Ehrfurcht vor dem Leben immunisiert gegen Fremdenfeindlichkeit

 In FEATURED, Politik, Spiritualität

Margot Käßmann, Bildquelle: evangelisch.de unter Lizenz Creative Commons.

Zur Bedeutung von Albert Schweitzers Ethik heute. Margot Käßmann ist Theologin und ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland. Sie gab mit Konstantin Wecker zusammen das Buch „Entrüstet Euch“ heraus. So ist es ein Glücksfall, dass Käßmann auch für eine Rede anlässlich der Verleihung der Albert-Schweitzer-Medaille an Konstantin Wecker gewonnen werden konnte. Ihr sehr gewichtiger und bewegender Vortrag schlägt einen weiten Bogen von der Ethik Albert Schweitzers bis zu heutigen Schwierigkeiten mit Integration und Fremdenfeindlichkeit. Käßmann spürt das Thema „Migration“ schon in der Bibel auf. Und sie räumt ein, dass auch der hoch verehrte Albert Schweitzer kein perfekter Mensch war. Aber: „Er blieb entschieden Pazifist trotz aller Kritik, die zum Teil sehr persönlich war.“ Er war ein Vorläufer der heutigen von der Liebe zur Schöpfung inspirierten Öko-Bewegung. Sein Weltbild ist das beste Antidot gegen einen leider wieder sehr verächtlichen und rassistischen Zeitgeist. Margot Käßmann

In einem kleinen Aufsatz beschreibt Albert Schweitzer 1963 wie sein Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die Grundlage seiner Ethik, entstanden ist. Er sieht den Ursprung bereits in seinem Mitleid mit Tieren als Kind. Später als Student erlebt er in Straßburg die Auseinandersetzung zwischen den Gedanken von Friedrich Nietzsche, der von einem „Übermenschen“ spricht, der sich nicht an die „Sklavenmoral“ der Liebe, sondern an die „Herrenmoral“ des Willens zur Macht orientiert. Im Gegensatz dazu sieht Schweitzer die Texte von Leo Tolstoi mit der bewussten Bejahung einer ethischen Grundhaltung. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, lautet der zentrale Satz von Schweitzers Ethik. Klingt das heute nicht allzu lapidar? Oder ist eine solche Haltung nicht höchst relevant in Zeiten von neuem Nationalismus und
Fremdenfeindlichkeit?

Sprache

Schweitzer schreibt, er habe als Student erlebt, „daß inhumane Gedanken, wenn sie sich öffentlich kundgaben, nicht zurückgewiesen und mißbilligt wurden, sondern einfach hingenommen wurden. Die ‚Realpolitik‘ gelangte zu Ansehen. … Es kam mir vor, als ob eine geistige und seelische Müdigkeit das arbeitsstolze und leistungsstolze Geschlecht befallen hätte.“

Inhumane Gedanken werden schleichend gebilligt. Dieser Satz trifft eine Grunderfahrung, die wir in den letzten Jahren machen. „Wir werden sie jagen!“ rief Alexander Gauland, Parteivorsitzender der AfD am Abend der Bundestagswahl im September 2017 in die Kameras. Was für ein Verständnis von Opposition! Aber in der Tat, er hat seine Drohung wahrgemacht. Die AfD jagt geradezu die anderen Parteien verbal vor sich her. Begriffe wie „Schuldkult“, „völkisch“, „entartet“ fallen seitdem im deutschen Bundestag. Herr Gauland wagt es, die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte zu bewerten. „Die AfD lebt von ihrem Ruf als Tabubrecherin“ heißt es in einem Strategiepapier der Partei (2016). Sie liebt es, sich als Provokateurin zu sehen. Das Tragische ist, dass manche ihr dabei auf den Leim gehen.

Da spricht Herr Söder von „Asyltourismus“ und impliziert damit, dass Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen, einfach mal Lust am Reisen haben. Oder Herr Seehofer freut sich, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen in das Kriegsland Afghanistan abgeschoben wurden – einer von ihnen nahm sich kurz darauf das Leben…

Das alles steht in eklatantem Widerspruch zur Ehrfurcht vor dem Leben, die das eigene Leben einordnet in ein großes Ganzes, zu dem ich, wie auch alle anderen Geschöpfe gehören. Wer so denkt, hat eine andere Sprache als die der Provokation, Abgrenzung und Konfrontation, weil ich dann mein Leben nicht als besser, wertvoller ansehe in einer Haltung der Egomanie, sondern eine Haltung der Achtsamkeit kenne.

