Die Entzauberung des Weihnachtsmannes

 In FEATURED, Kultur, Politik (Inland), Spiritualität

„Würde uns heute ein neuer Messias geboren, würde er sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, gegen die Abholzung des Hambacher Forstes kämpfen, an der Börse die Computer zertrümmern und das ganze Finanzgesindel verjagen…“ Götz Eisenberg ist zornig. Der mittlerweile schamlose, kaum mehr durch Gütesimulation überzuckerte Kommerzrummel entlockt ihm nur noch Abscheu – und rhetorisch brillanten, beißenden Spott. Weihnachten ist in den Zeiten des Turbo-Kapitalismus zur schrillen, zur scheinheiligen Nacht geworden. Die Megamaschine verleibt sich unsere Träume, unsere Sehnsucht nach Harmonie, die Erinnerungsspuren von Heimeligkeit und Kindheitsromantik gnadenlos ein. Götz Eisenberg.

Vor etlichen Jahren sah ich auf dem Seltersweg einmal ein vielleicht drei- oder vierjähriges Kind, das sichtlich verstört auf etwas hinter einer der Weihnachtsmarkt-Buden deutete. Es zerrte am Mantel seiner Mutter und versuchte, diese auf den Grund seiner Verstörung aufmerksam zu machen. Als ich näher trat, sah ich, dass das Kind auf einen Weihnachtsmann zeigte. Dieser saß auf dem Rand eines Blumenkastens und rauchte. Er hatte seinen Bart bis über die rote Mütze hochgeklappt, um ihn vor der Glut der Zigarette zu schützen. Der Sack mit den kleinen Präsenten lag achtlos am Boden, unter dem roten Weihnachtsmannkostüm schauten Jeans und Turnschuhe hervor. Das Kind machte in diesem Augenblick eine erste schockartige Erfahrung dessen, was der Soziologe Max Weber „Entzauberung der Welt“ genannt hat: Der Weihnachtsmann ist nicht mit einem von Rentieren gezogenen Schlitten auf einem Mondstrahl zu uns herabgeglitten, sondern ein verkleideter Hartz IV-Empfänger, der sich etwas dazu verdient und in einer Arbeitspause eine Zigarette raucht.

Kinder erschrecken über so etwas noch, während wir Erwachsenen uns mit allen Scheußlichkeiten der Welt abgefunden haben. Was ist denn von Weihnachten geblieben? Es war in der christlichen Tradition ein Fest, das die Erinnerung daran festhalten wollte, dass Gott Mensch geworden ist und uns durch seinen Sohn die Botschaft übermittelt: Es gibt Rettung und Erlösung, die Schuld wird vergeben. Mit dem unterwegs in einer Krippe geborenen Jesus war der lang herbeigesehnte Messias erschienen, der den Himmel aufreißt und die Furcht von den niedergedrückten und mit Sorgen beladenen Menschen nimmt. Jesus ist gesandt, um Gerechtigkeit, Frieden und Liebe in die Welt zu bringen.
Wie weit haben wir uns davon entfernt! Das Geld ist – wie Heinrich Heine bemerkte – zum „wahren Gott unserer Zeit“ geworden und bedient sich einer religiösen Überlieferung, um eine mehr oder weniger obszöne Orgie des Konsums in Szene zu setzen. Vor einigen Jahren hörte ich im Fernsehen den Chef eines Berliner Kaufhauses auf die Frage nach dem Verlauf des Weihnachtsgeschäfts antworten: „Der verkaufsoffene Samstag am Tag vor Heiligabend hat sich als ein Geschenk Gottes erwiesen.“

Das liebreizende Weihnachtskrippen-Jesulein entwickelte sich zu einem streitbaren Mann, der eines Tages – einen Strick in der Hand und von heiligem Zorn erfüllt – im Tempel stand, die Tische umstürzte und die Händler und Geldwechsler hinausjagte. Dieser Jesus, der den Tempel reinigte und der Macht des Geldes Einhalt gebot, wurde wenig später ans Kreuz geschlagen. Die Antwort der Welt auf das Liebesangebot war das Kreuz. An die Geburt dieses Jesus will uns Weihnachten erinnern. Nie haben wir einen wie ihn dringender benötigt als heute, da die Macht des Geldes universal geworden ist. Würde uns heute ein neuer Messias geboren, würde er sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, gegen die Abholzung des Hambacher Forstes kämpfen, an der Börse die Computer zertrümmern und das ganze Finanzgesindel verjagen, er würde gegen die rund um den Erdball geführten Kriege und unsere Waffenlieferungen demonstrieren. Und gegen die Nazis sowieso.

