Ein Genie und tausend Tode

 in Kultur, Roland Rottenfußer
War es so? Mozart diktiert Saliere auf dem Totenbett das "Requiem" (Film "Amadeus").

War es so? Mozart diktiert Saliere auf dem Totenbett das „Requiem“ (Film „Amadeus“).

Warum starb Wolfgang Amadé Mozart? „Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heißen Stangen, dann verbrannt, dann gebunden, und getaucht, zuletzt geschunden.“ Ähnlich vielfältig und fantasievoll wie die Todesarten in der Arie des Osmin („Die Entführung aus dem Serail“) sind auch die Theorien, die über den frühen Tod des Komponisten – Mozart – im Umlauf sind. Angeheizt u.a. durch den Film „Amadeus“ sowie Mozarts Mitgliedschaft bei den Freimaurern, sprossen über Jahrzehnte wilde Theorien. Neuere medizinische Untersuchungen zum Fall Mozart wirken ernüchternd und führen alles auf natürliche Ursachen zurück. Ein Rest von Rätsel wird den frühen Tod des Genies aber wohl immer umwehen. (Roland Rottenfußer)

Schwitzend und vom Tod gezeichnet, liegt Mozart auf seinem Bett. Mit letzter Kraft diktiert er Salieri sein letztes Werk in die Feder: „Confutatismaledictis“ aus dem Requiem: „Wenn die Überführten verflucht sind und den scharfen Flammen zugesprochen, rufe mich mit den Gesegneten!“ Ausgerechnet Salieri, sein großer Widersacher, der „Schutzpatron der Mittelmäßigen“ nach eigener Aussage. Seine Fürsorge für den Sterbenden ist Heuchelei. Denn der neidische kompositorische Minderleister hatte den Jüngeren, den Begabteren quasi mental vergiftet, als er ihm – in bedrohlicher Darth Vader-Verkleidung – ein „Requiem“ in Auftrag gab. Das gesundheitlich und psychisch labile Kind-Genie musste daraus den Schluss ziehen, dass er dabei war, seine eigene Totenmesse zu schreiben. Wenig später sinkt Gattin Constanze mit „Wolferl“-Rufen über der Leiche zusammen. Zu den düsteren Klängen des „Lacrimosa“ wird der Tote achtlos in ein leeres Grab geworfen – kaum jemand wohnt seinem Begräbnis bei.

Die überaus beeindruckende Szene stammt aus Milos Formans „Amadeus“ (1984). Leider ist fast nichts daran wahr. Weder war Antonio Salieri bei Mozarts Tod anwesend, noch ist es sehr wahrscheinlich, dass er für dessen Tod verantwortlich war. Ob in seinem Herzen Neid angesichts der überlegenen Begabung Mozarts schwelte, werden wir nie mit Sicherheit wissen. Fest steht, dass der Ältere aus der Perspektive des hoch angesehen „Festangestellten“ auf den umstrittenen, um Anerkennung ringenden „Freiberufler“ hinabblicken konnte. Bewiesen ist nur ein relativ harmloses Zerwürfnis rund um das Libretto von „Cosi fan tutte“, das beiden Komponisten vorlag und dann von Mozart vertont wurde. Dem gegenüber stehen etliche Zeugnisse gegenseitiger Wertschätzung und professionellen Respekts.

Verleumdungsopfer Salieri

Mozart starb am 5. Dezember 1791 in Wien im Alter von 35 Jahren – übrigens nicht am Abend der Premiere der “ Zauberflöte“. Die Anzahl der verschiedenen Todesursachen, die in der Literatur genannt werden, ist völlig unübersichtlich. U.a. wurden genannt: eine Herzerkrankung, die Leber (Alkoholprobleme), Nierenversagen, Fleckenfieber, Syphillis (unter biografischen Aspekten heikel!) und Trichinen, verursacht durch den Genuss von nicht durchgebratenem Fleisch. Schließlich verschiedene Gift-Theorien. Auf dem Totenschein sind nur Fieber und ein Ausschlag vermerkt. Mozarts „Requiem“ wurde von einem Boten des Grafen von Walsegg in Auftrag gegeben. Der Graf wollte das Werk anlässlich der Beerdigung seiner Frau aufführen und als sein eigenes ausgeben.

