Die Ökonomie der Nächstenliebe.

 In FEATURED, Spiritualität, Wirtschaft

„Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt.“ Die herkömmliche ökonomische Lehre stellt den Egoismus als Haupttriebkraft in den Mittelpunkt. Ökonomisches Gleichgewicht entstünde so durch den Ausgleich der „Egoismen“ aller Mitglieder einer Gemeinschaft. Schon ein flüchtiger Blick auf die soziale und ökologische Situation sowie in die Psyche der am Wirtschaftsprozess Beteiligten zeigt aber: es funktioniert nicht. Wettbewerb und Ellenbogenmentalität erzeugen Stress und führen zu einer Herrschaft der Durchsetzungsfähigeren über die „Schwächeren“, der Geldbesitzer über die Besitzlosen. Eine neue Wirtschaftsethik muss her. Ihre Basis müssen Werte sein, die nur scheinbar „nichts zur Sache tun“: Liebe, Güte und Vertrauen. (Felix Fuders, Textauszug aus dem Buch „Finanzwirtschaft in ethischer Verantwortung: Erfolgskonzepte für Social Banking und SocialFinance“, Herausgeber: Georg Krämer, Verlag Springer Gabler)

Im Folgenden werde ich ein Modell einer Ökonomie der Nächstenliebe skizzieren.

Die Nächstenliebe als der Sinn des Lebens

Wer nur lange genug darüber nachdenkt und Gott um Einsicht bittet, wird vermutlich zu der Erkenntnis gelangen, dass es der Sinn des Lebens ist, Gott zu dienen, indem man die Nächstenliebe übt. Sowohl das Alte wie auch das Neue Testament halten als die beiden höchsten Gebote und Gottes Willen fest, Gott mit ganzem Herzen zu lieben, ihm zu vertrauen und den Nächsten so zu lieben, wie sich selbst (Bibel 3. Mose 19,18; 5. Mose 6,5; Matt. 22,37 und 22,39; Galater 5,14). Beide Gebote sind CHRISTUS zufolge gleichwichtig (Matt. 22,40).

Nächstenliebe wiederum bedeutet – auch das lernen wir aus der Heiligen Schrift – sich anderen gegenüber so zu verhalten, wie man selbst von anderen behandelt werden möchte, das Befolgen der so genannten Goldenen Regel (Matt. 7,12). Man könnte sagen, Nächstenliebe ist der gelebte kategorische Imperativ Immanuel Kants (Kant 1868b, S. 192). Nächstenliebe besteht aber sicherlich nicht nur darin, in Not geratenen Menschen zu helfen, zu missionieren, Menschen vor New-Age oder anderen okkulten Praktiken zu warnen oder die 10 Gebote einzuhalten, welche eine Konkretisierung des umfassenderen Gebots der Nächstenliebe darstellen (Matt. 22,40; Römer 13,8-10; 1. Kor. 13,1; Galater 5, 14).

Nächstenliebe besteht auch darin, seine Talente zum Wohle aller einzusetzen, am besten hauptberuflich. Teil der Verwirklichung der Nächstenliebe dürfte es also durchaus auch sein, seine Berufung zu finden und diese zum Beruf, zur Lebensaufgabe zu machen, also mit seiner Berufung das tägliche Brot zu verdienen (das Wort Beruf kommt von Berufung[1]).

Die Berufung ist individuell verschieden. Gott hat den Menschen unterschiedliche Talente gegeben (Römer 12,6). Als Soldaten Gottes, zu denen wir alle gehören – ob wir es nun glauben oder nicht – sind wir berufen, diese einzusetzen. Das leitet sich aus dem Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten ab. Wir dienen Gott, indem wir unsere göttlichen Gaben für die Gemeinschaft einbringen, wie bereits Paulus (Römer 12, 1-8) und Petrus (1. Petrus 4,10) erklärten. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch Teil dieses großen Puzzles „Liebe“ ist, das jeder Einzelne möglicherweise nicht vollständig überblickt, zu dessen Vollendung er aber dennoch beitragen kann, indem er konsequent die Nächstenliebe übt oder wenigstens versucht, sie zu üben. Wir können das göttliche Spiel mitspielen oder aber versuchen, unser eigenes Spiel zu spielen. Wenn wir Gott lieben, spielen wir Sein Spiel und nutzen dazu unsere Fähigkeiten. Das ist Verwirklichung der Nächstenliebe; denn wir helfen anderen am meisten, wenn wir das zu unserer Hauptbeschäftigung machen, was wir am besten können. In der Wirtschaftswissenschaft würde man das als das Effizienzprinzip bezeichnen, als die Form der besten Ressourcenallokation, oder in Anlehnung an David Ricardo (1911, S. 89 ff.) Ausnutzung komparativer Vorteile, hier also unserer individuellen Talente[2].

