Die Vollbeschäftigungs-Union

 in Egon W. Kreutzer, FEATURED, Politik (Inland)

 Vollbeschäftigung? Vielleicht für Roboter, die in Zukunft (noch) mehr menschliche Aufgaben an sich reißen werden. Anstatt den Tatsachen ins Auge zu schauen und an kreativen Lösungen (z.B. Grundeinkommen) zu basteln, hält die Union unbeirrt das Ziel Vollbeschäftigung hoch (als hätte sie nicht lange genug regiert, um diesbezüglich etwas zu bewegen). Warum noch diese realitätsferne Quälerei? Wohl, um den Arbeitslosen verstärkt die Alleinschuld an ihrer „Schmarotzerexistenz“ in die Schuhe schieben zu können. „Die Wirtschaft“ – der Götze unserer Zeit – würde sich im übrigen bedanken. Weniger Arbeitslose bedeutet weniger Erpressungspotenzial gegenüber denen, denen man gnädigerweise noch Arbeit gibt. Der Autor mischt das Wahlprogramm von CDU und CSU wie immer höchst kreativ und bissig auf. (Egon W. Kreutzer)

Haben Sie es auch schon gehört? Die Vollbeschäftigung ist in Sicht. 2025 wird es soweit sein, es gibt nur eine Bedingung: Sie müssen am 24. September die CDU oder, falls das nicht möglich ist, die CSU wählen. Selbstverständlich mit Erst- und Zweitstimme, sonst funktioniert der Zauber nicht, und außerdem dürfen Sie in der Wahlkabine, wenn Sie dort ihr Kreuz machen, nicht an Angela Merkel und auch nicht an Horst Seehofer denken.

Es gibt noch eine zweite Bedingung: Sie müssen die gleiche Prozedur 2021, wenn dann wieder gewählt wird, noch einmal ganz genau so vollziehen. An nichts Böses denken und CDU wählen, und sollte das dann immer noch nicht möglich sein, eben wieder CSU.

Erst dann wird die Jobmaschine angeworfen – nicht gleich, nein, nein, vermutlich erst im Sommer 2025, wenn der Wahlkampf allmählich auf Touren kommt.

Das könnte dann so aussehen, dass die Bundestagsmehrheit ganz zum Schluss der Legislaturperiode noch schnell ein paar Gesetze verabschiedet.

Darunter könnte sich zum Beispiel ein Vollbeschäftigungsdurchsetzungsgesetz befinden, mit dem die Wehrpflicht wieder eingeführt wird, und zwar die „Wehrpflicht für alle“. Für alle, die sich immer noch erdreisten, alle statistischen Hürden zu überwinden, mit denen ihre Zählung als Arbeitslose eigentlich unterbunden werden soll. Denen händigt der Fall-Manager dann den Einberufungsbescheid aus und nach einer dreimonatigen Grundausbildung dürfen die dann in der Uckermarck tausende Kilometer von Schützengräben ausheben, um uns vor der russischen Bedrohung zu schützen. Das wäre „Vollbeschäftigung de luxe“, denn dann gäbe es tatsächlich keine einzige arbeitslose Person mehr zwischen Flensburg und Garmisch. Und alle bisherigen Arbeitslosen könnten bei freier Kost und Logis auch endlich wieder erleben, was es heißt, dem Tag eine Struktur zu geben.

Das gibt es aber nur, wenn die Union spätestens ab 2021 alleine mit Zweidrittelmehrheit regieren kann. War die Zustimmung weniger enthusiastisch, fällt auch die Vollbeschäftigung deutlich mickriger aus. Schließlich ist Vollbeschäftigung ja erst einmal nur ein Begriff, der noch mit Leben gefüllt werden muss. Jeder einigermaßen seriöse Experte wird der Union Recht geben, wenn es von dort heißt, eine gewisse Sockel-Arbeitslosigkeit sei gar nicht zu vermeiden. Schon, weil es doch hin und wieder zu Entlassungen und Firmenschließungen kommt, und die Suche nach einem neuen Job auch unter den Bedingungen der Vollbeschäftigung eine Weile dauern kann. Ein Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung auf Arbeitssuche, das wäre im Grunde schon Vollbeschäftigung, weil weniger gar nicht geht.

