Die Kunst, den Koran zu lesen

 In FEATURED, Spiritualität

Fast jeder kennt Koranverse, in denen Muslime aufgefordert werden, Ungläubige zu bekämpfen, zu schlagen und zu fesseln. Keine Wunder: Es findet sich in jeder Talkshow über Zuwanderung und Integration jemand, der damit zu beweisen versucht, dass der Islam eine zutiefst gewalttätige Religion sei. Aber welches Gewicht haben solche Verse in einem Buch, das zu Beginn jedes Kapitels den Namen Gottes, des „Gnädigen, des Allerbarmers“ anruft? Wie sind die „Dschihad“-Verse im literarischen und historischen Kontext einzuordnen? Was sagen die Quellenlage und Übersetzungsvergleiche über deren Bedeutung aus? Und gibt es überhaupt die eine und letztgültig Korandeutung? Der Autor begibt sich auf eine erhellende Spurensuche. Holdger Wohlfahrt

Vorschläge für den Umgang mit Islam und Islamkritikern, Teil 2. Im ersten Teil der fünfteiligen Islam-Serie wurde darauf hingewiesen, dass der Islam zu groß ist, um ihn nur mit einem Wort zu fassen. Ein differenzierterer Umgang mit „dem“ Islam und den gläubigen Muslimen wurde angemahnt. Im zweiten Teil wird nun all denen eine Antwort gegeben, die einzelne Koranverse aus dem über 6 000 Verse dicken Buch herauspicken, um damit Gewalt und Unterdrückung zurechtfertigen. Es wird empfohlen, vor allem denen zuzuhören, die gelernt haben, den Koran bewusst und reflektiert zu lesen.

2.) Die Kunst des Lesens

Von dem irischen Aufklärungsphilosophen Edmund Burke ist der Ausspruch überliefert: „Lesen ohne Nachdenken ist wie Essen ohne Verdauen“. Die Kunst des Lesens ist jedoch eine große, die geübt sein will. Gerade die Vertiefung in einen Text, der über simple, alltagssprachlich dargebotene Unterhaltung hinausgeht, erfordert oft Mühe und auch die Bereitschaft, die gewohnten Denkbahnen zu verlassen.

In der Auseinandersetzung mit religiösen Texten begegnet in besonderem Maße eine Schwierigkeit, die in Fachkreisen als „hermeneutischer Zirkel“ bezeichnet wird. Damit ist gemeint, dass der Verstehenshorizont des Autors und der ersten Rezipienten ein anderer ist als der eines Leser, der sich in einem historisch oder kulturell anderen Kontext bewegt.

Wenn der Leser mit seinem anderen Hintergrund nun die eigene Weltsicht auf den fremden Text anlegt, kann er diesen nicht in der intendierten Form verstehen.

Schon der spätantike Philosoph Augustinus (354-430 n.Chr.) wies darauf hin, dass für ein grundlegendes Verständnis einer Heiligen Schrift die ihr zugrunde gelegte Metaphysik genauso wie die allgemeine Denkweise und die Rhetorik, welche Basis der Schrift sind, bekannt sein müssen. Schrift und Umgebung bedingen sich demnach gegenseitig. Sie bilden einen geschlossenen Wirkkreis, dessen innere Kräfte demjenigen verborgen bleiben müssen, der nicht selbst integriert ist in dieses Spiel der Wechselseitigkeit.

Der Literaturtheoretiker Edward Said zeigt in seinem Werk „Orientalismus“, welche Gefahr einer Missachtung der Problematik des hermeneutischen Zirkels entwächst. So verdeutlicht er, dass westliche Betrachter ein verzerrtes Bild gewinnen, wenn sie den heiligen Schriften des Islams die eigene Perspektive überstülpen und daran anschließend zu einer Bewertung der Lektüre nach eigenen Maßstäben (bzw. nach den Maßstäben der Umgebung durch die sie geprägt wurden) ansetzen.

Vergleichbare Schwierigkeiten können auch im Alltag begegnen. Ein Informatiker wird unter dem Begriff „Trojaner“ beispielsweise zunächst etwas anderes verstehen als ein Althistoriker. Um was es bei dem Begriff tatsächlich geht, kann erst aus dem Kontext abgeleitet werden. Ein derartiger Kontext lässt sich natürlich leicht erschließen. Komplizierter wird es, wenn sich der Kontext in metaphysischen und ethischen Gefilden bewegt, die über kulturelle und historische Grenzen hinweg womöglich nur noch schwer zu erreichen sind.

Bei religiösen Texten ist das Problem des „hermeneutischen Zirkels“ daher besonders gravierend. Zumal gerade die Texte der Weltreligionen vordergründig meist einen Allgemeingültigkeitsanspruch erheben, der aber zunächst an eine Glaubensgemeinschaft von vor über tausend Jahren adressiert war. Während der Allgemeingültigkeitsanspruch vielfach weiter aufrechterhalten wird, ist der Verstehenshorizont ein anderer geworden.

Zudem werden die Themen der religiösen Texte meist in einfacher Sprache und anhand vermeintlich leicht zugänglicher Geschichten und Gleichnisse erzählt. Während der unmittelbare Wortsinn daher weiterhin gut verständlich ist, bleiben viele Bedeutungsmöglichkeiten ohne eine tiefergehende Interpretation erstmal im Dunkeln.

Der Koran macht es dem heutigen Leser zugegebenermaßen besonders schwer. In ihm wird schließlich formuliert, dass er das unmittelbare Wort Gottes sei. Dabei wird impliziert, dass jeder Leser dieses göttliche Wort in seiner übermenschlichen Absolutheit zeit- und kontextunabhängig unmittelbarverstehen könne (Sure 54,40; Sure 2,2).