Wenn jeder seine Talente und Gaben einbringt und zu seinem Beruf die Tätigkeit macht, die er am besten kann, dann wird allen damit am meisten gedient sein. Andererseits kann man durchaus die Meinung vertreten, dass man seinem Nächsten sogar schadet, wenn man einen Arbeitsplatz besetzt hält, für den man eigentlich nicht geschaffen wurde und damit verhindert, dass andere Menschen die Stelle besetzen könnten, die für diese Tätigkeit besser geeignet wären und die sich mit dieser Tätigkeit selbst verwirklichen könnten, um den geflügelten Ausdruck Maslows zu verwenden[3]. Es ist also geradezu unsere Pflicht, unsere Gaben und Talente zum Wohle aller einzusetzen und eine Tätigkeit nicht (nur) deshalb auszuüben, um damit Geld zu verdienen. Auf diese Weise wird Arbeit zum Segen; denn wir Helfen Gott bei seinem Werk, beteiligen uns also an der göttlichen Schaffenskraft, wie der katholische Katechismus lehrt (Fernández Carvajal 1987, S. 127 f.).

Geldverdienen sollte kein Selbstzweck sein

Die Bibel verbietet die Prostitution (Levitikus 19,19; 21,9; Deuteronomium 23,17). Dieses Gebot ist vermutlich nicht nur wörtlich, sondern durchaus auch im übertragenen Sinne gemeint. Macht es einen Unterschied, welche Körperteile man verkauft? Ist es nicht so, dass jeder, der eine Tätigkeit nicht aus Liebe, sondern nur des Geldverdienens wegen tut, sich im Grunde prostituiert? Natürlich müssen wir Geld verdienen. Aber das Geldverdienen sollte kein Selbstzweck sein[4]. Wir sollten unser tägliches Brot mit derjenigen Tätigkeit verdienen, die unserer Berufung entspricht. Und das ist eine Tätigkeit, die wir auch ohne Geld ausüben würden. Aus diesem Grund kann ich herausfinden, welche meine etwa ein Talent zum Kochen habe, würde ich vermutlich meinen Angehörigen auch am letzten Tag meines Lebens noch gerne ein leckeres Gericht zubereiten, sollten meine Angehörigen das wünschen. Wenn ich ein Talent zum Reparieren elektronischer Geräte haben, würde ich meinem Enkelkind auch am letzten Tag meines Lebens seine elektrische Eisenbahn reparieren, sollte dies gewünscht sein. Und wenn ich die Möglichkeit habe, zur Entwicklung eines Modells einer Neuen Ökonomie basierend auf der Nächstenliebe beizutragen, so würde ich dieses wohl auch auf einer Ringvorlesung vortragen, die am letzten Tag meines Lebens stattfände. Nächstenliebe macht glücklich. Möglicherweise ist das überhaupt der wichtigste Glücksfaktor schlechthin.

Die gelebte Nächstenliebe als Glücks- und Erfolgsfaktor

Dass Glück nicht mit dem Einkommen zusammenhängt, wurde schon an anderer Stelle herausgestellt. Diejenigen Länder, die die höchsten Werte im so genannten Happy-Planet-Index erreichen (nef 2016), sind nicht diejenigen, die gemeinhin als die entwickelten gelten (Fuders 2015b, S. 102). In den Wirtschaftswissenschaften hat sich hierzu in den letzten Jahren sogar eine eigenständige Fachrichtung entwickelt: die Economics ofHappiness. Aber selbst wenn wir Entwicklung nicht wie herkömmlich am Bruttoinlandsprodukt, sondern an der Befriedigung fundamentaler menschlicher Bedürfnisse messen würden (hierzu Fuders 2015b, S. 103 ff.), ist es zu bezweifeln, ob der Grad der Entwicklung eines Volkswirtschaft und das Glücksempfinden der Bürger dann korreliert wäre. Auf einer Konferenz der Vereinten Nationen im Jahr 2012 (Wikipedia 2016b), in der erstmals in großem Stil über das „Bruttoglücksprodukt“ debattiert wurde, war ein Schild mit folgender, wie ich finde, weiser Aufschrift aufgestellt[5]:

