Die neue Widerstandskultur

 in FEATURED, Kultur, Politik (Inland)

Die musikalischen Helden unserer Jugend haben sich überwiegend mit dem System arrangiert — jetzt schicken sich Jüngere an, das Protestlied neu zu beleben. Die Kulturszene liegt brach. Der Weg auf die Bühne ist derzeit versperrt, viele Münder sind es auch. Neben De-facto-Auftrittsverboten, die nun schon 16 Monate andauern, leidet die kritische Auseinandersetzung von Künstlerinnen und Künstlern mit der Coronapolitik auch unter einer merkwürdigen Scheu der meisten Kulturschaffenden, sich öffentlich und unmissverständlich für Freiheit und Grundrechte, für die vielen Opfer der „Kollateralschäden“ von Maßnahmen einzusetzen. Wer nicht ohnehin die Auffassung von Regierung und eingebetteter Opposition teilt, heuchelt Übereinstimmung — oder schweigt. Die — real durchaus begründete — Angst vor Ausgrenzung und Rufmord, speziell der Stigmatisierung als „rechts“, treibt vorher politisch rege Rebellen ins innere Exil. Die Folge ist, dass sich Künstlerinnen und Künstler durch ihr Schweigen und Mitmachen gegenseitig entmutigen. Es gibt in der Bevölkerung jedoch spürbar eine Sehnsucht nach musikalisch-künstlerischer Aufarbeitung der Coronakrise, nach Liedern, die die Nöte der Menschen widerspiegeln, ihren Protest artikulieren, ihnen Mut machen. Jede Bewegung — man denke etwa an „68“ — hatte einen Soundtrack, hatte Lieder, die den Protest widerspiegelten und zugleich anheizten. Und es gibt eine gute Nachricht: Diese neuen Künstler und Lieder — sie sind da. Roland Rottenfußer

 

„Wir müssen ganz klar sagen: Die Musikbranche oder überhaupt die Kulturbranche hat in dieser Zeit komplett versagt.“ Alex Olivari hat die Nase voll. Der Songwriter und professionelle Musiker war lange in der Begleitband von Matthias Reim unterwegs gewesen. Bis ihn dessen Management gnadenlos und sehr plötzlich schasste. Der Grund: Olivari hatte ein paar kritische Lieder zum Corona-Thema aufgenommen, allen voran „Deutschland, zeig dein Gesicht“.

Der Künstler hat „wenig Hoffnung“, dass die gesettelten Altstars der Szene noch irgendetwas bewegen werden. So lässt er in einem Interviewvideo durchblicken: „Dann hätten sie’s schon längst machen müssen. Nach einem Jahr ist der Zug abgefahren. (…) Da ist eine große Enttäuschung in der Musik hörenden Bevölkerung da.“ Und worin liegt es? „Die Künstler, von denen man das jetzt erwarten könnte, haben an dem Zwangsjackett der Political Correctness jahrzehntelang gestrickt. Ich glaube, dass die selber ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der Meinungskorridor so eng ist.“

Das Schweigen der meisten Künstler und Intellektuellen zu Corona bleibt ein Phänomen. Die Zeit hat diese klaffende Wunde der derzeitigen Kulturszene nur sehr bedingt heilen können. Die Reaktionen des Mainstreams auf die Schauspieler-Aktion #Allesdichtmachen hat das Feuer des Widerstands ausgetreten, bevor es sich zum Flächenbrand ausweiten konnte. Ab und zu wagt sich — wie Til Schweiger — jemand aus der Deckung, bekommt aufs Maul und verschwindet dann wieder in der Versenkung. Immer wieder stoße ich zwar bei meinen Recherchen auf gute Widerstandsvideos fachlicher wie auch musikalischer Art, aber sie bleiben eher im kleinen Rahmen, bleiben Nische.

Verkürzter „Antifaschismus“ ersetzt die Freiheitsliebe

Die „Großen“ halten sich noch immer an der gedanklichen Hilfskonstruktion fest, ihr Einknicken vor dem globalen Gesundheitstotalitarismus sei Antifaschismus. Vielleicht, weil sie vom Fernsehsessel aus beobachtet haben wollen oder in der Zeitung gelesen haben, dass sich unter den Grundrechtsdemonstranten Reichskriegsflaggenträger befanden. Nichtteilnehmer belehren die Teilnehmer solcher Demos nur allzu gern darüber, wie es dort zugeht. Auch große, zuvor sehr weit ausgreifende Geister nehmen Zuflucht zum Unterkomplexen, beten selbst die durchschaubarsten Phrasen der etablierten Politik nach: „Ich schütze mich und andere“ und „Ich demonstriere nicht mit Nazis“.

Nicht ihr Antifaschismus, also der Kampf gegen wirkliche Rechtsextreme, ist den Akteuren ja vorzuwerfen, sondern der Mangel an Antifaschismus, wenn es um die schon weit fortgeschrittenen Anfänge eines totalitären Staatsautoritarismus geht. Nach der Logik etablierter, links-grün sozialisierter Künstler ist jemand offenbar umso antifaschistischer, je duldsamer er sich gegenüber diesem Autoritarismus verhält. Dieser Antifaschismus arbeitet sich an den „Kleinen“ ab und lässt die „Großen“ laufen.

Grundsätzlich sind diese beiden Entscheidungen natürlich nachvollziehbar: Man hält sich vorsichtshalber an Hygieneregeln, und man bleibt Demonstrationen fern, wenn eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich unter dem Publikum „Rechte“ befinden. Was immer jemand unter rechts versteht — der Hass auf die, die damit gemeint sind, scheint allenthalben größer zu sein als die Liebe zur Freiheit. Natürlich: Niemand muss Demonstrationen besuchen, wie sie zum Beispiel von den viel gescholtenen Querdenkern organisiert werden. Was aber, liebe Künstler, Intellektuelle und Prominente, tut ihr dann, um zumindest die schlimmsten Auswirkungen der Maßnahmenpolitik zu verhindern? Eine eigene „linke“ Demonstration organisieren? Auf euren Webseiten aufbegehren? Oder gestreamte Protestlieder verfassen?