Während das Neue Testament lediglich die Möglichkeit zum Zugang der göttlichen Offenbarung eröffnet, ist der Koran nach muslimischem Glauben diese Offenbarung selbst. Der Koran stellt, bei aller Vielfalt der konkret ausgelebten Religion, das vereinende Band aller Gläubigen dar. Wer den Koran nicht als Gotteswort anerkennt, ist demzufolge genauso wenig Muslim wie ein Gläubiger, der Jesus Christus gänzlich negiert, Christ ist.

Diese Hoheit des Korans in Verbindung mit dem vermeintlichen Aufruf zum unreflektierten Lesen ist der Grund, warum gerade diejenigen, die sich nicht mit der Geschichte oder der tieferen Theologie ihres Glaubens auseinandergesetzt haben, Aggression und Gewalt im Namen des Islams gut rechtfertigen bzw. erklären zu können glauben.

Immer wieder werden gerade von Terroristen und auch von Islamkritikern diejenigen Verse gezählt und rezitiert, die den Begriff „Dschihad“ beinhalten. Dieser Begriff kann mit „Anstrengung“, „Mühe“, „Eifer“, aber auch „Kampf“ übersetzt werden. Tatsächlich kommt der Begriff im arabischen Original des Korans nur viermal vor. Jedoch lassen sich ihm verwandte Verbal- und Nominalformen weitere 37-mal finden. Meist beziehen sich die Verse auf die geforderte Bemühung, gottgerecht zu handeln und sich für Gottes Sache einzusetzen, wie z.B. in Sure 22,78, wo es heißt: „Und müht euch um Gott, wie es ihm zukommt.“

Der Umgang mit Anders- oder Nichtgläubigen ist dabei weder das zentrale Thema des Korans noch das der „Dschihad“- Verse. Dennoch lassen sich einige Verse finden, die das Verhältnis zu Nicht-Glaubensbrüdern thematisieren.

Dabei gibt es im Koran tatsächlich zehn Verse, die eindeutig nahe legen, dass der Begriff „Dschihad“ mit aktiver Kriegsführung gleichzusetzen ist. Diese Suren-Verse wurden Mohammed allesamt in seiner späten Lebensphase übermittelt. Sie sind es, die maßgeblich als Beweis genommen werden für die immer wieder aufgestellte Behauptung, der Islam sei eine Religion des Krieges und des Hasses.

So heißt es in Sure 47,4: „Wenn ihr jedoch die trefft, die ungläubig sind, dann schlagt sie auf den Nacken, bis ihr sie ganz besiegt habt. Dann schnürt die Fesseln fest! Dann entweder Gnade oder Lösegeld – so lange, bis der Krieg ein Ende nimmt. So soll es sein.“

In Sure 8,39 steht geschrieben: „Kämpft gegen sie (die Ungläubigen), bis keine Versuchung mehr besteht und die Verehrung Gott gilt.“ Und in Sure 9,29 kann man lesen: „Kämpft gegen die, die nicht an Gott glauben und auch nicht an den Jüngsten Tag, die das, was Gott und sein Gesandter verboten haben, nicht verbieten und die nicht der Religion der Wahrheit angehören – unter den Buchbesitzern (als Buchbesitzer werden im Koran die Angehörigen der beiden anderen Schriftreligionen Judentum und Christentum bezeichnet) – bis sie erniedrigt den Tribut aus der Hand entrichten.“

Die oft im Zusammenhang mit islamistischen Selbstmordattentätern zitierte Aussage, dass ein besonders gläubiger Muslim, der im Kampf mit Andersgläubigen stirbt, sofort ins Paradies kommt und dort 72 Jungfrauen als „Besitz“ erhält, ist im Koran hingegen nicht zu finden. Eine Passage, wonach der für den eigenen Glauben Gestorbene im Jenseits auch sinnliche Freuden erfährt, gibt es allerdings in den Hadithen, der Überlieferung von Mohammeds Aussagen und Handlungen. Die Hadithe wurden von Zeitzeugen Mohammeds an die nächste Generation überliefert, die sie ihrerseits weiter tradierte.

Ein Hadith wird als glaubwürdig eingestuft, wenn eine lückenlos nachweisbare Linie an zuverlässigen Tradenten vorliegt. Auf diese Art konnte schließlich eine Hierarchisierung der Hadithe nach dem Grad ihrer Glaubwürdigkeit vorgenommen werden. Mohammeds Aussage, dass die für den Glauben gestorbenen Muslimen im Jenseits von 72 Jungfrauen erwartet werden, gilt dabei als besonders unglaubwürdig und wurde daher in der Geschichte des Islams nur von muslimischen Randgruppen berücksichtigt.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass an den zitierten, teils brutalen Koran-Versen kein Leser vorbeikommt. Doch wie sind sie nun zu verstehen?

Der islamistische Terrorist, der sie angeblich im Sinne des Korans wortwörtlich nimmt und unreflektiert auf die heutige Zeit überträgt, wird jedenfalls zwangsläufig in argumentative Schwierigkeiten kommen, wenn er auch die anderen über 6 000 Verse des Korans liest.