If you want happiness…
• for an hour – take a nap
• for a day – go fishing
• for a month – get married
• for a year – inherit a fortune
• for a lifetime – help someone else

Wenn wir demnach für unser Leben glücklich werden wollen, sollten wir es darauf ausrichten, anderen zu dienen. Auch hier bekommen wir einen interessanten Hinweis aus der Bibel. CHRISTUS definiert Größe daran, wie vielen Menschen man dient, und nicht daran, wie viele einem dienen (Mk 10,43). Wenn wir also begreifen, dass der Sinn des Lebens nicht darin besteht, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern darin, Geld mit einer Tätigkeit zu verdienen, die man auch ohne geldlichen Verdienst und am letzten Tag seines Lebens ausüben würde, wird uns das glücklich machen. Es wird uns glücklich machen, weil wir spüren, dass wir einen besonderen Beitrag zum Wohle der Gesellschaft leisten. Anders als Aristoteles (1995b, S. 11) in seiner Nikomachischen Ethik – hier stimme ich einmal nicht mit dem antiken Philosophen überein – sehe ich die Glückseligkeit (eudaimonía) nicht als höchstes anzustrebendes Gut an. Das Streben nach Glück als Selbstzweck könnte sogar als ein ähnlich oberflächliches Verhalten angesehen werden wie das Streben nach Geld als Selbstzweck. Vielmehr ist die Glückseligkeit ein positiver Nebeneffekt des höchsten Gutes: der Verwirklichung der Nächstenliebe[6].

Möglicherweise werden wir sogar auch ökonomisch erfolgreicher sein, wenn wir unsere Talente einsetzen. Denn wer seine Talente für eine Aufgabe nutzt, wird diese Aufgabe wahrscheinlich erfolgreicher ausüben als jemand, der dieselbe Tätigkeit nur widerwillig und nur zum Gelderwerb ausübt. Langfristig wird jemand, der etwa ein Talent zum Kochen hat, als Koch auch in Geldeinheiten gemessen erfolgreicher sein, als wenn er versuchte, als mittelmäßiger Ingenieur Maschinen zu konstruieren, wo er sich mit Arbeitskollegen messen muss, die evtl. sehr wohl ein Talent zum Ingenieur haben. Vermutlich werden jetzt einige sagen, dass es aber auch Tätigkeiten gibt, die keiner gerne ausüben möchte, simple, langweilige Tätigkeiten. Tatsächlich hat jeder Mensch Gaben (Römer 12, 1-8), und es gibt auch Menschen, die dafür geschaffen sind, simple Tätigkeiten auszuüben, und die dies sogar gerne tun, weil sie mit anderen, geistig anspruchsvolleren Tätigkeiten überfordert wären. Umgekehrt wird jemand, der ein Talent zum Ingenieur und Wissenschaftler hat, sich mit simplen Tätigkeit, die wenig Talente erfordern, langweilen. Er wird fühlen, dass er seine Lebenszeit verschwendet und eine solche Tätigkeit sicher weder mit Freude, noch mit Hingabe und – wenn überhaupt – nur des Geldes wegen ausüben.