Vielleicht kann Humor mit den neuen Provokationen am besten umgehen – Humor hatte ja auch Albert Schweitzer. Jeder vierte Mensch bei uns hat einen Migrationshintergrund. Mit all denen von ihnen, die für die Werte von Freiheit und Demokratie einstehen, lebe ich gern zusammen. Mir scheinen eher die pöbelnden Glatzköpfe desintegriert, ebenso die Hetzer im Netz. Jetzt ist Mut gefragt, klar zur Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit zu stehen. Die wird nicht eingeschränkt durch Kritik an AfD Positionen, sondern beispielsweise durch die Aufforderung dieser Partei, Lehrer zu melden, die angeblich gegen das „Neutralitätsgebot“ verstoßen. So sollen Schülerinnen und Schüler zu Denunzianten gemacht werden. Am besten gefällt mir, dass manche das Portal schlicht mit Humor lächerlich machen. Drei Beispiele von Einträgen:
– „Meine Tochter sitzt seit der 1. Klasse immer links ihres Schulnachbars. Ich habe große Angst, dass sich das Links-Sitzen auf die politische Einstellung auswirkt.
– „Das Lehren von ARABISCHEN (!!!!) Ziffern geht ja gar nicht.“
– „Meine Kinder mussten in der Schule das Periodensystem lernen. Dieses Gendern ist doch unerträglich. Was ist mit den Jungs. Werden die davon ausgeschlossen?“

Was wir von Schweitzer lernen können? Seid wachsam in Sachen Sprache! Wir dürfen uns nicht von einer geistigen und seelischen Müdigkeit befallen lassen! Denn was für ein Widerspruch: Da suchen Menschen Freiheit und Gleichheit in einem Europa, das stolz auf diese Werte ist, aber eben dieses Europa hat Angst vor ihnen, weil es zu viele sein könnten, weil sie es „überfremden“. Das zeugt von wenig Selbstbewusstsein.

Ängste werden gezielt geschürt

Thilo Sarrazin hat in seinem Buch Deutschland schafft sich ab 2010 als Autor die Grundlagen der Sprachentgleisungen geschaffen. Er griff Grundängste der Menschen vor dem Fremden, vor Zuwanderung gezielt auf und verstärkte seine Schilderungen mit Zahlen und für ihn albtraumhaften Zukunftsszenarien. Ihm geht es um entschiedene Abwehr muslimischer Migration, da diese Migrantengruppe aufgrund der angeblich niedrigen Erwerbsbeteiligung und hohen Inanspruchnahme von Sozialleistungen die Staatskasse stark belastet. Und: „Kulturell und zivilisatorisch bedeuten die Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen, die sie vertreten, einen Rückschritt. Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten auf lange Sicht eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar.“

Das ist natürlich zuallererst ein gezielter Affront gegen die mehr als vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben und arbeiten, unterschiedlichster Herkunft sind, differente Kulturen einbringen und auf verschiedenste Weise von sehr religiös bis völlig säkular leben. Thilo Sarrazin diffamiert sie als „Produzenten von Kopftuchmädchen“. Das ist für Mütter und Väter, die ihre Töchter lieben, zutiefst verletzend. Der verächtliche Ton ist bewusst gewählt: „Ihr seid hier nicht willkommen.“ Wie viele Menschen haben das erlebt. Auch Deutsche wohlgemerkt etwa auf der Flucht und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein scheußliches Gefühl: Ich bin nicht willkommen. Und je mehr ich das spüre, desto mehr ziehe ich mich zurück.

Wer solche pauschalen Abwertungen über Mitglieder seiner Glaubensgemeinschaft hört, muss sich verletzt, abgewiesen, erniedrigt fühlen. Wie soll auf der Grundlage solcher Äußerungen ein Gespräch „an einem Tisch“ möglich werden? Derartige Herabwürdigungen können und wollen keinen Beitrag zur Gemeinsamkeit leisten. Wer sich so äußert hat, nicht die Absicht, Zusammenleben zu gestalten und sich für ein Miteinander zu engagieren, sondern will ausgrenzen. „Wir“ brauchen „die“ nicht – wer so redet, behauptet zu wissen, wer „wir“ und „die“ sind, und übersieht die Realität der längst existierenden Vielfalt, ordnet das eigene Leben gerade nicht in das mit anderen ein, wie Schweitzer fordert. Das schürt diffus vorhandene Ängste. Sicher, auch Migranten schotten sich manchmal ab, ganz klar, der Rechtstaat mit seinen Regeln gilt für alle. Aber mit Sarrazin hat die Abwehr von anderen ihre Legitimation gefunden, mit fatalen Folgen: Die Identifikation der Deutschtürken mit Deutschland hat als eine der Nachwirkungen des Buches machweislich massiv abgenommen.