PR-Taktik statt Rückgrat

Nichts dergleichen. Nicht einmal zur demütigenden, grundrechtswidrigen Ausgangssperre, zur Automatisierung der Freiheitsberaubung mittels des neuen Seuchenschutzgesetzes, zur Maskenpflicht für Kinder, zur Verfolgung unbequemer Richter und zur ausufernden Medienzensur sagen eingebettete Rebellen einen Pieps. Und das, obwohl ihnen doch selbst die andauernden Einschränkungen und Belehrungen im öffentlichen Raum mittlerweile zum Hals raushängen müssten.

Und obwohl jetzt offenkundig ist, dass eine reale Gefahr besteht, dass sich diktatorische Tendenzen in Deutschland verstetigen. Nicht einmal, um für ihre Kinder eine bessere, eine zumindest erträgliche Zukunft zu schaffen, stehen Etablierte auf. Der Weg in die derzeit bestehende Corona-Opposition scheint aufgrund medial gelenkter Feindbildpflege versperrt. Dies führt aber nicht zur Kreation einer besseren, einer nicht rechtsoffenen Opposition, sondern zu einer dauerhaften Willenslähmung.

Nicht nur die großen Namen etablierter Deutschrockstars und Chansonniers sucht man in den Reihen der Maßnahmenkritiker vergeblich — auch viele Kleine schweigen. Beide Gruppen unterscheiden sich allenfalls in der Begründung, die sie für ihre Untätigkeit wählen. Prominente Künstler stehen in besonderem Maß im Rampenlicht. Der Mainstream würde an ihnen ein Exempel statuieren, wagten sie es, aus der Phalanx der Nichtrebellion auszuscheren.

Sie fürchten wahrscheinlich, durch übermäßiges Eintreten für Freiheit und Grundrechte ihrem Lebenswerk irreparablen Schaden zuzufügen. Und näher als der Rock solcher Ideale ist ihnen allenfalls das Hemd ihrer eigenen Karriereabsichten. Weitgehend unbekannte Akteure dagegen müssen nicht befürchten, in den großen Medien als Schwurbler und Corona-Leugner an den Pranger gestellt zu werden, jedoch sind sie finanziell in einer labileren Gesamtsituation. Die Missbilligung eines Teils ihrer Fans könnte für sie das Karriereaus bedeuten.

Eine Ära des Kulturopportunismus

Bei diesen strategischen Überlegungen scheint eines am wenigsten zu zählen: ihre wirkliche Überzeugung und ihre wahren Gefühle in der Coronafrage. Bei den großen politischen Künstlern der Geschichte hatte man nicht so stark das Gefühl, dass sie in Gedanken kalkulierten, welcher Prozentsatz ihrer Fans welche politische Meinung teilte. Aus ihrem Verhalten sprach nicht so stark die Sorge, die Leitartikler großer Tageszeitungen könnten schimpfen, wenn sie ein nicht mit der Redaktionslinie übereinstimmendes Couplet sängen. Künstlerinnen und Künstler mit Rückgrat machen einfach — egal, wie die Resonanz hinterher ausfällt. Gerade dafür bewundern wir sie.

Vom Vorwurf des Kulturopportunismus würden sich eingebettete Kulturschaffende aber selbst vermutlich mit dem Argument freisprechen, sie seien zufällig von ganz allein zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die Maßnahmen-Befürworter. COVID-19 sei gefährlich, Vorsicht könne schließlich nichts schaden und so weiter. Die Psychodynamik der Angepassten — selbst wenn diese ihnen selbst bewusst wäre — kann kaum beweiskräftig offengelegt werden. Sie bleibt in einer Grauzone.

Der Musiker Alex Olivari deutete in seinem Interview an, dass es für die jetzigen Mitmacher auch einmal zu spät sein könnte, um aufzubegehren. Das ist wahr. Dennoch sollten die Türen für Rückkehrer grundsätzlich offengehalten werden. Wir können die neue, menschlichere Gesellschaft nicht allein mit Helden bauen. Dazu sind es zu wenige. Aber ohne ein Mindestmaß an Einsicht wird es nicht gehen.

Helden unserer Jugend

Olivari nahm in seinem Song „Die Helden unserer Jugend“ speziell Exponenten der 68er-Generation aufs Korn, die man von der Richtung her „links-grün“ einordnen würde und die in der Vergangenheit durch eine rebellische Attitüde auffielen.

„Habt ihr die Seiten gewechselt, oder wart ihr schon immer da?“, fragt Olivari hintersinnig. Dies suggeriert, dass sich hinter Linkssein, Nonkonformismus und Freiheitspathos auch imageprägende Weltanschauungsmodule innerhalb eines gesellschaftlich akzeptierten Spektrums verbergen könnten.

Die Künstler bedienen damit ein spezifisches Marktsegment; ihre Zielgruppe unterscheidet sich von wertkonservativen Zuhörern, wie sie etwa von Heino und anderen Volksmusikern bedient werden. Beide Gruppen etablierter Künstler haben jedoch gemeinsam, dass sie nie aus jener unsichtbaren ideologischen Umhegung ausbrechen würden, die für sie über viele Jahre Sicherheit, Brot und öffentliche Anerkennung bedeutet hat. Konkret: Als öffentlicher Künstler darf man zwar sagen, dass Politiker sich im Zuge der „Maskenaffäre“ persönlich bereichert haben, nicht aber, dass die Maskenpflicht als solche verfehlt wäre. Vor allem wagen sie eines nie: sich die Gunst der großen Medien zu verscherzen, bei denen sie für ihre jeweils neuen Produkte Werbung machen können.

Erlöschende Fackeln

Etabliert-rebellische Künstler waren für viele Vorbilder. Sie gleichen Fackeln, die vor dem Erlöschen andere entzündet haben, um diesen dann ihre Helligkeit zum Vorwurf zu machen. Gerade Künstler des Typs „linker 68er“ haben ihre Fans mit Freiheitsrhetorik, mit der Aufforderung zu Widerstand, Lebensdurst und bedingungsloser Selbstidentität, mit der Mahnung, autoritären und faschistoiden Entwicklungen frühzeitig entschlossen entgegenzutreten, heißgemacht. Sie haben Menschen, die in weniger glutvollen Jahrzehnten groß wurden als sie selbst, mit wohltönenden Anfeuerungsrufen an die Front aktueller politischer Auseinandersetzungen geschickt.