Ich sah einmal einen sehr bewegenden Film, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnere, dessen Inhalt aber das Gesagte verdeutlichen mag. Der Film handelte von einem Menschen, der nicht besonders begabt zu sein schien und der gerne Busfahrer werden wollte. Dieser Beruf, den viele wohl eher als langweilig ansehen würden, war für den Hauptdarsteller des Films ein Traumberuf. Der Film beschreibt auf bewegende Weise, welchen Lernprozess der angehende Busfahrer durchmachen musste, bis er endlich Busfahrer werden konnte; denn für ihn stellte die Tätigkeit des Busfahrers eine enorme Herausforderung dar. Am Ende gab es ein Happy End, und der Film zeigt, wie der Hauptdarsteller nun als Busfahrer überglücklich seinem neuen Beruf nachgeht. Er ist glücklich, weil er fühlt, der Gesellschaft einen wertvollen Dienst zu leisten. Ähnliche Situationen wie die in diesem Film dargestellte finden wir sicherlich in unserer Umgebung. Das Beispiel zeigt, dass auch an Aufgaben, die viele nur ungern ausüben würden, sich andere selbst verwirklichen können. Auch mit simplen Aufgaben leistet man einen wertvollen Beitrag zum Wohle aller. Allerdings nur, wenn man für diese Tätigkeit geschaffen wurde. Wer ein besonderes Talent zum Heilberuf hat, sollte nicht Busfahrer werden, um bei dem Beispiel zu bleiben. Denn dann kann er nicht nur sein Talent nicht einsetzen, sondern nimmt anderen Menschen, die für den Beruf des Busfahrens geschaffen wurden, ihren Job weg. Das wäre nicht nur im ökonomischen Sinn eine Fehlallokation von Ressourcen. Vielmehr würden zwei Personen dadurch unglücklich. Der Mensch mit dem Talent zum Heilberuf wäre unglücklich, weil er fühlt, wie er seine Lebenszeit vergeudet. Der Mensch, der gerne Busfahrer geworden wäre, wäre unglücklich, weil seine Stelle besetzt ist.

Die gelebte Nächstenliebe als Verwirklichung der Freiheit und Würde

Möglicherweise trägt die Erkenntnis, dass wir unsere Talente zum Wohle aller einsetzen sollten, auch zur Verwirklichung der Freiheit bei. Freiheit, so lernen wir bei Kant, ist die Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür (Kant 1868 S. 34). Das bedeutet auch, dass die Freiheit des anderen nicht durch meine eigene nötigende Willkür beschränkt werden sollte. Das wiederum bedeutet, dass wir eben nicht eine Arbeitsstelle besetzt halten sollten, für die andere besser geschaffen sind. Dass die Verwirklichung der Freiheit hiermit zusammenhängt, können wir intuitiv nachvollziehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Freiheit nicht von äußeren Umständen abhängt.

Beispielsweise ist jemand, der den ganzen Tag im Büro sitzt womöglich weniger an der frischen Luft als mancher Gefängnisinsasse. Dennoch muss sich diese Person nicht unbedingt unfrei fühlen, nämlich dann nicht, wenn die Person gerne an ihrem Arbeitsplatz sitzt und fühlt, mit ihrer Arbeit einen wertvollen Beitrag zu leisten. Andererseits fühlt sich ein Arbeiter, der auf dem Land an der frischen Luft arbeitet, evtl. weniger frei als jemand der den ganzen Tag eingeschlossen im Büro sitzt, wenn ihm nämlich seine Arbeit nicht gefällt und er sich gezwungen fühlt, sie auszuüben, um zu überleben. Der Unterschied zwischen einem Sklaven und einem Freien ist der, dass der Freie seine Arbeit freiwillig und nicht nur des täglichen Broterwerbs wegen vollrichtet. Das Gesagte soll aber nicht bedeuten, dass Arbeit, bei der man seine Talente einsetzt nicht auch mühselig und anstrengend sein kann – und vielleicht sogar sein soll (anders aber Traverso 2015, S. 44). Sicherlich geht eine Tätigkeit, für die man talentiert ist und bei der man zudem spürt, einen besonderen Beitrag zu leisten, leichter von der Hand als irgend eine x-beliebe Tätigkeit, die man nur des Gelderwerbs wegen tut. Dennoch kann sie sehr an unserer Substanz zehren. Und genau deshalb gibt Arbeit dem Menschen Würde (mit weiteren Nachweisen Fernández Carvajal 1987, S. 127 .).