Die Wirtschaft hat da übrigens wesentlich weiteren Blick. Nachdem Alice Weidel im Bundestag ihre Kritik an der Asylpolitik mit den Begriffen „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“ untermalt hat, äußerte sich Siemenschef Kaeser auf Twitter wie folgt: „Lieber ‚Kopftuch-Mädel‘ als ‚Bund Deutscher Mädel‘. Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt. Da, wo die Haupt-Quelle des deutschen Wohlstands liegt.“ Das finde ich bemerkenswert. Denn inzwischen siedeln sich Firmen nicht mehr in Ostdeutschland an, weil sie keine Mitarbeitenden finden, die – bei im globalen Markt agierenden Firmen – vielfältiger Herkunft sind und Angst vor Diskriminierung haben.

Ein Grund zum Feiern

Warum feiern wir eigentlich nicht die ungeheure Integrationsleistung Deutschlands im Hinblick auf die Flüchtlinge aus dem Osten nach 1945? Meine Familie stammt aus Hinterpommern und fand wie Millionen andere aus Pommern, dem Sudentenland, Ostpreußen und Schlesien eine neue Heimat im Westen. Und ich habe in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, erlebt, wie anschließend Italiener, Griechen, Jugoslawen und Türken hinzukamen, die aus wirtschaftlichen Gründen eingeladen wurden. Wir haben unaufgeregt zusammengelebt, ohne große Auseinandersetzungen. Warum sind wir nicht stolz darauf?

Oder denken wir daran, wie viele Menschen aus dem Iran, aus Chile, aus dem Sudan, aus den Diktaturen dieser Welt, bei uns Asyl erhielten. Statt Gelungenes zu sehen, starren wir auf Probleme. Statt nach konstruktiven Lösungen für existierende Probleme der Abschottung, Kriminalität oder Bildungsferne einiger Zuwanderer zu suchen, werden alle, die zugewandert sind, für diese Probleme von den Stimmen am rechten Rand kollektiv abgestraft.

Vielleicht auch, weil die Migrationsthematik uns mit einer schwierigen Frage konfrontiert: Wer oder was ist eigentlich deutsch? Eine Frau, deren Großeltern aus der Türkei einwanderten und deren Eltern schon einen deutschen Pass haben? Ist deutsch nur, wer die eigene Abstammung sieben Generationen zurückverfolgen kann? Oder ist deutsch, wer die deutsche Sprache spricht, sich zu den Freiheitsrechten unseres Landes bekennt, sich hier beheimatet fühlt? Dass ich diese Frage stelle, hat mir vom AfD-Landeschef in Brandenburg Kalbitz die Zuschreibung eingetragen, ich sei eine „pesudochristliche, linksfaschistische Deutschlandhasserin“, die alle „Ethnodeutschen“ (man achte auf die Sprache!) pauschal als Nazis beschimpfe. Da gehe es um „indigene Bevölkerung“, deren familiäre und traditionelle Wurzeln in unserem Land liegen. Das muss ich nicht kommentieren, das kommentiert sich selbst.

Wie sagte Karl Valentin so unübertroffen: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Fremdsein ist eine Erfahrung, die jeder Mensch machen kann. Und dann ahnt er, was es bedeutet, sich nicht zurecht zu finden, die Sprache nicht zu sprechen, sich ängstlich zu klammern an das, was er kennt. Bei den deutschen Expatriots in aller Welt ist das gut zu beobachten. Sie sammeln sich gern in Goethe-Instituten und deutschen Kichengemeinden, feiern zusammen Weihnachten, freuen sich über das Miteinander mitten in der Fremde. Wer das selbst erlebt hat, weiß, dass es bei „den Fremden“ Hoffnung auf Zugehörigkeit, Beheimatung, Sprachkompetenz, ja Überwindung eben des Fremdseins gibt. Und dass es gleichzeitig in der neuen Umgebung manchmal schlicht gut tut, mit denen aus der alten Heimat zusammen zu sein.

