Die Politik der Massen

 In FEATURED, Politik (Ausland), Politik (Inland), Prinz Chaos II.

Die Gelbwesten stehen für den Einbruch der Volksmassen in den politischen Eliten-Betrieb. Die Gelbwesten sind ein Faktor, der alles verändert. Einer, der den Bankrott vermeintlicher Volksvertreter offensichtlich macht. Sie sind eine Kraft, die das Tor aufstößt zu einer neuen Politik, bei der mündige Bürger zu Akteuren im historischen Prozess werden.  Florian Ernst Kirner

An die Macht der Masse glauben nicht mehr viele in Deutschland.

Da gibt es jene, die hinter jeder Massenbewegung sofort einen Trick der Eliten wittern, eine „Farbrevolution“, und, natürlich, George Soros. Dann gibt es jene, die alles, was sich da unten in der Gesellschaft von selbst formiert und ohne Genehmigung bestehender Organisationen, mit Misstrauen beäugen, es generell für rechts, antisemitisch, europafeindlich und überhaupt für kreuzgefährlich halten.

Die Gelbwesten markieren einen Bruch mit dem Kleingeist dieser Bewegungssimulanten. Die von der Selbstorganisation und Selbstbewegung der Massen keinerlei Vorstellung besitzen, weil sie selbst nur die Jahrzehnte der Niederlage kennengelernt haben, weil sie niemals in ihren spröden, salzlosen Bürokratenleben vom leuchtenden Finger einer echten, spontanen Massenbewegung in Flammen gesetzt worden sind: diese Verwalter unserer Wut und unserer Träume werden von den Gelbwesten, die sich die Bühne erobern, endlich auf die Seite geschoben.

Das Volk in der französischen Revolution

Sehr lehrreich für ein Verständnis dessen, was sich in Frankreich abspielt und wie es sich weiterentwickeln könnte, ist die „Geschichte der Großen Französischen Revolution“ des russischen Anarchisten Peter Kropotkin.

Im Zentrum der Darstellung jener welthistorischer Ereignisse 1789 – 1794, die einer ständigen Achterbahnfahrt gleichen, stehen bei Kropotkin nicht die großen, legendären Namen, die VIPs der Revolution, kein Danton und kein Marat, kein Robespierre und kein Brissot.

Ohne diesen Männern nun ihre historische Größe absprechen zu wollen, erscheinen sie bei Kropotkin weit davon entfernt, Geschichte zu „machen“, wie ein deutscher Historiker wähnte.

Vielmehr sieht man sie tänzeln und springen, schreien in Wut, Enthusiasmus oder Verzweiflung, hektisch manövrieren, siegen oder fliehen, aufsteigen und fallen auf dem Resonanzboden einer revolutionären Gesellschaft, die durch wiederkehrende Erdbeben und Vulkanausbrüche diese Figur emporhebt und jene in einer Schlucht versinken lässt, die Sekunden zuvor nicht zu existieren schien!

Es ist die Menge, die Masse, das Volk von Paris, das bei Kropotkin die treibende Kraft der Geschichte ist. Immer wieder platzen an den entscheidenden Wendepunkten der Französischen Revolution Hunderttausende und Millionen oftmals ganz unerwartet auf die Bühne der Weltgeschichte, packen den geschichtlichen Prozess mit ungezählten Händen bei den Haaren, zerren damit auch ihre Führer und Helden binnen Stunden an einen zuvor unbekannten Platz und wuchten den geschichtlichen Prozess auf eine neue Ebene.

So geschehen 1789, als aus einem hilflosen Protest vor der Bastille der Sturmlauf der Revolution wurde. So geschehen, als Millionen in die Revolutionsheere strömten, um die Revolution gegen äußere Feinde zu halten. So geschehen in den Septembertagen 1792, gegen die inneren Feinde, die Konterrevolution und wieder 1793, am 27. Mai, als Paris sich erhob gegen den korrupt gewordenen Konvent.

Eine organisierte, handlungsfähige Masse!

Solche Vorgänge sind uns, die wir 2018 in Deutschland leben, ein einziges Abstraktum.

Wir leben in einer postpolitischen, durch und durch normierten Gesellschaft, ja, in einer Lage von solcher Vereinzelung, dass schon der Begriff „Gesellschaft“ fragwürdig geworden ist, um die hiesigen Zustände adäquat zu beschreiben.

Allerdings macht Kropotkin auch deutlich, dass die rebellierende Masse nicht einfach ein unstrukturierter Menschenbatzen gewesen ist, der da rätselhafter Weise, immer wieder, sehr plötzlich und wie von unsichtbarer Hand geformt, als eine zielklare, aktiv eingreifende Menge die Bühne der Weltgeschichte erstürmte.

Die vielen Hände, die diese Menge formten, werden sichtbar in Kropotkins Darstellung, wenngleich sie körperlos bleiben, namenlos: es sind die Aufrührer und Revolutionäre der Pariser Sektionen! Führer des Volkes, die der Geschichtsschreibung zumeist unbekannt geblieben sind.