Weniger „Sinnkrise, weniger „Ellenbogengesellschaft“

Wenn wir diesen Sinn in unserem Leben erkennen, werden einige beklagenswerte Charaktereigenschaften unseres jetzigen Lebensstils vermutlich ganz von selbst verschwinden. Dass wir in einer so genannten „Individual- oder Ellenbogengesellschaft“ leben, in der viele nur an sich selbst denken und Mitmenschen, wo es nur geht, sinnbildlich mit dem Ellbogen zur Seite drängen, um selbst besser nach vorne zu kommen, ist keine Nebenwirkung des Wettbewerbs, wie einige meinen (Traverso 2015, S. 31). Die „Ellbogengesellschaft“ kommt vielmehr daher, dass Menschen nicht erkennen, dass ihr Lebensziel darin bestehen sollte, anderen zu dienen, und nicht darin, möglichst viel Vermögen anzuhäufen. Schließlich kann man nicht Gott, also der Liebe (1. Joh. 4,8), und dem Gelde dienen (Matt. 6,24). Wenn man das erkannt hat, dann macht egoistisches Verhalten wenig Sinn. Es gäbe dann keine Menschen, die hauptberuflich als Spekulanten arbeiten oder von Zinseinnahmen leben; denn damit leistet man nicht nur keinen Beitrag zum Wohle anderer, sondern bereichert sich sogar auf deren Kosten, wie oben ausführlich dargelegt wurde. Selbst die nebenberufliche Anlage von Überschüssen in verzinsten Geldanlagen gäbe es nicht; jedenfalls dann nicht, wenn Ökonomen ihrer Pflicht nachkämen und Menschen über die volkswirtschaftliche und moralisch-ethische Problematik des Geldzinses aufklärten. Weil die meisten das aber eben nicht erkennen, brauchen wir, wie oben dargelegt wurde, einen funktionsfähigen Wettbewerb und vor allem eine Geldreform, die unseren Egoismus und die damit zusammenhängenden Untugenden begrenzt.

Auch die Gier nach immer mehr Geldeinheiten bei Menschen, die ohnehin Einkommen verdienen, die sie im Leben nicht sinnvoll ausgeben können, lässt sich eigentlich nur so erklären, dass diesen Menschen ihre Arbeit nicht gefällt. Ihre Intuition sagt ihnen, dass sie dabei sind, ihre Lebenszeit zu verschwenden. Am liebsten würden sie gar nicht arbeiten gehen. Weil sie nur des Gelderwerbs wegen arbeiten, ist jeder Verdienst im Grunde nicht genug. Kein Verdienst der Welt kann verlorene Zeit wieder gutmachen. Geldverdienen wird damit zu einer Art Droge, deren Dosis regelmäßig deutlich erhöht werden muss, damit sich erneut ein kurzfristiges Glücksempfinden einstellt, dass das Gefühl der Zeitverschwendung ausgleicht.

Eine Ökonomie der Nächstenliebe wäre eine Ökonomie des Vertrauens

Die Mittelmäßigkeit und vor allem die Faulheit sind bekannte Untugenden (Fernández Carvajal 1987, S. 127). Diese kommen möglicherweise daher, dass viele Menschen eine Tätigkeit lediglich zum Broterwerb ausüben und dieser Tätigkeit nicht ohne Verdienst nachgehen würden. Weil sie nur des Gelderwerbs wegen arbeiten, wird auch nur so viel getan, wie gerade notwendig ist, um nicht den Job zu verlieren. Solange der Aufseher nicht dahinter steht, wird in Chile – wo die Mittelmäßigkeit eine Volksplage ist – häufig nicht gearbeitet. Auch liegt dieses Verhalten offenbar nicht am niedrigen Gehalt. Gutes Gehalt bewegt kaum dazu, die Arbeit gewissenhafter auszuführen, wenn man keine Freude bei der Verrichtung der Arbeit empfindet. Diese Mittelmäßigkeit findet sich nicht bei Menschen, die ihre Arbeit mit Freude ausführen. Hier möchte ich ein Beispiel anführen. Ich kenne einen Handwerker, der bisher alle Aufträge besser ausgeführt hat, als ich das erwartet hätte. Kontrolle ist bei diesem Handwerker nicht notwendig. Ich kann mich auf ihn verlassen und vertraue ihm sogar so sehr, dass ich noch nicht einmal den Preis im Vorhinein aushandle, was man in Chile normalerweise tun sollte. Ich kann mich bei ihm darauf verlassen, dass er mir einen angemessenen Betrag in Rechnung stellen wird, wenn ich ihn mit einer Aufgabe beauftrage. Wo liegt der Unterschied zu anderen Arbeitern? Man spürt schnell, dass dieser Handwerker seine Arbeit liebt, dass er seinen Kunden gerne einen wertvollen Dienst erbringt und die Arbeit nicht nur des Gelderwerbs ausgeführt. Übereinstimmend hiermit erzählte er mir einmal, dass ihm ein positives Feedback seiner Kunden wichtiger als der Verdienst in Geldeinheiten sei.