Neben den Kriegsaufrufen finden sich neben der schwerpunktmäßigen Abhandlung zur rechten Gottesliebe und Lebensführung auch andere Empfehlungen für den Umgang mit Anders- und Nichtgläubigen. So steht z.B. in Sure 43, 88-89: „Streitet mit den Buchbesitzern nur auf schöne Art. Sprecht: ‚Wir glauben an das, was auf uns herabgesandt und was auf euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott sind einer. Ihm sind wir ergeben.“ Und in Sure 43,88-89 erfolgt die Aufforderung die Behelligung von Nichtmuslimen zu unterlassen: „Er (Mohammed) spricht: O mein Herr, es sind ungläubige Menschen. Gott aber antwortet: Trenne dich von ihnen, und sprich: Friede“ In Sure 2,256 heißt es: „Es ist kein Zwang in der Religion.“

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass diese Verse im Prinzip das Gegenteil der davor zitierten Aggressionsverse sind. Während in ersteren die Unterwerfung der „Buchbesitzer“ und Ungläubigen gefordert wird, heißt es nun, dass der Gott der „Buchbesitzer“ der gleiche ist, eine gewalttätige Auseinandersetzung darüber, wer dem rechten Glauben anhängt, somit hinfällig ist. Neben den „Ungläubigen“ soll man in Frieden her leben. Zwang gibt es in der Religion ohnehin nicht, Missionierung und Unterwerfung sind damit also nicht legitim.

Es wird deutlich, dass der Koran sich widersprechende Aussagen zu ein und demselben Thema beinhaltet. Zumindest der unmittelbare Wortsinn ist widersprüchlich. Im Koran selbst wird tatsächlich auch auf diesen Sachverhalt hingewiesen. So heißt es in Sure 3,7: „Einige seiner (des Korans) Verse sind klar zu deuten – sie sind der Kern des Buches, andere sind mehrfach deutbar.“

Somit wird auch deutlich, dass es ohne den Vorgang des Interpretierens auch bei diesem göttlichen, angeblich jedem Leser unmittelbar zugänglichen Text nicht möglich ist, zu einer tieferen Bedeutungsebene zu gelangen. Hier kommt nun die Kunst des Lesens ins Spiel. Wie der Semiotiker und Autor Umberto Eco es bildlich formuliert, ist schließlich jeder Text von „Leerstellen durchsetzt, mit Zwischenräumen, die ausgefüllt werden müssen.“ Jeder Text enthält in der Wahrnehmung seines Lesers mehr oder weniger deutliche Unschärfen und Mehrdeutigkeiten, die es zu bewältigen gibt. Eco spricht von „Ambiguitäten“, die es zu „disambiguieren“ gilt.

Mit dem muslimischen Dogma der göttlichen Absolutheit des Korans ist dieser Sachverhalt durchaus in Einklang zu bringen. Die Inhalte, die an Mohammed selbst überbracht wurden, sind, wie es im Koran heißt, schließlich nur ein Abbild des „Urbuches“, das „auf einer Tafel“ im Himmel verwahrt wird. (Sure 43, Sure 85, 21-22) Die von vielen radikalen Muslimen behauptete übermenschliche Erhabenheit des Korans muss angesichts dieser Tatsachen zumindest ein klein wenig relativiert werden. Der weltliche Koran ist zwar formal gleich, jedoch nicht als identisch mit dem himmlischen Urbuch zu begreifen.

Außerdem handelt es sich ja ohnehin nicht mehr um das Originalwort, das an Mohammed überliefert wurde. Die Suren des Korans wurden erst Jahre nach Mohammeds Tod unter dem dritten Kalifen Utman verschriftlicht. Bei der Zusammenstellung der Gesamtschrift hatte die literarisch-inhaltliche Analyse der einzelnen Texte keine große Rolle gespielt. Stattdessen wurde vor allem darauf geachtet, dass anerkannte Gläubige aus dem nächsten Umfeld Mohammeds die Überlieferer der Textfragmente waren.

Da teils verschiedene Laute in der altarabischen Sprache unter ein und demselben Zeichen ausgedrückt wurden, entwickelten sich zudem verschiedene Lesarten, von denen sich erst sehr spät zwei durchsetzen konnten. Bis hin zur endgültigen Fixierung des Korans war es ein weiter Weg. Erst 1923 stellte ein Gremium der Azhar Universität in Kairo auf Geheiß des ägyptischen Königs Fuad eine offizielle und definitive Koran-Ausgabe zusammen. Diese wird heute meist als verbindlich betrachtet, wenngleich gerade in den Maghreb-Staaten und in Indonesien noch anderen Koranausgaben verbreitet sind.

Zudem haben heute nur noch wenige Menschen Zugang zum arabischen Korantext. Nur etwa zwanzig Prozent aller Muslime sprechen Arabisch. Doch auch wer des modernen Hocharabisch mächtig ist, tut sich mitunter schwer, das klassische Arabisch des Korans inhaltlich unmittelbar zu erschließen. Daher greifen die meisten Leser des Korans auf eine Übersetzung zurück. Übersetzungen galten in der islamischen Orthodoxie bis ins 10. Jahrhundert hinein als verboten. Sie würden das göttliche Wort verfälschen, hieß es. Als sich der Islam weiter ausdehnte, wollten aber immer mehr Nicht-Araber Zugang zum Koran haben. Vor allem im persischen Raum wurden daher erste Übersetzungen angefertigt. Heute erkennen selbst radikale Muslime an, dass Koranübersetzungen notwendig sind. Diese werden allerdings von vornherein als Interpretationen bezeichnet. Dass derartige Interpretationen nun weiter interpretiert werden, ist selbst für die konservative islamische Orthodoxie nicht weiter verwerflich.

