Die Maschinen-Gefühle

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik

Wer über die Medien nur noch Leben aus zweiter Hand konsumiert, verliert den Kontakt zu echter Menschlichkeit. Würden wir alles, was uns Fernsehen und Computer ins Haus holen, wirklich fühlen, so könnten wir eigentlich nur noch weinen. Egal ob es um die „Realität“ in den Nachrichten geht oder um von Schauspielern imitierte Gefühle in Filmen. Um nicht von Emotionen fortgespült zu werden, haben wir gelernt diese „abzuschalten“ und uns von dem Geschehen zu distanzieren. Das Problem ist: Auch unsere echten Gefühle drohen dadurch verloren zu gehen. Technik, Maschinen und virtuelle Welt trainieren uns unsere Menschlichkeit Schritt für Schritt ab. Erobern wir uns das wahre Leben zurück!  Simon Marian Hoffmann

Eine Straße laufender, leuchtender Werbebilder. Links und rechts riesige beleuchtete Reklametafeln. In den Läden noch mehr Produkte der Technokraten aus dem Silicon Valley. Das ist die Vision derer, die unsere Zukunft am Computer designen und die uns Menschen für so unvollständig halten, dass wir all diese Technik brauchen, um vollkommen zu werden. Doch wo sind die Menschen, für die diese Zukunft entsteht? Sie starren mit eckigen Augen auf die Leuchttafeln vor ihren Köpfen und spüren nur noch etwas vom Leben, wenn Schauspieler Gefühle auf dem Bildschirm imitieren. Solche Szenen kannten wir einst von gruseligen Science-Fiction-Filmen — sie sind aber längst schon traurige Realität geworden.

Man hat sich eben daran gewöhnt, weil das wohl der normale Lauf der Dinge ist. Doch die Dinge laufen nicht von selbst. Sie werden bewegt. In unserer Welt oftmals von Menschen oder von Maschinen, die von Menschen gemacht wurden. Also: Um wen geht es hier eigentlich? Wer bewegt eigentlich die Welt? Wer möchte sich durch die äußere Entwicklung der Technik vor seinem eigenen inneren Fortschritt verstecken? Wer hat Angst vor sich selbst und vor dem, was in ihm lebt?

Dies ist ein Aufruf an die Menschen, innezuhalten und mehr Menschlichkeit zuzulassen. Wollen wir eine solche Welt, wie sie gerade entsteht — eine Welt, die den Menschen der Maschine gleichmacht?

Ist es wirklich diese digitale Welt, die unsere Herzen höher und schneller schlagen lässt? Wir erleben seit der industriellen Revolution einen stetigen Fortschritt der Technik. Doch wo bleibt die Entwicklung des Menschen? Warum gibt es immer noch Krieg, Flucht, Ausbeutung und Sklaverei auf der Welt? Warum tangiert das viele von uns kaum noch? Wie können wir all die schrecklichen Bilder aus den täglichen Nachrichten ertragen? Wie kann uns all das egal sein?

Der Grund dafür scheint ein Syndrom zu sein, das wir Menschen uns als Überlebensstrategie angeeignet haben. Ohne dieses Syndrom würden wir all die Schmerzen spüren, die wir unseren Mitmenschen und der Erde antun, und das könnten wir nicht ertragen. Die Rede ist vom Empathie-Defizit-Syndrom, kurz EDS, unter dem fast die gesamte Menschheit zu leiden scheint. Die digitale Welt, Drogen, aber auch die Vereinnahmung durch viel Arbeit helfen dabei, die Gefühle, die eigentlich in uns sind, abzutöten. Wir leiden am EDS und sehen keinen Ausweg mehr; wir scheinen in einer kollektiven Depression gefangen und haben uns und den Planeten an den Rand des Suizids gebracht. Das ist eine üble Diagnose, aber sie ist dringend zu stellen, wenn Heilung eintreten soll. Was also können wir tun?

Zuerst empfiehlt sich wohl, das von der Jugend entwickelte Kulturheilverfahren wieder zu erlernen. Wir alle konnten in unserer Kindheit und Jugend Gefühle zeigen, dazu stehen und damit umgehen. Es war das Natürlichste der Welt. Der Irrtum, Gefühle zu zeigen sei kindisch oder bei Männern zu feminin, ist leider immer noch weit verbreitet, vor allem unter Technokraten. Gefühle gehören zum Menschen wie seine Gliedmaßen und Organe. Gefühle zeigen ist menschlich. Wer dem Menschen seine Gefühle abspricht, spricht ihm seine Würde ab. Nur eine Maschine hat keine Gefühle.