Wenn alle Menschen so gewissenhaft – und vor allem mit Liebe – ihre Arbeit ausführen würden, wäre Kontrolle nicht mehr notwendig. Das altbekannte Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle aber besser“ würde sich ins Gegenteil verkehren. Eine Ökonomie der Nächstenliebe wäre daher auch eine Ökonomie des Vertrauens. Übrigens geht es dem erwähnten Arbeiter auch ökonomisch gut, obwohl er über keinen Ausbildungsabschluss verfügt. Er bekommt dennoch immer wieder große Aufträge, baut ganze Häuser, weil es sich herumgesprochen hat, dass er gute Arbeit für gutes Geld ausführt. Er macht zudem einen glücklichen Eindruck. Es bestätigt sich also, was ich oben bereits herausgestellt habe: Derjenige, der dem Nächsten dient, indem er seine Arbeit mit Liebe ausführt, dient letztlich damit auch sich selbst.

Ein völlig neues Unternehmertum wäre möglich

Unternehmern, die verstanden haben, dass Geldverdienen kein Selbstzweck ist und dass es ihre Aufgabe ist, durch ihre Produkte und Dienstleistungen einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, werden sich anders verhalten, als es die meisten Unternehmen heute tun. Ein Unternehmen, das dies verstanden hat, ist eine Firma in Chile, die Mineralwasser verkauft. Auf der Rückseite der Flasche wird dem Käufer versichert, dass 100% des Gewinns an gemeinnützige Organisationen gespendet werden. Deswegen heißt das Wasser „Late“. Das steht verkürzt für „late tu corazón“ (es schlägt Dein Herz). Immer, wenn man einen Schluck davon trinkt, so schlüge das Herz höher, weil man fühle, dass man mit dem Konsum dieses Wasser zugleich wohltätig sei, so die Erklärung auf dem Etikett der Flasche. Auf der Website des Unternehmens wird verkündet, dass bis heute knapp 600.000 Euro gespendet wurden. Dieses Unternehmenskonzept klingt für mich sehr interessant. Dass alle Überschüsse gespendet werden, muss auch nicht heißen, dass die Eigentümer gänzlich kostenlos arbeiten (was sie im Falle von Late laut Angaben auf der Website übrigens tun). Der Nächstenliebe widerspricht es nicht, wenn sich die Eigentümer ein angemessenes Gehalt zahlen, solange alle weiteren Überschüsse in das Unternehmen reinvestiert oder gespendet werden. Könnten nicht alle Unternehmen so arbeiten? Theoretisch ja – jedenfalls dann, wenn sie erkennen, dass der Sinn ihres Seins darin besteht, mit ihren Produkten einen Beitrag zum Wohle der Gesellschaft zu leisten. Ein solcher Unternehmer wäre ja froh, wenn andere seine Produkte abnehmen; denn dafür hat er sie ja unter Ausnutzung seiner Talente hergestellt. Wenn am Jahresende ein Überschuss übrig bleibt, so würde ein solcher Unternehmer die Überschüsse spenden und / oder im nächsten Jahr evtl. die Löhne seiner Angestellten erhöhen oder die Preise seiner Produkte senken. Das wäre wahrhaftig gelebte Corporate SocialResponsibility.

Bisher war ich überzeugt gewesen, dass die Unternehmensrechtsform der Genossenschaft im Vergleich zu anderen Rechtsformen viele Vorteile mit sich bringt. Da die Mitarbeiter zugleich Eigentümer sind, ist nicht nur jeder Mitarbeiter am Unternehmensgewinn beteiligt, sondern hat auch einen besonderen Anreiz, seine Arbeit gewissenhaft auszuführen. Wenn allerdings Unternehmer so denken wie die Gründer der Firma „Late“, so ist die Rechtsform, nach der das Unternehmen gegründet ist, irrelevant. Ein solcher Unternehmer würde auch freiwillig hohe Sicherheitsstandards einhalten, auch wenn das Gesetz diese nicht vorschreibt. Beispielsweise gibt es in Chile keine Vorschrift, dass Küchen-Gasherde mit einem in Deutschland schon seit 50 Jahren üblichen Sicherheitsmechanismus ausgestattet sein müssen, der verhindert, das Gas ausströmt, wenn keine Flamme brennt. Obwohl ein solcher Mechanismus dem Hersteller sicher nicht mehr als einige Euros kostet, werden in Chile bis heute Gasherde ohne einen solchen Mechanismus ausgeliefert, und immer wieder kommt es deshalb zu schweren Haushaltsunfällen. Es gibt tatsächlich keine einzige Herstellerfirma, die Gasherde mit einem solchen Schutzmechanismus ausstattet. Selbst die europäischen Hersteller bieten in Chile ihre Gasherde ohne diesen Schutzmechanismus an. Ein Unternehmer, der den Sinn seines Unternehmens nicht bloß im Geldverdienen sieht, würde diesen Mechanismus einbauen, auch wenn dadurch seine Gewinnmarge um einige Euro geringer ausfiele.