Mitten im Kampfgetümmel bemerkten die Jüngeren dann, dass sie dort allein kämpften, weil sich die Älteren längst vornehm hinter die Linien zurückgezogen hatten. Schlimmer noch: dass sie von diesen von hinten mit Steinen beworfen wurden. Die „Schüler“ sind den „Vorbildern“ peinlich geworden — vielleicht, weil sie das, was deren Texte aussagten, nur allzu gut verstanden haben.

Wir werden aber der gegenwärtigen Musikszene nicht gerecht, wenn wir fortdauernd nur auf die großen Namen starren und deren Angepasstheit beklagen. Sogar unter den Bedingungen eines dauerhaften Auftrittsverbots sprießen außerhalb des Aufmerksamkeitsspektrums der großen Masse die Corona-Lieder. Ihre Plattform ist meist das Internet-Musikvideo. Stilistisch untereinander sehr verschieden, formieren sie eine neue Subkultur, die sich vor allem durch Nachdenklichkeit und Furchtlosigkeit mit Blick auf mögliche Diffamierung auszeichnet.

In meinem Artikel „Protestnoten“ habe ich im Februar einige dieser Künstlerinnen und Künstler vorgestellt — etwa die Schauspielerin und Sängerin Nina Proll und den Gitarristen und Slam-Poeten Jens Fischer Rodrian. Im Folgenden setze ich diese kleine „Hitparade der Corona-Lieder“ fort — ohne dass mit der Platzierung der Lieder jedoch eine Wertung verbunden wäre.

Alex Olivari: Das Blatt wird sich wenden

Selbst Menschen, die mit der Coronapolitik der Regierung nicht einverstanden sind, können sich kaum noch vorstellen, dass das Regime besiegt werden kann. Deshalb sind visionäre Lieder in diesem Zusammenhang so wichtig. Sie erzeugen die Sehnsucht nach dem Meer — oder die Sehnsucht nach mehr —, motivieren und sind ein Mittel gegen den Trübsinn, der uns aus Schlagzeilen wie „Lauterbach warnt vor vierter Welle“ entgegenquillt. Alex Olivari ist derzeit der fleißigste Schöpfer kritischer Lieder zum Thema Corona. Musikalisch ist es eher Deutschpop — griffig, emotional und mit dem Zeug zum Klassiker, an den sich die Menschen nach der neuen Wende gern erinnern werden.

Guido de Gyrich: Wo seid ihr alle hin?

In der Szene etablierter, sonst durchaus rebellischer Rockstars und Liedermacher geht es derzeit stiller zu als hinter den Mauern eines Schweigeordens. Wenn überhaupt etwas ertönt, dann Kritik an den Kritikern der Coronamaßnahmen der Regierung. Eher noch wird ein Armin Laschet unversehens zum Corona-Rebellen als Niedecken, Grönemeyer & Co. Das ist traurig und befremdlich. Jetzt wurde den wortkargen Künstlern sogar ein Lied gewidmet — und das nennt Namen. Man muss dem Text jedoch sorgfältig folgen und über ein Grundwissen der Szene verfügen. Dann stellt man fest, dass Guido de Gyrich seine Protagonisten sehr klug an ihren eigenen Ansprüchen misst. Stichwort: „Sei wachsam!“ Ein schmissiger Rocksong ist es überdies.

Van Morrison: Where have all the rebels gone?

„Where have all the rebels gone, hiding behind computer screens?“ Tja, die Frage stellt sich in der Tat. Und bei Van Morrison, dem vielleicht aktivsten englischsprachigen Corona-Liedsänger, ist anzunehmen, dass er es genau so meint. Der Vorwurf richtet sich vor allem an seine Generation, die Alt-68er, wie man in Deutschland sagt. Und Morrison fragt sich: Wart ihr eigentlich jemals wirklich so tough, oder war alles nur PR? Musikalisch liefert er wieder süffigen Blues-Rock ab.

HK: Laissez-nous travailler

Kaddour Hadadi („Danser encore“) ist derjenige Corona-Protestsänger, der die beste Laune zu erzeugen weiß. Das liegt einerseits an der flotten Musik und den stets um ihn herumhüpfenden Menschen, andererseits auch an seiner Art, der Kritik eine positive Wendung zu geben. Hier singt er: „Glück ist ansteckend“. Er wolle die Sterne in den Augen seines Publikums wieder entzünden. Die Politik aber hat momentan alles verboten, was Freude macht, daher befinde er sich in Opposition zu „seinem“ Präsidenten. Ein dringender Appell an die Politik, die Kunstschaffenden nicht weiter daran zu hindern, ihrer ureigenen Bestimmung nachzukommen: „Lasst uns arbeiten!“

Nur: Es ist doch nur

Man redet sich die Zustände in diesem Land gern schön, indem man das Gesamtbild in Einzelteile zerlegt und dann sagt: „So schlimm ist es ja gar nicht.“ Die Maske beim Anstehen vor dem Laden, kurz vorher zum Test, und die Impfung … na ja, es ist unwahrscheinlich, dass gerade ich von den Nebenwirkungen betroffen bin, und dann ist wenigstens Ruhe … Die Band „Nur“ hat sich hierfür ein Video von Hans-Jörg Karrenbrock zum Vorbild genommen. Einen Ausblick auf das Ende des Wahnsinns gibt es auch. Die Bebilderung des Videos ist eindrucksvoll und professionell.

Viola: Werfe die Maske weg

„Hol dir dein Recht auf Atmen zurück, den Quell deines Lebens.“ Viola Rescher ist vermutlich eine Debütantin in der Liedermacherkunst. Die Psychotherapeutin hält Krankheitssymptome für „Warnsignale bei Überangepasstheit“. Die kann man ihr selbst zum Glück nicht vorwerfen. Starke Melodie, starke Stimme, starke Botschaft.