Sollte jedoch auch 2021 noch einmal eine GroKo regieren müssen, was bedeutet, dass Rücksicht auf die Gerechtigkeitsbelange der SPD genommen werden muss, könnte es sein, dass nicht alle Kräfte auf das Ziel der Vollbeschäftigung konzentriert werden können. Jede kostspielige soziale Wohltat, die die Sozen verteilen wollten, verteuert schließlich den Faktor Arbeit, was leider, leider eine gewisse Zurückhaltung der Arbeitgeber bei der Einstellung neuer Mitarbeiter hervorruft, wodurch sich die Suche Entlassener nach neuen Stellen, nicht nur für eine, sondern ggfs. auch für zwei, drei oder viele Weilen hinziehen kann, womit die Regierung schon auf der sicheren Seite wäre, wenn Vollbeschäftigung schon dann ausgerufen wird, wenn weniger als drei Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind.

Es könnte aber auch so gemeint sein, dass man in der Regierung endlich einsieht, dass so ein gemeiner Arbeitsloser tatsächlich so viel zu tun hat, wie die selbst immer wieder behaupten. Die Besuche beim Fallmanager, das tägliche Bewerbungsschreibe-Pensum, die vielen Vorbereitungen auf nicht stattfindende Vorstellungsgespräche, die nervenaufreibende Denksportaufgabe, wie man den Regelsatz, und nichts als den Regelsatz, so einteilen könnte, dass am Monatsende noch 37 Euro für die Riester-Rente übrig bleiben, das alles sind ja Tätigkeiten, mit denen ein Zweck verfolgt, ein Ergebnis angestrebt wird, es wäre also diskriminierend, diese Tätigkeiten länger nur als reine Privatsache, als Hobby, sozusagen, anzusehen. Das wäre allenfalls der Fall, würden alle diese Tätigkeiten freiwillig ausgeübt. Gerade das ist ja aber nicht der Fall. Von daher kann es nicht länger angehen, dass diese Leistungen nicht als Arbeit anerkannt werden. Und wenn diese, auf alten Vorurteilen beruhenden Einschätzungen erst einmal überwunden sind, und zudem Einwände gegen das permanente Umgraben der Uckermarck bestehen sollten, dann kann ebenfalls unmittelbar die Vollbeschäftigung ausgerufen werden.

Wenn Sie vor der Wahl stünden,

– entweder ein paar Tage länger ALG I zu erhalten, wie es Martin Schulz (das ist der Kanzlerkandidat der SPD!) verspricht, oder
– sich darauf zu freuen, im Zustand der Vollbeschäftigung richtig Geld zu verdienen, wie es Angela Merkel (das ist die Kanzlerkandidatin der CDU/CSU) suggeriert,

dann werden Sie sich kaum für den Spatz in der Hand der SPD entscheiden, sondern die gebratenen Taube im kommenden Schlaraffenland der Union ankreuzen.

Wieder ein klassisch gut gemachter Propaganda-Schachzug!

Das macht so eine Regierung nämlich im Handumdrehen, so eine Vollbeschäftigung.

Da hatten die jetzt – seit Schröder über dem gescheiterten Versuch, die Arbeitslosenzahlen zu halbieren, das Handtuch geworfen hat – viele Jahre Zeit dazu. Ganze zwölf, wenn ich richtig zähle.

Es ist ihnen aber offenbar nicht eingefallen, wie das bewerkstelligt werden könnte – und falls es ihnen eingefallen sein sollte, haben sie den Gedanken ganz schnell im tiefsten Keller unter einer Schicht von Teppichen, gleich neben Ludwig Erhards Sozialer Marktwirtschaft begraben, schon um zu vermeiden, dass die Parteikasse wegen nachlassender Spendenbereitschaft vor den nächsten Wahlen gähnende Leere aufweisen könnte.

Die Psychologie sagt:

Wer in der Hölle steckt, wird zwar interessiert zuhören, wenn ihm ein Teufel flüstert, es werde demnächst auch im Fegefeuer etwas gerechter zugehen, doch wenn ein Engel vorbeikommt, und säuselt: „Gib mir deine Stimme, ich kenne den Weg ins Paradies!“, dann verblasst die Hoffnung auf Gerechtigkeit daneben, wie ein Kerzenschein in der Sonne.

Klasse Wahlkampf!
Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen hätte seine helle Freude daran.

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