Welche Methoden der Interpretation empfehlen sich nun bei der Lektüre des Korans? Hier ist noch einmal an Edward Said zu erinnern, der davor warnt, die eigene, westliche Sichtweise dem eigenständigen Anderen überzustülpen, es somit zu vereinnahmen. Daher gilt es Interpretationsmethoden zu berücksichtigen, die in der islamischen Tradition ihrerseits eine Grundlage haben. Vor allem drei Methoden bieten sich hier an:

Zum einen die literale Koranexegese, bei der weiterhin alle Suren in ihrem unmittelbaren Wortsinn zu verstehen sind. Widersprüchliche Suren werden als unwichtig für die Gesamtbotschaft eingestuft. Um dennoch herauszufinden, welchem der widersprüchlichen und daher an sich zweitrangigen Verse nun eine höhere Bedeutung zukommt, wird erstens der Kontext der Verse berücksichtigt und zweitens auf die Hadithesammlung zurückgegriffen. Die Handlungsweisen und Aussprüche Mohammeds werden dabei auf einen möglichen Bezug zu den entsprechenden Versen untersucht. Den Aussagen Mohammeds versucht man dabei zu entnehmen, welcher Vers nun höher zu gewichten sei.

Dieses Vorgehen führtezu dem allgemein anerkannten Glauben, dass die später offenbarten Suren widersprüchliche frühere Suren abrogieren (d.h.an Relevanz übertreffen bzw. ablösen). Es wurde also eine Chronologie in die Suren gebracht. Die später offenbarten Suren wurden dabei höher gewertet als die früher offenbarten.

Für die oben zitierten Verse heißt das nun, dass die später offenbarten, also die aggressiven Verse tatsächlich höher zu gewichten sind als die moderaten, zu Toleranz aufrufenden. Es heißt aber auch, dass diese Surenverse insgesamt von keiner großen Bedeutung sind, da sie eben der Kategorie der widersprüchlichen Aussprüche angehören. Wenn man dann noch ihren Kontext berücksichtigt, wird deutlich, dass es vor allem darum geht, einen während der Offenbarung der Suren tobenden Krieg möglichst rasch zu beenden. Angesichts des im Koran omnipräsenten Friedenswunsches, wird es sogar unmöglich, den Islam trotz der zitierten Aggressionsverse als Religion des Hasses zu begreifen.

Eine zweite Interpretationsart erfreute sich in der Geschichte des Islams immer wieder großer Beliebtheit und wurde während der Blüte arabischer Kultur von bedeutenden Gelehrten wie al-Zamakhshari (1075-1144), al Ghazali (1058-1111), Averroës (1126-1198) oder al Arabi (1165-1240) in leicht variierender Form vertreten. Es handelt sich um die allegorische Auslegungsart, die dem sufischen Denken entsprang. Demnach verbirgt sich hinter der äußerlichen, rein sprachlich gefassten Form des Korans ein tieferer innerer Sinn, den es für ein wahres Verständnis zu erschließen gilt. Ziel dieser Lesart ist es auch, die Einzigartigkeit des Korans dadurch zu offenbaren, dass seine rhetorische Erhabenheit offengelegt wird. Sie lässt sich in der herausragenden Metaphorik und der virtuosen Anwendung anderer sprachlicher Stilmittel erkennen. Das Aufspüren und Erörtern von Metaphern ist daher nicht als verwerflich einzustufen, sondern trägt vielmehr dazu bei, die Vollkommenheit des Textes aufzuzeigen.

Bei der Auslegung mehrdeutiger Textpassagen wird auch die früharabische Dichtung zurate gezogen, mit deren Hilfe aufgezeigt wird, dass hinter einzelnen Worten eine Vielzahl von Bedeutungen steht.

Teilweise wurden sogar mit kabbalistischen Mitteln aus Buchstaben und Zahlen bzw. deren Anordnung Schlussfolgerungen gezogen.

Letztlich ist die große Stärke dieser Methode zugleich ihre Schwäche. Zwar ermöglicht sie dem Leser einen sehr individuellen Zugang zu dem Text. Durch die Schönheit der Worte können die zartesten Saiten seiner Seele zum Klingen gebracht werden. Der Zugang zu einer tieferen Spiritualität wird dadurch möglich. Zugleich entstand und entsteht durch eine derart subjektive Auslegung eine große Beliebigkeit und Vielfalt in den Interpretationen, was sie zu allen Zeiten besonders angreifbar machte.

Bei der allegorischen Auslegung verlieren einzelne Verse an Bedeutung. Es ist das Gesamtwerk des Korans, das verzaubert. Daher sind auch die oben zitierten Aggressionsverse, die sich ja nur sehr vereinzelt inmitten des Buches finden, aus dieser Sichtweise vor allem dramaturgisch zu betrachten.

Sie verdeutlichen die spirituelle Erhabenheit über jegliche Relativität. Ziel ist es demnach, sich von nichts und niemandem von seinem spirituellen Weg abbringen zu lassen. Der tiefere Sinn des Korans ist es schließlich, ehrfürchtig und demütig in einer höheren Sinnebene aufzugehen, die Liebe vor Gott und damit auch dessen Geschöpfen bewusst zu leben. Diese Sichtweise schließt Aggression und Feindschaft aus. Sie lässt aber auch keine Halbherzigkeit zu. Diese Unbedingtheit und Resolutheit wird demnach vereinzelt in metaphorischer Form durch vordergründiges Kriegsvokabular ausgedrückt.

Die dritte Interpretationsart entspricht dem, was man in der Wissenschaft als „historisch-kritisch“ bezeichnet. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Auslegungsart zählen Muhammad Iqbal (1877-1938), Amin al-Khuli (1895-1966) oder Hamid Abu Zaid (1943-2010). Ihnen zufolge vermittelt der Koran Werte und Prinzipien, die zwar als göttlich und somit allgemeingültig zu begreifen sind, die allerdings in ihrer konkreten sprachlichen und historischen Form für die Erkenntnisfähigkeit der muslimischen Urgemeinde bestimmt waren. Für ein tiefergehendes Verständnis des Korans ist somit die Situation der Urgemeinde nachzuvollziehen. In einem zweiten Schritt ist die intendierte Wirkung des Korans auf diese Situation zu verstehen, um dann im dritten Schritt eine Analogie in die heutige Zeit zu bilden.