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan fordert uns auf über eine „postmigrantische Definition“ von Deutschland nachzudenken. Das ist die zentrale Herausforderung, davon bin ich überzeugt. Stammbäume und Abstammungsurkunden haben heute mit Deutschsein weniger zu tun als die Frage, ob ich die Sprache spreche, Grundgesetz und Verfassung bejahe, die Freiheit von Rede, Meinung und Religion bewusst bejahe, Geschichte kenne. Bei einer Volkstrauertagsfeier habe ich erlebt, wie ein junger Mann den Kranz zum Gedenken der Toten der Kriege ablegte. Sein Name war im Programm verzeichnet und nicht Herbert Müller oder Kurt Schulze sondern ganz offensichtlich anders, vielleicht Mustafa Öksüz, ich erinnere mich nicht genau. Aber ich fand das ein gutes Zeichen. Er war ganz offensichtlich nämlich deutsch und sah sich in der Tradition seines Heimatlandes.

Der ehemalige Innenminister de Maiziére hat erklärt, die Burka gehöre nicht zu Deutschland. Das sehe ich auch so. Aber für mich gehören auch Springerstiefel und grölende Glatzköpfe, die Angst und Schrecken verbreiten, nicht dazu. Sie sind schlicht nicht akzeptabel in einem freien, toleranten und demokratischen Land.

Albert Schweitzer, Bildquelle: https://albert-schweitzer-heute.de

Migration ist ein urbiblisches Thema!

Albert Schweitzer war nicht nur Mediziner, Musikwissenschaftler und Philosoph, sondern auch Theologe. Der christliche Glaube war ihm ein zentraler Maßstab. Dabei hatte er durchaus Humor, was mir sehr sympathisch ist. Ein bekanntes Zitat von ihm lautet: „Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht“.

Viel hat Schweitzer zum Leben Jesu geforscht. Und wenn wir in der Bibel nachschauen, sehen wir: Migration ist ein urbiblisches Thema! Die ersten, die sich aufmachen, sind Adam und Eva: Sie müssen das Paradies verlassen, um eine neue Heimat zu finden. Abraham und Sarah brechen auf in ein unbekanntes Land, getrieben von einer Hungersnot – heute würden wir sie wohl als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Der berühmte biblische Josef wird von seinen Brüdern im wahrsten Sinne des Wortes verraten und verkauft. Er findet sich gezwungenermaßen in der Fremde wieder und muss sich integrieren. Mose führt das ganze Volk Israel aus Ägyptenland in die Wüste und schließlich bis zur Grenze des gelobten und verheißenen Landes. Dort werden die Israeliten kämpfen müssen, um ihre Kultur gegen die vorhandene des Landes Kanaan zu behaupten. Und immer wieder gibt es Auseinandersetzungen darüber, ob denn das Volk seinem Gott und seinen Werten abtrünnig werde, wenn es Kult und Religion der Völker vor Ort annehme, sich zu sehr assimiliere, statt die Differenz zu leben.

Fremd bleiben oder sich anpassen, integrieren oder okkupieren, abgrenzen oder assimilieren, das Eigene und das Andere – das sind Gegensätze, die in der Bibel auf faszinierende Weise immer wiederkehren. So haben etwa die Gefangenen in Babylon Heimweh nach Jerusalem und der Prophet Jeremia rät ihnen in einem Trostbrief, sich nicht zurückzusehnen, sondern dort, wo sie sind, Familien zu gründen und Häuser zu bauen. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Christus wird das jüdische Volk seine Heimat in Israel verlieren. Und Jüdinnen und Juden in aller Welt fragen sich seitdem: Was bedeutet mein Jüdischsein in der Fremde, in Argentinien oder den USA, in Frankreich oder Indien, im Libanon oder in Kenia? Wie sehr kann ich mich anpassen, wo muss ich mich abgrenzen? Wann gefährdet die Abgrenzung mein Leben? Und wo werde ich sie durchhalten, auch wenn ich mein Leben dafür riskiere – weil andere meinen, ich gehöre nicht dazu.

Viele Juden fühlten sich Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland integriert. Sie hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft, waren religiös säkularisiert oder gar zum Christentum übergetreten. Aber auf einmal wurde die Fremdzuschreibung von außen durch die Ideologie der Nationalsozialisten stärker als die selbst empfundene Zugehörigkeit. Sie wurden nicht zuallererst als Deutsche gesehen, sondern als Juden, weil andere definierten, was sie angeblich primär ausmachte. Und heute erleben wir einen neuen Antisemitismus, der uns die Schamröte ins Gesicht treiben muss. Menschen jüdischen Glaubens fühlen sich nicht sicher in unserem gemeinsamen Land. Hier ist klare Haltung gefragt!