Lüül: Ich bin die freie Rede

Bald müsste es heißen: Ich WAR die freie Rede. Die De-facto-Zensur, auch auf Plattformen wie YouTube, nimmt zu. Sie wurde nur privatisiert, sodass der Staat fein raus ist. Der Künstler Lüül, eigentlich Lutz Graf-Ulbrich, wagt hier ein erhellendes Gedankenexperiment und versetzt sich in die Rolle der freien Rede selbst. Diese war ja früher sehr beliebt, der freie Westen war sogar besonders stolz auf sie. Heute hält man sie für verzichtbar. Abwechslungsreiches Video, der Text wird eher im Poetry-Slam-Stil vorgetragen.

Moritz: Distanz

Über Kinder in Coronazeiten wird viel gesprochen und geschrieben. Selten aber kommen Kinder selbst zu Wort. Dieser Bub, über den wir nichts Weiteres in Erfahrung bringen konnten, hat vielleicht eines der erschütterndsten Lieder zum Thema kreiert. Verweigerte Umarmungen; ständige Zurechtweisungen über nicht eingehaltene Distanz; eiskalte Klassenzimmer, die man nur mit einer Decke über der Schulter aushält; gereizte Väter, die immer zu Hause sind; Kinder, die wählen müssen, welche ihrer Freunde sie (einzeln) treffen wollen … Diese Phänomene werden sehr präzise geschildert. Vielleicht am schlimmsten: Kinder könnten verlernen, wie es überhaupt geht, einander zu umarmen. Im Bauschutt-Ambiente und mit typischen Rapper-Handbewegungen kommt Moritz ohnehin rüber wie ein Großer.

Christian Schantz: Mehr Diktatur wagen

Endlich wird offen gesagt, was viele bisher nur im Geheimen dachten. Der Schriftsteller Thomas Brussig preschte mit seinem Essay „Mehr Diktatur wagen“ mutig voran. Die Süddeutsche druckte den Text, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Liedermacher Christian Schantz schließt sich an und schreibt zu seinem Lied:
„Die schlimmste Ohnmachtserfahrung in der momentanen Situation wurzelt darin, dass wir diese Krise mit den Mitteln der Demokratie bewältigen müssen. Einem Ausnahmezustand muss man mit Ausnahmeregeln beikommen. In einer Krise wie dieser kann die Ausübung von Grundrechten eine Gefahr für die Gesamtbevölkerung darstellen. Der Schutz des Lebens muss an oberster Stelle stehen. Auch für uns Kulturschaffende ist es Zeit, Flagge zu zeigen und uns aktiv für mehr Diktatur und Totalitarismus einzusetzen.“ Zum Glück ist das nur ironisch gemeint. Bei ihm zumindest.

Ludger K.: Corona-Theater

Die Älteren von uns erinnern sich vielleicht noch an Katja Ebstein und Deutschlands Nationalkomponisten Ralph Siegel. Beide erreichten mit dem Song „Theater“ vor vielen Jahren den 2. Platz beim Eurovision Song Contest. Diese Coverversion spielt in vielem auf den Text des Originals an. Die Sätze des Kabarettisten Ludger K. zum Corona-Theater fügen sich erstaunlich gut in die Melodie ein. „Und der Bill, der darf lachen, auch wenn uns zum Weinen ist“ oder „Wir machen jeden Scheiß mit“. Auch der unvergessene Dieter Thomas Heck hat hier — neben Ebstein, Drosten und Wieler — einen Überraschungsauftritt.

Phizzo (Rapbellions): Zeugen Coronas

„Du nennst es noch Tagesschau und nicht betreutes Denken.“ Der Rapper trifft mit der Bezeichnung „Zeugen Coronas“ sicher etwas Wesentliches. Die Corona-Richtigdenkerei ist zu einer Art Religion geworden, deren Anhänger agieren missionarisch und wirken oft etwas betulich. Sie halten Behauptungen schon deshalb für wahr, weil es „geschrieben steht“ — oder im Fernsehen kam. Im Video sind neben dem Sänger auch Aktionen der „Mask Force“ zu sehen, einer Protestform, die mit Masken und zombiehaftem Gang das System quasi mittels paradoxer Intervention bekämpfen. „Fordert doch aus Angst vorm Tod gleich zum Selbstmord auf!“

Ringsgwandl: Da Beppe und de Mona

Was macht eigentlich ein Paar, das jungfräulich in die Ehe geht, bei dem sich aber schon heftig Begehrlichkeiten melden, wenn die Regierung ein Abstandsgebot erlassen hat? Darf man sich da überhaupt küssen oder Schlimmeres? Solche Fragen werden — obwohl alle Leute ständig über Corona reden — viel zu wenig erörtert. Ringsgwandl — also Dr. med. Georg Ringsgwandl — nimmt sich des Themas in einem vergnüglichen Clip an. Da scheint es fast, als ob Beppe wirklich will, während Mona das Virus eher zum Vorwand nimmt, um sich vor dem ehelichen Vollzug zu drücken. Oder sie ist Deutsche und Bayerin genug, um zu tun, was in ihrer Heimat der Brauch ist: gehorchen.

Grainétoile: La Corona

„Geh durch deine Ängste, öffne dein Herz, sieh die Schönheit der Blumen. Es ist bloß die alte Welt, die stirbt.“ Aus diesem Video spricht eine spirituelle Erlösungshoffnung. „Grainétoile“ heißt ungefähr „Sternensaat“, und der Refrain meint wahrscheinlich: „Öffne dein Kronenchakra.“ Die Musik erinnert an „Danser encore“, das Ambiente an ein Rainbow-Festival oder ein Video von Morgaine. Zwar werden im Text einige Details der aktuellen Politik angedeutet, die Krise wird jedoch vor allem als Übergang in ein neues Zeitalter gedeutet, zu dessen Pionieren die Musiker, Tänzer und Zuhörer gehören können. Text mit deutscher Übersetzung hier:

Freimut Feliciano: Frei

Der Begriff ist etwas aus der Mode gekommen. In Orwells „1984“ heißt es, künftige Generationen würden das Wort frei vielleicht gar nicht mehr verstehen können. Hier wird der aus der Geschichte bekannte Begriff von vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern des Rappers intoniert. „Der Virus heißt Angst, lebendiges Koma. (…) Wo Angst regiert, Gefühl stagniert, Freiheit verliert.“ Es ist kein reines Corona-Lied, aber visuell dominieren in dem Video teilweise Masken. Dazu gibt es Seitenhiebe auf Kommerzkultur und Profitgier. Durch die kulturelle Diversität der Auftretenden wird überdies der Eindruck erweckt, die ganze Welt schreie nach Freiheit. Wäre schön.