Urheber der „Salieri-Verschwörungstheorie“ war der russische Dichter Alexander Puschkin. Dieser nahm in seinem Theaterstück „Mozart und Salieri“ einige wesentliche Handlungselemente von Peter Shaffers „Amadeus“ (aus dem dann der Film entstand) vorweg: vor allem die Behauptung, der sich mittelmäßig fühlende Salieri sei neidisch auf den Musik-Giganten gewesen. In dem Einakter vergiftet Salieri Mozart während eines gemeinsamen Abendessens. Puschkin allerdings hatte nicht einmal behauptet, dass seine Mordtheorie der Wahrheit entspräche, sie ist dichterische Fiktion. Die Meinung seriöser historischer Quellen lässt sich in den Worten eines Artikels auf „Zeit online“ so zusammenfassen: „Aber weder einleuchtende psychologische Motive noch hinreichende Beweismittel rechtfertigen es, einen hochachtbaren Mann wie Salieri derart zu verdächtigen.“

Stets verdächtig: die Freimaurer

Verschwörungstheorien rund um Mozarts Tod waren in den 80er-Jahren derart populär, dass nur ein Jahr nach „Amadeus“ ein zweiter Mozart-Film herauskam, genannt „Vergesst Mozart“. In diesem Film vertritt Graf Pergen die Ansicht, der Komponist sei von Mitgliedern der Freimaurer-Loge vergiftet worden, der er seit 1782 angehörte. Grund sei der Verrat von Freimaurer-Geheimnissen in der „Zauberflöte“ gewesen. Der Freimaurer-Schwur drohe für diesen Fall den Tod an. Diesen habe der Librettist der Oper, Emanuel Schikaneder, auf Geheiß des Ordens mit giftigem Quecksilber vollstreckt. Diese Theorie wird im weiteren Verlauf der Handlung jedoch widerlegt. Das insgesamt recht wirre Werk von Regisseur Miroslav Luther entzieht sich bewusst der Festlegung auf eine bestimmte Deutung von Mozart Tod.

Die „Freimaurer-Theorie“ besagt in ihrer detaillierteren Ausformung, dass in der „Zauberflöte“ 18 Geheimnisse der Loge verraten worden seien. Der Bund der Freimaurer war seit 1742 in Wien vertreten. Kaiser Joseph II., Urheber des Bonmots, Mozarts „Figaro“ enthalte „zu viele Noten“, stand dem humanitären und aufgeklärten Geist der Loge ursprünglich wohlwollend gegenüber. 1785 allerdings beschloss er jedoch sein „Freimaurerpatent“, das die Logentätigkeit stark behinderte und einschränkte. In diesen Zeiten der Loge nicht den Rücken zu kehren, bewies Mut. Das Verschwiegenheitsgebot gab es zweifellos, jedoch war die „Geheimniskrämerei“ kein Selbstzweck, sondern entstand zum Selbstschutz aufgrund kirchlicher Verfolgung. So merkwürdig uns die Logen-Rituale heute erscheinen, zur Lebenszeit Mozart war es ein Zeichen eines freien, kritisches Geistes, dort Mitglied zu werden. Es gab im Ständestaat nicht so viele säkulare, humanistische Bewegungen, die das Prinzip der Ranggleichheit aller Menschen vertraten.