Ein solcher Unternehmer würde selbstverständlich auch keine marktbeherrschende Position ausnutzen, so er denn eine innehätte, oder sich gar mit Konkurrenten absprechen, um höhere Preise durchzusetzen. Solches Verhalten machte wenig Sinn, wenn man den Sinn und Zweck seines Seins in der Nächstenliebe sieht. Der Unternehmer wäre im Gegenteil bemüht, freiwillig und ohne dass Wettbewerbsdruck dazu zwingt, seine Produkte eher zu niedrigen als zu hohen Preisen anzubieten; möchte er doch mit ihnen einen Beitrag zum Wohle seiner Kunden leisten. Wenn ich beispielsweise ein Talent habe, besonders leckere Kuchen zu backen, so freue ich mich doch, wenn diese den Kunden meiner Konditorei schmecken und möglichst viele Menschen davon probieren. Gesetze zum Schutze des Wettbewerbs wären also nicht mehr notwendig, wenn alle Unternehmer so denken würden. Diese Erkenntnis stimmt mit der Erkenntnis aus dem vorigen Kapitel III überein, dass funktionierender Wettbewerb unseren Egoismus einschränkt, weil er uns zwingt, gute Produkte zu guten Preisen anzubieten. Gesetze zum Schutze des Wettbewerbs, die einen solchen funktionierenden Wettbewerb herzustellen suchen, wären folglich nicht notwendig, wenn alle dem Gebot der Nächstenliebe folgen würden. Eine solche Marktwirtschaft würde wahrhaftig den Menschen dienen, weil sie ihnen den Freiraum gäbe, sich gegenseitig zu dienen. Dies wäre eine Ökonomie der Nächstenliebe.

Quellen und Anmerkungen:

[1] In einem etymologischen Wörterbuch lesen wir unter dem Stichwort Beruf: „Spätmittelhochdeutsche Ableitung aus berufen im geistlichen Sinn: Gott lässt seinen Ruf an die Menschen ergehen“ (Kluge 1989, S. 77).
[2] David Ricardo hatte erkannt, dass die Ausnutzung so genannter komparativer Kostenvorteile die Effizienz und damit den Wohlstand steigern kann. Und tatsächlich erscheint der Versuch, in Großbritannien Wein herzustellen, weniger effizient als in Staate Südeuropas.
[3] Maslow erkannte, dass alle Menschen kreativ sein können und sich dadurch selbst verwirklichen, nicht bloß Maler und Musiker oder Wissenschaftler, also Personen, denen man gewöhnlich Kreativität unterstellt. Vielmehr gäbe auch Künstler, die eher nicht kreativ sind und lediglich andere kopieren. Maslow war überrascht, eine Hausfrau kennen gelernt zu haben, die durchaus mehr Talente zu haben schien, was ihre Tätigkeit als Hausfrau angeht, als viele Künstler. Sie bereitete hervorragende Gerichte, die Einrichtung des Hauses hatte Stil, ohne dass dafür ein großes Familienbudget ausgegeben worden war, sie betreute ihre Kinder psychologisch wertvoll, etc. Maslow kommt zu dem Ergebnis, dass man sich in jedem Beruf selbst verwirklichen kann (Maslow 2005, S. 173 ff.). Maslow scheint allerdings nicht erkannt zu haben, dass das genau dann geschieht, wenn man seine Talente einsetzt. Stattdessen hält er es für ein Charakteristikum sine qua non des Menschseins an sich (ebenda S. 184 f.).
[4] So bereits Aristoteles (1995, S. 17 ff.), dem die Chrematistik, also das Geldverdienen als Selbstzweck, besonders zuwider war (Reich 1990, S. 32).
[5] Diesen Schriftzug findet man auch im Federal Palace Restaurant in Hong Kong.
[6] Im Grunde kann man das Gesagte dem deutschen Wort „Glückseligkeit“ entnehmen, in dem die Wörter „Glück“ und „Seele“ kombiniert werden. Die Glückseligkeit ist der Zustand, in dem die Seele glücklich ist.