Wir Menschen müssen lernen, wieder authentisch zu fühlen und das Fühlen als Teil unseres Wesens zu begreifen.

Das ist die Entwicklung, die vor uns steht. Können wir wieder fühlen, dann fühlen wir auch unsere Mitmenschen — und können empathisch sein. Die Empathie ist die Mutter der Demokratie. Das authentische Fühlen ist die Großmutter und die Liebe die Urgroßmutter. Ehren wir unsere Urgroßmutter, so wirkt sie auch durch uns weiter.

Eine Straße laufender, leuchtender Werbebilder. Links und rechts riesige beleuchtete Reklametafeln. In den Läden noch mehr Produkte der Technokraten aus dem Silicon Valley. Das ist die Vision derer, die unsere Zukunft am Computer designen und die uns Menschen für so unvollständig halten, dass wir all diese Technik brauchen, um vollkommen zu werden. Doch wo sind die Menschen, für die diese Zukunft entsteht? Sie starren mit eckigen Augen auf die Leuchttafeln vor ihren Köpfen und spüren nur noch etwas vom Leben, wenn Schauspieler Gefühle auf dem Bildschirm imitieren.

Solche Szenen kannten wir einst von gruseligen Science-Fiction-Filmen — sie sind aber längst schon traurige Realität geworden. Die nächste Revolution, vor der wir also stehen, ist die „Krevolution“ — die kreative Evolution des Menschen, durch die wir wieder lernen, authentisch und aus dem Herzen heraus zu fühlen und zu handeln. Dieser Appell der Wissenschaft und der Jugend fordert die Menschheit auf, neue Visionen einer authentischen, menschlichen Welt zu zeichnen und gemeinsam am Erhalt unserer Spezies durch uns selbst und an der Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu wirken.

Was wäre, wenn wir den Fokus statt auf die materielle Welt auf unsere innere Welt richten würden?

Was wäre, wenn wir Würde und Demokratie neu denken würden? Was wäre, wenn die Wissenschaft wieder am Fortschritt für den Menschen statt am Fortschritt für die Wirtschaft interessiert und beteiligt wäre? Was wäre, wenn wir der Jugend ihre Aufgabe, die Gesellschaft zu transformieren, zugestehen und sie darin unterstützen würden? Was wäre, wenn wir die Technik als Hilfsmittel und nicht als Religion verstehen würden? Ja, was wäre das für eine Welt, in der wir das EDS überwinden und wieder Gefühle zulassen könnten?

Lasst uns menschliche Visionen finden, in denen der Mensch zu seinem vollen Potential erblühen kann und nicht von Maschinen kontrolliert werden muss. Wir träumen von einer Welt, in der Männer fühlen und Frauen stark sein dürfen. In der der Mensch im Vordergrund steht und nicht seine Leistungen, Erfindungen oder Erfolge. Lieben wir das Leben, liebt das Leben uns zurück. Wir sind Menschen. Viva la Krevolution!

Am 17. Mai 2019 findet die Veranstaltung „Würde und Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung“ mit Gerald Hüther und dem Autor dieses Artikels, Simon Marian Hoffmann, um 18 Uhr im Star Event Center Hannover statt.
Zur Einstimmung empfehlen wir das ausführliche Gespräch der beiden Teilnehmer — von Mensch zu Mensch.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Dank an den Rubikon, www.rubikon.news, wo dieser Artikel zuvor erschienen ist.

Anzeige von 8 kommentaren
  • Avatar
    Am Puls der Zukunft
    Antworten
    MehrKORNmüsli für den Uhrzeitmensch, der moderne Mensch braucht MehrKERNmüsli.

    Gefühle in NULLEN und EINSEN, einfacher kann man eine Gesellschaft kaum noch gestalten. Nun noch die STAATSGEWALT als VIRUS implantieren, und schon ist der größte und schnellste Rechner nicht mehr aus dem modernen, dem etwas anderen Leben wegzudenken.

    In NULLEN und EINSEN versteht sich.

    .
    Alexa…, sagt mir doch bitte was Leben ist.

  • Avatar
    ert_ertrus
    Antworten

    Der Herzschlag – Systole/ Diastole (1, 2, 1, 2 …) vs.

    Rechnertakt (1/0/1/0 /1 …)

    1,2 = Leben; 0 = Tod —

  • Avatar
    Ruth
    Antworten
    Wir werden mit fünf wunderbaren, sinnlichen Gefühlen geboren!

    Sie bestimmen in den ersten Jahren unser Leben. Weinen wir, dann werden wir getröstet, haben wir Hunger, dann bekommen wir ihn gestillt. Unser Vertrauen ist grenzenlos!