Corona Bavaria: Bitte geht!

Ich wohne ja in Bayern, und da ist derartige Musikbeschallung der Normalfall. Weniger normal ist allerdings kritisches Bewusstsein in der Volksmusik. Selbst Volksmusikgruppen, die man sonst weder aus musikalischen noch aus politischen Gründen „auf dem Schirm“ hat, sind heutzutage in der Coronafrage kritischer als das linksintellektuelle Kultur-Establisment — von Ausnahmen hier natürlich abgesehen. Die Mädels sind mutig, frisch und direkt. Sie zeigen den Politikern, was wir angesichts ihrer Coronapolitik wirklich von ihnen erwarten: den Rücktritt.

Nicolai Freimann: Kein Untertan

„Kein Untertan“? Da wäre er der beinahe erste in Deutschland. Dieses Lied — musikalisch Elektropop — enthält viel Stoff zum Nachdenken. Die Mächtigen wollen, „dass für den Feind du hältst den, der für dich kämpft“. Und: „Die Wahrheit stirbt, wenn keiner nach ihr fragt.“ Schließlich: „Du meinst, die Freiheit gibt es als Geschenk.“ Zweifellos die Art von Text, die heute dringend gebraucht wird.

Wir brauchen solche Lieder, denn Menschen sind mehr als politische Köpfe, die über die Taten der Corona-Akteure nachgrübeln wollen. Notwendig sind auch Botschaften, die uns auf der Ebene des Gefühls erreichen, die mithilfe von Poesie und Symbolen die politischen Vorgänge auf einer tieferen Ebene zu ergründen versuchen — die nicht zuletzt auch Freude bereiten und Mut machen. Wir können den genannten Künstlern nur zurufen: Weiter so! Und andere ermutigen, sich anzuschließen. Was derzeit noch nicht groß ist und sich unter dem Radar der gelenkten öffentlichen Aufmerksamkeit bewegt, kann im Laufe der Zeit an Statur und Bekanntheitsgrad gewinnen. Denn „unsere“ Künstlerinnen und Künstler habe dem Kulturestablishment vor allem zwei Dinge voraus: Mut und die schonungslose Suche nach Wahrheit.

Alex Olivari sagte in seinem Interview sehr schön:

„Ich denke, jeder Mensch — nicht nur Musiker — muss sich die Frage stellen: Wie viel Raum lasse ich der Angst, und welche Chance gebe ich dem Mut?“

Showing 11 comments
  • Ulrike Spurgat
    Antworten
    Wo ist denn nur ROGER WATERS mit seinen klaren politischen ohne Schnörkel Botschaften ?

    Hier jedenfalls, bedauerlicherweise nicht !

    Pink floyd, sind neben THE DOORS, Neil Young..usw die Helden meiner Jugend.  Jim Morrisson ein begnadeter Sänger und Poet.

    Waters zolle ich meine Hochachtung in jeder Hinsicht. Ein anständiger Mann, der seine Popularität nicht etwa für seine eigene Nabelschau und seinen persönlichen Vorteil nutzt, sondern einen heute eher seltenen Kampf kämpft, nämlich für FREE Palästina und für den leidenden Mann Julian Assange, der für unser aller Freiheit, der Meinungs- und Pressefreiheit zu Unrecht seit fast zehn Jahren eingeknastet ist.

    Waters geht viel weiter in seinen politischen Forderungen als die wenigen, politischen sich positionierenden heutigen Künstler.  Waters politischen Forderungen schließe ich mich sehr gerne an.

    Mit Interesse habe ich diesen interessanten Artikel gelesen, der über Grenzen und musikalische Richtungen sich mir nix dir nix hinwegsetzt, und somit zu einer künstlerischen Zeitreise wird.

    Danke sehr.

     

    • Marlie
      Antworten
      Warum ich schweige.

      Es war Anfang 2020: Jeden Tag wurde es schlimmer. Die tägliche Busfahrt zur Arbeit allmählich nicht mehr zu ertragen, eingezwängt zwischen Menschenleibern, umdröhnt von Kindergeschrei und unverständlichen nicht-deutschen Sprachfetzen, von Tag zu Tag schneller zwischen engen Häuserschluchten, aufs Äußerste angespannte Fahrer, Vollbremsungen vor Ampeln, in öffentlichen Verkehrsmitteln, für die Stoßdämpfer ein Fremdwort ist. Wahrscheinlich eine Ausnahme, aber für mich tägliche Realität auf dieser Streck auf dieser Linie. Ein Königreich für ein Auto – aber nein, Klimaschutz geht vor, und schließlich habe ich mein Auto schon vor 30 Jahren verkauft, damals, wegen dem Waldsterben. Vor 30 Jahren! Heute geht es dem Wald schlechter denn je.

      Seit Jahren und Jahren sich überstürzende Nachrichten im Fernsehen, Naturkatastrophen überall, Erdbeben, Überflutungen, Gletscherschmelze, Waldbrände, Hungersnöte, seit kurzem jetzt Fridays for Future: wir bräuchten 3 Planeten, wenn wir so weiter wirtschaften. Und?    Und nichts.     Nichts!
      Nichts passiert, niemand reagiert, keiner sagt „Stop“, alle machen einfach weiter und man spürt, dass jeder und jede es weiß: es muss sich etwas ändern, so geht es nicht weiter, wir verlieren diesen Planeten. Aber es ändert sich nichts. Nicht wirklich.