 

Reprinted by permission from Springer, „Finanzwirtschaft in ethischer Verantwortung“ by G. Krämer (ed.), 2017.

 

 

Buchtipp: Georg Krämer (Herausgeber): Finanzwirtschaft in ethischer Verantwortung: Erfolgskonzepte für Social Banking und SocialFinance, Verlag Springer Gabler, 192 Seiten, € 37,99

Kommentare
  • waldgängerin
    Antworten
    In dieser Gesellschaft hat nur „Erfolg“, wer von vorneherein viel Geld hat. Geld und damit zusammenhängend der soziale Status der Eltern bestimmen, ob aus einem Kind „etwas wird“.

    Wer arm geboren wird, bleibt höchstwahrscheinlich auch arm. Arme Kinder bekommen weniger Förderung. Die Gesellschaft interessiert nicht, ob jemand seinen Beruf gerne ausübt, die Gesellschaft interessiert nur wie sie den Menschen am besten ausbeuten kann. Menschen gelten nur etwas wenn sie kaufen und konsumieren.

    Ich habe mal gewissenhaft und mit viel Begeisterung / Liebe Kunst und Musik gemacht. Das hat die G. nicht interessiert. Es fehlte das Geld. Es fehlte die große Show; die Gesellschaft will show, und sie will belogen werden, sie will keine ehrlichen Leute. Wenn ein Künstler sagt, „ich bin arm“, ist er damit draußen. Armut ist unsexy. Das, was nicht geht, weil man arm ist, interessiert die Gesellschaft nicht. Sie will Macher. Sie will Leute die das scheinbar umögliche möglich machen – idealerweise vom Tellerwäscher zum Millionär. Die, die was werden, sind aber nicht die, die ihren Nächsten lieben. Ein Macher liebt seine Nächsten nicht – er liebt sie nur dann, wenn sie seine Musik kaufen. Das kann gar nicht anders sein. In einer Interessengruppe kommt immer der nach oben der mit allen kungelt, Interessenwirtschaft nennt man das. Die beruht immer darauf, sich einen Vorteil zu erschleichen, also Kungel, Klüngel nennt man das in Köln. Wer kann nicht klüngeln? Der Arme. Der bleibt immer außen vor. Der hat ja nix, womit er klüngeln kann. Sein Können – interessiert keinen mehr heutzutage.

    Ökonomie der Nächstenliebe wäre, jeden Menschen das sein zu lassen, was er ist. Geht aber im Kapitalismus nicht. Wir werden ja schon als Kleinkinder passend gemacht. So, daß wir uns hinterher nicht mehr trauen das Maul aufzumachen. Ich weiß davon sehr viel, bei mir war das auch so. Jetzt, mit über 50, halte ich nie mehr mein Maul, auch nicht unter Bedrohung. Ich habe gelernt, wenn auch spät.

    Ich würde mir wünschen, daß Jugendliche heute eher lernen, unangepaßt zu sein.

    Aber irgendwie ist der Artikel so weit an der gesellschaftl. Realität vorbei, daß ich dazu nichts mehr schreiben mag. Jeder ist sich selbst der nächste, so soll es sein und daran wird sich auch nichts mehr ändern.

    Noch ein Beispiel: beim Mr. Marxismo auf youtube hatten wir eine zeitlang einen Mitdiskutaten, der treffend erkannt  hat, daß man zusammenarbeiten müsse und daß das „Sozialismus“ sei, während Kapitalismus das mit der Konkurrenz sei. Der Gedanke ist zweifellos richtig. Begeistert habe ich diesen Grundgedanken aufgenommen. Tage später kommentierte derjenige dann aber, im Kapitalismus müsse man konkurrieren, sonst würde man untergehen. Womit derjenige sicherlich recht hat, wer nicht mitmacht, ist draußen, wird verstoßen aus dieser Gesellschaft, landet im Abseits, möglicherweise sogar in Armut, Obdachlosigkeit und früher Krankheit / Tod. Dies wolle man nicht, meinte der Kommentator. Man wolle zu den Siegern gehören.

    Meine Antwort war: Probieren Sie es doch mal, es ist einfach, nicht mehr mit zu machen. Es kam aber keine Antwort mehr.

     

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