Für die Auseinandersetzung mit den Aggressionsversen des Korans bedeutet dies, zunächst die historische Situation der muslimischen Urgemeinde zu betrachten. Diese hatte sich in einem geographischen Raum zu behaupten, in dem nachweislich ein nahezu offener Kriegszustand zwischen verschiedensten Gruppierungen herrschte. Die muslimische Urgemeinde war angesichts der Kriegswirren und allgemeinen Bedrohungen in der Frühphase ihrer Entstehung gezwungen gewesen, aus Mekka nach Medina zu fliehen. Umso bemerkenswerter ist es, dass trotz eines Kontexts, in dem die einzige verstehbare Sprache die der Gewalt gewesen zu sein scheint, in den Koran fast ausschließlich Aufrufe zu Milde, Toleranz und Frieden Einzug erhielten.

Erst in Mohammeds später Lebensphase finden sich in seinen Aussagen und in den ihm übermittelten Koransuren auch die vereinzelten Aufrufe, sich zu wehren, d.h. selbst kriegerisch aktiv zu werden. Dabei werden jedoch stets zwei übergeordnete Ziele betont: die Wahrung des eigenen Glaubens und die Schaffung des Friedens.

Die wenigen Surenverse, die sich mit Kriegsführung befassen, sind also historisch stark gebunden. Ihre tiefere Bedeutung entspricht der historisch-kritischen Lesart zufolge dabei durchaus denjenigen Versen, die auch in ihrem unmittelbaren Wortsinn zu Toleranz und Frieden aufrufen. Auch sie verlangen von den Gläubigen, ein friedliches Miteinander oder zumindest Nebeneinander zu schaffen – allerdings nur so lange, wie auch die muslimischen Gläubigen unbehelligt bleiben und ihrerseits keinen „Zwang in der Religion“ bzw. ihrer Lebensweise erfahren.

Die „historisch-kritische“ Lesart widerspricht damit all jenen Radikalen, die mit Zwang eine eindimensionale Welt schaffen wollen, die den Frieden dafür opfert, ihre individuellen Ziele zu erreichen.

Auch all jenen, die glauben, dem Koran anti-emanzipatorische Tendenzen entnehmen zu können, sei empfohlen, den Text mithilfe wissenschaftlich etablierter Interpretationsmethoden zu analysieren. Der französische Orientalist Georges-Henri Bousquet (1900-1978) kam, nachdem er den Koran historisch-kritisch gelesen hatte, sogar zu dem Ergebnis, dass Mohammed ein „Champion du féminisme“ sei.

Schließlich gilt es zu berücksichtigen, dass in der gesellschaftlichen Realität, in die hinein der Koran übermittelt wurde, Frauen bestenfalls als männliches Eigentum betrachtet wurden. Im Prinzip wurden sie wie Vieh behandelt. Gang und gäbe war es, unerwünschte Mädchen bei lebendigem Leibe zu beerdigen. Aufgrund des ständig tobenden Krieges in der Region und der folglich sehr hohen Zahl an männlichen Kriegsopfern gab es dennoch sehr viel mehr Frauen als Männer. Daher war die Vielweiberei zum Normalzustand geworden. Rechte hatten die Frauen dabei nicht.

Die Forderung des Korans maximal vier Frauen zu heiraten, ist vor diesem Hintergrund als eine rechtliche Einschränkung der grenzenlosen Vielehe zu begreifen. Vor allem ist hierbei zu berücksichtigen, dass ein Mannnur so viele Frauen ehelichen darf, wie er auch gut versorgen kann. (Sure 4,3) Die Situation der Frau im arabischen Raum jener Zeit hat sich durch diese Forderung massiv verbessert. Hätte der Koran die Vielehe komplett verboten, wäre die Zahl der weiblichen Kindstötungen hingegen weiter angestiegen. Schließlich hätte dies bedeutet, dass der bestehende Frauenüberschuss dazu geführt hätte, dass immer weniger Frauen einen Mann hätten ehelichen können und folglich von ihrer Familie hätten versorgt werden müssen – was viele sich nicht hätten leisten können.

Auch eine Aussage, wie sie in Sure 2,282 getätigt wird, wonach ein Mann vor Gericht zweimal so viel zählt wie eine Frau mag aus heutiger Sicht untragbar erscheinen. Übersetzt in die damalige Zeit bedeutet dieser Vers allerdings einen emanzipatorischen Sprung von ungeheuerlichem Ausmaß. Hatten Frauen zuvor keinerlei Rechte, so wurden sie infolge der koranischen Forderung plötzlich vor Gericht zugelassen. Gemessen an der historischen Situation war der emanzipatorische Sprung zweifelsohne noch um einiges gewaltiger als die im letzten Jahrhundert so viel gefeierte Anerkennung des Frauenwahlrechts in Europa. Schließlich bedeutete er die „Vermenschlichung“ der Frau.

Berücksichtigt man all diese historischen Gegebenheiten und versucht, sie in die Gegenwart zu übertragen, so kommt man nicht umhin, Georges-Henri Bousquet zuzustimmen. Der Koran war zu seiner Zeit auch dem Wortsinn nach ein Buch der Toleranz, des Friedens und der Emanzipation. Jetzt gilt es, diese Bedeutung in die Gegenwart zu transportieren.