Auch das Neue Testament enthält Migrationsgeschichten. Weise Männer aus dem Morgenland machen sich auf nach Bethlehem in die Fremde, um einen König zu suchen. Josef muss mit Maria und dem neugeborenen Jesus nach Ägypten fliehen. Jesus selbst weiß als junger Mann, dass der Prophet nichts gilt im eigenen Land. Denen, die er aussendet, rät Jesus, den Staub von den Füßen zu schütteln, wenn sie nicht aufgenommen werden, sondern sich aufmachen zu gastfreundlicheren Orten. Paulus schließlich wird der erste große Missionar, er reist unermüdlich von Ort zu Ort, um das Evangelium zu verbreiten bis hin nach Europa. „Migrare“ heißt wandern – und das wandernde Gottesvolk ist ein urbiblisches Bild von Mose bis zur Offenbarung des Johannes. Unterwegs sein, sich in fremden Kulturen beheimaten, das ist eine Kernerfahrung der biblischen Erzählungen.

Das christliche Abendland ist am Ende schlicht ein Ergebnis von Migration! Die Kirchengeschichte ist im Anschluss an Paulus Missionsgeschichte und damit Migrations- und Inkulturationsgeschichte. Der so genannte Missionsbefehl aus Matthäus 28: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker …“ wurde zur Grundlage einer weltweiten Ausbreitung des Christentums. Und es bedurfte mutiger Menschen, die bereit waren, ihre Heimat zu verlassen, um das zu tun und auch Hilfe zu leisten. Albert Schweitzer gehört zu ihnen.
Gleichzeitig werden sich so manche Xukurú-Indianer in Brasilien oder Adivasi in Südindien gefragt haben, was denn diese Fremden bei ihnen suchen. Doch sie leider suchten nicht, sie wollten bringen. Ein Überlegenheitsgefühl der Missionare gab es allzu oft, Selbstgerechtigkeit, die keine Wertschätzung der vorhandenen Kultur gegenüber zeigte. In Afrika etwa sollten sich Frauen nach der Taufe zukünftig von Kopf bis Fuß verhüllen. Unter den gegebenen klimatischen Bedingungen bedeutete das keinen Fortschritt, sondern ein Hygieneproblem: Wäsche waschen, den Körper unter verschwitzter Wäsche waschen, Notdurft, Mensturation etc.. Nein, als Gäste fühlten sich die Missionare und ihre Familien nicht und forderten doch Gastfreundschaft ein. Die Einheimischen aber fühlten sich nicht als Besuchte, sie hatten die Gäste ja gar nicht nicht eingeladen.

Die Zugewanderten wollten aber auch nicht von den Einheimischen lernen oder sich ihnen anpassen. Es ging darum, die eigene Kultur, den eigenen Glauben zu anderen zu bringen und nicht darum, von ihnen zu lernen. Nicht eigene Integration war das Ziel, sondern Veränderung der Menschen, die bereits im Land lebten. Die eigenen Wertvorstellungen und Glaubensüberzeugungen waren Maßstab des Handelns und nicht die im Land selbst gewachsenen Traditionen und Rechtssysteme.

Albert Schweitzer war – bei aller Verehrung – kein perfekter Mensch. Das entspricht der lutherischen Lehre vom „simul iustus et peccator“, jeder Mensch ist Gerechter und Sünder zugleich. Wir kommen nicht umhin, zu sehen, dass er im Windschatten von Kolonialismus und Mission nach Afrika aufbrach. Kritiker bemängeln, dass er beispielsweise nicht Einheimische zu Ärzten und Krankenschwestern bzw. – und das wäre noch wegweisender gewesen – zu Ärztinnen und Krankenpflegern ausbildete, sondern alles leitende Personal aus Europa rekrutierte. Ja, auch Albert Schweitzer war vom Rassismus seiner Zeit geprägt. Der Züricher Publizist Al Imfeld, in dessen Jugend Schweitzer sein Idol war, berichtete betroffen über seinen Besuch in Lambarene: „Als ich ihn sah, kam er mir vor so wie ein alter Gottvater, so ein Moses, der noch überaltert ist, und total patriarchalisch. Er hat über diese ‚Neger‘ geredet, so in dem Sinne, dass er mir sagte: Du, wir wissen eigentlich noch gar nicht, ob das Menschen sind. Das sind wahrscheinlich erst so Menschen im Kommen. Das sind Kinder.“ Es war seine persönliche Wahrnehmung…

Schweitzer war bei aller Verehrung schlicht auch ein Mann seiner Zeit. Wenn einige ihm Selbstinszenierung unterstellen (sein Biograf Nils Ole Oermann bezeichnet ihn als „Meister der Selbstinszenierung“), dann handelt es sich allerdings, denke ich, um den Neid, mit dem eine öffentliche Person wie er kämpfen musste. Und er kämpfte um seine Sache, wurde dafür respektiert und geliebt, wie er mit all seinen ungeheuren Fähigkeiten und all seiner intellektuellen Leistungsfähigkeit auf eine Karriere in Europa verzichtete, um sich seinem Projekt in Lambarene zu widmen. Das machte ihn glaubwürdig.