Aber nichts an der Art, wie wir heute Weihnachten begehen, erinnert an die Geburt dieses Mannes. Wenn er heute wiederkehrte, würde er zu einem Fall für die Polizei oder die Psychiatrie. Es ist dem Kommerz gelungen, Weihnachten „seinen rührend-sentimentalen Schleier abzureißen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückzuführen“, wie Marx vor 170 Jahren über die entzaubernde Wirkung der Bourgeoisie-Herrschaft schrieb. Die Menschen sind, im Großen und Ganzen, religiös traumlos geworden. Sie sehnen sich nach nichts mehr, außer nach dem neuesten Handy und einem größeren Auto. Wir bräuchten eine allgemeine gesellschaftlich-politische Adventszeit, ein kollektives Sich-Sehnen nach Veränderung und – von mir aus – Erlösung, das die Voraussetzung dafür wäre, dass es besser und qualitativ anders würde. Stattdessen stehen die Leute an den Ständen, verleiben sich eine menschenverachtende Plörre ein, die man Glühwein nennt, und posten auch noch Bilder davon. Schlecht gelaunt und gereizt schleppen sie die Dinge nach Hause, die zu kaufen ihnen die Werbung suggeriert hat. Der Paketwahnsinn steigert sich vor Weihnachten zum Paroxysmus, die Paketboten – die Woyzecks unserer Tage – sind vom Burnout bedroht.

Ein Ethnologe von den Osterinseln, der sich in Deutschland aufhielte, um unsere Advents- und Weihnachtsbräuche zu studieren, würde keine Hinweise darauf finden, dass sich die Christen in einem gemeinsamen Fest an die Geburt Jesu erinnern. Eher würde er den Eindruck gewinnen, es handele sich um ein finanzpolitisches Instrument zur Belebung der Binnennachfrage, eine winterliche Version des Ballermann, den Ausbruch einer konsumistischen Bulimie oder eine Variante des Potlatch, bei dem es darauf ankommt, Familienangehörige und Freunde mit sinnlosen, aber teuren Präsenten niederzuschenken.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete jahrzehntelang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. Er ist Mitinitiator des Gießener Georg-Büchner-Clubs. Eisenberg arbeitet an einer „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“, deren dritter Band unter dem Titel „Zwischen Anarchismus und Populismus“ soeben im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Kommentare
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    JuliaWK
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    Danke, es spricht mir aus Seele und Sehnen, habe auch ich mich gerade gestern mal wieder gefragt:

    sind wir Weihnachten noch würdig?

    Jahresende, alles schreit und lärmt und stürmt
    in den Städten zwischen den Strassen
    mit vollen Taschen und Köpfen voller Gedanken
    hasten die Menschen gedankenlos durch die Menge
    Bremsen kreischen, Esel schreien, Ochsen brüllen

    niemand hört das Kind weinen
    das einsam an der Ecke sitzt
     
    die drei heiligen Könige ziehen ihre Visakarte durch den Kartenleser
    schnell noch den Ring für Mutti gekauft
    dabei wünscht sie sich nur Zeit, mit euch zu sitzen
    ruht sie schon seit Tagen nicht und putzt
    und kocht und bäckt und kann nicht schlafen
    in Erwartung endlich
    endlich kommen die Kinder zu ihr
     
    das Meer ist viel lauter als auf den Bildern
    und kalt ist es und soviel Leben ist in ihm
    und so viel Tod 
    Bethlehem ist untergegangen in dir 
    in diesem Juni 
    abgesoffen ist das Kindlein
    Stille hätte gut getan in Dresden
    Stille täte gut

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