Leider wird aber noch immer nur allzu oft eine leichtfertige, unreflektierte und ungeistige Lesart benutzt, um Gewalt und Unterdrückung mit dem Heiligen Buch zu rechtfertigen. Daher wäre es umso wünschenswerter, in der öffentlichen Debatte zum einen die Suren-Fetzen, die sowohl von Islamisten als auch von Islamkritikern zum Beweis ihrer jeweiligen Anschauung verwendet werden, zu kontextualisieren. Zum anderen sollte in Zukunft aber von vornherein verstärkt denjenigen zugehört werden, die gelernt haben, den Koran wahrhaft zu LESEN.

Quellen und Zitate:

Der Koran, neu übertragen von Hartmut Bobzin, München, 2015.

Bousquet, Georges-Henri: L’Ethique sexuelle de l’Islame, Paris, 1990.

Eco, Umberto: Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten, München, 1987.

Wohlfahrt, Holger: Die Vereinbarkeit des Unvereinbaren. Christliche Bibel und Koran: Vergleich der politischen Inhalte und ihrer Deutungen, Würzburg, 2017.

Anzeige von 7 kommentaren
  • Regimekritiker_Dracula
    Antworten
    Sachlich, informativ und lesenswert, auch weiterbildend für einen Atheisten.
  • Goodman
    Antworten
    Toller Artikel. Viel gelernt. Danke!
  • Imago
    Antworten
    Prima Artikel, der für aufmerksam interessierte Leser viel zur differenzierten Betrachtung und zum besseren Verständnis des Islam beitragen kann. Meinen besten Dank daher für seine Veröffentlichung hier auf „HdS“!
  • irgendwie im sowieso
    Antworten

    Auf das dem Schreiber niemals ein falscher auf einem Weihnachtsmarkt übern Weg läuft.

  • Oliver
    Antworten
    Sehr geehrter Herr Wohlfahrt,

    sympathisch finde ich, dass Sie hier ein einfühlendes Verständnis für die Weltreligion Islam entwickeln, das in unserem kulturellen Kontext bislang nicht häufig anzutreffen ist.

    Aus meiner Sicht wird durch diese Perspektive, so nötig sie mir erscheint, jedoch ein zentrales Problem, das sich aus Religion als Weltsicht ergibt, nicht berührt. Ein religiöser Glaube vermittelt einem Menschen, der ihm anhängt, Halt und Orientierung und erleichtert ihm damit, sein Leben im gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem er sich bewegt, zu strukturieren: Für bestimmte Unwägbarkeiten werden (scheinbar) klare Antworten zur Verfügung gestellt, die eindeutige Handlungsoptionen verfügbar machen, wohingegen jemand, der nicht über eine derartige Orientierung verfügt, in einer vergleichbaren Situation mitunter zunächst nicht wissen mag, was als nächstes tun. Diese Entlastung hat aber einen Preis, den ein Gläubiger m.E. nicht unmittelbar sehen kann: Er glaubt – bzw. „weiß“ sich sogar – „auf der richtigen Seite“ stehend.

    Ich kann mir vorstellen, dass vielen Muslimen, die sich auf die eine oder andere Weise genötigt sehen, sich mit „unserer“ westlich-abendländischen Kultur auseinanderzusetzen, zu schaffen macht, dass maßgebliche Exponenten dieser westlichen Kultur sie – und ihre Religion – aus hegemonialem Interesse oftmals offensichtlich herablassend behandeln, entwürdigen und missbrauchen und im schlimmsten Fall zerstören, wie es sich an den permanenten Konflikten und Kriegen unter – wie ich unterstelle – westlicher Regie etwa im Nahen und Mittleren Osten ablesen lässt. Ist nicht denkbar, dass solche Erfahrungen wohl zu einem Gefühl tief verletzender Demütigung führen?

    An dieser Stelle möchte ich ein paar Aspekte dessen darlegen, was mir an sogenannten „heiligen Schriften“ problematisch erscheint. Doch vorab möchte ich anmerken, dass ich „den Islam“ nicht als Bedrohung für „unsere“ Kultur wahrnehme, sondern eine solche vorgebliche Bedrohung im wesentlichen als medial konstruiertes Zerrbild sehe, das benutzt wird, um Angst zu erzeugen und dadurch eine bestimmte Politik zu betreiben – womit ich andererseits jedoch gleichfalls nicht sage, diese Religion sei harmlos. „Der Islam“ hat, falls ich das richtig wahrnehme, durchaus expansive Tendenzen. Aber ich halte keine Religion für harmlos, auch und gerade „das Christentum“ nicht. (Dass wir letzteres i.d.R. nicht so wahrnehmen, hat lediglich mit unserer Vorprägung zu tun und damit, dass der gesellschaftliche Einfluss christlicher Glaubensgemeinschaften heute nicht mehr ganz so tiefgreifend wie einst ist. Wir haben hier heute einfach „säkularere Religionen“, wenn man so will, die ihrerseits allerdings gleichfalls destruktive Wirkungen haben, wenngleich diese vielleicht nicht so unmittelbar augenfällig sind.) Darüber hinaus denke ich, dass „Religion“ (bzw. „Glaube“) einerseits und „Spiritualität“ andererseits zwei Begriffe sind, die sich auf zwei völlig unterschiedliche Bereiche der menschlichen Erfahrungswirklichkeit beziehen und praktisch nichts miteinander zu tun haben.