      Dann plötzlich, innerhalb weniger Tage: Corona. Lockdown. Endlich! Endlich ändert sich was. Bewegt sich was. Allerdings: Bewegung hin zu völligem Stillstand. Aufatmen. Ruhe. Stille. Leute bleiben zu Hause, Busse sind leer und ich darf in meinem Wohnzimmer arbeiten. Welch ein Geschenk! Für mich. Für viele andere nicht, das weiß ich, aber für mich.

      Die Anspannung der Wochen vorher war so greifbar, stieg dermaßen ins Unerträgliche, dass man beinahe an die Weisheit des Universums glauben konnte, dem ganzen Treiben genau zu diesem Zeitpunkt Einhalt zu gebieten. Die Luft wurde zusehends klarer, über den Köpfen kein Fluglärm mehr, in den Straßen kaum noch Autos, kein Verkehrslärm und die Innenstädte leer und sauber, die Geschäfte geschlossen. Jeder Tag wie Sonntag.

      Schon damals in den Social Media die Diskussion, ob das denn mit der Einschränkung der Bürgerrechte alles so seine Ordnung hätte. Aber ja doch, ist ja nur für kurze Zeit, bis diese Pandemie vorbei ist. Anderthalb Jahre später ist diese Pandemie noch immer nicht vorbei und die Bürgerrechte sind in Deutschland noch immer eingeschränkt. Jetzt würde es allmählich Zeit, mal den Mund aufzmachen und die alten Rechte und Freiheiten einzufordern.

      Aber wofür? Für eine Welt, wie sie vor Corona war? Für Flugreisen ohne Grenzen, für Grillpartys im Park mit kiloweise Grillfleisch, wieder überfüllte Busse und Geschrei, Gedränge, Lärm, Krach ohne Ende. Nein, brauch ich nicht.

      Entweder ich spüre eine wirklich tragfähige Mehrheit, die bereit ist, sich für eine bessere klima – menschen- und tierfreundliche „freie“ Welt einzusetzen, Menschen, die bereit sind, die entsprechenden Konsequenzen im eigenen Leben mitzutragen und sich an praktikablen Vorschlägen zu orientieren (meine Favoriten diesbezüglich sind z.B. Sahra Wagenknecht oder Richard David Precht), oder ich lasse es, das Reden und Protestieren gegen die Einschränkungen unserer „Freiheiten“.
      Das hat nichts mit einem Mangel an Mut zu tun, sondern mit dem Zorn darüber, dass viel zu viele Menschen ihre Bürgerrechte doch nur wieder dazu benutzen werden, diesen Planeten weiterhin zu zerstören.

      • Freiherr
        Antworten
        …so kann man das freilich auch sehen, Marlie

        das Wegsperren und den verordneten Stillstand des Lebens begrüßen weil man dann selbst mehr Platz und Ruhe hat.

        Nervige Kinder, Ausländergeschrei u.u.u stören den Ego-Eso bei der Meditation gegen das Waldsterben.

        Da ist der große Philosoph Precht freilich der richtige staatstragende Berater für eine Staatsgefängniskultur.

        Good Old  Bill dabei nicht vergessen – er befördert ja die Bevölkerungsreduktion bis endlich Ruhe herrscht auf diesem Planeten, eine menschenfreundliche Welt dann auch…

        …der ganze Planet ein Platz des himmlischen Friedens… versammeln dort stört wiederum nur den Frieden…

        Dumm nur dass Leben und Kultur ohne Lebendigkeit nicht geht – ohne Bewegungsfreiheit nicht,

        naja – endlich downgelockt die Welt – nun kann man wieder frei atmen…

         

         

         

         

         

         

      • Ulrike Spurgat
        Antworten
        Dein Herz hast du ausgeschüttet, liebe Marlie, und einiges, dass dich bedrückt dir hier von der Seele schreibst.

        Nichts geht in der Welt verloren….. Jeder Kampf der gekämpft, jede Demo wo man dabei war, jedes Wort, dass für Frieden und Freundschaft, gegen Krieg und gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur gesprochen wird Spuren hinterlassen. Vielleicht wird vieles gelebtes erst in der Rückschau auf die Ereignisse in ihren Zeiten deutlicher erkennbar, dass aber zweierlei zur Folge haben kann: Erstens, dass verschwommenes weniger nebulös einem begegnet, und zweitens, dass man mit der Nase darauf geschubst wird was es noch alles zu verändern gilt. Wir haben ziemlich viel zu tun. Nur aus meiner Sicht ist es so: „Allein, machen sie dich ein!“ (Ton Steine Scherben).

        Herzliche Grüße,

        Ulrike

         

         

         

        • Marlie
          Antworten
          Liebe Ulrike,
          grundsätzlich stimme ich dir zu: jede Bemühung, die von einer guten Motivation (= möglichst vielen helfen und dabei möglichst wenigen schaden) getragen ist, hinterlässt ihre Spuren.  Und dass der eigentliche Erfolg zumeist erst später zu erkennen ist, auch hier bin ich mit dir einer Meinung.
          Aber eine gute Motivation allein  reicht nicht.