Vielleicht konnten sie nicht lesen und schreiben, anders als Danton und Robespierre, die Rechtsanwälte waren. Sicher hatten sie wenig Sinn dafür und keine Zeit, die Berichte ihrer Taten persönlich zu signieren, im Buch der kollektiven Erinnerungen.

Diese Mutigen der Vorstädte und Helden der Elendsquartiere mögen namenlos geblieben sein. Aber diese unbekannten Aktivisten waren die entscheidende Triebkraft der Revolution. Sie, die vielleicht nur ihren Straßenzug organisiert hatten oder ihre Manufaktur, hielten den mächtigsten Hebel der Veränderung in vielen tausend Händen.

Sie wirkten nicht immer richtungsgleich auf diesen Hebel. Manchmal blockierten sie sich gegenseitig. Die eine Sektion war schneller zu aktivieren als die andere. Jene neigte mehr zu den Besitzenden, jene war tief verankert in der Masse der Besitzlosen.

Aber dieses Netz der Aktivisten war eng geknüpft. Die Sektionen von Paris waren durch und durch organisiert. Und erst die Beseitigung dieser Volksmacht ermöglichte 1794 den letztlichen Durchmarsch der Konterrevolution.

Science Fiction oder unsere konkrete Aufgabe?

Eine solche Führung in der Breite und Tiefe des Volkes kann man sich nicht in der Betriebskantine einer Parteizentrale backen. Auch die ersten Monate der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ zeigen einen eklatanten Mangel an Grundvertrauen in die selbsttätigen Akteure, die man nicht kennt, die man nicht ein- und zuordnen kann und denen man zutraut, sie könnten „aus dem Ruder laufen“.

Ach, liefen sie doch aus dem Ruder! Würde die Bewegung, die Leute, das Volk doch endlich, endlich außer Kontrolle geraten, sich dem Zugriff ihrer Verwalter entziehen!

Ich bin nun nicht gegen zentrale Strukturen. Ich bin ganz und gar nicht gegen Führung. Im Gegenteil! Ich bin für mehr Führung, für eine bessere Führung. Aber für eine bessere Führung auf allen Ebenen. Oben, unten, quer dazu. Für starke, handlungsfähige Strukturen.

Man darf das spontane Element im Geschichtsprozess auch nicht mythisieren. Ein Ausbruch der Wut und der Empörung kann sehr spontan geschehen. Auf die Dauer braucht jede Bewegung Strukturen, um nicht wieder in sich zusammenzufallen.

Was aber stellt echte Demokratie ebenso sicher wie die Handlungsfähigkeit zentraler oder auch lokaler Strukturen? Es ist eine massenhafte Entfaltung von Einzelnen, die sich finden im Kampf, die sich strukturieren in der Praxis der Organisationsarbeit, die handlungsfähig werden in der Dialektik der Auseinandersetzung mit der alten Macht.

Revolution & Romantik

Ich weiß es selbst: wir brauchen zu dieser Vision alles, was uns in Deutschland nahezu ausnahmslos fehlt. Zum Beispiel kämpfende Gewerkschaften, politisierte Universitäten, Strukturen solidarischer Selbstorganisation.

Wir sind hier nicht in Griechenland, wo eine Serie von über 30 Generalstreiks seit 2011, die Platzbesetzungen, die Kämpfe mit der Polizei und ums tägliche Überleben eine ganze Generation von politischen Führern entstehen haben lassen.

Aber wenn wir eine Politik der Befreiung wollen, brauchen wir ein Netz selbständig agierender Aktivisten in ihrem Betrieb, in ihrem Stadtviertel, an ihrer Schule oder Universität. Vielleicht ist es eine entlassene Krankenschwester, die nun auf eigene Faust hilft und heilt und dabei für den Aufstand wirbt. Oder ein arbeitsloser Jugendlicher, der liest und liest und das Gelesene aufgeregt plappernd weitergibt. Oder ein Blogger, ein DJ oder eine militante Rentnerin.

Romantik. Ich höre schon den Vorwurf. Revolutionsromantik! Peinlich…

Ja, Romantik! Romantik in ihrem eigentlichen, in einem revolutionären Sinne. Und Realität in Griechenland, in Frankreich, in Spanien, in England sogar – wenn auch ferne Traumbilder für Deutschland.

Diese Kraft von unten ist freilich nicht unbeeinträchtigt von den Machinationen der großen Männer und Frauen. Aber diese Macht wäre zur Abwechslung einmal nicht die Macht des Feindes, die Macht schrecklicher Menschen im Auftrage anonymer, kalter Mächte.

Riexinger, Varoufakis, Wagenknecht

Für die Macht der Sektionen von Paris in der französischen Revolution, für die Macht der Gelbwesten heute fehlt den Riexingers, aber auch Leuten wie Yanis Varoufakis und so vielen wohlmeinenden Weltenrettern in NGOs und linken Parteien jeder Blick.