    Doch dann, irgendwann dürfen wir unsere Gefühle nicht mehr zeigen; nein, sie werden belächelt und unsere Scham beginnt – eine Katastrophe!

    Das stärkste Gefühl – Sexualität – das verkommt allerdings schamlos zur käuflichen Ware! Immer verfügbar, zu Discounter-Preisen, billig verpackt – quasi Ramschware!

    Ekelhaft und würdelos!

    Die Gier – der sechste Sinn ? – konsumieren, konsumieren macht stumpf und unmenschlich!

    Ich werde mich weiter mit Gefühl: verlieben, auslieben, lustlieben, zartlieben, mit meiner ganzen Kraft!

    Macht es es einfach!

     

     

     

     

     

     

     

  • Avatar
    Piranha
    Antworten
    Ein Artikel am 6. Juni, der eine Veranstaltung für den 17. Mai ankündigt? Und leider ohne Hinweis, wo „das ausführliche Gespräch“ zwischen Hüther und Hoffmann zu finden ist. Aber ich geh mal bei Rubikon stöbern 🙂

    Inhaltlich stellt er ja mehr eine Meinung dar, wenngleich ich dieser in Teilen folgen kann. Dennoch: er kommt mir etwas zu verallgemeinert vor.

    EDS kann man zu recht beklagen(?) – Beispiel: alle Welt berichtete über ein zweijähriges Kind, das ertrank. Zur gleichen Zeit ertranken 14 zweijährige Kinder im Mittelmeer. (Sebastian Pufpaff) Davon hat man nichts gehört in den Leitmedien. Ganz zu schweigen von den Tausenden, die bereits ertrunken sind und erst recht zu schweigen von der Kriminalisierung jener, die Leben retten.

    Was Empathie mit Demokratie zu tun hat – darüber muss ich erst noch nachdenken.

    @ Ruth

    Es wäre arm, wäre der Mensch mit nur 5 Gefühlen ausgestattet. Ich glaube, du meintest die 5 Sinne, oder? Wobei selbst hier neben Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten noch ein 6. hinzukommt, nämlich der Körpersinn. Meint, der Sinn für die Körperlage im Raum.

    Sexualität ist ein Trieb, der der Erhaltung der Art dient, kein Gefühl. Du kannst aber sagen, dass dort, wo angenehme Gefühle im Spiel sind, die Sexualität schöner/erfüllender ist.

    Die Gier lässt sich ebenfalls den Trieben zuordnen; sie soll einen als subjektiv empfundenen Mangel ausgleichen, wenn auch auf meist recht ungesunde Art, oder nenne es verwerflich. Beachte aber auch Begriffe wie Begierde und Begehren. Nicht immer ist es verwerflich – ob du nun etwas bewusst willst oder dein Instinkt dich da leitet. 😉

     

    • Avatar
      olga
      Antworten
      Piranha , Ihen geht es auch darum, dass die Fliehenden nicht nur nicht ertrinken, sondern das Recht haben sollen , in Europa zu bleiben!
  • Avatar
    Volker
    Antworten

    Gefühle gehören zum Menschen wie seine Gliedmaßen und Organe.

    Na, ich weiß nicht. Gliedmaßen und Organe gehören wohl eher der Medizinindustrie, im Verbund mit der Gefühlsindustrie, mit Anspruch auf Menschenverwertung als Eigentumsrecht. Das funktioniert bestens; Ersatzteilhersteller arbeiten Hand in Hand mit Fachärzten sowie Chirurgen am Fließband, unterstützt durch gesetzliche Krankenversicherungen als Zulieferindustrie, die jährlich an der Beitragsschraube drehen, damit die Menschenverwertungsindustrie nicht erkrankt, Aktionäre gesund und munter bleiben.

    Seehofer und das Gruselkabinett Regierung trampeln gerade wieder einmal auf Gefühle der Flüchtlinge herum, sprechen den Menschen ihre Gefühle ab und behandeln sie wie Verbrecher. Was ich dabei fühle, ist Ekel, Fassungslosigkeit und Wut. Was Durchwinker verschärfter, menschenfeindlicher Verachtungsgesetze dabei fühlen, sofern sie dazu noch in der Lage sind, sollten wir dringenst klären, bevor Grün-Rot-Rot weiterregieren wird wie vorgesehen.

  • Avatar
    olga
    Antworten
    Volker, die Sozis in Dänemark haben mit einer „rechteren“ Politk gerade Erfolg, nicht vergessen!
    • Avatar
      Palantir
      Antworten
      Still, nicht dummschwätzen

Hinterlasse einen Kommentar

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!