Ja, er ging nach Afrika, um zu helfen. Und ja, er hatte wohl durchaus eine paternalistische Einstellung gegenüber Afrikanern. Aber Albert Schweitzer war Christ. Und seine Ehrfurcht vor dem Leben war am Ende auch eine Ehrfurcht und ein Respekt vor jedem Menschen. Nelson Mandela hat 1998 in einer Rede gesagt, die weißen Missionare in Afrika hätten zwar gewiss nicht alles richtig gemacht, aber die Idee von der gleichen Würde jedes Menschen, die hätten sie in Afrika hinterlassen, und das sei gut so. Das belegt Albert Schweitzer, wenn er schreibt: „Die Schwarzen bestehen nicht nur aus Fehlern und Dummheit, wie es nach den Berichten von Reisenden scheinen könnte, die sich ihr Urteil nur auf Grund des mit ihren Trägern erlebten Ärgers gebildet haben.“ Und weiter führt Schweitzer aus: „Wer einmal mit der geistigen Persönlichkeit der Schwarzen bekannt geworden ist, der weiß, daß er trotz der ihm eigentümlichen Schwächen und Fehler ein wertvolles Menschtum besitzt. In den vielen Jahren, in denen ich mit den Schwarzen zu tun habe, habe ich sie, obwohl ich mich so manches Mal über sie aufgeregt hatte, dennoch achten und schätzen gelernt und glaube, daß es jedem Weißen, der mit ihnen nicht nur als Befehlender, sondern auch als Mensch verkehrt, ebenso ergeht.“ Mit diesen Worten ist Schweitzer einerseits Mann seiner Zeit, gleichzeitig aber seiner Zeit weit voraus und verbietet jedem Rassisten, sich auf ihn zu berufen, wie ich es im Internet leider vorgefunden habe.

Zuletzt

Albert Schweitzer bleibt in vielen Fragen aktuell. 1951 erhielt er genau hier in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, später den Friedensnobelpreis für das Jahr 1952. Mit der Dankesrede in Frankfurt eröffnete er seinen Kampf gegen die Gefahr eines neuen Weltkrieges, den er bis zu seinem Lebensende nicht mehr aufgab. Die atomare Bedrohung wurde für ihn dabei zur Hauptsorge. Am 23. April 1957 richtete er einen Appell gegen die Atomwaffenversuche in der Atmosphäre, der über 140 Rundfunkstationen in die ganze Welt verbreitet wurde. Das verbindet ihn mit Konstantin Wecker und auch mit mir: Er blieb entschieden Pazifist trotz aller Kritik, die zum Teil sehr persönlich war.

Und Schweitzers ethische Überlegungen kennen zwar den Beginn der ökologischen Bewegung, nicht aber das Ausmaß der Zerstörung der ökologischen Grundlagen, wie wir heute sie kennen. Die Klimakatastrophe, die Zerstörung des Regenwaldes, das Aussterben vieler Arten – in unserem Alltag verdrängen wir ständig, wie unser Lebensstil unsere eigenen Lebensgrundlagen vernichtet. Ich denke, Albert Schweitzer hätte Freude daran gehabt, dass die ganz junge Generation mit den Fridays for Future jetzt den Älteren und Alten die Leviten liest. Denn seine Ethik ist ihre Ethik.

In seiner letzten Videobotschaft aus dem All hat der deutsche Astronaut Alexander Gerst sich am 20.Dezember 2018 bei seinen potentiellen Enkeln entschuldigt: „Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“ Die Menschheit sei gerade dabei, das Klima zu kippen, Wälder zu roden, Meere zu verschmutzen und die limitierten Ressourcen viel zu schnell zu verbrauchen. Die Erde sei ein „zerbrechliches Raumschiff“ und er hoffe, dass „wir noch die Kurve kriegen.“ Dieses Video wurde tausendfach geteilt. Aber hat es Konsequenzen?