Für die Schönheit der Rebellinnen und Rebellen von Athen oder Paris haben sie keinen Sinn entwickelt. Sie haben Angst vor ihrer Wildheit. Für den Donnerhall des Klassenbebens, für die Schreie aus Schmerz und Wut und für die Melodien ihrer Lieder fehlt ihnen das Gehör. Das ist ihnen zu laut oder zu emotional. Die Traummacht der ungestillten Sehnsüchte ist ihnen ein Rätsel.

Auch den meisten Menschen unten in Deutschland ist all das sehr rätselhaft. Noch. Denn wir können schnell lernen, wenn es Beispiele gibt, die unsere wilden Träume greifbar machen.

Vielleicht wird auch Yanis Varoufakis lernen, jetzt, wo er vom Schleudersitz der Macht längst hinwegkatapultiert wurde und ehrlich um den Aufbau der Bewegung kämpft. Vielleicht lernt es in diesen Tagen eine Sahra Wagenknecht, die sich mutig in jenes offene, unbekannte Land begeben hat, das zu betreten ihre Partei als Ganzes noch nicht bereit ist.

Festzuhalten ist, dass Sahra Wagenknecht die richtigen Instinkte bewies, als sie sich allein auf weiter Flur und sehr offensiv auf die Gelbwesten als Vorbild des Widerstand bezog.

Wichtiger aber als dieses Werden und Wehen großer Männer und Frauen ist auch für uns in Deutschland, dass wir für alles das unsere Sinne entwickeln und schärfen, was sich in den Tiefen der Sektionen tut! Dass wir hineinhören, hineinschauen in diese dem deutschen Aktivisten noch so fremde Welt der revoltierenden, sich selbst ermächtigenden Masse. Dass wir in Kontakt kommen mit dieser eigentlichen geschichtlichen Triebkraft.

Dies alles denke und schreibe ich in großer, liebender Leidenschaft; als Romantiker und Revolutionär. Sitzend am unsichtbaren Denkmal des unbekannten Aktivisten der Pariser Sektionen (1789 – 1794).

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.
Dank an den Rubikon, www.rubikon.news, wo dieser Artikel zuerst erschienen ist.
Anzeige von 4 kommentaren
  • Zuschauer
    Antworten
    An die Macht der Masse glauben nicht mehr viele in Deutschland.

    Gibt auch keine Solidarität hier.

    Anders in Frankreich, danke Leute für diese Art der Revolution, gegen HARTZ und gegen das heuchlerische, verlogene Elitenpack!!

  • Regimekritiker_Dracula
    Antworten
    Richtig! Wir brauchen jedoch weniger Romantik und dafür mehr Vernunft. Wir sind keine Analphabeten mehr und sollten den einfachen Wechsel des Personals an den Kanonen vermeiden können (Regimechange). Empört Euch, aber vorher informiert Euch richtig. Leider gibt es auch wieder einzelne „Verbündete„, die ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Der Mündige Bürger wird gebraucht, der alle  hinterlistige Propaganda durchschaut und sich nicht zerspalten lässt.
  • eulenfeder
    Antworten
    Naja – einerseits schon richtig den auch bewundernden Blick nach Frankreich gerichtet – die Peripherie muss sich erheben, das ‚Herz der Macht‘ angreifen und den alten Geist von ‚egalite, fraternite, liberte‘ wieder enrtfachen –

    andererseits aber widerspricht der Autor Kropotkin und sich selbst, wenn er dann für eine ‚Führung‘ durch ‚Wagenknecht‘ spricht – eine Machtpolitikerin die selbst bis zum Hals in gegebenem Herrschaftssystem steckt und zudem mit gefälschten Grundsatzpapieren nach Anhängerschaft schielt.

    Wenn überhaupt Führung, dann muss es eine von ‚Unten‘ sein, sonst wird das nix mit einer Revolution im Sinne des Bürgerwohls.

    Gegebene Herrscher absetzen und gleich durch einen neuen ersetzen ? – was soll sich da ändern ?

    Die typisch Deutsche Angst vor Führerlosigkeit gebiert ja immer wieder aufs Neue die Fortsetzung des alten Herrschaftssystems – ‚Wagenknecht‘ wäre für mich glaubhaft, wenn sie sich erst mal daraus herauslösen würde, sich also auf gleiche Ebene begäbe, dorthin wo man unterdrückt und entrechtet wird – wo sie ja eigentlich auch sein müsste, an ihren eigenen Aussagen als ‚Aufständische‘ gemessen.

    Aber sie ist weit weit abgehoben in elitärer Position und möchte mögliche zukünftige Macht nicht aus den Händen geben.

    Nun – der Zorn der Unterdrückten muss sich entladen, dann wird eine temporäre Anarchie zu einer neuen Form von ‚Verwaltung‘ führen – nicht zu einer neuerlichen Herrschaft ÜBER die Bürger, denn dann war alles umsonst erstritten.

     

     

     

     

     

     

     

    • Regimekritiker_Dracula
      Antworten
      Wir brauchen Vernunft statt Hass. Tja, wenn die Wagenknecht auch noch vernünftiges in ihrer medienwirksamen Position ausspricht, kann man eigentlich nur mitmachen, ungeachtet jeglicher Sympathie für die Botschafterin der Vernunft.

Hinterlasse einen Kommentar

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!