    „Fundamentalismus“ ist ein Wort, das von einer bestimmten Spielart des Christentums geschaffen wurde und zunächst einmal lediglich soetwas wie „Rückbesinnung auf die Grundlagen“ meinte. Die wesentliche Grundlage einer Rückbesinnung in diesem Sinne war (oder ist immer noch) „die Bibel“ als „irrtumsloses Wort Gottes“, das durch seine Leser „unmittelbar verstanden“ werden könne. Doch was kann ein Leser, der ohne Vorverständnis davon, wie Texte funktionieren und was sie mit seinen Gedanken machen, überhaupt verstehen, wenn er unter unbeleckter Annahme dieser Prämissen bzw. allenfalls noch der Zusatzannahme, die Bibel lege sich selber aus, in diesem Buch liest? Hat er auch nur den Hauch einer Chance, ansatzweise zu erahnen, dass er, sobald er auch nur anfängt, im Text zu lesen, bereits interpretiert? Welche Möglichkeiten hat er, die Jesu zugeschriebenen Äußerungen zur allumfassenden Barmherzigkeit, Liebe und Güte Gottes gegenüber denjenigen zur immerwährenden Verdammnis aller Ungläubigen abzuwägen? Und wie geht er mit der Dissonanz um, die in seinem Geist entsteht, wenn er versucht, derartig disparate Konzepte, die er als unabänderliche, ewig gültige Wahrheiten betrachtet, unter einen Hut zu bringen und sein Sein daran zu orientieren? Schließlich kann er unter diesen Prämissen gar nicht anders, als diesem Buch unumschränkte Autorität zuzuschreiben, die zu hinterfragen er sich nicht einmal im Traum erdreisten würde. Dass die Textsammlung Bibel selbst mehrere, oft sehr politisch motivierte Entstehungskontexte aufweist, wird für ihn ein absolut häretischer Gedanke sein.

    Die Bibel und der Koran sind von bedeutenden Teilen der Menschheit für sakrosankt befundene Texte, aber mit Sicherheit nicht die einzigen. Sie enthalten an der einen oder anderen Stelle bestimmt ein Körnchen Wahrheit, mitunter sogar Weisheit, allerdings – und ich denke, damit werde ich deutlichen Widerspruch von den betreffenden Gläubigen erfahren – auch einen Haufen nur allzu menschlicher Fehler und Dummheiten, denn natürlich wurden sie von Menschen verfasst, die darüber hinaus schwerlich im Blick gehabt haben können, welche anderen Menschen in welchen anderen Kontexten und über welche zeitliche Distanz sie wohl noch lesen würden. Um zu den tieferen Schichten zu gelangen, die weisheitstragende Bedeutung jenseits eines bestimmten Glaubens besitzen, ist genau solch ein Vorgehen nötig, wie Sie es hier in ihrem Artikel skizzieren: Die Texte müssen ihres sakrosankten Status‘ beraubt werden, man muss sich bewusst gestatten, sich seine eigenen Gedanken zu den jeweiligen Aussagen zu machen und diese zu hinterfragen, zum Beispiel, indem man sie in ihren mutmaßlichen historischen Kontext stellt oder sich ihre Lücken, Konnotationen und Vieldeutigkeiten vor Augen führt. Und man muss sich auch „anmaßen“, dem eigenen Geist die Autorität zuzusprechen, feststellen zu können, an welchen Stellen und inwiefern Aussagen schlicht so widersprüchlich oder ethisch inakzeptabel sind, dass sie nach allem, was man bislang gelernt hat, für den eigenen Lebenskontext verworfen werden müssen. Das halte ich tatsächlich für einen Weg, den wertvollen Gehalt der Texte freizulegen; bei allen auch darin enthaltenen Möglichkeiten, sich zu irren.

    Aber welche der drei Buchreligionen funktioniert eigentlich so? Wieviele der jeweiligen „geistlichen“ „Hüter der Wahrheit“ – Pfarrer, Rabbis, Mullahs – mögen sich wohl bereit finden, ihre „Schäfchen“ zu lehren, Gebrauch von ihrem eigenen Denken zu machen, um ihre Erfahrungen mit dem jeweiligen „heiligen Buch“ bewusst reflektieren zu können? Zum einen würden sie damit ja ein Stück weit aktiv an der Abschaffung ihres eigenen Berufsstands arbeiten. Und zum anderen würde damit im Effekt auf Dauer wohl auch der jeweilige Anspruch, im Besitz der letztgültigen Wahrheit zu sein, gewaltig unterminiert; der Halt und die Orientierung, die den jeweiligen Glauben m.E. so attraktiv machen, würden sich abschwächen oder u.U. sogar auflösen und verschwinden, so wie die Erde im Lauf der Geschichte aus dem Mittelpunkt des Universums gerückt und der Mensch vom Sockel der biblischen „Krone der Schöpfung“ gestoßen wurde und den freien Fall antrat, wobei der Boden, auf dem er aufschlagen wird, gerade immer deutlicher ins Gesichtsfeld kommt. Vielleicht stünde man sogar mit einem Schlag und unerwartet eben nicht mehr „auf der richtigen Seite“ und begönne, sich zu fragen, was zum Geier wir alle hier eigentlich gerade machen. Die Vorstellung solch einer Konsequenz hätte vielleicht auch ein Stück weit ihren Reiz: „Wir“ wären eben nicht mehr „die Guten“, und „die anderen“ wären nicht mehr „die Ungläubigen“ oder „die Bösen“ etc.; wenigstens nicht mehr in religiösem Sinne. Aber wäre eine derart abstruse Situation überhaupt wünschenswert?