Seit 1972 der Club of Rome seine Studie zu den Grenzen des Wachstums veröffentlicht hat, wissen wir, dass das ökologische System unsere Art zu leben und zu konsumieren nicht erträgt. Und ja, es gibt eine Umweltbewegung, es gibt Klimakonferenzen, Klimaforscher. Aber es gibt auch einen Präsidenten Trump, der die Klimakatastrophe zu einer „Erfindung der Chinesen“ degradiert und die USA als einen der größten Klimasünder aus dem Pariser Abkommen aussteigen ließ. Und in Brasilien wurde vergangenes Jahr mit Jair Bolsonaro ein Präsident gewählt, der Trump darin folgen will und zudem plant, Umweltagenturen zu schließen und industriellen Großprojekten im Amazonas-Regenwald den Weg zu ebnen. Die weitere Abholzung der Regenwälder ist offenbar nicht zu stoppen, die aktuelle Diskussion um die Waldbrände dort zeigt, dass dieser Mann keine Ehrfurcht vor dem Leben kennt.

Was wir angesichts dessen von Schweitzer lernen können? Nicht nachlassen, uns nicht bremsen lassen. Als er das erste Mal aus Lambarene zurückkehrte, wurde er erst als Deutscher interniert – später nahm er übrigens die französische Staatsbürgerschaft an, was viele vergessen. Er nutzte die Zeit zum Lesen und Schreiben. Anschließend konnte er mit Unterstützung des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom Vorträge halten, Orgelkonzerte geben und so neue finanzielle Ressourcen erschließen. Dann kehrten er und seine Frau zurück nach Lambarene. Was für ein großartiges Engagement von beiden! Alle Menschen haben Fehler, wie gesagt, die Theologie weiß das allzu gut auszudrücken. Aber hier brannte jemand für Frieden und Gerechtigkeit und wurde mit seiner Haltung zum Vorbild für viele. Respekt, kann ich nur sagen.

„Durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben werden wir andere Menschen“, schreibt Albert Schweitzer. Und betont noch einmal seinen Grundsatz: „Die fundamentale Tatsache des Bewußtseins des Menschen lautet: ‚Ich bin Leben, das leben will, in mitten von Leben, das leben will.“ Wer sich so begreift, hat meines Erachtens eine gute Abwehr gegen Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus!

Dabei muss es ein Zusammenspiel zwischen individuellen Grundüberzeugungen und politischem Handeln geben. Noch einmal Schweitzer: „Der Gang der Geschichte der Menschheit bringt es mit sich, daß nicht nur die Einzelnen durch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ethische Persönlichkeiten werden müssen, sondern auch die Völker.“ Das heißt: Wir alle einzeln können etwas verändern. Da ist dringend Haltung und Mut gefordert in unseren Tagen, Engagement und eine klare Sprache. Aber wir müssen auch die politisch Handelnden auffordern, endlich rigoros gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Antiislamismus und Rassismus vorzugehen. Wehret den Anfängen – das sollten wir Deutsche gelernt haben…

Mit Schweitzers Ethik gehört dazu auch ein glasklares Engagement gegen die Zerstörung der Mitwelt, der Regenwälder, des Klimas, der Tierwelt. Und nicht zuletzt ein klares Engagement gegen Militarisierung auch durch Rüstungsexporte aus Deutschland. Ein kleiner Satz von Albert Schweitzer ist Grundlage einer großen Haltung. Und genau die wird heute dringend gebraucht!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Anzeige von 3 kommentaren
  • Avatar
    Bettina
    Antworten
    Liebe Frau Käßmann,

     

    es tut so gut, Ihre Worte hier zu lesen. Ich freue mich sehr darüber, von Ihnen wieder zu hören. Ich freue mich besonders darüber, dass Sie wieder den Zugang zu diesen wundervollen Seiten „Hinter den Schlagzeilen“ gefunden haben, die Politik, Poesie und Spiritualität vereinen,  und dass Sie hier Ihre Worte und Gedanken veröffentlichen. Wie lange habe ich Ihre Worte vermisst…
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    Life gesehen und gehört habe ich Sie nur ein mal, in der Marktkirche in Hannover. Sie und Konstantin Wecker stellten in atemberaubender Form das von Ihnen gemeinsam erstellte Buch „Entrüstet euch!“ vor. Das war am 16. April 2015.
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    https://www.randomhouse.de/Entruestet-Euch-Interviewauszuge-mit-Margot-Kaessmann-und-Konstantin-Wecker/aid60088.rhd
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    Ich hatte Glück. Ich fand einen Platz in den vorderen Reihen. Ich muss wohl neben einem hohen Geistlichen gesessen haben, der seinerzeit eng mit Ihnen in Verbindung stand. Er wusste vieles Gutes von Ihnen zu berichten, und er trauerte, wie ich darum, dass Sie, ausgelöst durch ein kleines „Missgeschick“, den Vorstand der EKD aufgegeben hatten. Es war ein mutiger und vorbildlicher Schritt Ihrerseits, den Sie seinerzeit gegangen sind, der seines gleichen sucht. Ich hoffe und wünsche Ihnen sehr, dass es Ihnen, nach all den vielen Jahren des aktiven Lebens als überzeugende Theologin und Pazifistin zugleich, mit Ihrer Entscheidung, sich mehr ins private Leben zurückzuziehen und von dort aus zu schreiben, gut geht.
    Ich erinnere mich an den Tag in der Marktkirche noch sehr genau. Ich hatte zu hause bereits all meine Sachen gepackt, den Haushalt aufgelöst, meine restlichen Habseligkeiten in eine Lagerbox eingelagert (da lagern sie noch heute), um wenige Wochen später aufzubrechen in eine anders, neues Leben, fern von Hannover.