Seit 1782 war der Komponist Mitglied der Loge „Zur Wohltätigkeit“. In seinem letzten Brief an den Vater Leopold (4. April 1787) beschreibt er seine Gefühle der Dankbarkeit gegenüber den Freimaurern. Er sah den Beitritt als Gelegenheit zur Schulung seines Geistes im Sinne von praktizierter Humanität. Mehrere Kompositionen widmete Mozart der Loge, so zuletzt im Todesjahr die „Freimaurer“-Kantate. Nach Ansicht mehrerer Mozart-Experten enthält die „Zauberflöte“ keinen Geheimnisverrat. In dichterischer Form werden darin lediglich einige Ideale der Loge (Tugend, Verschwiegenheit, Wohltätigkeit) transportiert. Prinz Tamino durchläuft eine Reihe von Prüfungen, die an die Einweihungsrituale der Freimaurer erinnern. „Guru“ Sarastro gibt den gravitätischen Logen-Oberen: „In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht.“ Ist es wahrscheinlich, dass sich Mozart gerade durch dieses eindeutige Bekenntnis zur Weltanschauung der Freimaurer deren Rache zugezogen hat? Für ein Zerwürfnis des Genies mit der Loge kurz vor Lebensende gibt es keine historischen Belege. Ebenso dürfte die Vorstellung einer rachsüchtigen Mörderbande überkommenen und ungerechten Freimaurer-Klischees geschuldet sein.

Wie starb Mozart wirklich?

In den 50er-Jahren gehörte Aloys Greither, Professor für Dermatologie, zu den geachtetsten Mozart-Experten. In seinem Werk „Wolfgang Amadé Mozart – Seine Leidengeschichte“ führt er aus, dass der Keim von Mozarts tödlicher Krankheit schon in den schweren Erkrankungen des Knaben zu finden gewesen sei. Die „Wunderkind-Karriere“ des Buben, vorangetrieben durch den ehrgeizigen Vater Leopold, hätte Wolfgangs Gesundheit früh untergraben. Maßgeblich dafür seien die ausgedehnte Reisetätigkeit sowie geistige Überanstrengung gewesen. Mozarts finale Erkrankung war nach Greither ein chronisches Nierenleiden, das sich durch einen aktuellen Infekt verschlimmerte. Dieses Ereignis sei aber nur die Eskalationsstufe einer ganzen Kette gesundheitlicher Probleme gewesen. „Zeit online“ resümiert: „Der Leser dieser Krankheitsgeschichte wird mit Erschütterung inne, wie überbürdet von Leiden, wie arm an Licht und wie fast ganz ohne fürsorgende Liebe in jedem Alter das Dasein dieses Genies war, der soviel Glanz und Wärme zu verschenken hatte.“

Im Jahr 2000 beschäftigte sich ein Ärztekongress in Baltimore erneut intensiv mit dem Tod des Komponisten. Den Kongress-Teilnehmern wurde die Krankheitsgeschichte Mozarts in allgemeiner Form vorgetragen, ohne dass sein illustrer Name genannt wurde. Auf diese Weise konnten die beteiligten Ärzte die wahrscheinliche Todesursache objektiver bestimmen. Den akuten Krankheitsverlauf kann man ungefähr so zusammenfassen: Am 20. November 1791 klagte Mozart über Fieber, Gliederschmerzen, geschwollene Arme und Beine. Er war reizbar und ruhebedürftig. Später kamen Erbrechen und Durchfall hinzu. Kurz vor seinem Tod am 5. Dezember fiel er ins Koma. Die Kongress-Teilnehmerin Faith Fitzgerald diagnostizierte ein akutes rheumatisches Fieber, ausgelöst durch Streptokokken-Bakterien – ein Leiden übrigens, das man heute mit Antibiotika problemfrei behandeln könnte. Eine Nierenkrankheit – der Favorit von Aloys Greither – schloss die Internistin aus.

Diese nachvollziehbare Ferndiagnose blieb weder die einzige noch die letzte, die es zum Tode des Publikumslieblings gibt. 2010 veröffentlichte ein Forscherteam um Richard Zegers (Amsterdam) in einer Studie die Meinung, Mozart sei an einer viralen Halsentzündung gestorben. Auch hierfür werden Streptokokken verantwortlich gemacht. Diese hätten auch eine Nierenerkrankung verursacht, die wiederum hätte Mozarts Körper so anschwellen lassen, dass er sich zuletzt nicht einmal mehr im Bett umdrehen konnte. Zegers hatte für seine Diagnose immerhin die Leichenschau-Protokolle der Stadt Wien ausgewertet. Im selben Winter wie Mozart, so fand Richard Zegers heraus, starben 27 jüngere Männer an Ödemen (Schwellungen aufgrund von Flüssigkeitsanlagerungen, wie sie Mozart hatte). Der Arzt schließt aus diesen Hinweisen auf eine Streptokokken-Epidemie.