    Und kann der oben erwähnte unbeleckte Gläubige selbst eigentlich soetwas wollen? Halb-bewußt wird ihm vielleicht irgendwo im Geist ein kleiner Funke herumschwirren, stelle ich mir vor, der ihn daran erinnert, dass es nicht unbedingt sein Wunsch nach Wahrheit sein mag, der ihn am Glauben festhalten lässt, auch wenn er für diesen seine eigene Lebenserfahrung an manchen Stellen verzerrend interpretieren muss, sondern ein Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. (Zumindest ist das ein Bild, das ich mir mache. Es muss nicht stimmen, aber erscheint mir schon bis zu einem gewissen Grad passend.) Wer würde schon so „doof“ sein und sein „Wissen“ um „die Dinge, wie sie wirklich sind“ aufgeben? Zumal im Tausch gegen – ja gegen was eigentlich? Das wäre bestimmt nicht für alle, aber für manchen vielleicht schon ein bisschen viel verlangt. Darüber hinaus bietet eine unbeleckte Lesart der Bibel oder des Korans, die „die Wahrheit gepachtet“ hat, noch einen weiteren Vorteil („Vorteil“?), der gerade in der trennenden Abgrenzung von „den anderen“ etc. zu finden ist. Man kann letzteren, symbolisch gesprochen, nämlich so einen Stinkefinger zeigen, wenigstens ein Stück weit sein eigenes Ding durchziehen und hat praktisch eine offizielle Legitimation, bis zu einem gewissen Grad nach Regeln zu spielen, die man sich selbst ausgesucht hat und die einem nicht „von außen“, vom Konsens einer größeren Gesellschaft, in die eingebettet man sich vorfindet, auferlegt wurden. (Auch das ist nur ein Bild; so stelle ich mir im Rahmen dieser Argumentation die in gewisser Hinsicht exklusiven „bibeltreuen“ christlichen Gemeinschaften in diesem Land vor, was vielleicht auch einigermaßen auf bestimmte muslimische Gemeinschaften hier zutreffen mag. Aber natürlich dürften die meisten Menschen ihren Glauben wohl kaum selbst wählen.)

    Was die eingangs genannte Demütigung betrifft, könnte ich mir gut vorstellen, dass das Element des Stinkefingers mit berücksichtigt werden sollte. Zumindest würde dieses eine in meinen Augen plausible Deutung der Verteidigung einer vielleicht oberflächlichen, aber aggressiven Lesart des Korans in Bezug auf die kriegerische westliche Hegemonialpolitik darstellen. Könnte das, trotz aller Verwerfungen, die diese Lesart mit sich bringt, nicht eine naheliegende oder gar ideale Möglichkeit für diese Menschen darstellen, ihrer ohnmächtigen Wut Ausdruck zu verleihen, wo ihre Regierungen offensichtlich je nach Belieben gestürzt, ihre Länder besetzt und mit Krieg überzogen oder sie selbst ihrer Lebensgrundlagen beraubt werden?

    Um auf die „heiligen Schriften“ zurückzukommen: Wie will ich denn dem fundamentalistischen Christen oder Muslim zeigen, dass seine Lesart falsch ist? Ich kann gute Gründe dafür anführen, dass seine mir oberflächlich erscheinende Deutung unstimmig ist, aber er kann ebenso gute Gründe dafür anführen (! jawohl, er wird es sogar tun!), dass ich das einfach falsch verstehe, weil ich dies oder jenes nicht berücksichtigt habe. Auf der rein wörtlichen Ebene steht nun einmal an ein paar Stellen im Koran tatsächlich da, dass man die Ungläubigen töten muss; und ein wörtlicher – zugegeben: nicht ganz so direkter, aber dennoch unmissverständlicher – Aufruf zur Beseitigung von Ungläubigen findet sich auch im Neuen Testament (Römer 1, 32). Oder wenn man der fundamentalistischen Lesart anhängt, dass das Gesetz des AT weiterhin volle Gültigkeit habe, sieht’s im Verhältnis Koran zu Bibel noch etwas düsterer aus, und vermutlich sollten wir uns freuen, dass in unserer Gesellschaft eine solche Sicht schon länger nicht mehr salonfähig ist. Mir scheint jedenfalls nicht, dass „die Kirche“ bzw. „das Christentum“ irgendwann jemals Schwierigkeiten gehabt hätte, auch noch die abscheulichsten Gräueltaten gut und penibel biblisch zu begründen.

    Wenn ich also gegenüber Fundis dafür plädieren will, ihr „heiligstes Gut“ aus m.E. sehr einleuchtenden Gründen möglichst weitgehend zu profanisieren, werde ich m.M.n. von vornherein auf verlorenem Posten stehen, egal wie gut begründet dieses Ansinnen sein mag.

    Mit freundlichen Grüßen

    Oliver

    • Imago
      Antworten
      Ein sehr differenzierter und wohldurchdachter Kommentar oben, und so etwas ist heute leider recht selten zu finden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, – meinen herzlichen Dank daher an Sie, Oliver!
  • Die Meuchelmörder Gottes
    Antworten

    Des Flusses Organ

    Wer sind diese wer ist der

    wer ist dieser Gott

    so vieler Schmerzen spüren

    so vieler Blut fließend

    Wer sind diese wer ist der

    wer ist dieser Gott

    so vieler Leben sein Opfer

    so vieler Leben leid sein eigen

    Mitnichten sein Blutzoll

    so es Schmerz noch Blut des Lebens

    so des Leben Leid

    dieses mein

    sein eigen nennt darf

    Da klingt es immer wieder, „VOR GOTT SIND ALLE MENSCHEN GLEICH“. Und doch sind es gerade diese, immer und immer wider diese, die am lautesten zu diesem Gott beten und dann Unterschiede schaffen.

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