzen. Eulenfeder sagt: „Von heute auf morgen geht das alles nicht! Aber auf jeden Fall müsste man all die Politiker dazu zwingen, sich tagelang die Hucke vollzukiffen. Das würde ihnen mal guttun.“ Wir lachen.

Es gibt noch ein Problem. Was würde denn mit all den Tieren geschehen, wenn die Menschen keine Waffen mehr hätten, um sie zu töten? Ein Schlachtmesser oder ein Bolzen-Schussgerät ist ja bekanntlich offiziell ein Nutz-Gegenstand. In dem Moment, wo meine unsichtbaren Traum-Freunde ihre Arbeit beendet haben und die Menschheit entwaffnen, wird natürlich auch das Schlachtmesser zur Waffe und löst sich auf. Tiere sind schließlich auch Wesen, die ein Recht auf Leben haben. Ihr Leben ist ihnen genauso wichtig, wie unser Leben uns wichtig ist. Wie viele Waffen es auf unserer Welt gibt! Wieviel Rohstoffe plötzlich wieder zur Verfügung stünden. Unvorstellbar! Genauso unvorstellbar wie diese Zahlen: Der Anteil der Menschen an der Wirbeltier-Biomasse des Planeten beträgt 32%. Nutztiere kommen auf 65% und für die Wildtiere bleibt der klägliche Rest von 3%.

Was würde geschehen, wenn alle die sog. „Nutz-Tiere“ freigelassen werden? Töten geht ja dann nicht mehr. Roland meint, man müsste sie sterilisieren. Unser Freund Bernhard Fricke ist ein Tier-Retter. Er rettet Schafe, Schweine, alles was sich retten lässt. Er hat extra für die Tiere einen Hof gekauft. Da können sie in Frieden leben. Sie vermehren sich unaufhörlich. Er kommt mit der Arbeit und mit dem Futterkaufen kaum noch hinterher. Eulenfeder meint, man müsste die Tiere freilassen. Ich bin einmal einer geflüchteten Kuh an der Ammer begegnet. Das Tier war sehr erschöpft und schien verzweifelt. Ich hatte Angst und traute mich nicht an ihr vorbei. So eine Kuh ist ziemlich groß und stark. Wenn sie mich für einen Feind hält, habe ich keine Chance. Womöglich kann sie mit ihren vier Beinen sogar schneller laufen als ich. Auf einen Baum klettern kann ich auch nicht. Ich blieb also stehen und schickte ein geistiges Friedensangebot an die Kuh. Daraufhin bog sie vom Weg ab und stapfte durch das Gebüsch zur Ammer hinunter. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht.

Also Eulenfeder meint: Die Tiere befreien, sterilisieren, damit irgendwie ein vernünftiges Maß entsteht. Und dann hegen und pflegen, bis sie eines natürlichen Todes sterben. So eine Kuh kann bis zu 25 Jahre alt werden. Als Milchkuh bringt sie es gerade mal auf 5 Jahre. Dann rentiert sie sich nicht mehr und wird getötet. Die andere Variante wäre: Jeder Fleisch-Esser muss ein Schwein oder eine Kuh und ein paar Hühner in seiner Wohnung aufnehmen und hegen und pflegen bis sie eines natürlichen Todes sterben. Also Eulenfeder hat echt Ideen!

Zum Glück sind meine Traum-Freunde ja friedliche Wesen. Kontaktfreudig, hilfsbereit und kooperativ. Sie sind auch irgendwie nüchtern und sachlich. Deren Emotionen schwappen nicht so schnell über wie bei uns. Das sind Wesen, die ernsthaft besorgt sind und an einer Lösung arbeiten. Ihre Welt ist nämlich auch bedroht, wenn wir Menschen mit Atomwaffen schmeißen. Die Dimensionen sind schließlich miteinander verbunden. Also haben solche Aktivitäten wie Atombomben-Schmeißen auch Auswirkungen in die anderen Dimensionen hinein. Die Wesen hören womöglich jetzt im Moment genau zu, während Roland, Eulenfeder und ich über die Konsequenzen des Entwaffnungs-Plans sprechen. Auch wenn wir sie nicht sehen können. Außer im Traum.

Wir drei haben nämlich vor einiger Zeit einen „Weisen-Rat“ gegründet. Mit Handschlag und fertig. Haben wir das eigentlich schon mal publiziert? Dass wir drei der Weisen-Rat sind? Ich glaube nicht. Die frohe Botschaft würde niemanden interessieren oder allenfalls Kopfschütteln hervorrufen. Eulenfeder meint, es wäre eine gute Idee, unseren Weisen-Rat nebenbei zu erwähnen. „An uns wird die Welt genesen“ behauptet er im vollen Ernst.

Kann es sein, dass die Wesen aus dieser anderen Dimension ausgerechnet unseren Weisen-Rat anerkennen? Hm. Warum nicht? Könnte ja sein. Unsere Pläne sind schließlich nicht von schlechten Eltern. Die vollständige Entwaffnung der Menschheit! Danach kommt die bedingungslose Kapitulation. Wie im Krieg halt. Und dann kommt endlich der Frieden. Und dann die weiteren Maßnahmen. Unvorstellbar? So was wie Atomwaffen war schließlich vor 100 Jahren auch noch unvorstellbar. Unser Weisen-Rat denkt und forscht halt in eine andere Richtung. Unmöglich und unvorstellbar gibt’s bei uns nicht.

Wer in der Lage war, 15.000 atomare Sprengköpfe zu bauen, kann die auch wieder zerlegen. Das ist sogar einfacher als das bauen. Kann man bei jedem Kleinkind mit Bauklötzen beobachten. Also es ist nicht so, dass das nicht gehen würde. Man braucht nicht einmal außerirdische oder überirdische Traumwesen dazu…

„Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit ist.“ (Carl Einstein)

oder

„Man muss das Unmögliche denken, um das Denkbare möglich zu machen“ (Tom Borg)

Quellen:

https://utopia.de/0/gruppen/veganer-innen-167/diskussion/weltweite-biomasse-wirbeltiere-65-nutztiere-32-menschen-3-199549.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36401/umfrage/anzahl-der-atomsprengkoepfe-weltweit/

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