    Ich erinnere mich auch noch sehr genau daran, dass genau in den Tagen ein Flüchtlingsboot nach dem anderen im Mittelmeer versank, und mit ihm tausende von Flüchtlingen den furchtbaren Tod im größten Grab Europas fanden. Sie und Konstantin nahmen direkt in Ihren Reden Bezug darauf. Meinen großen Dank an Sie und Konstantin im Nachhinein dafür.
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    Mein Wunsch für heute?
    Künftig mehr von Ihnen zu lesen und zu hören. Diesen Wunsch werde ich mir selbst erfüllen, indem ich mich künftig wieder mehr Ihren Worten zuwenden werde.
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    Ich glaube, wenn Dorothee Sölle heute noch leben würde (ich wohne inzwischen in der Stadt Ihres lebenslangen Wirkens und gerne besuche ich von Zeit zu Zeit die Antoniterkirche mit der Barlach Figur, „Der schwebende Engel“) , zwischen Theologie, Pazifismus, Mystik und Spiritualität, dann würde Sie drei, Sie, Konstantin Wecker und Dorothee Sölle, gewiss eine innige Freundschaft verbinden, die wichtige Impulse für unsere Zeit setzen würde.

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    Ich danke Ihnen für Ihre wundervollen, hier niedergeschriebenen Worte. Ich werde sie mehrmals lesen, und schon heute weiß ich, dass sie einen Meilenstein setzen werden, in meinem kleinen, geerdeten Leben. Es sind Worte, die sich ins Herz verankern.
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    In Memoriam an die wundervolle „Dritte“ im Bunde:
    an Dorothee Sölle
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    Mit den folgenden Bildern verbunden sind: der großartige Künstler und Bildhauer Barlach, die von den Nationalsozialisten als entartete Kunst degradierte Skulptur ,der schwebende Engel, die, eingeschmolzen wurde, damit sie nicht in die Hände der Nationalsozialisten geriet, die dreifache Wiederaufserstehung dieser Skulptur, (sie hängt an drei verschiedenen Orten, einer davon ist die Antoniterkirche in Köln, der andere die leine Kapelle in Güstrow)…, und, last but not least: Käthe Kollwitz. Barlach hat dem schwebenden Engel, die Gesichtszüge von Käthe Kollwitz verliehen, die ihrerseits in ihren Bildern von dem Hunger und der Armut der einfachen Bäuerinnen, Bauern und dessen Kindern aus Russland erzählte.
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    Mystik und Widerstand – Zur Erinnerung an Dorothee Sölle
    https://youtu.be/0DN89P67pow

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    Herzlichen Gruß,
    Bettina

  • Avatar
    Piranha
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    „Das Lehren von ARABISCHEN (!!!!) Ziffern geht ja gar nicht.“

    Heute vor 2 Jahren konnte man anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung dies zu hören bekommen:

    Auf einer Wahlkampfveranstaltung führte Uwe Faust, Kreisvorsitzender der satirischen „Die Partei“, mit dieser Frage den NPD-Oberbürgermeisterkandidaten Otfried Best aufs Glatteis. Der NPDler begann zu schäumen, er werde diesem Missstand ein Ende bereiten: „Da warten Sie ab, Herr Faust, bis ich Oberbürgermeister bin, da werde ich das ändern, da werden doch mal normale Zahlen drankommen.“

     

  • Avatar
    hunny
    Antworten
    Fremdenfeindlichkeit um Ihrer selber Willen ist peinlich und böse. Begrenzungen und Debatten über Grenzen der Zumutbarkeit tun Not!

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