„Darum lasst uns Menschen sein“

Der Film „Amadeus“ zeigte Mozart als kieksendes Depperl, durch das göttliche Musik gleichsam hindurchfloss wie durch ein leeres Gefäß. „Channeling“ nennt man dieses Phänomen wohl heute. War Mozart ein musikalisches Medium, seiner Inspiration eigentlich unwürdig? Dieses Bild ist wohlhollywoodesk verzerrt und teilweise dem berüchtigten Fäkalhumor in den „Bäsle-Briefen“ geschuldet. Mozart war sehr wohl zu ernsthaften Gedanken fähig wie einige bewegende Äußerungen in seinen Briefen zeigen. Z.B. diese: „Da der Tod der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich mit diesem wahren, besten Freund des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild allein nichts Schreckliches mehr für mich hat.“ Freilich hatte der Jahrtausend-Musiker auch irdische, banale Züge. Dies ist jedoch eine Binsenweisheit, die seiner Größe keinen Abbruch tut.

„Den Himmel zu erringen ist etwas Herrliches und Erhabenes, aber auch auf der lieben Erde ist es unvergleichlich schön. Darum lasst uns Menschen sein.“ Ist dies Oberflächlichkeit, oder nicht vielmehr Tiefe? Mein Klavierlehrer, ein großer Mozart-Verehrer, sagte einmal, der Komponist habe seine Opernfiguren in einer ähnlichen Weise betrachtet, wie Gott seine Geschöpfe: menschliche Schwächen hellsichtig aufdeckend, um sie im selben Atemzug zu vergeben. Nicht wenige Charaktermerkmale des Künstlers deuten darauf hin, dass seine Meisterschaft keine „Sumpfblüte“ war; vielmehr wuchs sie auf dem soliden Boden einer ganzheitlich reifen Persönlichkeit. Mozart war vielseitig gebildet und vertrat im Rahmen dessen, was in der Ständegesellschaft möglich war, einen aufklärerischen Standpunkt. Er reagierte auf die Anmaßung des Adels, seine Schöpferkraft nach seinen Interessen zu lenken, teilweise mit widerständigem Stolz. „Figaros Hochzeit“ nach dem berüchtigten Stück von Beaumarchais war eine Provokation, selbst wenn der berühmteste Satz daraus – „Sie, gnädiger Herr, haben sich die Mühe gemacht, geboren zu werden und weiter nichts“ – in der Oper fehlte.

Wollen wir nur einfach nicht wahrhaben, dass uns durch einen dummen körperlichen Zufall (etwa eine Virus-Infektion) Mozarts Spätwerk geraubt wurde – Werke von vermutlich unfassbarer Schönheit und Qualität? Hinter dem Spruch „Nur die Besten sterben jung“ steht zumindest eine Teilwahrheit. Mozart lebte und komponierte in einer für Außenstehenden unbegreiflichen Geschwindigkeit. Zudem war er „beruflich“ schon als kleiner Junge erwachsen. Schon mit 12 Jahren hatte er drei Opern, sechs Symphonien und hunderte anderer Werke komponiert. War es nicht naheliegend, dass er, der so viel Leben, so viel Schöpferkraft in so wenige Jahre gepresst hatte, früher ausbrannte als andere? Viele versuchen sich den frühen Tod des Genies mit solchen Überlegungen jedenfalls wohl leichter zu machen. „Requiem aeternam dona eis.“ Ruhe auch du in Frieden, Wolferl. Deine Musik ist eh unsterblich.

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