Dumm nach Darwin

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Sozialdarwinismus nannte und nennt man eine Geisteshaltung, die der Ansicht frönt, der Stärkere werde zwangsläufig der Sieger in der Evolutionsgeschichte. Und als Prinzip der Auslese gälte das auch für menschlichen Gemeinschaften. Der Sprung zur NS-Ideologie war dann nur noch ein Hüpfer. Wie wenig diese These stimmt, kann man schon an der Erfolgsgeschichte der Viren ablesen. Bobby Langer

 

Schaudernd müssen wir zur Kenntnis nehmen: Viren sind schlauer als wir. Umgekehrt betrachtet: Wir sind doofer als die Viren. Und auch doofer als Krokodile, die es nur deshalb seit ca. 200 Millionen Jahren gibt, weil sie sich so perfekt den Erfordernissen ihrer Mitwelt angepasst haben. Das trifft auch auf Viren zu, die es vermutlich seit 3,5 Milliarden Jahren gibt. Dem guten alten Darwin zufolge überlebt eine Art umso zuverlässiger, je zweckmäßiger sie angepasst ist, sprich: je mehr die Anpassung der Individuen dem Überleben der Art dient. Genau das tun die meisten Menschen seit etwa 10.000 Jahren nicht mehr, verhalten sich also nach Darwin evolutionär dumm, weil unzweckmäßig. Und das mit einer exponentiell wachsenden Dummheit während der letzten 300 Jahre.

Warum tun wir das? Warum handeln Wirtschaft und Politik wider die einhellige Meinung der Naturwissenschaften? Warum nutzen sie nicht den ihnen vermutlich gegebenen Grips zur Erhaltung von homo sapiens statt zu seiner Ausradierung?

Eine gerne zu Rate gezogene Erklärung ist die Gier des Menschen. Die aber haben wir mit allen anderen Tierarten gemeinsam. Und gibt es einen stärkeren Trieb als den Überlebenstrieb?

Eine weitere, beliebte Erklärung für das widersinnige menschliche Verhalten ist die Wachstumsnotwendigkeit des kapitalistischen Systems. Das mag ja durchaus ein Grund sein, doch warum liefert man sich einem System mit einer solchen suizidalen Logik derart ungehemmt aus? Dafür gibt es sicherlich einen Strauß von Gründen, doch einer sei hier hervorgehoben. Wir handeln nämlich nicht abstrakt logisch, sondern zimmern uns unsere Logik passend zu unseren Glaubenssätzen zurecht. Für den modernen Kapitalisten regelt der Markt alle menschlichen Bedürfnisse zum Besten, dem Gläubigen zufolge tun das der liebe Gott, Allah, die vedischen Gottheiten oder Manitou, dem Kommunisten verschafft der Sozialismus die Erlösung und für das Baby erledigen das Mama und Papa. Von Mama und Papa einmal abgesehen eint die anderen Glaubenssysteme ein gemeinsamer Nenner: der Glaube nämlich, der Mensch als Krone der Schöpfung habe das Recht, seine Mitwelt nach Belieben auszubeuten. Zwar schleichen sich hie und da Zweifel an diesem Blickwinkel ein, doch nach wie vor eint die sozialdarwinistische Perspektive das Gros der Menschheit.

Dabei bräuchten wir wirklich nicht klüger sein als die Viren oder die Krokodile und uns nur so optimal wie möglich in unsere Mitwelt einpassen. Dann aber gerieten wir mit ihnen auf Augenhöhe. Und das, mal ehrlich, ginge uns doch erheblich gegen den Strich. Aber genau das wäre das neue Paradigma, das wir brauchen.

 

 

 

 

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