          Im März habe ich die große Demo in Kassel beobachtet und meine Erfahrung war:  Die anschließende öffentliche Berichterstattung stand in diametralem Gegensatz zu meinen eigenen Beobachtungen, das war die eine Seite. Die andere war, dass die ganze Demonstration auf eine selten unkluge Art und Weise abgelaufen ist.
          So wurden z.B. alle Teilnehmer dringendst gebeten, Masken anzuziehen und Abstand zu halten. Warum? Unter anderem weil die Bevölkerung von Kassel eine panische Angst hatte vor Ansteckung angesichts dieser völlig unerwarteten Invasion von etwa 20.000 Menschen mitten in der Corona-Krise. Ob berechtigt oder nicht: die Leute hatten Angst!
          Schon aus Mitgefühl mit der Stadtbevölkerung hätte man erwarten dürfen, dass die Masken für 3 Stunden von den Demonstrierenden in Kauf genommen worden wären. Aber nein: Mitgefühl und Verständnis für andere standen wohl nicht auf der Agenda.
          Dass daraufhin jedwede weitere Demo strikt verboten und durch ein bisher nicht da gewesenes Polizeiaufgebot verhindert werden würde (wie am 19.06.2021), war ja nun eigentlich zu erwarten gewesen.
          Was wäre geschehen, wenn man für dieses Mal seinen Stolz (sein Ego?) hintenan gestellt hätte und aus Mitgefühl und Verständnis heraus sich drei Stunden lang dem Maskenzwang unterworfen hätte, also seine „Freiheit“ in diesem Fall dem höheren Gut des „Mitfühlens“ geopfert hätte? Höchstwahrscheinlich wäre die nächste Demo genehmigt worden, sie hätte mit mehreren Tausend Teilnehmern einen hohen Grad an Aufmerksamkeit erregt und man hätte über die möglichen weitreichenden Folgen der Corona-Einschränkungen informieren und sprechen können und eventuell eine öffentliche Diskussion anstoßen können.
          Stattdessen hat man es quasi provoziert, von nun an unwiderruflich als eine Mischung aus Corona-Leugnern, Nazianhängern, radikalen Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern gebrandmarkt zu werden. Dass sich in Kassel damals viele Familien mit Kindern, ein hoher Prozentsatz an Selbstständigen und viele ältere, friedliebende, aber ernsthaft besorgte BürgerInnen unter den Demonstranten befanden, weiß ich aus eigener Anschauung.
          Wenn ich in meinem ersten Beitrag schrieb, dass ich zur Zeit zu den Protesten gegen die Einschränkungen lieber schweige, weil sie in meinen Augen noch immer von zu vielen Menschen als Freifahrtschein für unverantwortliches Handeln missverstanden werden, kann ich diesmal nur sagen, dass ich die Art und Weise, wie ich die Proteste bisher erlebt habe, als völlig un-, ja sogar kontraproduktiv wahrnehme.
          Wer demokratische Freiheiten als sein Recht beansprucht, hat auch die Pflicht, sich entsprechend zu informieren, um angemessen handeln zu können. Wenn dazu für einen Großteil der Bevölkerung die Zeit noch nicht reif ist, in Ordnung. Vielleicht dauert es ja noch etwas. Aber unüberlegte Aktionen, die letztendlich das Gegenteil von dem bewirken, was ursprünglich angestrebt wurde, können keine Lösung sein. Vielleicht ist deswegen das Schweigen der Künstler und Intellektuellen im Moment noch die weisere Alternative.

           

          • Ulrike Spurgat
            Liebe Marlie,

            beabsichtigt bin ich bei deinem ersten Kommentar nicht inhaltlich geworden, da es mir diesesmal eher beim Lesen deines Textes darum ging zu sagen, dass ich die schwierigen Zeiten in denen sich Millionen von Menschen befinden insofern verstehe, es aber mehrere Möglichkeiten der Umgehensweise mit den massiven Grundrechteinschränkungen gibt. Die Reaktionen und auch die Antworten auf die bestehenden Verhältnisse, wo Ängste geschürt werden. Wo die Konditionierung so gut klappt, dass es einem mulmig werden kann.

            Nun lese ich eben deine Antwort, und leider kann ich wenig bis keine Gemeinsamkeiten erkennen.

            Das ist natürlich in Ordnung, da du selber herausfinden wirst, ob deine Bewertung und Einschätzung der konkreten  Wahrheit näher kommt, oder aber du dem System auf den Leim gehst. Eine Demonstration, wo die Staatsgewalt die Regeln aufstellt ist keine Demonstration, wenn man eben genau gegen die Maskenspflicht z.B. auf die Straße geht. Und die geforderte „Rücksicht“ auf die Bevölkerung hat bei einer Demo nichts zu suchen.

            Das GG sollte die Versammlungsfreiheit garantieren. Die Staatsgewalt hat aus dem GG einen löchrigen Schweizer Käse gemacht, umso wichtiger ist es, die kläglichen Reste gegen alle Widerstände zu verteidigen.

            Und Angst ist immer ein schlechter Begleiter. Vor allem die Angst, die den Menschen handlungsunfähig werden lässt. Es ist die Angst die der herrschenden Klasse gut zu pass kommt, und letztendlich sind es dann wieder die Menschen, die völlig zu Recht auf den Straßen sind , denen ein Etikett ans Revere geheftet wird, und man ihnen ihre Rechte mit Hilfe großer Teile der Bevölkerung strittig machen will.

            Nein, wir müssen nichts und auch niemanden fragen, ob wir demonstrieren dürfen. Es ist unser verbrieftes Recht zu demonstrieren und auch zivilen Ungehorsam zu leisten.

            Auf die Folgen dieser unsäglichen Corona Politik kann ich nur eingehen, wenn ich die soziale Frage und die Frage Krieg und Frieden stelle, und das schaffe ich heute nicht mehr.

             

             

             

             

      • Piranha
        Antworten
        Komm ich aus ungläubigem Staunen nicht raus? Oder ist es Entsetzen? Ich weiß nicht.

        Selten haben ich derart egoistische Worte gelesen.

         

  • Freiherr
    Antworten
    tja…

    wird sich eben nun zeigen ob eine Kultur sich noch der Widerstandskultur zugehörig oder verpflichtet sieht, oder nicht.

    Zur Erinnerung für die ( auch aus Feigheit ) schlafenden Kulturschaffenden:

    es geht um ALLES, um Freiheit und Gerechtigkeit !

    Sehr erfreulich, freilich, die noch vorhandene und auch nachwachsende Widerstandskultur wo die Etablierten von früher diese Lücke gerissen haben –

    sich wie Wecker frühzeitig schlau auf die „richtige“ Seite gestellt haben um keine wirtschaftlichen Einbussen zu haben dann, wenn Faschismus und Diktatur vollzogen sind, mit kräftiger eigener Unterstützung durch Verrat an den vorherigen eigenen Idealen, wohlgemerkt…

    ABER, es muss ein Sturm der Entrüstung kommen aus allen Bereichen der schaffenden Kunst, sie erreicht die Öffentlichkeit und sie ist der öffentliche Ausdruck des notwendigen Widerstandes, reisst mit könnte man durchaus sagen.

    Und ja – Ulrike – einen bedingungslosen Anarchisten wie Jim Morrison gibt es in der heutigen Szene nicht mehr – diese Lücke wäre aber jederzeit zu füllen.

    Es reichten ja schon deutliche unerschrockene Worte oder Werke zu welchen man dann auch steht, bedingungslos und nicht erpressbar.

    Allerdings – muss man deutlicher werden als bisher, diese Verbrechen nun anzuklagen bedürfen einer unmißverständlichen Deutlichkeit.

    Jeder kann nun zu jeder Zeit von der Diktatur abgeschaltet werden – das darf aber nicht schrecken, die Kunst muss frei bleiben und sich in diesen Zeiten diese Freiheit auch erkämpfen, sonst ist sie verloren…

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

  • Volker
    Antworten

    Der Weg auf die Bühne ist derzeit versperrt, viele Münder sind es auch.

    Jo. Nicht einmal als Straßenmusikant kann der Existenzminimierte – nebenbei mal – einen schnellen Cent aus dem Hut zaubern, da a) Armut kommt von hat nix, und b) wer nix hat, darf nix – wäre römisch dekadent sowie hoch kriminell. Kennt man ja, wir sind keine Elitesprossen, aus Krupp***** Stahl und Wire**** Gold gegossen, gell.

    Aus vollem Mund
    sollst du nicht singen –
    jedoch –
    mit leerem Bauch
    vor Klinge springen.

    Schnauze du Wurm, dein Siechtum bedarf einer Überprüfung auf existenzerhaltender Systemtreue. Wir geben, wir nehmen, winde und krümme dich.

    Das Schweigen der meisten Künstler und Intellektuellen zu Corona bleibt ein Phänomen.

    Ironie an.
    Reiner Selbstschutz, ein reflexartig sich aufbäumender Widerstand, von der Angst getrieben, durch die nächste Hartz IV-Mutante in die Intensivbetreuung gezwungen zu werden. Man wisse sehr wohl, wie schnell der Strom abgeschaltet- die Wohnung geräumt wird und am bitteren Ende die Gosse winkt –Müllcontainer, Flaschenpfand, Kältebus.
    Ironie aus.

    Bleiben stumm,
    ernten den Applaus,
    buckeln niemals krumm,
    gemütlich bleibt’s
    im Schneckenhaus.

    Und obwohl jetzt offenkundig ist, dass eine reale Gefahr besteht, dass sich diktatorische Tendenzen in Deutschland verstetigen.

    Keine Freiheit ohne Zwang. In Frankreich werden 12jährige Kinder zum Gehorsam schon erpresst, ohne Impfung gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden, somit entrechtet. Die real spürbare Gefahr hat uns schon eingeholt und wird uns demnächst mit aller Verachtung überrollen. Diktatorische Tendenzen hätten wohl frühzeitig verhindert werden können, Anzeichen dafür gab’s genug, doch die Wahrnehmung trübte sich im Glauben gebetsmühlengleicher Botschaften bis hin zur Erblindung.

  • Marlie
    Antworten
    Liebe Ulrike,

    anders als du sehe ich durchaus Gemeinsamkeiten zwischen uns, in erster Linie das Anliegen, die freiheitlichen Grundrechte wiederherzustellen.
    Auseinander sind wir in der Frage, wie man das macht.
    Die Versammlungsfreiheit wurde ja nicht völlig aufgehoben, sondern unter bestimmte Bedingungen gestellt = Maskenpflicht. Und erst die Nicht-Einhaltung dieser Bedingung hat den Grund dafür geliefert, dass mit dem Argument des Gesundheitschutzes weitere Demonstrationen verboten werden konnten. Womit m.E. eine der größten Chancen verspielt wurde, sich durch Auklärung und Diskussion den Rückhalt in der Bevölkerung zu sichern.

    Du sagst, „Rücksicht“ auf die Bevölkerung hätte bei einer Demo nichts zu suchen.  Die Einschränkung der Freiheitsrechte betreffen aber nicht nur eine kleine Minderheit, sondern ALLE Teile eben dieser Bevölkerung. Und wenn nun eine der größten Protestbewegungen der letzten Jahre bis zur Handlungsunfähigkeit diffamiert werden konnte und in der Folge die Diskussion über ein so wichtiges Thema wie die Grundrechte verhindert wurde, dann sollte man sich vielleicht auch mal dieser Verantwortung bewusst werden!
    Das alles, weil man es nicht akzeptieren wollte, für 3 Stunden eine Maske zu tragen, ohne die man heutzutage nicht einmal einen Supermarkt zum Einkaufen betreten darf.
    „Allein, machen sie dich ein.“  Will man das verhindern, muss man  manchmal Rücksicht nehmen, um langfristige Ziele zu erreichen. Außerdem wird wohl schwerlich eine „bessere“ Welt von Menschen gebaut werden können, die sich von vornherein die Rücksicht auf ihre Mitmenschen abschminken.

    Trotzdem scheint das Bewusstsein allmählich zu wachsen, zumindest lassen Berichte wie letztens auf Arte bezüglich der Gefahr einer digitalen Diktatur darauf schließen.
    Und was das 2. große Thema, den Klimaschutz, anbetrifft: Katastrophen wie die letzten Überschwemmungen werden wohl auch dazu beitragen,  die Bevölkerung zu sensibilisieren.

    Und schlussendlich ist es vielleicht auch so, dass man sich gar nicht einig werden muss, sondern dass alles auf seine Weise im großen Universum seinen Platz und seine Berechtigung hat. Deine Haltung und meine Haltung.

    LG
    Marlie

  • Freiherr
    Antworten
    …zurück zur notwendigen Widerstandskultur

    gebe ich euch gerne einen Geschmack davon wie Widerstand auf direktestem Weg von Künstler zu Publikum angeheizt werden kann – der Funke direkt überspringt:

    rage against the machine  – “ killin in the name… “

    “ some of those that hold office, are the same that burn crosses
    Some of those up in congress, are the same that burn crosses “

    “ fuck you i wont do what you tell me “

    https://www.youtube.com/watch?v=bWXazVhlyxQ

    es mangelt heute sehr an diesem direkten radikalen Widerstandsausdruck, speziell in germany

     

     

     

     

     

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